Dem „Weltdorf“ unter den Teppich geschaut…

von Wolfgang Brauer

Das niedersächsische Worpswede wird immer wieder mal gern als „Weltdorf“ bezeichnet. Das bezieht sich nicht zuletzt auf die sich seit 1889 zu einer Künstlergemeinschaft zusammengefunden habenden Maler und Grafiker Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Hans am Ende, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler. Was dabei meist verschwiegen wird, ist die Herkunft des Begriffes „Weltdorf“. Fritz Mackensen, schon immer ein äußerst konservativer, um nicht zu sagen reaktionärer Mensch, benutzte diesen am 2. Oktober 1938 bei der Eröffnung des von ihm initiierten „Niederdeutschen Malertages“ in Worpswede. Zuvor hatten er und Carl Emil Uphoff – sein Bruder im Geiste – alles ihnen Mögliche getan, um die „jüdisch-bolschewistisch-undeutsche ‚Kunst’“ aus dem Dorf zu treiben. Mackensen war seit 1937 NSDAP-Mitglied, vorher hatte er sich schon im rabiat-antisemitischen „Kampfbund für deutsche Kultur“ getummelt. 1944 setzte ihn Hitler persönlich auf seine „Gottbegnadeten-Liste“. Nach 1945 hatte man mit Fritz Mackensen „den“ Worpsweder Nazi, die anderen glaubten sich fein heraus.


Worpswede: Rosa-Abraham-Platz. Die Inschrift auf der Infotafel muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Rosa Abrahams Haus (heute: Udo-Peters-Weg 8) ist auf dem Bild rechts am rechten Bildrand gut zu erkennen. Fotos: W. Brauer (2026).

Die Ärztin Auguste („Gulo“) Lotz spricht allerdings in einem Brief vom Dezember 1945 von Worpswede als „diesem Dorf voller Nazis“. Im selben Brief schreibt sie, dass „diese Gesellschaft noch heute im Untergehen Drachenzähne sät, die Vorzeichen umzukehren sucht und mit letzter Kraft sich zu entlasten, Unschuldige zu belasten sucht“. Der Brief war an ihren ehemaligen Ehemann, den in amerikanischer Uniform aus dem Exil zurückgekehrten expressionistischen Maler und Schriftsteller („Kaiserwetter“,1931) Karl Jakob Hirsch gerichtet.

Hirsch hatte 1917 in Worpswede ein Grundstück erworben und darauf ein Haus bauen lassen, in dem Gulo ihre Praxis einrichtete. Die Ehe wurde allerdings 1929 geschieden und Hirsch hat in diesem Zusammenhang Worpswede für immer verlassen. Anning Lehmensiek zitiert das Schreiben ausführlich in ihrem Buch „Juden in Worpswede“, das jetzt in einer erweiterten Neuausgabe im Donat Verlag Bremen erschienen ist. Lehmensiek hat mit bewundernswerter Gründlichkeit die jüdische Geschichte Worpswedes seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts recherchiert. Ihr Text wurde für die von Bernd Küster, Harro Jenss und Helmut Donat betreute Neuausgabe – die Autorin verstarb 2022 in Bremen – mit zahlreichen Dokumenten und historischem Bildmaterial ergänzt.


Alfred Kollmar (1886-1937): Porträt Karl Jakob Hirsch (o. J.).

Foto: W. Brauer (2026)

Am Anfang der Worpsweder jüdischen Geschichte ließ sich der Viehhändler und Schlachter Abraham Leeser 1804 (mit Unterstützung der Worpsweder Bauern!) warum auch immer hier nieder. Am Ende stand – wie im ganzen Reich und überall dort, wohin der Wehrmachtsstiefel reichte – die Shoah. „Die Beseitigung der Juden aus dem ‚Künstlerdorf‘ war gründlich“, bilanziert Lehmensiek.

Zu den deutschen Lieblingslegenden gehört die Erzählung, dass mit dem Aufkommen der Nazibewegung nach dem Ersten Weltkrieg der antisemitische Virus ganz langsam um sich griff, um dann ab 1933 Deutschland in einen wahren „Furor antisemiticus“ zu stürzen. Selbst der ehemalige niedersächsische Kultusminister Rolf Wernstedt schreibt in seinem Grußwort am Beginn des Bandes, dass die Integration der Juden in Worpswede vor Beginn der 1930er Jahre „halbwegs gelungen“ gewesen sei. Anning Lehmensiek schildert die Geschichte der wenigen jüdischen Worpsweder Familien én detail und kommt de facto zu einem anderen Befund.

Schon 1826 wendet sich ein hiesiger „Nahrungstreibender“ (Lebensmittelhändler) an die Landdrostei in Stade und fordert diese auf, dem Schwiegersohn Abraham Leesers, einem gewissen Abraham Steckler, „Grenzen“ zu ziehen. Der Anschmierer stellt fest, dass „eine allgemeine Klage gegen die Juden erhoben wird,“ da diese glaubten, „das Recht zu haben, alles zu treiben, was sie wollen“. Die Konkurrenz sollte weg, dazu zog (und zieht) man schon immer gern die antisemitische Karte. Worpswede unterschied sich hier in Nichts von den anderen Orten des späteren Deutschen Reiches. Auch hier wurden jüdische Kinder von ihren Mitschülern gemobbt. Das war aber überall so. Es gibt eigentlich keinen Grund, mit besonders spitzen Fingern auf dieses Dorf zu zeigen…

