Der Karl-Marx-Städter Theaterbrand nach der „Tinka“-Generalprobe im Mai 1976

von Ulrich Kaufmann

war denn soviel aufwand nötig?“
(Volker Braun)

Gegen zwei Uhr in der Früh des fünften Mai 1976 brach ein Brand im Karl-Marx-Städter Schauspielhaus aus. Das Bühnenhaus war vernichtet. Der Schaden wurde auf 500.000 DDR-Mark geschätzt:

„anruf hauswald, chefdramaturg karl-marx-stadt: schauspielhaus 2 uhr früh abgebrannt (nach der generalprobe).
ziller, meves, schmidt, hartingers, schirmer, heide [tenner]. sie waren auf dem weg zur TINKA-premiere. kultur- und verkehrsminister vereinbarten eine hermetische durchsage auf dem ostbahnhof: reisende, die wegen einer veranstaltung nach karl-marx-stadt wollen, bitten wir die fahrt nicht anzutreten. – in unserer küche geht (: der kuba-rum) das porzellan zu bruch.“
(unveröffentlichtes Notat Volker Brauns vom 5. Mai 1976))

Nicht wenig spricht dafür, dass der Brand politisch gewollt war. Schon am nächsten Tag lag den führenden Genossen im Berliner Politbüro ein Lagebericht des Ministeriums für Staatssicherheit vor. Die Stasi erweckt den Eindruck, als habe sie alles im Griff: Kein Mensch erlitt Verletzungen, 150 Bürger des Altenheimes nebenan seien evakuiert worden. „Experten“ gingen sofort von einem technischen Versagen aus. Geräte, die stets funktionierten und frisch gewartet waren, hätten überraschend versagt. Mehrfach ist von einem „Blitzgerät“ die Rede, das für die Inszenierung des Schauspiels „Tinka“ vorgesehen war. Der Autor des Stückes war 1976 tagelang auf den Proben, die am 31. März begonnen hatten. An ein solches „Blitzgerät“ kann er sich nicht erinnern.

Das Schriftstück der Staatssicherheit vom 6. Mai 1976 ist hier im Anhang zu lesen. Am Ende steht ein verräterischer Satz: „Es ist vorgesehen, nach dem IX. Parteitag den Spielbetrieb in Ausweichräumen, u. a. auch im Opernhaus Karl-Marx-Stadt, mit dem Stück ,Tinka‘ wieder aufzunehmen.“


Erstausgabe, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft,
Berlin 1975. Sammlung W. Brauer

„Es ist vorgesehen“ kann ja wohl nur heißen, das Ministerium für Staatssicherheit „sieht vor“. Nur die Stasi legt fest, dass TINKA nicht vor, nicht während, sondern nach dem IX. Parteitag der SED (18.-22. Mai 1976) aufgeführt werden soll. Zwischen den Zeilen wird so deutlich, dass der – vermeintlich durch ein technisches Versagen ausgelöste – Brand mit der Brisanz des Braunschen Stückes und der engagierten Regiearbeit zusammenhängt. In das Umfeld eines Parteitages, der in der Regel zu großen Teilen eine Selbstfeier war, passte ein kritischen Theaterstück nach Meinung der Obrigkeit nicht. Eine Debatte darüber sollte während der Berliner „Feiertage“ verhindert werden. Die Premiere des dritten Stücks von Volker Braun in der sächsischen „Provinz“ war zunächst abgewürgt. Am 29. Mai fand die Uraufführung des Dramas in der Regie von Hartwig Albiro und Irmgard Lange dennoch statt – in der Karl-Marx-Städter Stadthalle. In der Fachliteratur wird als Premieren-Ort noch immer fälschlicherweise das durch den Brand zerstörte „Schauspielhaus“ angegeben. Fortan hatte das Karl-Marx-Städter Sprechtheater keine feste Spielstätte mehr. Erst 1980 wurde das Schauspielhaus wieder eröffnet. Volker Braun erlebte die Premiere, die er in seinem bislang ungedruckten Tagebuch „Das nachgetragene Jahr“ (1976) unerwähnt lässt, nicht. Eine längst geplante Reise nach Italien hielt ihn davon ab, erneut nach Karl-Marx-Stadt zu fahren.

