Erinnerungen an eine besondere Ausstellung – „Caspar David Friedrich, Goethe und die Romantik in Weimar“

von Ulrich Kaufmann

Am 2. April 1829 sprach Goethe zu Eckermann: „Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke.“ Diese Aussage hat man in der DDR, die im Blick auf das Erbe immer wieder von einem „Goethe-Schiller-Zentrismus“ ausging, vielfach zitiert und oft kurzschlüssig ausgelegt. Man gewann fast den Eindruck, als habe es zwischen der Klassik und der Romantik eine Mauer gegeben. Am „Goethekult“ hatten die Romantiker – die Maler wie die Dichter – einen erheblichen Anteil. Auch davon erzählte die eigenwillig akzentuierte, kleine, aber feine Caspar David Friedrich-Ausstellung, die von der Klassik-Stiftung Weimar veranstaltet wurde. Von November 2024 bis zum März 2025 war sie im Weimarer Schiller-Museum zu erleben. Besucher, die eine abgespeckte Version der fulminanten und vielbesuchten Expositionen in Hamburg, Berlin und Dresden erwarteten, könnten enttäuscht worden sein: Drei Gemälde, acht Zeichnungen und sechs Graphiken waren zusammen mit zehn Leihgaben zu sehen. Auch Maler der Romantik, die Goethe sehr schätzte, waren in dieser Exposition vertreten: Werke von Philipp Otto Runge, Carl Gustav Carus und Peter von Cornelius.


Caroline Bardua: Caspar David Friedrich mit Trauerbinde (1810) / Alte Nationalgalerie Berlin. Foto: Wikimedia Commons

Wer Ausstellungen mag, wo es viel zu lesen gibt, wo ein Katalog das Gezeigte vertieft und ein Kurator exzellent führt, wurde reichlich angeregt und beschenkt. Wie es der trefflich gewählte Titel formuliert, ging es im Schiller-Haus um Caspar David Friedrich, den wohl berühmtesten Maler der deutschen Romantik, und um Goethe. Gleich zu Beginn der Ausstellung (und des Katalogs) sind der 25 Jahre jüngere Maler und der gestandene Dichter und Minister Goethe – mit einem Orden dekoriert – zu sehen. Beide Bilder hat Caroline Bardua geschaffen. (Lange nahm man an, dass das Friedrich-Bild ein Selbstbildnis sei.)

Die Beziehung der beiden Künstler geht auf den April des Jahres 1805 zurück. Goethe hatte für die jährlich stattfindende Kunstausstellung eine „Preisaufgabe“ gestellt. Ohne Voranmeldung reichte Friedrich am Beginn seiner Laufbahn zwei großformatige Sepia-Zeichnungen ein: „Wallfahrt bei Sonnenaufgang“ und „Herbstabend“. An das vorgegebene Thema „Die Taten des Herkules“ hatte sich der Dresdner Maler nicht gehalten. Dennoch war Goethe von der Sendung beeindruckt und verlieh dem Zeichner einen „halben“ Preis; d.h., der Siegerpreis wurde geteilt. Fortan schickte Friedrich an den Weimarer Hof unermüdlich neue Werke. Noch vor Goethe besuchte der Weimarer Großherzog Carl August als erster deutscher Fürst im Juni 1810 den Maler in seinem Dresdener Atelier. Er kaufte fünf (!) große Ölgemälde. Im September des gleichen Jahres kam dann Goethe in die Elbestadt. Bei ihrer ersten Begegnung sah Goethe die Friedrich-Gemälde „Mönch am Meer“ und „Abtei im Eichwald“, zwei Arbeiten, die zu den bekanntesten des Meisters gehören.

Der Maler schrieb in jungen Jahren auch Gedichte, wie Goethe umgekehrt unermüdlich zeichnete. Zunächst illustrierte Friedrich seine eigene Lyrik. Tief beeindruckt vom „Werther“, wandte er sich mehr und mehr Goethes Werk zu. Das heute verschollene Bild „Rügenlandschaft mit Regenbogen“ (1809/1810) basiert beispielsweise auf Goethes Gedicht „Schäfers Klagelied“. Bereits vorher hatte sich Friedrich unter anderem mit Schillers Gedichten, vor allen den Dramen („Die Räuber“ und „Wallenstein“) auseinandergesetzt.

Im Sommer 1811 wollte der Maler Goethe in Weimar besuchen. „Friedrich aus Greifswald in Schwedisch-Pommern“ hatte sich – vom Besucher nachprüfbar – am 8. Juli in das „Fremdenbuch der Herzoglichen Bibliothek“ zu Weimar eingetragen. Indessen war Goethe im Nachbarstädtchen Jena, in dem er insgesamt fünf Lebensjahre verbrachte. Beide trafen sich Tags darauf in der Saalestadt, waren Gäste auf der Geburtstagsfeier Johanna Schopenhauers. Einen Tag später weilten beide am Rande Jenas, in Drackendorf, bei der Familie Ziegesar.

