von Wolfgang Brauer
Es gibt Stoffe, die man auch im Theater nicht anfassen kann, ohne nicht gleich in das Historisieren zu verfallen. Leicht schwingt sich dann die Wertungskeule. Manchmal genügt ein Reizwort: „Russland“ zum Beispiel. 1859 lief mit einem gewissen Erfolg im Berliner Wallner-Theater Gustav von Mosers Einakter „Wie denken sie über Rußland?“ Der Kapellmeister des Friedrich-Wilhelm-Städtischen Theaters – der Vorläufer des Berliner Deutschen Theaters – , Albert Lortzing, war da schon acht Jahre tot. Auch Lortzing hatte in die „russische Kiste“ gegriffen. Der instinktsichere Vollblut-Theatermann wählte die Geschichte der „Großen Gesandtschaft“ des jungen Zaren Peter I., sicherlich nicht unbeeindruckt vom Italiener Gaetano Donizetti. 1827 wurde dessen Opera buffa „Il borgomastro di Saardam“ („Der Bürgermeister von Saardam“) in Neapel uraufgeführt. Lortzing soll zumindest das Libretto gekannt haben. Jedenfalls goss er den Stoff in die Operá-comique-Form – und herauskam: „Zar und Zimmermann“. Die Leipziger Uraufführung 1837 bleibt noch ohne große Resonanz, die umjubelte Berliner Premiere 1839 bringt für Lortzing den Durchbruch in dieser Stadt.

Deutsche Oper Berlin – „Zar und Zimmermann“ (Regie Martin G. Berger; Premiere 20. Juni 2026): „Oh, ich bin klug und weise, und mich betrügt man nicht!“ – Patrick Zielke als Bürgermeister van Bett. Foto ©Thomas Aurin
Es sind die großen Volksszenen, die seit fast 200 Jahren das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Es sind zu Herzen gehende Melodien wie „Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen…“, bei denen man eine Stecknadel im Saal fallen hören könnte. Es sind die hinreißenden Tanzszenen – wenn man denn über ein Ballett verfügt. Und es ist der gnadenlos-satirische Blick des Librettisten Albert Lortzing, bei dem keiner seiner Protagonisten ungeschoren bleibt. Selbst die sympathische Marie nicht, die er nicht zufällig als Soubretten-Partie gestaltet. Und der Zar, der fortschrittliche Zar? Hans Müller inszenierte ihn 1956 in der DEFA-Verfilmung der Oper als „jugendlichen Liebhaber“ – eine Art Romeo, der sich natürlich in Verzicht übt und dem Wohl des Landes unterwirft. Bei Lortzing ist er bei genauem Hinsehen vergleichsweise blass. Wie gesagt, ungeschoren kommt ihm keiner davon. Die Glanzpartie der Oper ist der Saardamer Bürgermeister (und Laienkünstler) van Bett, eine der gelungensten Satiren der deutschen Theatergeschichte überhaupt.
Aber werfen wir – obwohl, nein weil es „nur“ Theater ist – einen Blick auf den historischen Hintergrund. Wer heute nicht „kontextualisiert“, ist ja auch in der Kunst nicht satisfaktionsfähig.
Am 9. März 1697 brach die „Große Gesandtschaft“ Peter I. nach Westeuropa auf. Der Zar wollte ein Bündnis zur Unterstützung der russischen Kriegspolitik gegen den türkischen Sultan schmieden. Damit scheiterte er komplett. Von Erfolg gekrönt waren hingegen seine Bemühungen um den Technologie- und Wissenschaftstransfer, vor allem im Schiffbau und den militärisch nutzbaren Bereichen der Natur- und Ingenieurswissenschaften. Schiffbau bedeutete auch für Peter zuvörderst Kriegsschiffbau. Er wollte auf die von den anderen beherrschten Meere, auf der Wolga konnten schon seine Vorgänger herumrudern.
