Am blutigen Tor der Neuzeit – Frührenaissance in Mitteldeutschland


Wenn konservativ denkende, aber sich gern modern gebende Kulturmanager Ausstellungen zu historischen Jubiläen konzipieren, sollte man auf die Fallstricke achten. Egal, ob es sich um die Berliner Mauer oder den 1500. Geburtstag einer norddeutschen Moorleiche handelt – vorsichtige Annäherung ist immer ratsam. Seit Längerem harrte ich mit skeptischer Neugier auf das Nahen der Jahre 2024/2025. Immerhin sind die mit dem größten – und auf ganzer Linie gescheiterten – Revolutionsversuch der deutschen Geschichte verbunden, dem Bauernkrieg. Das Land Sachsen-Anhalt, Kernland der Reformation und mit großer historischer Konsequenz gemeinsam mit Thüringen neben Franken und Schwaben wohl die Region mit dem gewichtigsten Bauernkriegserbe, veranstaltet derzeit seine dezentrale „Landesausstellung 2024/2025“ unter dem Titel „Gerechtigkeyt 1525“ mit „Teilprojekten“ im „Gedenkjahr Gerechtigkeyt. Thomas Müntzer & 500 Jahre Bauernkrieg“.


Lucas Cranach d. Ä.: Maria mit Kind und dem Johannesknaben. Ausschnitt (um 1512-1514); daneben ders.: Junge Mutter mit Kind (1525). Fotos: W. Brauer

Verquaster geht es nicht. So drückt man sich nur aus, wenn man seiner Sache irgendwie unsicher ist. Dabei ist die kulturpolitische Linie klar: „Die Landesausstellung knüpft an die reformatorische Tradition im Land an. Sie lädt dazu ein, nicht nur die Ereignisse des Bauernkriegs zu reflektieren, sondern auch die grundlegenden Werte und Ideale der Reformation zu würdigen und für unsere Zeit fruchtbar zu machen.“ Nachtijall, ick hör dir trappsen… Grinst da nicht der Luther hinter der Gerichtseiche wieder vor? Gut, das mit den Juden und der Antibauern-Schrift hätte er sein lassen können, meinen manche – aber hatte er mit seiner Warnung vor dem aufrührerischen Satan aus Allstedt, dem Müntzer, nicht recht behalten? Überhaupt, was sind die „grundlegenden Werte und Ideale der Reformation“? Noch heute sehen das die Nachfolgekirchen der Täufergemeinden anders als die Inhaber der theologischen Lehrstühle mit ihrem paradoxen Abhängigkeitsverhältnis von Kirchen und Staat.

Aber das führt vom Thema weg. Oder doch nicht? Sind da nicht noch im Mai 1525 vom Richtschwert einfach mal für erledigt erklärte Rechnungen offen und liegen wieder auf dem Tisch?

Vorsichtige zeitgenössische Schätzungen gingen von 100.000 getöteten Bauern aus. Angesichts der um 1500 im gesamten Reich (dazu gehörten auch Böhmen, die Niederlande, Österreich, die Schweiz, Teile Norditaliens) etwa 9,2 Millionen lebenden Menschen ein unerhörter Blutzoll. Die Verluste der Gegenseite dürften allenfalls im unteren dreistelligen Bereich liegen. Am Ende siegten die Fürsten auf ganzer Linie und bauten ihre Herrschaft aus – mit der Folge, dass sie knapp 100 Jahre später von niemandem gehindert aufeinander losgingen und am Ende Deutschland so ausgeblutet und „mehr, ja mehr als ganz verheeret“ (Andreas Gryphius) darniederlag wie niemals zuvor und niemals wieder danach in seiner Geschichte.

