von Reinhard Wengierek
Das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm beschließt seine höchst erfolgreiche Saison mit einem Jubiläum, nämlich der 200. Vorstellung der einst an diesem Haus uraufgeführten „Dreigroschenoper“ von B. Brecht/E. Hauptmann in der Inszenierung von Barrie Kosky. Seit 2021 im Spielplan und bei Gastspielen in aller Welt frenetisch gefeiert. Spektakulär das riesige Gitter-Gerüst auf großer Bühne als treffliches Sinnbild für vieles. Und auf kleiner Bühne in der Frankfurter Allee: Der bluttriefende Shakespeare-Schotten-Schocker als Kammerspiel für zwei Personen. Tolle Sache.
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EINS: Berliner Ensemble – Mit Messer im Maul

Berliner Ensemble: „Die Dreigroschenoper“ (Bertolt Brecht / Kurt Weill, Regie: Barrie Kosky) – Nico Holonics als Macheath, genannt Mackie Messer. Foto: Berliner Ensemble © Jörg Brüggemann / OSTKREUZ
Noch eine letzte halbe Stunde, dann soll er hängen. Doch zuvor: die Henkersmahlzeit. Also fragt Polizeichef Brown nach Mackies Gelüsten. Der Obergangster will Spargel. Seiner Ansage folgt, eine halbe Stunde vor Schluss dieser „Dreigroschenoper“, noch einmal eine für Barrie Koskys Inszenierung so typische, atemberaubende Szene zwischen zwei nicht nur durch Korruption ineinander verschlungene Figuren … – Aus der Tiefe der Bühne heraus karrt Brown in gespenstischer Stille auf einem grausam quietschenden Wägelchen das Gemüse. Kathrin Wehlisch, in gebückter Trauer, steif und gar nicht tigernd, dafür beständig auf Lauer, schmächtig, schmallippig, mit aasiger Knarzstimme, füttert verdruckst liebevoll ihren unterm Strang schlotternden Mackie Messer (Nico Holonics). Bis beide – Tränchen weggewischt – sich in die Haare kriegen. Es geht um Geld. Natürlich. Um Schmiergeld. Und auch jetzt noch um Macht. Und so wechseln im Sekundentakt schwüle Sentimentalität mit eisiger Ernüchterung, grotesker Ernst mit verrückter Komik.
Solch subtil inszenierten, präzise ausgespielten Zweier gibt es an diesem so betörend poetischen wie verstörend zynischen Abend am laufenden Band. – Da wäre die Führung der Bettlermafia, das peitschenknallende Ehepaar Peachum (Constanze Becker & Tilo Nest). Oder die sexuellen Hörigkeiten, von denen die Peachum im geilen Pelz mit feschem Hut so herrlich raunt und röhrt, derweil Mackie sie schamlos auslebt mit Polly (Cynthia Micas), mit Jenny (Bettina Hoppe), mit Lucy (Laura Balzer).
Gerade in den Weillschen Welthits, diesem funkelnden Mix aus Avantgarde, Populärem, Parodistischem, der aus Brechts bittersüß-bitterbösen Texten weht, stürzt, knallt, erspürt Kosky bislang unerhörte zwischenmenschliche Dramen, Komödien, Farcen – meist glühen sie nur ein paar Takte oder Buchstaben voneinander entfernt. Sonderlich aufregend das Liebesgeständnis der grandiosen Bettina Hoppe als Spelunkenjenny, bevor sie ihren Mackie für Zaster an die Polizei verrät – mehr als ein Hauch von Tragik.
Dazu die Bühne in schwarz-weiß-grau von Rebecca Ringst mit sinnfälligem Symbol: einem beweglichen, scharfkantig sich auftürmenden, gefährlich verwinkelten Klettergerüst – der Großstadtdschungel, das Haifischbecken, der Weltirrwitz. Verhangen mit glitzrigen, kontrapunktisch zum nervenkitzeligen Geschehen sich hebenden oder senkenden Lamettagardinen. Die annoncieren kein hitziges Showbiz – eher Kühle, in der die verquirlten konträren Gefühle auf- oder abgekocht werden.
