Max Hopp und Matthias Brandt – Fund-Stücke im Berliner Bühnenbetrieb (20)

von Reinhard Wengierek

Das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm prunkt mit großen populären Solo-Abenden seiner Stars: Max Hopp liest und spielt, singt und tänzelt durch fast alle Rollen von Carl Zuckmayers Komödie „Der Hauptmann von Köpenick“; Matthias Brandt spielt den Theo Gantenbein in der Bühnenadaption des Romans von Max Frisch „Mein Name sei Gantenbein“.

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EINS: BE – Handstreich im Rathaus

Eilmeldung der Täglichen Rundschau am 17. Oktober anno 1906: „Ein als Hauptmann verkleideter Mensch führte gestern ein Abteilung Soldaten nach dem Köpenicker Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften, beraubte die Gemeindekasse, und fuhr in einer Droschke davon.“ – Der als preußischer Offizier verkleidete Mensch war ein Schuster namens Wilhelm Voigt; der wegen diverser Gaunereien im Knast saß und nach der Entlassung ohne Papiere dastand. Aber: Ohne Pass keine Arbeit, ohne Arbeit keinen Pass, kein Geld, kein „ordentliches Leben“. Die Verwaltungsbürokratie wirkt unerbittlich, undurchschaubar, kafkaesk – man kennt das.


Berliner Ensemble: Max Hopp liest und spielt „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer. Foto: Berliner Ensemble © Moritz Haase

Diese Not treibt den armen Teufel in höllische Verzweiflung, lässt heiligen Zorn hochkochen gegen die ungerechte Ordnung in der Welt und gewitzte Kühnheit blühen. Damit gelingt, blindes Strammstehen vor der Allmacht einer Uniform vorausgesetzt, der Handstreich im Ratsamt.

Carl Zuckmayer machte aus der „Köpenickiade“ eine saftige Satire auf wilhelminische Gehorsamkeit: „Vom Gefreiten aufwärts beginnt der Darwinismus; der Mensch vom Leutnant aufwärts.“ Doch das Stück von 1931 greift übers Groteske weit hinaus und wird, getarnt als „deutsches Märchen“, zur Gesellschafts-, zur tragisch umflorten Menschenkomödie. Verfilmt und vielfach gespielt mit Staraufgebot zeigt sie jetzt das BE als furiose Einmann-Show: „Max Hopp liest und spielt: Der Hauptmann von Köpenick“; die opulente Vorlage perfekt eingekürzt auf zwei Stunden.

Max Hopp, Protagonist unter Castorf, Gotscheff oder Kosky und hier sein eigener Regisseur, sitzt, Passagen lesend, am Tisch, der auch ein Thron sein kann. Oder ein Podest, auf dem er tänzelt, wenn er nicht an der Rampe kleine Slapsticks liefert. Immer genau der jeweiligen Situation entsprechend. Und mit Stimmwechsel und Gestik die immerhin zahlreich auftretenden, sehr gegensätzlichen Figuren mit ihren Dialekten (Männlein oder Weiblein) genau charakterisierend, sozial wie psychologisch; und obendrein die vielfältigen Situationen plastisch markierend. Großes minimalistisches Verwandlungstheater. Virtuose Stimmakrobatik. Kontrapunktisch gestützt von der Saxophonistin Doris Decker.

Herzenswärme, Tapferkeit und die unstillbare Sehnsucht nach Menschenwärme einer geschundenen Kreatur in kalter Zeit. Zum Heulen. Und zum Lachen. Das Publikum ist hin und weg. Theaterglück. – Ein doppelt Hoch auf Hopp & Voigt!

Wieder am 24. und 26. April, am 22. Mai sowie am 4. Juni.

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ZWEI: BE – Alles auf Konjunktiv

Wisch links, zurück nach rechts, oder rauf, runter, hin, her – wie auf dem iPhone: Bilder gucken, Stories hören, Erinnerungen beschwören. Mit Lust, mit Glück, Überraschungen und Dankbarkeit. Oder Ärger, Ablehnung, Schrecken und Wut. Ein gestandenes Mannsbild ist es, das da wischt und kramt in seinen Erlebnissen – doch beileibe nicht nur seinen. Denn das praktische Gerät haben offensichtlich noch andere benutzt und beladen.

