Im 100. Geburtsjahr von Gerenot Richter

von Klaus Hammer

Gerade ist eine Gerenot-Richter-Ausstellung der Galerie der Berliner Graphikpresse in Berlin-Altglienicke zu Ende gegangen. Aber im Mai folgt schon das Kunstmuseum Ahrenshoop mit einer Jubiläums-Schau, die vor allem Motive von der Ostsee zeigen wird. Weitere Ausstellungen in Berlin und anderswo werden folgen.

Der 1926 in Dresden geborene Gerenot Richter, der in den 1970er und 1980er Jahren auch an der Humboldt-Universität zu Berlin als Professor für Malerei und Grafik lehrte, war in erster Linie Radierer – also Alchimist und Ökonom zugleich. Seine Arbeit begann beim Teilen der Metallplatte, bei der Bestimmung der Formate, beim Reißen der Büttenpapiere, setzte sich fort beim Freilegen, Abdecken, Verletzen, Glätten, Ätzen (oder beim Ritzen in der Kaltnadeltechnik, dem Aufrauen bei der Aquatinta) und fand ihren Abschluss beim Einschwärzen, Drucken und Pressen. Dieser oft langwierige Arbeitsvorgang, bezogen auf einen oder viele Zustände, ist das eigentliche Thema der Radierungen. Die Sprache der Radierung, ihre Sprödigkeit und Schönheit, nicht ihre Technik wird dem Betrachter sichtbar. Dabei sind Richters Arbeiten in einer Weise diszipliniert, die das freie Spiel erst möglich macht.

Besonders in seinen Kaltnadelradierungen gibt er gleichnishafte Landschaften, lässt in ihnen poetische Bildphantasie und Fabulierkunst walten. Es geht ihm ja nicht darum, treffend abzubilden, sondern zu strukturieren und zu erfinden. Bei seinem intensiven Naturstudium machte er die Erfahrung, dass Sehen bereits ein schöpferischer Vorgang ist. Ein Baumstamm kann zwar nach wie vor mittels zweier begrenzender Konturen formal näher bestimmt, durch Binnenzeichnung genauer charakterisiert und als Figur vom Grund abgesetzt werden – aber diese bekannte Methode entspricht nicht dem Vorgang forschenden Sehens und, was noch gravierender ist, sie erzeugt die Illusion von Vorne und Hinten auf der Fläche.

Aus der Notwendigkeit, die Wahrnehmung vielfältiger, sich gegenseitig bedingender Formen, Volumina, Zwischenräume, Strukturen, Größenverhältnisse, Überlagerungen neu zu ordnen, bediente sich Gerenot Richter des Positiv-Negativ-Prinzips. Die Annäherung an einen Gegenstand von außen steht gleichberechtigt neben dem umgekehrten Verfahren; der Hintergrund rückt in eine dem Vordergrund gleichberechtigte Bildform. Durch Überschneidung, Überdeckung und Staffelung der Formen wird die Bildtiefe erzielt. Das Bildganze entsteht aus Beobachtung, Plan und freier Assoziation, immer müssen sich gegenständliche als auch frei erfundene Formen dem Bildganzen unterordnen.

Das Wechselspiel von Nähe und Ferne, von stillebenhaft ausgeformtem Vordergrund und dahinter liegenden Landschaften, das sich durch Bewegung stets wieder neu ergibt, aber auch der freie Umgang mit Größenverhältnissen (Bildfiguren nehmen sich im Vergleich zu den Pestwurzblättern winzig aus) war Ausgangspunkt für seinen Arbeitsprozess. Die Verbindung des Miniaturhaften mit dem Panoramatischen, eine Überfülle der Mikro- wie Makrowelt wird wie klaustrophobisch zusammengepresst. Tote, zersplitterte, durch den Sturm gezeichnete Bäume sind Symbol der Vergänglichkeit wie Wiedergeburt. Man glaubt sich in Renaissance-Landschaften zurückversetzt, in der Tat fühlte sich Richter der Gestaltungsweise der deutschen und niederländischen Künstler des 15. und 16. Jahrhunderts stark verpflichtet. So soll auch der Betrachter, dem Kunstdialog Richters folgend, in die tieferen Bedeutungsschichten vordringen.


Gerenot Richter: Gleichnis III (Eustachius), 50 x 65 cm, Radierung und Aquatinta (1987). Foto: © Ekkehard Richter.

Ein Beispiel: Das Aquatintablatt „Gleichnis III“ von 1987 trägt den Untertitel „Eustachius“; damit ist der Heermeister des römischen Kaisers Trajan gemeint ist, der auf der Jagd bei der Begegnung mit einem Hirsch, der in seinem Geweih ein Kruzifix trug, vor diesem niedergekniet sein soll. Diese symbolische Bekehrungsszene zum Christentum hat schon Dürer in einem seiner „Meisterstiche“ eingefangen. Richter verzichtet auf diese Legende und konfrontiert stattdessen einen zu Boden gestürzten, entwurzelten Baum (Eustachius) mit einer desolaten Ruine und einer anmutig den Berg bekrönenden Burg im Hintergrund. Die zerstörerische Natur wird dem menschlichen Schöpfertum bzw. die zerstörte Architektur der wuchernden und wabernden Natur entgegengesetzt. Eine aus der Ferne heranziehende Wolke signalisiert zudem mögliche Gefahr und Bedrohung. Wie Dürer rang auch Richter immer wieder um das Problem der Schönheit sowie der Natur- und Kunstwahrheit.

Mit der Vielfalt der Ausdruckswerte wie Tiefdrucktechniken hat Gerenot Richter der ostdeutschen Grafik zu einem bedeutenden Höhepunkt verholfen.

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Hinweis:
Kunstmuseum Ahrenshoop: Sonderausstellung – Gerenot Richter zum 100. Geburtstag, Weg zum Hohen Ufer 36, 18347 Ostseebad Ahrenshoop; 23. Mai bis 19. Juli 2026. Die Eröffnung findet am Freitag, dem 22. Mai 2026, um 18.00 Uhr statt.

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