Wenn da nicht deutlich messbare Daten wären… Am 31. Juli 1932 erzielte die NSDAP reichsweit 33,1 % der abgegebenen Stimmen bei den Reichstagswahlen. In Worpswede waren es 48 %. Bei den Wahlen vom 5. März 1933 wiederholte sich das Bild. Im Reichsdurchschnitt holte die Hitler-Partei 43,9 %, in Worpswede 54,94 %! „Auch in Worpswede“, vermerkt die Autorin voller Bitterkeit, „hat den seit langem im Ort beheimateten Juden Rosa Abraham, Walter Steinberg und den nun so genannten ‚Halbjüdinnen‘ Betty und Käthi Meyer niemand erkennbar beigestanden oder die Hand gereicht.“ Rosa Abraham wird am 23. September 1942 in Treblinka ermordet. Walter Steinberg scheidet am 19. August 1942 in Theresienstadt aus dem Leben – seine „arische“ Lebensgefährtin Elisabeth Hering wird 1944 in Auschwitz ermordet. Betty und Käthi Meyer überleben mit viel Glück im Dorf. Den Kindern von Rosa Abraham immerhin gelang die Flucht in die USA.


Es ist wohl das einzige jüdische Grab auf dem Worpsweder Friedhof: Wolf-Dieter Lippold (1940-1993); hier liegt auch seine Ehefrau Barbara (1942-2010, Tochter einer jüdischen Mutter, die dank ihrer „Mischehe“ die Shoah überlebte. Aus der Familie der Mutter von Barbara Lippold wurden 42 Menschen ermordet. Foto: W. Brauer (2026)

Die Leidensgeschichte dieser Menschen wird von Anning Lehmensiek Schritt für Schritt nachvollziehbar erzählt. Sie berichtet auch von den wenigen Situationen, in denen ihnen kleine Lichtpunkte mitfühlenden Handelns zuteil werden. Lebensrettende Hilfestellungen wurden ihnen verweigert. Im Gegenteil, auch in Worpswede wurden viele Mitglieder der Dorfgemeinschaft offenbar Nutznießer der Ausplünderung dieser Familien. Es gibt anrührende Gesten im Umgang von Nachfahren mit diesem bösen Erbe. An der Hembergstraße in Worpswede stößt man am Abzweig des Udo-Peters-Wegs auf eine kleine Parkanlage. Das Grundstück gehörte einst der Familie Rosa Abrahams und wurde 1952 an die Familie zurückerstattet. Später erwarb es die „Stiftung Worpswede“. Am 21. September 2013 wurde hier der Rosa-Abraham-Platz (mit einer Info-Säule versehen) eingeweiht. Anwesend war auch die Urenkelin Rosa Abrahams, Irene Goldsmith, aus New York. Silke Schroeter, die Enkeltochter von Klara Netzel, übergab bei dieser Gelegenheit ein Kaffeeservice aus dem Besitz von Rosa Abraham an Irene Goldsmith. Das Buchhändlerehepaar Klara und Friedrich Netzel hatten es im November 1941 für 200 RM als „Hilfe zur Flucht“ abgekauft.

Das war ein kleiner, sehr privater Beitrag als Versuch zur „Wiedergutmachung“ – welch unmögliches Wort! Ich wünschte sehr, dies wäre auch „im Großen“ gang und gäbe. Aber bei Unternehmens-Beteiligungen, Groß-Immobilien und Kunstwerken hört in Deutschland immer noch die Gemütlichkeit auf. Übrigens auch bei Straßennamen. Der Parkplatz am Eingang zur Bergstraße in Worpswede – genau da, wo das Kulturzentrum „Altes Rathaus“ (zu Paula Modersohns Zeiten das Armenhaus des Ortes) steht – heißt Albert-Reiners-Platz. Reiners war von 1968 bis 1986 Bürgermeister Worpswedes, 1968 bis 1972 sogar Landrat des Kreises Osterholz-Scharmbeck. Bevor er CDU-Mitglied wurde, war Reiners in der NSDAP aktiv und brachte es in der SA bis zum Obertruppführer. Im Reiners-Haus in der heutigen Findorffstraße 6 befand sich seit 1930 das hiesige Parteibüro der NSDAP. Ich halte Umbenennungen meist für problematisch. In diesem Fall sehe ich das anders: Der Albert-Reiners-Platz sollte nach Walter Steinberg und Elisabeth Hering umbenannt werden.


Die Pflanzvase (eine Arbeit Bernhard Hoetgers) an der Parkplatzeinfahrt zur „Casa Medico“ (Hembergstraße 12) ist das Einzige, was von Walter Steinberg und Elisabeth Hering im Ort übrig blieb. Sie stand im Garten des Steinbergschen Hauses. Ein Schild zur Erklärung gibt es nicht. Fotos: W. Brauer (2026).

Dem Verlag gelang ein schönes Buch. Es wird nicht jedem gefallen. Das macht es um so wichtiger. Und ich habe mich gefreut, den Band in den Verkaufsregalen einiger Worpsweder Galerien und Buchhandlungen gesehen zu haben.

Anning Lehmensiek: Juden in Worpswede. Hrsg. von Harro Jenss und Bernd Küster. Mit einem Geleitwort von Rolf Wernstedt, Donat Verlag, Bremen 2026, 186 Seiten, 186 Seiten, 19,80 Euro.

Mehr über „Worpswede im Dritten Reich“ und seine Aktivisten kann man im gleichnamigen Buch Ferdinand Krogmanns erfahren.

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