von Wolfgang Brauer
Jedes Kind weiß, dass Wölfe gerne Großmütter fressen. Zur Not jedenfalls. Viel lieber jedoch fressen sie kleine Mädchen. Oder Geißlein. Aber wo gibt es die schon noch.

Gustave Doré (1832-1883): Illustration zu Charles Perrault „Rotkäppchen“ (1862). Foto: gemeinfrei / Sammlung W. Brauer
Ich weiß nicht, ob vor wenigen Tagen in Altona, das ist ein Ortsteil von Hamburg, gerade kein kleines Mädchen zur Hand war. Dort fiel ein Wolf eine Frau an. Leider meldete keine Agentur, ob die Arme Großmutter ist oder nicht. Sie wurde jedenfalls im Gesicht gebissen.
Der Wolf plumpste anschließend auch nicht in einen Brunnen, sondern in die Binnenalster und wurde von tapferen Polizisten mit Hilfe einer Schlinge am Jungfernstieg – welch sinnige Anspielung an Charles Perrault! – aus dem Wasser gezogen. Er soll sich heftig gewehrt haben. Ich verstehe ihn. Jetzt ist er in einem Wildgehege untergebracht und soll sich erst einmal beruhigen. Sein Schicksal wird wohl politisch entschieden. Armer Wolf.
Seit der Rückkehr von Canis lupus sei dies der erste Angriff auf einen Menschen in Deutschland gewesen – und das mitten in Hamburg! –, meldete die dpa und alle, alle Journale plapperten es nach. Ein Wolf in Hamburg! Das wird wohl eine Aktuelle Stunde in der Bürgerschaft geben. Das Tier irrte schon einige Zeit in der Stadt herum, hatte sich offensichtlich verlaufen und geriet zwischen die Automatiktüren eines Shopping-Centers. Leider fand es nicht die richtige Taste. Die dann von ihm gebissene Frau wollte es verscheuchen – oder auch befreien. Nichts Genaues weiß man nicht.
Die Frau war einfach schlecht beraten und der Wolf zur falschen Zeit am falschen Ort. Und die Erstberichter waren zu faul zum ordentlichen Recherchieren. Bei der Artenbestimmung berief man sich übrigens auf einen Tierkenner der TU Dresden, der ein Video beguckt hatte. Wahrscheinlich sind die Fachleute von Hagenbeck zu teuer. Das Bundesamt für Naturschutz reagierte auch sofort und meinte, seit der „Wiederansiedlung“ (O-Ton!) 1998 habe noch nie ein Wolf einen Menschen beschädigt. Endlich geben die es zu, die Biester wurden „angesiedelt“. Und das alles sei durch den Mauerfall begünstigt worden. Vorher blieben die nämlich in Polen!
In Berlin geriet neulich ein Wildschwein im Köpenicker Allende-Viertel in einen Gemischtwarenladen. Aber keine Verkäuferin traute sich, das Tier zu verscheuchen. Das erledigte dann die Polizei, mit Euro-Paletten und Plasteschilden bewaffnet. Das Tier entwich wieder in den Wald. Ein Aufreger war das eigentlich nur für die lokale Boulevard-Presse. Es war schließlich kein Wolf! Und die Berliner haben mit ihren Viechern sowieso einen Knall. Das wissen doch alle.
2023 wurde auch im „Filmtierpark Eschede“ in Niedersachsen ein Achtjähriger von einem Wolf gebissen. Die Familie des Knaben hatte eine „Tierbegegnung“ gebucht. Das ging wohl erst ganz gut. Der Wolf schnupperte an der Hand des Knaben – und biss dann zu. Vielleicht war er vorher bei einer „Rotkäppchen“-Verfilmung eingesetzt gewesen und hatte sich das Drehbuch gemerkt? Wölfe sind ja, wie alle Hundeartigen, kluge Tiere. Das Kind hatte doppelt Glück: Es überlebte die Attacke ohne allzu großen Schaden – und die Eltern hatten keine „Tierbegegnung“ mit einem Tiger gebucht. In Eschede gab’s zwei davon. Das wäre unter Garantie anders ausgegangen.
Es hilft nichts, Wölfe und möglicherweise Tiger darf man nicht über die Grenzen lassen! Die Wiederansiedlungspolitik des Bundes gehört auf den Prüfstand. Bayern konnte schließlich auch erfolgreich die Braunbären wieder in ihre Herkunftsländer zurückweisen. Wildschweine brauchen wir aber für die Entsorgung der Küchenabfälle hinterm Gartenzaun. Wildschweine fressen auch keine Großmütter – und kleine Mädchen nur in Zeiten der Not. Dann gibts weniger Küchenabfälle.
Eines Tages fand ich eine Tafel Schokolade, neben meiner Tastatur angefressen, Traube-Nuss. Auch war die Tastatur ramponiert, Tasten waren herausgebrochen. Was war da los? In einer ruhigen Minute sah ich den Unhold, ein Eichhörnchen kam im 4. Stockwerk zum Fenster herein. Kein Wolf, auch kein Wildschwein, aber ein Teufel, der sich wie Sau benommen hat.
Ja, die sind abenteuerlustig. „Unserem“ Eichhörnchen traue ich auch einiges zu. Dazu kommen die Waschbären. Der Wolf ist dagegen berechenbar!
Ich bin entsetzt über die beim Brauer-Blog betriebene Gefühllosigkeit. Während hier über Petitessen wie Wölfe, Wildschweine und Eichhörnchen schwadroniert wird, stirbt in der unschuldigen Ostsee ein Wal. Und während dieser Blog davon seelenlos keinerlei Notiz nimmt, machen die Wismarer vor, was Mitgefühl mit den anderen Schöpfungen des HERRN ist. Und zum Glück gibt es BILD, wo dies – ihrem Rang würdig – auch vermeldet wird:
„Menschenkette für gestrandeten Wal geplant: Timmy atmet noch!“
Danke, BILD!
Noch nie wurde ein Wal in einem Supermarkt gesichtet! Wale erklimmen auch keine Balkone, es sei denn bei Tsunamis. An Wuhle, Panke und Bäke sind die aber höchst unwahrscheinlich. Herr Konrad, verwechseln Sie bitte nicht Äpfel mit Birnen. Fahren Sie lieber nach Wismar und lotsen den armen Timmy in das Nordmeer! Oder können Sie etwa nicht schwimmen?
Ich hörte letztens vormittags beim Holzsägen in Mecklenburg eine anderthalbstündige Radiodiskussion über das Für und Wider der Behandlung der Wölfe bei uns. Genau zu dieser Zeit fotografierte ein Freund einen Wolf 150 m entfernt von mir auf freier Wiese trabend. Auf der Wildkamera sind nachts schon mal Rudel zu erkennen.
Dennoch: Das gefährlichste Tier im Wald für uns ist wohl die Zecke.
Bären sind in jener Gegend (noch) im Gehege.