Im von der DDR als „Feudalmuseum“ eingerichteten Schloss Wernigerode gab es einen Saal, der dem Bauernkrieg gewidmet war. An der Wand erinnerte eine Aussage Alexander von Humboldts an die Auswirkungen der Niederlage der Bauern. Er soll sie „die größte Katastrophe in der deutschen Geschichte“ genannt haben. Ich suche die Quelle dieses Satzes seit vielen Jahren. Wenn er nicht von Humboldt selbst stammt, so ist er doch gut erfunden und passte zu ihm. Und der Satz stimmt. Diese Aussage ernst nehmend, kommt man zu dem Schluss, dass hinsichtlich der letzten 500 Jahre deutscher Geschichte eigentlich die Reset-Taste zu drücken wäre … Die Furcht vor den Konsequenzen solch Denkens bestimmt nach wie vor die offiziösen Annäherungsversuche an den Aufstand des „gemeinen Mannes“. Es waren weiß Gott nicht nur Bauern, die vor 500 Jahren zu den Waffen griffen. Gerade im mitteldeutschen Raum beteiligten sich massenweise Handwerksgesellen und Bergleute. Nicht nur die Reichsstadt Mühlhausen öffnete im Gefolge heftiger innerstädtischer Auseinandersetzungen den Aufständischen die Tore. Andere hielten sie verschlossen. Nicht auszudenken, wie die Sache ausgegangen wäre, hätten Erfurt und Halle oder gar Magdeburg mitgemischt.

Dass sich das Kunstmuseum Moritzburg in Halle am Sachsen-Anhaltischen Ausstellungsparcours beteiligt, ist geradezu genetisch bedingt. Natürlich sind es die beachtlichen Sammlungsbestände, mit denen die Ausstellung „Frührenaissance in Mitteldeutschland“ prominent bestückt ist. Es ist aber auch der genius loci: Die Moritzburg ist Zeugnis der 1479 erfolgten Unterwerfung der Stadt Halle durch den Magdeburger Erzbischof Ernst II. von Sachsen (1464-1513), Bruder des Kurfürsten von Sachsen. Sie war durchaus als Zwingburg gegen die Stadt gedacht. Den Bau der Residenz mussten die Pfänner, die Anteilseigner und Betreiber der Salzsiedeanlagen, bezahlen. Übrigens hatte die innerstädtische plebejische Opposition dem Erzbischof die Tore geöffnet. Übernommen und weiter ausgebaut, plus Anlage der Neuen Residenz plus eigene „Dom“-Kirche St. Mauritius, hatte die Immobilie dann der Nachfolger Ernsts, Albrecht II. von Brandenburg (1490-1545), der spätere Kardinal und Erzkanzler des Reiches, der wohl mächtigste Kirchenmann seiner Zeit.


Dieser Frau könnte man noch heute auf jedem Gemüsemarkt im Mitteldeutschen begegnen. Es ist aber die Heilige Margarethe (Leipziger Werkstatt um 1500/1510). Arbeiten wie Albrecht Dürers „Die vier Hexen“ (Die vier nackten Frauen, 1497) waren eher für den Privatgebrauch der Herren der Oberschicht bestimmt, informiert uns der Tafeltext in der Ausstellung. Fotos: W. Brauer

Die beiden Kirchenfürsten hatten mehrere Gemeinsamkeiten. Beide hätten nach kanonischem Recht überhaupt nicht ins Amt gelangen dürfen. Als Albrecht ohne jeglichen Studienabschluss 1513 mit 23 Jahren das Magdeburger Amt antrat, war er eigentlich zu jung. Ein Jahr später übernahm er noch das mit der Kurwürde verbundene Erzbistum Mainz. Dafür war ein gigantisches Bestechungsgeld an den Papst und die Kurie aufzubringen. Der gewiefte Albrecht hatte sich aber eine Möglichkeit gesichert, andere zur Kasse zu bitten. Der dafür ausgeschriebene Ablass gab Martin Luther den Anlass für seine „95 Thesen“, die Initialzündung der Reformation. Dass der eigentlich im Zölibat leben müssende Albrecht immer wieder einmal eine Geliebte hatte, mit der er eheähnlich zusammenlebte, regte offiziell schon niemanden mehr auf.