Es kam in der DDR nicht selten vor, dass man kritische Theaterstücke erst einmal in der „Provinz“ testete, bevor man sie in Berlin aufführen durfte. Im Falle des „Tinka“-Stücks war dies anders. Kaum bekannt ist, dass am Berliner Deutschen Theater, dem ersten Haus des Landes, ein Inszenierungsteam bis zum halben Durchlauf an Brauns Stück gearbeitet hatte. Deutlich zeigte sich, dass der Intendant mehr und mehr von diesem „Experiment“ (Braun) abgerückt war. In seiner „Erklärung nach dem Abbruch der ,Tinka‘-Proben am 7. Februar 1975“ spricht Volker Braun von einem „administrativen Sperrfeuer“, „indem ein Sekretär der Bezirksleitung mitten im Probenprozeß seine Auffassung ultimativ der ganzen Arbeit entgegensetzte und, schließlich, die Arbeit abzubrechen, eh sich die Leitung geschweige denn das Ensemble über die Sinnlosigkeit einig ist…“ In der „Erklärung“ hatte sich Braun – als Mitarbeiter des Hauses und als Autor – gleich zu Beginn bei seinen Kollegen bedankt. Abschließend bringt er zum Ausdruck, dass sein Stück nicht gegen sein Land, sondern für die DDR geschrieben worden sei. Den Parteisekretär aus seinem Stück zitierend, heißt es: „Wir wissen, was wir von uns zu halten haben, und von dem Land: es ist das beste, oder kennst du ein beßres? Nein.“

Tage später hat sich Braun persönlich bei Kurt Hager beschwert. Ihm wurde zugesagt, dass „Tinka“ in Karl-Marx-Stadt aufgeführt werden darf. Dieses Gespräch hielt Braun in seinem Gedicht „Empfang“ (erschienen 1979) fest.

Welche Geschichte erzählt uns Volker Braun in dem Stück, das schon 1972 / 1973 entstanden war?

Nach einem mehrjährigen Studium kehrt Tinka als nunmehrige Ingenieurin in ihren Betrieb zurück. Sie ist überrascht und enttäuscht, dass das Werk auf die geplante Automatisierung, für die sie ausgebildet worden war, verzichtet hatte. Ihr Geliebter, der technische Leiter Brenner, sowie der Parteisekretär Ludwig – Figuren ohne Vornamen – haben diese Entscheidung hingenommen oder versucht, den Beschluss zu umgehen. Nach und nach wird die Protagonistin zur Interessenvertreterin der Arbeiter. Brenners Taktieren ärgert Tinka zunehmend. Ihre Liebe droht zu zerbrechen. Brenner findet eine andere Frau, die er zu heiraten gedenkt. Bei der Hochzeitsfeier kommt es zum Eklat. Tinka fragt Brenner öffentlich, ob er sie noch liebe. Er nimmt in seiner Verzweiflung eine Bierflasche und erschlägt sie. (Im Band vier seiner Werkausgabe bietet Braun den Theatern auch zwei sanftere Schlussvarianten an.)

Im Umfeld des „Tinka“-Stückes wurde des Öfteren ein Vers aus dem Gedicht „Gestalten der Liebe“ zitiert. Er steht im Schauspiel selbst, da er Brauns Anliegen auf den Punkt bringt: „Die Tür zur Geliebten bewegt sich in den Angeln der Welt.“ Geschrieben hat den Vers der Dichter Georg Maurer, einer der Mentoren Volker Brauns.