Peter I. reiste inkognito, als „Pjotr Michajlowitsch“ mit niedrigem Dienstgrad versehen. Das machten die Fürsten in jener Zeit gern – damit umging man das aufwändige und kostspielige Hofprotokoll, wenn man im Ausland auf regierende Menschen traf. Das Besondere in Peters Fall war jedoch, dass er nicht nur Werften beguckte, sondern selbst die Zimmermannsaxt in die Hand nahm und sich sein erlerntes Können schriftlich bestätigen ließ. Im holländischen Zaanddam verdingte er sich als Schiffszimmermann, wurde aber auf Schritt und Tritt von Neugierigen umlagert – Peter I. hatte eine Körpergröße von 2,10 m. Da ist das Wahren eines Inkognitos ein Ding der Unmöglichkeit. Knappe acht Tage hat er es in Zaanddam (das „Saardam“ der Oper) ausgehalten. Dann wich er nach Amsterdam aus. Dort blieb er viereinhalb Monate. Es folgten Aufenthalte in England und einigen deutschen Staaten. Im späten Frühjahr 1698 erreichten den Zaren in Wien Nachrichten über einen großen Strelitzenaufstand und die Absicht seiner Schwester Sofja, sich selbst die Zarenkrone aufzusetzen. Peter brach die große Westreise ab und exekutierte in Moskau ein fürchterliches Strafgericht …

Zar Peter I. (1672-1725) – Porträt im Schloss Kadriorg / Tallinn (Estnisches Kunstmuseum). Foto: W. Brauer (2024)
Soweit der Kern der Historie, die schon im 18. und frühen 19. Jahrhundert kräftig poetisch ausgeschmückt wurde. Es war nicht nur Donizetti. Wie gesagt, die Musik ist eingängig, aber die großen Arien für die Sänger-Stars fehlen. Das gilt gern als Ausrede für die Inszenierungsabstinenz der großen Häuser. Dafür sind Partitur und Libretto so angelegt, dass die Oper eigentlich nur als Ensembleleistung funktioniert – wenn ein Haus über ein solches verfügt, kann ein Feuerwerk über die Rampe gehen.
Am 20. Juni 2026 passierte das nun eben in der Deutschen Oper Berlin nicht. Das Inszenierungsteam hatte absolutes Pech: Erst fiel der Sänger der Titelpartie krankheitsbedingt aus, dann passierte dasselbe mit der Zweitbesetzung. Also sprang in letzter Minute der Bariton Daniel Schmutzhard von der Wiener Volksoper ein. Der kannte aber die Inszenierung nicht und sang die Partie des Zaren von der Seitenbühne. Er machte seine Sache gut. Wohl verdienter Applaus zum Schluss! Die Spielszenen übernahm Regisseur Martin G. Berger auf ganz leidliche Weise selbst. Wie ein schlecht synchronisiertes Playback einer Fernsehunterhaltungsproduktion wirkte es allerdings, wenn er versuchte (so beim Zarenlied „Sonst spielt‘ ich mit Zepter, mit Krone und Stern“), mit weit aufgerissenem Mund den Heldentenor zu mimen.
Der Tenor Philipp Kapeller als Peter Iwanow machte seine Sache gut. Nadja Mchantaf gibt die Marie auf eine erfrischende Weise. Martin G. Berger führte nicht nur Regie, er schrieb auch eine neue Sprechtextfassung und lud der armen Marie einfach ein Zuviel an brennenden Themen auf, die eine junge Frau von heute – die natürlich „Aktivistin“ sein muss – zu stemmen hat. Aber da eine Aktualisierung per Rundumschlag die Inszenierung durchweg kennzeichnet, hat man sich nach 20 Minuten an diese Praxis gewöhnt und wartet nur noch darauf, um welche Probleme der heutigen Welt sich die Marie aus Saardam nun noch alles kümmern wird. Der Rolle ihres Onkels, dem selbstverliebten, obrigkeitshörigen und in seiner Sucht nach unten zu treten kreuzgefährlichen Bürgermeister van Bett, schaden die Modernisierungen nicht, der ist schon von Lortzing so angelegt.