Für seine Domkirche in Halle gab er Simon Franck (um 1500-1546) 1524 einen Altar in Auftrag, auf dessen linker Seitentafel er sich selbst als Hl. Martin darstellen ließ – man erinnere sich: Martin teilte seinen Mantel mit einem Bedürftigen; und nun schaue man etwas genauer auf das mitleidige Tun von Martin in Albrechtscher Gestalt! Ein noch tolleres Stück ist der rechte Seitenflügel. Dargestellt ist die Heilige Ursula, die im Jahr 383 zusammen mit 11.000 sie begleitenden Jungfrauen auf einer Pilgerreise in Köln von den Hunnen getötet worden sein soll. Der Hunnen liebstes Mordwerkzeug waren Pfeil und Bogen – daher der Pfeil als Attribut der Heiligen. Meister Francks Ursula hält ihn aber allzu spielerisch, den Schaft geradezu liebkosend, in der Hand. Hockte da jetzt noch ein kleines Engelchen in den Blättern des Hintergrundbaumes, wüssten wir: das ist Cupidos Pfeil. Da ist aber kein Engelchen, aber mit großer Wahrscheinlichkeit malte Simon Franck ein Porträt von Leys Schütz, der Mätresse des Kardinals. Auch kein Engelchen. Der Pfeil richtet sich leicht nach links. Da steht Albrecht II. … in der Kunst jener Zeit ist nichts zufällig.


Simon Franck: Hl. Martin und Hl. Ursula. Altartafel für die Moritzkirche in Halle (1524). Fotos: W. Brauer

Das Kleid der Ursula, unübersehbar das Mieder und die Puffärmel des Wamses, erinnern verteufelt stark an Lucas Cranach d. Ä. (1473-1553). Auch das ist kein Zufall. Franck wurde wahrscheinlich in dessen Wittenberger Werkstatt ausgebildet und arbeitete einige Jahre dort. Cranach wiederum lieferte für die Moritzkirche des Kardinals Albrecht rund 140 Tafelbilder! Der Maler-Unternehmer kannte seinen Preis. Die Kunstgier des Kardinals und sein aufwändiger Lebensstil führten dazu, dass er völlig überschuldet 1541 Halle verließ und nach Aschaffenburg zog. Dort befinden sich heute – neben etlichen anderen Kunstwerken aus der Halleschen Residenz – auch die beiden zitierten Tafeln. Übrigens verstand es Albrecht, seine Schulden den protestantischen Landständen im Stift Magdeburg überzuhelfen. Die erhielten dafür das Recht auf freie Religionsausübung. Die Reformation im Magdeburgischen war also eine erkaufte Sache…

Aber jetzt haben wir Ernst II. beinahe aus den Augen verloren. Man muss auch aufpassen, dass man ihn in der Moritzburgausstellung nicht verpasst. Unbedingt den Hinweisen auf den ersten Ausstellungsabschnitt folgen! Der ist ebenso wie der zweite – im Nordwestturm der Burg befindliche – eine aufschlussreiche Schatzkammer. Gleich am Eingang findet sich der Dispens Papst Sixtus IV. für Ernst II. von Sachsen aus dem Jahr 1478, den der Papa, Kurfürst Ernst von Sachsen (1441-1486), für den Junior wegen dessen Übernahme der Administration des Erzstiftes Magdeburg in Rom einkaufte. Mit elf (!) Jahren war der Knabe 1475 auch für spätmittelalterliche Verhältnisse recht jung. Als Ernst dann 1479 auch noch das Bistum Halberstadt übernahm (eine kirchenrechtlich verbotene Ämterhäufung) musste der Kurfürst nochmals eine erhebliche Geldmenge nach Rom schaufeln. Der Halberstädter Coup war eine Folge der erwähnten Unterwerfung Halles. Anschließend knickte das stolze Magdeburg ein. Auch dazu werden eindrucksvolle Dokumente ausgestellt. Aufschlussreicher ist allerdings, dass Erzbischof Ernst den klerikalen Verhaltenscodex genauso ernst nahm wie später Kardinal Albrecht. Nur: Ernst musste dafür bezahlen: Wahrscheinlich schon 1499 erwischte ihn die gerade erst nach Europa importierte Syphillis („Ausdruck einer gewissen weltlichen Zugewandtheit“ schleimt noch 500 Jahre post festum einer der Katalogautoren). Um die wieder loszuwerden unternahm der Erzbischof 1505 eine Wallfahrt – natürlich in Begleitung des gesamten Hofstaates – nach St. Wolfgang im Salzkammergut. Der Heilige Wolfgang – Berufskollege Ernsts im 10. Jahrhundert in Regensburg – galt als Wunderheiler auch in Sachen „Wärzen“. Eine grandiose Geschäftsidee der Benediktiner. Auch Ernst brachte ein ansehnliches „Opfer“ dar. Viel genutzt hatte es ihm nichts. 1513 starb Ernst an der Lustseuche. Sein Grab im Magdeburger Dom – der Nürnberger Bildhauer und Messinggießer Peter Vischer d. Ä. (um 1455-1529) fertigte 1494/1495 eine der beeindruckendsten Grabtumben jener Zeit – ist bis heute unangetastet geblieben.


