von Holger Politt
Walter Benjamins Briefmarkenhandlung in der „Einbahnstraße“ verrät: Briefmarken sind Visitenkarten, die von den Staaten der Welt in den Kinderstuben abgegeben werden. Benjamin reflektiert jene heute längst verflossene Zeit, in der ein sorgfältig gestecktes Briefmarkenalbum zur guten Ausstattung im Kinderschrank gehörte. Zum Glück sind Sammlungen bis heute erhalten geblieben, oft genug bereiten sie dem jetzigen Betrachter einen Genuss, der aus der Erfahrung sich speist, die beim Betrachten der längst aus dem Verkehr gezogener Briefmarken neu zu entfalten ist.

Post der UdSSR(1952): „35. Jahrestag der Großen sozialistischen Oktoberrevolution“ – links: „Vorwärts zum Sieg des Kommunismus!“ (1 Rubel), rechts „Wolga-Don-Schifffahrtskanal W. I. Lenin“ (40 Kopeken). Foto: Sammlung H. Politt
Vielleicht sind es an die tausend Marken, die das Album zur Sowjetunion füllen. Ein Bruchteil gewiss nur derjenigen Zahl, die als Erstausgabe von Briefmarken zu diesem Sammelgebiet zu rechnen sind. Aber es ist ein Querschnitt, der hilft, ein wenig tieferen Sinn und durchgehende Ordnung festzuhalten. Die erste Marke stammt aus dem Jahre 1922, sie firmiert noch mit RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik), die letzte Marke wurde im Dezember 1991 ausgegeben. Sie ist überhaupt die letzte Briefmarke, auf der stolz Почта СССР (Post der UdSSR) verkündet wird. Im Unterschied zu vielen anderen Ländern, in denen die Bezeichnung der zuständigen Postverwaltung auf den Marken häufig genug wechselte, blieb die sowjetische Post bei der einmal gewählten Form.
Ein Vorteil für den Betrachter ist die zeitliche Abgeschlossenheit des Sammelgebiets, es sind 69 Jahre zusammengekommen. Die beherrschende Sprache ist das Russische, nur zu gesondertem Anlass – aber vergleichsweise höchst selten, also nur ausnahmsweise – werden nationale Sprachen der Sowjetrepubliken hinzugesetzt. Als Leonid Breschnew 1973 Bonn besucht, wird auf dem Postwertzeichen ein Auszug seiner dortigen Rede beispielsweise auch in Deutsch wiedergegeben: „… die Festigung und Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen der BRD und der UdSSR entspricht voll und ganz den Interessen unserer Länder und Völker“ .
Zwei Besonderheiten sowjetischer Briefmarken seien hinzufügefügt: Auf fast allen Marken – die Dauerserien eingeschlossen – stehen die Jahreszahlen des Erscheinens, ein Segen für den historisch interessierten Betrachter. Und noch auf knappstem Platz wird Raum gefunden für schriftlich niedergelegte Botschaften, so dass die Markenwelt mitunter dem Prinzip von Wandzeitungen zu folgen scheint. Benjamin beschreibt es in seiner Briefmarkenhandlung – ganz allgemein gehalten – so: „Briefmarken starren von Zifferchen, winzigen Buchstaben, Blättchen und Äuglein. Sie sind graphische Zellengebilde.“ Doch sei zugleich eine Lanze gebrochen für die graphische Qualität sowjetischer Briefmarken, ab den 1960er Jahren finden sich viele Beispiele höchsten Anspruchs.
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Die großen politisch-ideologischen Rahmen spielen durchweg ihre Rolle, in auffallendes Rot getaucht sind später die Parteitage der KPdSU, jener Partei also, die in unerschrockener Verkehrung des Marxschen politischen Erbes für die europäische Arbeiterbewegung einen diktatorischen Parteienkommunismus als Ausbruch aus den kapitalistischen Verhältnissen sich vorstellte und umzusetzen suchte. Von der Gewaltigkeit des die traditionelle russische Gesellschaft auf den Kopf stellenden Prozesses zeugt, wenn einer der brillantesten marxistischen Köpfe seiner Zeit – der Philosoph und Literaturkritiker Georg Lukács – von der „größten Umwälzung der Weltgeschichte“ fabuliert. Hinterher festzustellen, dass die gemeinte „Umwälzung“ gescheitert sei, dass von ihr kaum noch etwas übriggeblieben sei, ist insofern billig, weil das Ergebnis ja mittlerweile klar für sich spricht. Aufgabe bleibt aber, tiefer zu ergründen, warum der von Lenin ab 1903 geführte Coup gegen die demokratisch fundierte europäische Arbeiterbewegung mit dem Argument, sie müsse in erster Linie und unbedingt revolutionär sein, so ungeheuerlich und schließlich brutal sich durchsetzen konnte. Die Linien der KPdSU, der Feier des Oktobers 1917 und Lenins bleiben ein durchgehendes ideologisches Gerüst der sowjetischen Briefmarke, bis fast zum bitteren Schluss.

