von Frank-Rainer Schurich
Es ist wohl eine Binsenweisheit, dass dichterische Kraft einer genauen Kenntnis der Zeitumstände entspringt. Was will der Dichter? Das bestehende Bild von der Wirklichkeit überschreiten, Neues in ihr sehen und erkennen, auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam machen und, falls erforderlich, die Leser wachrütteln.
Die Meistererzählung „Die Affäre Crainquebille“ von Anatole France (1844-1924), eigentlich Anatole-Franҫois Thibault, aus dem Jahr 1901 ist ein solches Werk, das auch heute noch bewegt. „Selbst wenn France nichts anderes geschrieben hätte: die Gestalt dieses armen Straßenhändlers, der in die Fänge der Klassenjustiz gerät und ihr wehrloses Opfer wird“, schreibt der Romanist Manfred Naumann, „würde genügen, um ihrem Schöpfer einen bleibenden Platz in der Weltliteratur zu sichern.“

Anatole France (um 1900). Foto: Sammlung W. Brauer
Die Geschichte ist schnell erzählt: Der ambulante Gemüsehändler Jérome Crainquebille weilte mit seinem Karren in den Mittagsstunden eines 20. Oktober um die vorletzte Jahrhundertwende herum in der Rue Montmartre in Paris. Die Schustersfrau Bayard beeilte sich aus verschiedenen Gründen sehr wenig, vierzehn Sous für den Erwerb von drei Porreestangen aus ihrem Laden zu holen. Durch den so verlängerten Aufenthalt des Wagens von Crainquebille entstand allmählich ein Stau. Der Polizist 64 forderte den Händler mehrfach auf, mit dem Wagen weiterzugehen, aber der Händler wollte schließlich auf sein Geld warten. Für den Polizisten wurden alle Erklärungen von Crainquebille letzten Endes Beleidigungen. „Und da jede Beleidigung“, heißt es in der Erzählung, „für ihn unweigerlich die überlieferte, genormte, rituelle und sozusagen liturgische Formel ‚Bulle verrecke!‘ annahm, bildeten sich die Worte des Delinquenten in seinem Ohr auf diese Art um.“ Crainquebille geriet in die Fänge der bürgerlichen Klassenjustiz und wurde zu 14 Tagen Gefängnis und 50 Francs Geldstrafe verurteilt. Wieder auf freiem Fuß, bemerkte er alsbald, dass einem Vorbestraften niemand mehr Gemüse abkauft. Er gab sich dem Alkohol hin. „Je weniger er einnahm, desto mehr Schnaps goss er in sich hinein.“ Schließlich war das Geld verbraucht und das soziale Aus besiegelt. „Die letzten Folgen“, die den achten Abschnitt der Novelle bilden, umfassen den Versuch, durch gezielte Beleidigungen eines Polizisten mit den Worten „Bulle verrecke!“ wieder in das saubere und warme Gefängnis zu gelangen.
Was hatte Crainquebille nun wirklich dem Polizisten 64 gesagt? „Wenn ich Ihnen doch sage, dass ich man bloß auf mein Geld warte! Warum muss ich auch so ein Pech haben! Was ist das für ein Jammer! Gott, o Gott, o Gott!“
Ein alter Herr in Schwarz mit einem Zylinder wollte am Ort des Ereignisses dem Polizisten 64 erklären, dass er sich verhört habe. Der Zeuge wurde zurechtgewiesen, „allerdings nicht drohend, weil er es mit einem gutgekleideten Herrn zu tun hatte“. Der ältere Herr ließ sich jedoch nicht abweisen, versuchte ruhig, das Missverständnis aufzuklären, erklärte später vor einem Kommissar, dass Crainquebille den Beamten nicht beleidigt habe. Dabei gab er Namen und Stand an: Doktor David Matthieu, Chefarzt am Ambroise-Paré-Krankenhaus, Offizier der Ehrenlegion. Vor Gericht wiederholte Dr. Matthieu seine Aussage, aber sie wurde nicht zur Grundlage des Urteils gemacht. Wie das eben auch heute gemacht wird …
Anatole France führt uns den tief verwurzelten und durch die Justiz gut nutzbaren Erkenntnis- und Aussagepessimismus in Gestalt des Kupferstechers Jean Lermite vor Augen, der durch Zufall in den Justizpalast gekommen war und nun analysierte, was er im Fall Crainquebille gehört und gesehen hatte. Die Quintessenz seiner Überlegungen lautet: Wir alle täuschen uns alle Augenblicke. Zahllos sind die Anlässe zu Irrtümern. Die Sinneswahrnehmungen und die Urteile des Verstandes sind Täuschungsquellen und Ursachen der Unsicherheit. Dem Zeugnis eines Menschen ist nicht zu trauen.