Franz Geringswald: Hl. Wolfgang (um 1510-1520). Foto: W. Brauer

Warum ich das so ausführlich erzähle? Einerseits nehmen die von ihnen – und dem Wittenberger sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen (1463-1525) – veranlassten bzw. gesammelten Kunstwerke den größten Raum der mit 250 Werken voluminösen Ausstellung ein. Kunstwissenschaftlich Interessierte erhalten einen auf seltene Weise möglichen, komprimierten Einblick in den Stilwandel von der Spätgotik zur Renaissance. Auch Lucas Cranach d. Ä. und Albrecht Dürer kamen nicht aus dem Nichts… Es sind weniger die „Ikonen“ der deutschen Renaissance-Kunst, die zu sehen sind. Der Moritzburg-Direktor Thomas Bauer-Friedrich beklagt im Katalog, dass „nicht jedes angefragte Werk reisen durfte“. Aber den Kuratoren gelang die Komposition einer Schau, die auch fachlich weniger gebildete Besucher angesichts ausgezeichneter Werke mit der Komplexität einer geografisch und zeitlich relativ begrenzt gehaltenen Kunst- und Kulturlandschaft konfrontiert, die einfach umwerfend wirkt.

Andererseits können wir mit diesen Kunstwerken nicht nur in die geistige Welt der Zeit um 1500 eindringen – zugegeben, es ist die Welt der Oberschichten, der Herrschenden, der Vermögenden … –: Wir begegnen den Leuten, mit denen Thomas Müntzer und die Bauern zu tun hatten, sehr unmittelbar. Da ist jener Friedrich der Weise, ein Machtpolitiker par excellence. Friedrich lehnte persönlich Gewalt gegen die aufständischen Bauern ab und meinte, man müsse ihre Forderungen erfüllen. Er starb aber zehn Tage vor der Schlacht bei Frankenhausen in Annaburg. Sein Bruder und Nachfolger Johann der Beständige (1468-1532), an ihn richtete Müntzer am 13. Juli 1524 auf Schloss Allstedt seine „Fürstenpredigt“, sah das anders. Von beiden sind beeindruckende Porträts aus der Hand Cranachs zu sehen.


Lucas Cranach d. Ä.: Kurfürst Friedrich III. von Sachsen, genannt der Weise (um 1513); daneben ders.: Kurfürst Johann der Beständige von Sachsen (1532/1533). Fotos: W. Brauer

Aber noch deutlicher als Cranach lassen uns der erwähnte Simon Franck und Hans Burgkmair d. Ä. (1473-1531) in die Psyche der Herren blicken. Von denen hatten die Bauern mitnichten „Gerechtigkeyt“ zu erwarten. Kurfürst Friedrichs Einstellung teilten nur sehr wenige seiner Standesgenossen.


Hans Burgkmair d. Ä.: Sigismund-Sebastian-Altar. Linker Seitenflügel innen – Hll. Eustachius und Valentin (1503). Foto: W. Brauer

Frührenaissance in Mitteldeutschland. Macht. Repräsentation. Frömmigkeit, Kunstmuseum Moritzburg Halle/Saale, Friedemann-Bach-Platz 5, 06108 Halle/Saale; noch bis zum 2. März 2025. Katalog im Verlag E. A. Seemann, Leipzig 2024, 35,00 Euro.

Hinweisen möchte ich auch auf das zweibändige Werk (Katalog und Essays) „Der Kardinal. Albrecht von Brandenburg. Renaissancefürst und Mäzen“ (Schnell + Steiner, Regensburg 2006) den die Stiftung Moritzburg anlässlich der Ausstellung zum 1200-jährigen Jubiläum der Stadt Halle/S. herausgegeben hat.

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