Post der UdSSR (1988, 5 Kopeken): „Perestroika – dies beruht auf der lebendigen Kreativität der Massen“. Foto: Sammlung Holger Politt.
1952 werden zum 35. Jahrestag des Großen Oktobers Lenin wie Stalin verherrlicht, wobei der schier unermessliche Stalin-Kult besonders auffällt. Ein zeitlich gewaltiger Sprung ins Jahr 1988: Nun eine Briefmarke, die in ihrer Aussage eigentlich gar nicht mehr erklärt werden braucht – Perestroika! Das russische Wort für Umbau oder Umgestaltung ging blitzschnell in den Bestand anderer Sprachen ein, wurde Symbol für den letzten Versuch, die Sowjetunion zu retten. Die Briefmarke von 1988 verklärt Perestroika geradezu als die „Stütze für lebendiges Schöpfertum der Massen“. Der Prozess war so angelegt und gemeint, ja, allerdings kam er wohl um Jahre zu spät. Der Leninsche Irrweg hätte früher und radikal abgebrochen werden müssen, stattdessen wurde er immer wieder mit erheblichen Anpassungen fortgesetzt, gewissermaßen wie Spielarten einer fehlerhaft bleibenden Versuchsanordnung – als Sozialismus ohne funktionierende Demokratie, ohne Gewaltenteilung und vor allem ohne politische Freiheit.
Interessant sind in diesem Zusammenhang die Briefmarken, die sich befreundeten sozialistischen Ländern widmen, diese Reihe ist insgesamt von einem besonderen Reiz. Hier soll allerdings nur eine Marke herausgegriffen werden, die dem 30. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1979 gewidmet ist. Einer Stilisierung des modernen Berlins mit Fernsehturm, dem frischeröffneten Palast der Republik und dem Alex sind drei Heroen übergeordnet: Marx, Engels, Lenin.

Post der UdSSR (1979, 6 Kopeken): „30 Jahre Deutsche Demokratische Republik“. Foto: Sammlung Holger Politt
Auf den ersten Blick mutet es an, als sei hier tiefere Lebenswirklichkeit versinnbildlicht. Doch eine solche Reihe von Köpfen gibt es nur für die DDR, die anderen sozialistischen Länder werden anders ins Licht gesetzt. Die Reihe ist gewissermaßen die höhere ideologische Bestimmung, wie die DDR – denn anders als die anderen Länder ist sie tief gebrochen in der nationalen Frage – sich zu verstehen habe. Hier hatte der allgegenwärtige Marxismus-Leninismus, den es in dieser hochgezüchteten Form nur in der DDR, nicht einmal in der Sowjetunion gab (!), die Funktion einer Staatsreligion, die im Innern sehr rational auf- und ausgebaut war und sich dem Anspruch von Wissenschaftlichkeit stellte, die aber in der Öffentlichkeit zumindest eines klarzustellen hatte: in den entscheidenden Fragen kommt dem Genossen Lenin immer das letzte Wort zu. Nirgends sonst wurde den Menschen so offen die weihevolle Formel zugemutet: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.
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Bemerkenswert sind jene Marken, die sich den anderen (also nichtrussischen) Unionsrepubliken widmen. In späteren Jahren überwiegen Folkloremotive wie Volkstänze, Volkstrachten und traditionelle Musikinstrumente die Szenerie, obendrein wird voller Stolz landschaftliche Schönheit herausgestellt. Aber das Politische verschwindet nie, kann nach dem Ende der Union auch in seiner tieferen Bedeutung – über den gemeinten Tag hinaus – verstanden werden. Ein schönes Bespiel ist eine Kirgistan zugedachte Marke aus dem Jahre 1963 zum „100. Jahrestag des freiwilligen Übertritts von Kirgisien in den Bestand Russlands“. Doch hier soll kurz die Ukraine gestreift werden, auch wegen der aktuellen Verwicklungen, die hauptsächlich ein russischer Präsident zu verantworten hat, der von einer unabhängigen und selbständigen Ukraine nichts wissen will. 1954 wird in großer Aufmachung und in mehreren Serien des 300. Jahrestags der Entscheidung auf dem Kosakentag von Perejaslaw gedacht, wo die Dnepr-Kosaken 1654 dem Moskauer Zaren die Treue gelobten, was Historiker später als endgültigen Abfall der ukrainischen Kosaken von der polnisch-litauischen Adelsrepublik und als Übertritt zum nun auf die europäische Hauptbühne drängenden Zarenrussland werteten. Die Marken von 1954 feiern dementsprechend den „300. Jahrestag der Vereinigung der Ukraine mit Russland“. Übrigens wurde im Kreml aus diesem gewichtigen Anlass die Entscheidung getroffen, die Halbinsel Krim administrativ aus dem Bestand der RSFSR zu lösen und der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik anzugliedern. Die Briefmarken wie die Krim-Entscheidung symbolisieren die tiefe Dankesschuld gegenüber den ukrainischen Kosaken, denn ohne deren historische Entscheidung hätte es den späteren Aufstieg des Zarentums zur europäischen Großmacht nicht geben können.

