Die Affäre Crainquebille

von Frank-Rainer Schurich Es ist wohl eine Binsenweisheit, dass dichterische Kraft einer genauen Kenntnis der Zeitumstände entspringt. Was will der Dichter? Das bestehende Bild von der Wirklichkeit überschreiten, Neues in ihr sehen und erkennen, auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam machen und, falls erforderlich, die Leser wachrütteln. Die Meistererzählung „Die Affäre Crainquebille“ von Anatole France… Die Affäre Crainquebille weiterlesen

Fund-Stücke im Berliner Bühnen-Betrieb

von Reinhard Wengierek Eins: Gorki Theater. Carmen queer Die Männer liegen ihr zu Füßen, sie tanzt ihnen auf der Nase: Carmen. Personifizierte Männerfantasie, Ikone weiblicher Selbstbestimmtheit, kühn nonkonformistisch, gefährlich freiheitlich, traumschön und sexy. Was für ein Weib! Das diesmal ein Mann verkörpert, ein Roma-Mann. Ladylike, königlich. Es ist der schwedische Schauspielstar Lindy Larsson. Ein baumlanger Kerl,… Fund-Stücke im Berliner Bühnen-Betrieb weiterlesen

„Der konfuse Zauberer“ – Adorno gegen Bloch 1968

von Holger Politt Einmal ins Institut für Sozialforschung in Frankfurt gelangt, ist der Weg zu den Schätzen nicht mehr weit! Gleich auf dem ersten Treppenflur der Kippspiegel, den der gewitzte Theodor W. Adorno – auf dem Stuhl sitzend – für das berühmte Selbstporträt nutzen konnte. Dahinter die Tür zur Adorno-Bibliothek. Die Wände des Raumes bis… „Der konfuse Zauberer“ – Adorno gegen Bloch 1968 weiterlesen

Von einem groben Bettler, groben Bauern und Klamottenterrorismus

In Berlin soll es mal wieder einem Denkmal an den Kragen, sprich an den Sockel gehen. Diesmal geht es um ein Monument, das kaum einer kennt – und wer es kennt, den interessiert es nicht sonderlich. Es steht am Rande eines gärtnerisch ziemlich misslungenen Entrées eines Parks in der Mitte Berlins: der Neuköllner Hasenheide. Hierher… Von einem groben Bettler, groben Bauern und Klamottenterrorismus weiterlesen

Der Karl-Marx-Städter Theaterbrand nach der „Tinka“-Generalprobe im Mai 1976

von Ulrich Kaufmann „war denn soviel aufwand nötig?“(Volker Braun) Gegen zwei Uhr in der Früh des fünften Mai 1976 brach ein Brand im Karl-Marx-Städter Schauspielhaus aus. Das Bühnenhaus war vernichtet. Der Schaden wurde auf 500.000 DDR-Mark geschätzt: „anruf hauswald, chefdramaturg karl-marx-stadt: schauspielhaus 2 uhr früh abgebrannt (nach der generalprobe).ziller, meves, schmidt, hartingers, schirmer, heide [tenner].… Der Karl-Marx-Städter Theaterbrand nach der „Tinka“-Generalprobe im Mai 1976 weiterlesen

„Radikal und pingelig“ – die Berliner Künstlerin Käthe Kruse

Sie kommt künstlerisch aus dem Punk und tobte sich 1982 bis 1987 auch als Schlagzeugerin in der Westberliner alternativen Kultband und Performancegruppe „Die Tödliche Doris“ aus. Die Berlinische Galerie in der Alten Jakobstraße in Berlin-Kreuzberg widmet ihr derzeit eine umfangreiche Personalausstellung. Die Ausstellung selbst wird mit einer stringenten ästhetischen Strenge zelebriert, die so gar nichts… „Radikal und pingelig“ – die Berliner Künstlerin Käthe Kruse weiterlesen

Die Brille, kriminalistisch gesehen

von Frank-Rainer Schurich Will man der Historie glauben, geht das Wort „Brille“ auf den Namen des optisch vergrößernden, glashellen Halbedelsteins Beryll zurück, aus dem um 1300 in Oberitalien die ersten Augengläser geschliffen wurden. Eine segensreiche Erfindung! Sebastian Brant: Das Narrenschiff, Paris 1497. SLUB Dresden/Inkun. 4114.2 Das Geheimnis einer Brille in Bezug auf die Kriminalistik liegt… Die Brille, kriminalistisch gesehen weiterlesen

Erinnerungen an eine besondere Ausstellung – „Caspar David Friedrich, Goethe und die Romantik in Weimar“

von Ulrich Kaufmann Am 2. April 1829 sprach Goethe zu Eckermann: „Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke.“ Diese Aussage hat man in der DDR, die im Blick auf das Erbe immer wieder von einem „Goethe-Schiller-Zentrismus“ ausging, vielfach zitiert und oft kurzschlüssig ausgelegt. Man gewann fast den Eindruck, als habe es… Erinnerungen an eine besondere Ausstellung – „Caspar David Friedrich, Goethe und die Romantik in Weimar“ weiterlesen