An seinem 37. Geburtstag, am 7.Mai 1976, drängte es Volker Braun gleich zweimal an den Schreibtisch: „albiro sagt, ich hätte hauswald, nach sekunden stille, geantwortet: war denn soviel aufwand nötig?

gestern versammlung des ensembles in den rauchschwarzen trümmern. bühnenboden durch schwelbrand zerstört, der zuschauerraum vom löschwasser verwüstet. ,die schweine, jetzt haben sies doch geschafft.‘ dagmar jaeger (tinka) habe mit den tränen gekämpft. ohnmächtiger zorn. – noch nie seien seine proben so kontrolliert worden, er habe zb die empfehlung erhalten, den satz mit den juden zu streichen. „hörfehler eines spitzels, gemeint war die stelle: wir sind mehr die erben newtons als die von marx.“

Dem obigen Notat folgt an Brauns Ehrentag ein böses, bislang unveröffentlichtes Gedicht:

AUTORKOMMENTAR

entweder truppen, ziehnd ins bruderland
aus den wäldern zu der welt bühne:
verändernd allen spielplan in den völkern.
oder das gastspiel, kaum der vorhang hochgeht
vor dem unbeschönigten sand, der pfeifenden
dummköpfe! die sind zu blöd zum hinsehn
zerfetzen sich aufs stichwort vom soufflieramt
und das vor publikum. oder was weiß ich
hintern kulissen ist das spiel gelaufen
und wir ins messer, weil der chef zu feig ist
das auf den kopf zu sagen, was ihn seinen
meint er, kostet. oder das haus brennt weg
vor der premiere abends schwarz die wände
laden aus, die gäste in der asche
stochernd nach skandal. das spiel des zufalls
oder der sta-
sind das umstände.
beiseite:

abgekartetes spiel.

spiel ich noch mit. ich narr in meinem text.
die bretter, wie, die meinen sarg bedeuten

Wer das Gedicht genau liest wird am Ende, im abgebrochenen 5. Vers von unten, sehen können, wo der lyrische Sprecher – hier auch der Dichter – die Verursacher für den einzigartigen Theaterskandal sieht.

Nach über 20 Jahren dachte Volker Braun erneut an sein frühes Schauspiel. Dabei hinterlässt er dem Leser eine Denkaufgabe: Könnte es sein, dass er dieses Stück nicht zu seinen „bleibenden“ Arbeiten zählt? „Über ,Tinka‘ , das ich ganz vergaß, […] sollen hier nicht mehr als drei Zeilen verloren werden: ‚es hätte, als das karlmarxstädter Haus nach der Generalprobe, aus welchem Grunde immer, ausbrannte, mit verbrennen dürfen, aus dem einen Grund, daß es’“

Das Schauspiel wurde 1975 erstmals in der DDR gedruckt, im Berliner Henschelverlag. In Potsdam und 1985 in Weimar (mit Aufführungen in Jena) und anderswo gab es weitere Inszenierungen. Reichlich sechs Jahre nach der zunächst verhinderten Uraufführung kam es in Berlin, der Stadt der vielen Bühnen, im Theaterhaus Brechts zur Aufführung des „Tinka“-Stückes.

Am vierten Dezember 1982 klebte Braun in sein Arbeitsbuch I, „Werktage 1977-1989“, eine kleine Zeitungsnotiz – ohne Datum, ohne Quelle:

„Premiere – Premiere
Zuschauer zufrieden

Berlin. Darauf hat man lange warten müssen an diesem Theater – auf einen so guten, sinnerfüllten Schauspielerabend. Der einhellige Schlußbeifall nach der gestrigen ,Tinka‘- Premiere im Berliner Ensemble ging zu Recht an alle Beteiligten einschließlich Autor Volker Braun und Regisseur Konrad Zschiedrich, vor allem aber Hauptdarstellerin Angelika Perdelwitz.“