links: Post der UdSSR (1954, 40 Kopeken) – „300 Jahre Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland“, abgebildet ist die „Nationale Universität Taras Schewtschenko“ in Kiew ; rechts (1991, 30 Kopeken): „16. Juli 1990 – Erklärung der nationalen Souveränität der Ukraine“. Foto: Sammlung Holger Politt.
Im Sommer 1991 überrascht eine andere Marke, gedacht wird des ersten Jahrestags der Souveränitätserklärung der Ukraine vom 16. Juli 1990. Dies wird in Ukrainisch geschrieben. Man kann es heute als ein Anzeichen für den bereits weit vorangeschrittenen Auflösungsprozess in der Union werten, auch darf erörtert werden, wie weit eine solche Souveränitätserklärung den Bestand der Gesamtunion nicht infragestellte, also einer „richtigen“ Unabhängigkeitserklärung zuvorkommen sollte. Wichtiger ist aber wohl doch, dass die Zukunft der Union vor allem an der Frage des Verhältnisses zwischen Russland und der Ukraine entschieden wurde, dass hier schließlich ein Konzept sich herausbildete, um in einer neuen – aber nichtsowjetischen (!) – Form zusammenzubleiben, es also mit der staatlichen Unabhängigkeit nicht zu übertreiben, gewissermaßen aus der Konkursmasse der Sowjetunion einen Vorsprung an gegenseitiger Integration mitzunehmen, beizubehalten und zu nutzen. Dass das gründlich schiefgehen wird, fällt in erster Linie in die historische Verantwortung Moskaus und seiner Ukrainepolitik! Wird dieser Komplex ignoriert, bleibt nur, es dem „Westen“ wegen dessen Tendenz zur Ausdehnung und Erweiterung als Schuld in die Schuhe zu schieben.
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Ein abschließender Blick fällt auf die letzte Briefmarke, die als Почта СССР firmiert. Sie ist ein Neujahrsgruß für 1992, sie meint zugleich das sowjetische Jolka-Fest in der Neujahrsnacht und am Neujahrstag. Sie ist – nicht so gedacht – zugleich der endgültige Abschied von einem großen, untergegangenen Land. Wer durch die Geschichte streift, wird schließlich die Frage stellen: Wie konnte dieses so einfach geschehen? Viele Male habe ich mir seitdem diese Frage gestellt – es gibt eine kurze Antwort, die ich meistens gebrauche, um mich anderen Themen ungestörter zuwenden zu können. Und es gibt eine lange Antwort, die zu keinem rechten Ende kommt. Die Sowjetunion mit ihrem quasireligiösen Anspruch, in den Kommunismus aufzubrechen und dort einst anzukommen, ist in vielerlei Hinsicht ein Vorschein jenen auf die europäische Arbeiterbewegung sich stützenden Sozialismus gewesen, aber ein Vorschein, der nicht verdrehter hätte sein können. Vielleicht wurde mit dem Scheitern der Sowjetunion jener am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts aufscheinenden historischen Möglichkeit, Sozialismus welthistorisch ins Werk zu setzen, endgültig der Weg versperrt – die Trümmer dieses Zusammenbruchs sind noch immer zu spüren. Ein Weg, um die aktuellen Gebrechen und Zumutungen in der Funktionsweise der bürgerlichen Gesellschaft zu überwinden, müsste demnach im Schoße derselben selbst gesucht werden. Ein Weg folglich, den zu finden mühevoller gar nicht sein könnte.

Post der UdSSR (1992, 7 Kopeken): „Zum Neuen Jahr!“
Foto: Sammlung Holger Politt.
Eine sehr schöne Welt. Ich hab es immer bedauert, dass auf den Luftpostbriefumschlägen, die meine Brieffreundin Svetlana verwendet hat, die Marken aufgedruckt waren. Statt schöner Briefmarken hab ich Bonbonpapier bekommen.