Um es endlich zu sagen: Das tolle Ding existiert nur im Kopf des Kerls, der da besessen ist von der Erforschung seiner unendlich verwinkelten Seele. Umgetrieben von der Frage, was oder wie er denn sei; was da sein könnte, wenn …

Und wirklich, der Schauspieler Matthias Brandt steht in Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ auf der Bühne in einem Gehäuse, das einem quer gelegten iPhone gleicht. Das vielsagende Szenenbild von Hansjörg Hartung ist quasi das Hirn, in dem dieser Theo Gantenbein, so der Name, den er sich andichtet, herumgeistert auf der vertrackten Suche nach seiner Lebenswirklichkeit sowie seinen offensichtlich verpassten Lebensmöglichkeiten im Dasein, in dem nun mal, wie wir wissen, dem Tod das letzte Wort gehört.


Berliner Ensemble: „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch
(Regie/Bearbeitung: Oliver Reese) – Matthias Brandt.
Foto: Berliner Ensemble © Matthias Horn

Wobei er unermüdlich und nicht ohne Irritationen (für sich selbst wie für das Publikum) jongliert mit seinen und anderen durchaus bunten Lebensgeschichten – etwa jenen des skrupulösen Wissenschaftlers Enderlein, des vibrierenden Svoboda sowie einer flatternden Schauspielerin mit dem vielsagenden Namen Lila und „so sinnlichen Lippen“. Alle drei Herren sind auch intim mit ihr, was natürlich einen besonders komischen oder schmerzlichen Punkt bildet (Sex, Ehe, Eifersucht; eben Männertheater …) in Gantenbeins Vexierspiel mit echten, angemaßten, erträumten oder vertanen Rollen der Existenz, die er mal gelassen, mal gierig anprobiert „wie Kleider“.

Was für Futter für einen Schauspieler. Film- und Fernsehstar Matthias Brandt, seit zwei Jahrzehnten nicht im Theater beschäftigt, wünschte sich, als Intendant Oliver Reese ihn an sein BE lockte, Max Frischs Roman „Mein Name sei Gantenbein“ von 1964 als Ein-Mann-Spektakel.

Brandt wird gewusst haben von Reeses Geschick, mit dem er bedeutende Romane für Solo-Abende bearbeitet und inszeniert – zuletzt „Die Blechtrommel“ von Günter Grass mit Nico Holonics, dem Mackie Messer der „Dreigroschenoper“, und „Sarah“ von Scott McClanahan mit Marc Oliver Schulze.

Max Frisch über „Gantenbein“: „Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.“ Das scheint widersprüchlich, doch der erste Satz sei dem seinerzeit politischen Klima geschuldet. Ansonsten bleibt das Nirgends-sonst! Die Gewissheit: Ohne „Ich“ keine Literatur, kein Theater.

Frischs 300-Seiten-Erzählung einer kunstvoll organisierten Ich-Befragung, dieses Selbstgespräch voller Konjunktive und brüchiger Spiegelungen, passt – klug gekürzt – in einen Monolog. Dabei bleibt es letztlich unwichtig, wie weit Gantenbein, der sich blind stellt für die Erkundungen seiner Wirkungen, vorankommt bei der Wahrheitsfindung. Wer schon bringt heraus, was wahr ist.

„Jeder Mensch erfindet früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Ob sie nun beflügelt oder deprimiert, sei dahingestellt. Aber: Es geht um Geschichten! Um erste und letzte Dinge, ums Himmelhochjauchzend und um Abstürze, eingebunden in die – wir kennen das – wunderbaren, verrückten, absurden oder auch kruden, elenden Banalitäten des Alltags.

Matthias Brandt spielt sie mit ihrem fliegenden Figurenwechsel im stimmungsgemäß raffiniert illuminierten iPhone wunderbar leichthin in ihrer Fülle und fragwürdigen Pracht. Weh, bitter, bass erstaunt oder nachdenklich in sich gekehrt, leise sarkastisch. Und trotz schwebender Melancholie auch saftig grinsend. Wenn es ihm ganz schlimm kommt, gellt ein Aufschrei. Zuletzt aber sagt er schlicht sein Trotzallem: „Ich liebe Leben.“ – Das ist: Großes Menschentheater.

Wieder am 20. April.

HINWEIS: Am 28. April, 19.30 Uhr im Berliner Ensemble; „Nein sagen. Über den 20. Juli 1944. Meine Eltern und persönliche Verantwortung heut“. Buchpremiere mit Matthias Brandt und Holger Malchow.

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