Volker Brauns Eindruck war ein völlig anderer. Seinem Tagebuch vertraut er an. „TINKA am berliner ensemble. Nicht gut. Rede nach der generalprobe ernst mit dem ensemble; gehe mit angelika perdelwitz noch einmal die monologe durch, die sie als ansprachen bringt. Diese figur darf nicht agitieren, sie muß sachte satz für satz finden.“ Am 29. Dezember 1982 meldete sich Brauns Dramatiker-Kollege Rainer Kerndl im „Neuen Deutschland“ zu Wort. Schon im Titel drückt der Theaterkritiker seine Distanz aus: „Fabel und Figuren sichtlich überfordert.“

Im europäischen Kulturstadt-Jahr 2025 könnte man sich in Chemnitz daran erinnern, welchen Mut und welches Engagement das Karl-Marx-Städter Theaterteam um Hartwig Albiro im Jahre 1976 aufbrachte, um Volker Brauns unbequemes Stück auf die Bretter zu bringen. Albiro hat in den Wochen des Umbruchs 1989 in Karl-Marx-Stadt eine gewichtige Rolle gespielt.

***

Anhang

Brand im Schauspielhaus Karl-Marx-Stadt 6. Mai 1976

Information Nr. 351/76 über den Brand im Schauspielhaus Karl-Marx-Stadt am 5. Mai 1976

Serie: Informationen.
Verteiler: Honecker, Sindermann, Mittag, Hager, (Hans-Joachim) Hoffmann – : MfS: Mittig, HA IX, Ablage

Am 5. Mai 1976, gegen 1.40 Uhr brach im Schauspielhaus in Karl-Marx-Stadt ein Brand aus, durch den das Bühnenhaus des Theaters zerstört wurde. Nach vorläufigen Einschätzungen entstand dadurch ein Sachschaden von ca. 500 000 Mark. Personen kamen nicht zu Schaden.

Aus dem in unmittelbarer Nähe befindlichen Altersheim wurden 150 Insassen für ca. zwei Stunden in einen Seitenflügel des Heimes umquartiert.

Die durch das im Zusammenwirken mit Experten eingeleiteten Untersuchungen ergaben bisher Folgendes:

Als Brandausbruchsstelle konnte zweifelsfrei der sogenannte Stellwerksraum ermittelt werden. (Dieser Raum befindet sich unterhalb des vorderen Teils der Bühne, von ihm aus werden sämtliche Beleuchtungsaggregate über ein Steuerpult geregelt.) In diesem Raum befand sich seit den Nachmittagsstunden des 4. Mai 1976 ein ohne Beaufsichtigung an das Stromnetz angeschlossenes Ladegerät für ein Blitzlichtgerät (Minigerät für Fotoaufnahmen), durch welches der Brand verursacht wurde.

Das Ladegerät war durch einen Beleuchter zum Aufladen der Batterie an das Stromnetz angeschlossen worden. Dieser Beleuchter verließ mit Erlaubnis nach Beginn der Vorstellung gegen 19.30 Uhr das Theater, seitdem stand das Gerät ohne Aufsicht unter Spannung.

Das Gerät, das vom Opernhaus Karl-Marx-Stadt geliehen war, sollte laut Drehbuch bei der Premiere des Stückes »Tinka« auf der Bühne verwendet werden.

Das Gerät wird seit ca. vier Jahren betrieben und funktionierte bisher einwandfrei. Auch nach einer vor drei Monaten durchgeführten Reparatur gab es bei der weiteren Benutzung keine Beanstandungen.

Es ist vorgesehen, nach dem IX. Parteitag den Spielbetrieb in Ausweichräumen, u. a. auch im Opernhaus Karl-Marx-Stadt, mit dem Stück »Tinka« wieder aufzunehmen.

Die Untersuchungen werden fortgesetzt.

Quelle: BStU, MfS, ZAIG, 2624, Bl. 42–43 (8. Expl.). © Copyright by Stasi-Unterlagen-Archiv.

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