Die Schrift an der Wand

Wem gehört es denn nun tatsächlich, das deutsche Parlament? Foto: W. Brauer (2015) Im Alten Testament (Daniel 5) wird die Geschichte vom Ende des babylonischen Königs Belsazar erzählt. Von der Verliebtheit in die eigene Macht und wohl auch dem schweren Wein berauscht, schmäht er durch den Missbrauch der von Nebukadnezar II. in Jerusalem geraubten Kelche… Die Schrift an der Wand weiterlesen

Heine im Eichsfeld. Über ein Gedicht von Harald Gerlach

von Ulrich Kaufmann I. Wer heute das Storm-Museum in Heiligenstadt besucht, wird am Eingang des Heine-Zimmers eine gerahmte Originalhandschrift des Dichters Harald Gerlach (1940-2001) finden. Harald Gerlach: Heine im Eichsfeld. Autograph im Literaturmuseum „Theodor Storm“ Heilbad Heiligenstadt Die ehemalige Museumsleiterin Antonia Günther, die bis 1980 im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar tätig war, hatte den Poeten… Heine im Eichsfeld. Über ein Gedicht von Harald Gerlach weiterlesen

Zeitunglesen mit Jean Paul oder Wie findet man die Wahrheit?

Auch den Begriff „Hundposttage“ muss man wörtlich nehmen. Jean Paul mit seinem Pudel Ponto 1819. Scherenschnitt von Luise Duttenhofer Alfred Kerr beschwört in seinen „Briefen aus Berlin“ am 21. August 1898, von der „lange schweigenden Erinnerung“ verzaubert, ein Jahre vergangenes Lektüreerlebnis und greift aus dem Bücherregal „das zerrissene, zerlesene, mit Bleistiftzeichnungen bedeckte“ Bändchen heraus: „…… Zeitunglesen mit Jean Paul oder Wie findet man die Wahrheit? weiterlesen

Zahltag, ein Kurt-Demmler-Lied und eine Prognose von Gesamtmetall

Infrastruktur: Platz 27 im Ranking der Industrieländer. Foto: Wolfgang Brauer (2025) Wenn wenige Tage vor der als „Schicksalswahl“ gehandelten Bundestagswahl gut 38 Prozent aller Befragten – so die Allensbach-Demoskopen – noch nicht wissen, wen sie wählen werden, spricht das nicht unbedingt für die Überzeugungskraft der Politik-Markthändler. Ich wähle diesen Begriff bewusst. Das tagtägliche Werbegeschrei, mit… Zahltag, ein Kurt-Demmler-Lied und eine Prognose von Gesamtmetall weiterlesen

Am blutigen Tor der Neuzeit – Frührenaissance in Mitteldeutschland

Wenn konservativ denkende, aber sich gern modern gebende Kulturmanager Ausstellungen zu historischen Jubiläen konzipieren, sollte man auf die Fallstricke achten. Egal, ob es sich um die Berliner Mauer oder den 1500. Geburtstag einer norddeutschen Moorleiche handelt – vorsichtige Annäherung ist immer ratsam. Seit Längerem harrte ich mit skeptischer Neugier auf das Nahen der Jahre 2024/2025.… Am blutigen Tor der Neuzeit – Frührenaissance in Mitteldeutschland weiterlesen

Bahnhöfe, Züge, Strecken. Ein Reisebericht

von Erhard Weinholz Es ist eine Schande: Alle Berlinbesucher, die ich kenne, Verwandtschaft, Freunde, Bekannte, alle waren sie irgendwann mal auf dem Fernsehturm, nur ich, der ich seit Jahrzehnten schon in der Hauptstadt lebe, ich nicht. Ist die Sicht gut – Riesenschlange unten, da will ich mich nicht anstellen. Ist sie schlecht, lohnt es nicht… Bahnhöfe, Züge, Strecken. Ein Reisebericht weiterlesen

Pömmelte – Eine Reise zu unseren Ursprüngen

von Wolfgang Brauer Ringheiligtum Pömmelte. Foto: Wolfgang Brauer/2023 Jedesmal, wenn ich bislang in Pömmelte war, pfiff ein erbarmungslos kalter Wind über die Weiten der Börde. Kommt er von Nordwesten, wird selbst im Binnenland der Atlantik spürbar – bis zur Nordsee ist ab hier die Landschaft offen. Kommt er von Südwesten, wird es auch nicht besser.… Pömmelte – Eine Reise zu unseren Ursprüngen weiterlesen