Man beginnt zu ahnen, dass Weimar nach und nach zu einem Zentrum der Friedrich-Rezeption wurde: Der Künstler schickte im Herbst 1811 neun Gemälde nach Weimar. Am gleichen Ort fand 1824 eine ganze Ausstellung zum Werk C. D. Friedrichs statt. Welch ein Fundus zu Zeiten Carl Augusts und Goethes! Der heutige Ausstellungsbesucher konnte erfahren, warum die Weimarer Friedrich-Sammlung nunmehr weitaus schmaler ist. Zur Nazizeit gingen Gemälde und Zeichnungen an den Thüringer Gauleiter Sauckel, die er mehrfach für Hitler erwarb. Die Provenienzforschung, liest man im Katalog, konnte nicht alle Fragen klären. Die Autorschaft Friedrichs war nicht immer gesichert. Nicht alle Pläne Sauckels ließen sich verwirklichen. Eine in das thüringische Schwarzburg ausgelagerte Bildersammlung wurde im Juni 1945 von der amerikanischen Armee entdeckt, geplündert und in die USA verbracht. Darunter waren Werke von Albrecht Dürer, Lucas Cranach d. Ä. und das schon erwähnte Gemälde „Rügenlandschaft mit Regenbogen“ von Caspar David Friedrich. In New York findet im Übrigen – im Frühjahr 2025 – die letzte Friedrich-Ausstellung zum 250. Geburtstag des Malers statt.


Caspar David Friedrich: Huttens Grab (1823/24) / Klassikstiftung Weimar. Foto: Wikimedia Commons

Zwischen Goethe und Friedrich gab es gegenseitige Bewunderung, hier und da Differenzen, auch politische. Während sich Goethe 1808 mit Napoleon traf, vertrat der Maler eher eine antifranzösische Position. Im Jahr der Völkerschlacht (1813) traf Goethe in Dresden erneut Friedrich, auch aber Ernst Moritz Arndt. Friedrich galt gewiss nicht als ein politischer Künstler. Das 1823/24 entstandene Gemälde „Huttens Grab“, das der Großherzog Carl August um 1828 mit großer Wahrscheinlichkeit erworben hatte, war jüngst in Weimar zu sehen. Kaum noch erkennbar hatte Friedrich auf den Sarkophag Namenszüge markiert. Restauratoren haben diese erst jüngst entziffert: „HUTTEN – Jahn1813 Arndt 1813 Stein 1813.“ Ohne plakativ zu sein, sah der Maler die führenden Männer der Befreiungskriege in der Tradition des Humanisten und Rebellen Ulrich von Hutten, den auch Carl August verehrte.

Goethe bewunderte die „technische Perfektion von Friedrichs Arbeiten, insbesondere seiner Zeichnungen“, schreibt Christoph Orth, einer der Kuratoren der Ausstellung, durch die er auch den Schreiber dieser Zeilen geführt hat. Bildinhalte und Motive in einigen Gemälden Friedrichs befremdeten Goethe. Gemeinsam mit J. M. Meyer, dem „Kunstmeyer“, formuliert er 1817 in der Schrift „Neudeutsche religiös-patriotische Kunst“: „Düstere Religionsallegorien“ habe Friedrich „anmutiger und schöner Darstellung“ gegenübergestellt. Nach Friedrichs Aufenthalt in Jena (1811) erinnert sich K. L. von Knebel, Goethes „Urfreund“: „Goethe preist Friedrichs Talent, aber beklagt, daß er damit auf irrem Wege ginge.“

Goethes Plan, C. D. Friedrich in sein Projekt der „Wolkenstudien“ einzubinden, scheiterte. Der Naturwissenschaftler Goethe wandte sich im Juli 1816 nicht direkt an Friedrich, sondern er schickte die mit Jena verbundene Malerin Louise Seidler vor. Zum „wissenschaftl. Gebrauche“ bittet Goethe um Wolkenbilder und verweist – wenig diplomatisch – auf englische Quellen, die Friedrich helfen könnten. Der Maler sagt weder zu, noch ab. Luise Seidler lässt Goethe drei Monate später wissen, dass Friedrich indessen „eingedorrt u. etwas steinern“ geworden sei. Von der Malerin erfährt Goethe, dass Friedrich für diese Studien „eine jahrelange Beobachtung“ benötigen würde. Und so konnte der heutige Besucher in einer abgedunkelten Ecke einige Wolkenstudien Goethes betrachten, die gewiss nicht zu den besten seiner zeichnerischen Arbeiten gehören.


„Wolkenbilder“ Caspar David Friedrichs: links „Morgennebel im Gebirge“ (1808) / Gemäldegalerie Schloss Heidecksburg Rudolstadt. F.: W. Brauer (2019); rechts „Ziehende Wolken“ (Ausschnitt, um 1820) / Hamburger Kunsthalle. F.: W. Brauer (2024)

In Goethes Arbeitszimmer, war in der Ausstellung zu erfahren, hängen Bilder der oben genannten Maler der Romantik. Ein Werk von Caspar David Friedrich findet sich dort nicht …

Schon am Vorabend der Ausstellungseröffnung, am 21. November 2024, war in der „Thüringischen Landeszeitung“ zu lesen: „So feiert sich Weimar und die Goethezeit – im Lichte Caspar David Friedrichs.“

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