Nach Auffassung des Prozessbeobachters Lermite ist die Methode, die Tatsachen kritisch zu prüfen, mit einer guten Rechtsprechung nicht zu vereinbaren. Die Anwendung einer solchen Methode führe dazu, dass die Urteile der Gerichte vom persönlichen Scharfsinn der Richter, der oft gering ist, und von der ewig währenden menschlichen Unsicherheit abhängen.
Anatole France offeriert durch seinen Kupferstecher Lermite eine wesentliche Methode der Urteilsfindung durch die Justiz: „Der echte Richter wägt die Zeugenaussagen nach dem Gewicht der Waffen.“ Wie das gemeint ist, wird zuvor so beschrieben: „Dem Zeugnis eines Menschen ist nicht zu trauen … Hingegen darf man einer Nummer trauen. Bastian Matra aus Cintomonte ist fehlbar; aber Polizist Nr. 64, sieht man von seinem Menschentum ab, täuscht sich nicht. Er ist eine Wesenheit. Eine Wesenheit ist frei von dem, was den Menschen ausmacht und ihn verwirrt, verdirbt, missbraucht. Sie ist rein, unabänderlich und unvermischt. Daher hat das Gericht nicht gezögert, die Aussage des Doktor Matthieu, der nur Mensch ist, abzulehnen und die des Polizisten Nr. 64 zuzulassen, da er eine reine Idee ist und wie ein Strahl des Göttlichen auf die Schranke des Gerichts gefallen zu sein scheint.“
Anatole France schreibt ironisch, dass man wohl darauf verzichten kann, alles zu wissen, aber man kann nicht darauf verzichten, Recht zu sprechen. Und wenn man in der bürgerlichen Gesellschaft schon Recht sprechen muss, so kann es sich nur um das Recht der herrschenden Minderheit handeln. Und das ist in ausgewählten Strafsachen nur durchzusetzen, wenn man die objektive Wahrheitsfeststellung vernachlässigt, die Paragrafen „schöpferisch“ auslegt und nicht genehme Zeugen abgelehnt werden können. Was sagt der Dichter treffend über diese Richter? „Wer den richterlichen Entscheidungen die methodische Tatsachenerforschung zugrunde legen wollte, wäre ein gefährlicher Sophist und ein heimtückischer Feind der bürgerlichen und militärischen Rechtspflege.“
Anatole France entwickelte sich in den 1890er Jahren vor allem unter dem Einfluss der Dreyfus-Affäre und an der Seite seines engen Freundes Jean Jaurès, der die Sozialisten anführte, vom insbesondere philosophisch orientierten, mehr passiven Kritiker der gesellschaftlichen Verhältnisse zum kämpferischen Humanisten, der sich aktiv für die Beseitigung der Missstände der Dritten Republik einsetzte.

Émile Zola (1895). Foto: Félix Nadar / 13. Januar 1895: Degradierung von Alfred Dreyfus. Fotos: Wikimedia commons
Im gewissen Sinne ist diese bittere Satire auf die bürgerliche Justizmaschinerie als Hüterin ihrer Ordnung, ihrer Gerechtigkeit, die nur durch das Sanktionieren von Ungerechtigkeiten bestehen kann, eine Fortsetzung von Emile Zolas „J‘ accuse!“ aus dem Jahr 1898. Zola hatte mit seinem Brief an den Präsidenten der Republik die Machenschaften der bürgerlichen Strafjustiz im Dreyfus-Fall schonungslos angeprangert und gefordert, dass der „Gerichtsirrtum“ Justizverbrechen genannt und Dreyfus freigesprochen wird. Der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus, Mitarbeiter im französischen Generalstab, wurde ein Opfer des bürgerlichen Unterdrückungsapparates in der Realität. Crainquebille als literarische Figur wurde unschuldig verurteilt und damit sozial vernichtet, weil die Allmacht des Staates in Gestalt des Polizisten 64 unter allen Umständen unangetastet bleiben musste. Die kompromisslose Bloßstellung der immer enger werdenden Grenzen bürgerlicher Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Demokratie ist es, die uns noch heute diese Geschichte so lesenswert macht.
Die politische Justiz war schon immer eines der härtesten Machtdurchsetzungswerkzeuge der Herrschenden – in allen Gesellschaften. Auch unser ach so freies neues Großdeutschland kennt deren Fälle zuhauf, die verpartnerten europäischen Staaten dergleichen. Niemand muss dach RU oder CHN schauen.