Van Betts Bass-Buffo-Partie ist die wirkliche Starrolle der Oper. Und in der Berger-Inszenierung wird sie von Patrick Zielke kongenial über die Rampe gebracht. Das beginnt mit der großen Arie des van Bett im ersten Akt („O, ich bin klug und weise, und mich betrügt man nicht“) und erreicht seinen Höhepunkt mit der berühmten Singschule am Beginn des 3. Aktes („Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschie-hie-nen… Dideldum, dideldum … das ist das Zwischenspiel…“). Aber, soviel Gerechtigkeit muss sein, auch ein begnadeter Sänger und Darsteller würde in dieser Partie verhungern, könnte er nicht auf einen so großartigen Chor (Leitung Thomas Richter) bauen, wie ihn die Deutsche Oper hat.
Eine Ballettcompagnie hat sie seit langem nicht mehr und behauptet dennoch schlichtweg auf dem Programmzettel, dass „Tänzer*innen des Opernballetts der Deutschen Oper“ mitwirken würden. Nun ja, die Damen und Herren werden für jede Neuinszenierung, in der Tanz sein muss, separat verpflichtet. Ein Ensemble ist das noch lange nicht, das Publikum wartete neugierig auf den Holzschuhtanz am Schluss der Oper. Der kommt auch, aber als stampfende Stepp-Einlage einer Handvoll Tänzerinnen und Tänzer. Mir taten die leid, das musste entsetzlich geschmerzt haben. Die einstmals intendierte Absicht, dass in solchen Fällen das Staatsballett zur Verfügung stehen solle, ging nie auf. In der Berliner Opernstiftung macht jeder seins.

Deutsche Oper Berlin – „Zar und Zimmermann“ (Regie Martin G. Berger; Premiere 20. Juni 2026): Szene mit (im Vordergrund v.l.n.r.) Nadja Mchantaf (Marie, im Overall), Nicole Piccolomini (Witwe Bowe) und Philipp Kapeller (Peter Iwanow). Foto ©Thomas Aurin
Einen Teil von Publikum (und Kritik) schmerzte die Grundidee der Inszenierung, die Oper aus dem russischen Kontext herauszulösen und sie statt dessen in einem „Volkszarentum Tschirikistan“ anzusiedeln. Lustige, aber durchsichtige Idee. Statt Fregatten werden Kanus gebaut. Natürlich feiert der Überwachungsstaat fröhliche Urständ, am Ende wird aber der echte Zar Peter abgeführt und wahrscheinlich erschossen. Der falsche Zar Peter Iwanow nimmt den Posten an, um ihn im selben Moment abzuschaffen. Revolution eben… Ach Du armer Lortzing! Gut, Dein Libretto ist ziemlich biedermeierlich-altbacken, und man kann das Stück im Wesentlichen so anlegen, wie Berger das gemacht hat. Meinetwegen Kriegskanus statt Fregatten. Man kann auch das Verwirrspiel der beiden Peters auf die Spitze treiben, und die europäische Migrationspolitik lädt förmlich dazu ein, van Betts Fremdenfeindlichkeit stärker herauszuspielen, als es beim Librettisten Lortzing geschrieben steht. Das geht alles, aber alles hat sein Maß. Und Martin G. Berger übertreibt. Dabei erklärt er selbst im Programmheft-Interview, dass die Oper für sich gesehen ein starkes Stück sei…
Aprospos Maß: Dirigent Antonello Manacorda – er hat fünfzehn Jahre die Kammerakademie Potsdam geleitet – hält das Orchester zum Maßhalten an. Unter seiner Stabführung wird den Protagonisten des Bühnengeschehens mit einer brillianten Orchesterarbeit der nötige akustische Raum gelassen. Auch das erlebt man nicht allzu oft…
Alles in allem ist diese Neuinszenierung für die Deutsche Oper Berlin ein schöner Spielzeitabschluss. Der Verführung, bei „Zar und Zimmermann“ irgendwie den Neo-Zarewitsch Wladimir P. und sein Imperium zu karikieren, versuchte man per Deklaration nicht zu erliegen. Dennoch schwebt der Geist des Präsidenten P. irgendwie über der Scheinwerferbrücke. Das geht wohl nicht anders, wenn man diesen Stoff anpackt. Mir hat der Abend Vergnügen bereitet, das möge auch anderen widerfahren…
In der laufenden Spielzeit wieder am 2., 9. und 11. Juli.