Barrie Kosky, Ex-Chef der Komischen Oper Berlin und innovativer Spezi für Operette und Musical, sinnenfroh wie Castorf, doch mit deutlich konzentrierterer Werktreue als sein fatalistischer Kollege, weiß freilich (wie Castorf auch) nur zu gut, dass im vermeintlich leidenschaftlich lieb Kulinarischen das nicht gar so lieb Egomanisch-Exzessive der Gattung Mensch steckt. Und so ignoriert er all die üblich lehrstückhaften, kapitalismuskritischen, moralisierend parabelhaften, mit V-Effekten dekorierten „Dreigroschenoper“-Verpackungen nicht, sondern hebt sie souverän auf in den ewigen schlimmen Geschichten mit den Menschen, mit uns Haifisch-Menschen in diesem Klassiker der Moderne.
Was wiederum das Tolle, gerade nicht zeigefingernd Gegenwartstolle ist an diesem Musiktheater. Eben, dass jene uralten Geschichten vom Beißen und Gebissenwerden so schlagend amüsant, frisch, abgründig und packend erzählt werden (auch im Slapstick und Comic). Wow! Das dürfte dem BE mit seinen Stars und seinem mal zart, mal ätzend, mal ironisch süffig oder wuchtig aufspielenden „Dreigroschenoper“-Orchester unter Adam Benzwi Gastspiele weltweit einbringen.
Und Nico Holonics, dieser agile Berserker und Chef des Love-and-Crime Spektakels, gibt einen verführerisch ruchlosen Schwerenöter mit Lust auf Clown, einen dreisten Engel und schwitzenden Höllenhund, der mit Weibern und Gangstern aller Art, mit Gott und Teufel tanzt. Aber mit Messer im Maul
Berliner Ensemble, wieder am 10., 11., 12. Juli (die 200. Vorstellung – Gratulation!).
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ZWEI: Theater am Frankfurter Tor – Macht macht krank
„Und wenn wir scheitern?“ Quatsch, Lady Macbeth wischt des Gatten Ängste forsch weg. Und pocht auf ihren Plan: Er, zweiter Mann im Staat, sticht den King samt Entourage ab im Schlaf, wird König und sie First Lady. – Super! Die Machtergreifung hat geklappt, doch Macbeth zweifelt. „An der Macht sein ist nichts, wenn sie nicht gesichert ist“, heult er (Tibor Locher) am Busen der Gattin (Johanna Marie Bourgeois), einer machtgeilen, verführerischen Höllenrose. Die bläst Macbeth alle Ängste aus dem Kopf. Treibt ihn von Mord zu Mord, um die Konkurrenz kalt zu machen: „Wenn wir die Macht besitzen, machen wir die Wahrheit. Und was wir sagen, ist Gesetz.“

George Cattermole (1800-1868): „Lady Macbeth“, Victoria and Albert Museum. Foto: Public Domain, via Wikimedia Commons.
So dreht sie sich immer heftiger in der Shakespeare-Tragödie „Macbeth“, die Spirale der Verbrechen am schottischen Königshof, die um einer Wahrheit, um einer Gesetzesmacht willen alle Werte entwertet, jeden Sinn zerstört und jede Vernunft ad absurdum führt.
Diese tieftraurige und auch wieder seltsam komische Mär aus uralter Zeit über den Wahn des Krieges – den gegen andere, wie den gegen uns selbst –, sie wirkt heute, gerade heute wieder, wie ein Lehrstück über menschliche Hybris, Manipulation und Selbstzerstörung. Es heißt, wer in den Krieg zieht, werde verrückt und stürze immer tiefer ins irre Werk der Vernichtung. Dort endet denn auch der von Gier in den Blutrausch gepeitschte Macbeth mit seiner skrupellos herrschsüchtigen Lady.
Auf die beiden Hauptfiguren hat der gewiefte Dramaturg und Dramatiker John von Düffel das weit ausgebreitete Untergangsstück perfekt eingestrichen. Ein Meisterstück, wie auch seine neue, sprachmächtige Übersetzung. Auf kleinster Bühne ein großes, politisch erhellendes Endspiel des Grauens. Ein Psychothriller zwischen bis in den Tod miteinander ringenden Eheleuten. Ein Daseinskonzentrat, einfallsreich in klaren starken Bildern inszeniert von Irene Christ.
Theater am Frankfurter Tor, Karl-Marx-Allee 133, 10243 Berlin; wieder am 15., 16. und 31. Juli.