Von einem groben Bettler, groben Bauern und Klamottenterrorismus

In Berlin soll es mal wieder einem Denkmal an den Kragen, sprich an den Sockel gehen. Diesmal geht es um ein Monument, das kaum einer kennt – und wer es kennt, den interessiert es nicht sonderlich. Es steht am Rande eines gärtnerisch ziemlich misslungenen Entrées eines Parks in der Mitte Berlins: der Neuköllner Hasenheide. Hierher verirren sich nur Einheimische. Dabei fing, meinen unsere Patrioten, an diesem Orte Napoleons Untergang an! In der Hasenheide nämlich hatte Friedrich Ludwig Jahn 1811 den ersten preußischen Turnplatz eingerichtet. Für Knaben deutscher Abstammung, Juden natürlich ausgeschlossen. Der Sport an sich war Jahn egal. Für ihn war er Mittel der militärischen Körperertüchtigung und letztlich Vehikel politischer Konditionierung der jungen (männlichen) Generation „deutscher“ Abstammung. Wer sich wirklich einmal beim Lesen kopfschüttelnd gruseln möchte, dem empfehle ich Jahns Schrift „Deutsches Volksthum“ (1810).


Erdmann Encke: Denkmal Friedrich Ludwig Jahn in der Hasenheide (1872). Foto: W. Brauer/2014

1872 – der Körperertüchtiger zog 20 Jahre zuvor in Walhalla ein – schuf der Berliner Bildhauer Erdmann Encke, „sehr charaktervoll aufgefasst und mit gesundem Realismus durchgeführt“ (WIKIPEDIA), das ziemlich hässliche Hasenheide-Denkmal. Wenn es nach den Berliner Grünen, konkret nach deren feministischem Flügel, noch genauer nach deren Abgeordnetenhaus-Vizepräsidentin Bahar Haghanipour geht, soll das nun weg. Die Erziehungswissenschaftlerin erklärt auf ihrer Website, „dass sich der intersektionale Feminismus ein besonders wichtiges Anliegen, […] durch alle meine Themen“ ziehe. Daher die volle Breitseite auf den „Turnvater“. Seine „nationalistische, antisemitische und antifeministische Haltung wird oft verschwiegen“, meint Haghanipour. Nationalismus, na gut, geht noch. Antisemitismus, also da muss man schon auf den Kontext sehen … aber Antifeminismus, also, das geht gar nicht!


Erinnerungstafel am Jahndenkmal. Foto: W. Brauer/2014

Zugegeben, ich habe diesen Kerl auch nie besonders gemocht. Bahar Haghanipour und ihre Mitstreiterinnen ignorieren aber tapfer, dass seit 200 Jahren die von ihnen attackierten Positionen Jahns immer wieder zum Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen gerieten und mitnichten verschwiegen wurden und werden. Man muss eben auch die Dinge zur Kenntnis nehmen, die man nicht selber sagt. Manchen Politikern fällt das schwer. Jahn ist immer dann Thema, wenn es um die Metamorphose des Patriotismusses der Befreiungskriege in einen an Widerwärtigkeit kaum zu übertreffenden Nationalismus geht.

Heinrich Heine nennt Jahn einen „groben Bettler“. In seiner Schrift „Die Romantische Schule“ spricht er vom „idealische[n] Flegeltum, das Herr Jahn in System gebracht“ habe. Er meint eben diesen Nationalismus, als siamesischer Zwilling mit einem Antisemitismus verwachsen, der spätestens mit dem „Turnvater“ blutschnaubend den Weg Richtung Shoah eingeschlagen hatte. Jahn hat letztere nicht „programmiert“, aber er und einige andere seines Schlages säten fleißig die antisemitischen Drachenzähne, die 100 Jahre später austrieben. An Heines Einschätzung ist nicht zu rütteln, auch wenn selbst Linke immer wieder einmal eine Ehrenrettung versuchen. Weil der „Turnvater“ doch Verdienste um die deutsche Turnerbewegung hatte – und der Sport etwas Völkerverbindendes habe.

Eigentlich müsste ich begeistert der „Anti-Jahn-Initiative“ der Berliner Grünen applaudieren. Ich mache es nicht. Im Gegenteil. Wer das Neuköllner Denkmal hinterfragt, wird es anstößig finden – aber genau diese Anstöße braucht eine Gesellschaft, die immer noch nicht gegen eine Wiederholung der fürchterlichen Irrwege der eigenen Geschichte gefeit ist. Die Drachenzähne stecken noch im deutschen Mutterboden. Ein Denkmalsturz aber ist immer eine Disputverweigerung. Funktioniert hat das nie. Solche Geschichtspädagogisiererei geht immer nach hinten los. Da kann man noch so elegante argumentative Eiertänze hinlegen. Die Neuköllner Sportlerin Rosl Persson (1908-2010), die statt Jahn auf den Sockel soll, hat solchen Missbrauch nicht verdient.


Erinnerungstafeln am Jahndenkmal. Foto: W. Brauer/2014

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„’Die Zisterzienserinnen waren der größte Arbeitgeber der Stadt, sie durften Bier brauen und Wein keltern und haben Mädchen in der Haushaltsführung unterrichtet‘, zählt die Stadtführerin auf. Beim Bauernaufstand wurde das Kloster geschliffen, die Steine in der Stadt verbaut.“ So berichtete die Mitteldeutsche Zeitung am 10. März 2025 über einen frauengeschichtlichen Spaziergang durch die Ascherslebener Altstadt. Mit „Bauernaufstand“ ist der deutsche Bauernkrieg 1525/1526 gemeint. So kann man das Ereignis auch kleinreden. Böser allerdings ist der Unterton, die Sache mit dem „größten Arbeitgeber“. Wer auch nur ein wenig mit den Quellen vertraut ist weiß, dass die Klöster im Reich nicht zufällig eine Hauptzielscheibe des sozialen Unmutes waren. Gerade im Harzraum dominierten sie die wirtschaftlichen Strukturen und saugten das Land durch eine Fülle von Abgaben und anderen Lasten förmlich auf. Ihre Keller waren so wohl gefüllt, dass zum Beispiel die Plünderung des Klosters Walkenried den Bauern der Grafschaft Hohnstein im Mai 1525 das Leben rettete. Die Hohnsteiner waren so besoffen, dass sie das Gemetzel von Frankenhausen verpassten. Letztendlich, darüber wird gerne der Mantel des Verschweigens gedeckt, profitierten die Fürsten von der „Säkularisation“ der Klöster. Deren Grund- und sonstiger Besitz ging in der Regel an den Landesherrn. Im Ascherslebener Fall war das der Bischof von Halberstadt, 1525 der mächtigste Kirchenfürst des Reiches: Kardinal Albrecht II. von Brandenburg (1490-1545). Dank ihm rissen sich die Hohenzollern das Bistum unter den Nagel.


Ruine des Zisterzienserinnenklosters Mitte des 20. Jahrhunderts. Aus: 1200 Jahre Aschersleben – 753-1953. Sammlung W. Brauer

Nach der Niederlage der Bauern hatte der Rat ein „Entschuldigungsschreiben“ an den Kardinal verfasst. Der „verzieh“ der Stadt großmütig – aber verlangte dafür eine Buße von 6.000 Goldgulden, dazu 600 Gulden für das zerstörte Kloster und weitere 500 Gulden für den Klosterhof Winningen in der Nähe der Stadt. Übrigens verzichtete auch der Graf von Hohnstein auf „Körperstrafen“ und kassierte von seinen Bauern lieber Bußgelder. Die Zisterzienserinnen jedenfalls erhielten vom Bischof nichts, das Kloster wurde 1553 offiziell aufgelöst. Die Stadt profitierte dennoch von der Angelegenheit. Der Rat hatte die Bauern 1525 die Drecksarbeit machen lassen – und wurde so zwei Orden los (neben den Zisterzienserinnen noch die Franziskaner), die im städtischen Wirtschaftsleben eine lästige Konkurrenz waren. Aschersleben war kein Einzelfall.

Soweit die Geschichte. Man kann die nun bewerten, wie man will. Ärgerlich ist allerdings, wie im Jahr 500 nach der Niederlage der Bauern mit deren Aufbegehren wieder umgegangen wird. Aber wir leben in einer Umbruchszeit. Aufständiges ist im Dunstkreis der heute Herrschenden nicht sonderlich beliebt. Noch merkwürdiger berührt es aber, wenn ausgerechnet im Stammland der Reformation deren Ursuppe so ins Zwielicht gezogen wird. „Intersektional“ hätte die berichtende Journalistin eigentlich noch die Judenfeindschaft der Bauern erwähnen müssen. Die konnte sich allerdings nicht mehr austoben. Der wirklich „größte Arbeitgeber“ der Region, der Magdeburger Erzbischof Ernst II. von Sachsen (1464-1513) – er war auch Bischof von Halberstadt – hatte alle Juden aus dem Bereich seiner Bistümer schon Ende des 15. Jahrhunderts vertreiben lassen.

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Der eingangs erwähnte „Turnvater“ hat aktuell zumindest mit seiner Idee rigider Bekleidungsregeln für die Deutschen – „es müsse bei jeder angestellten Zusammenkunft, bei jedem Gelage und in der Kirche jedermann in der Volkstracht erscheinen“, forderte er (Deutsches Volkstum“) – Nachfolge gefunden. Die Berliner Zeitung erklärte am 5. März 2025 in einem ganzseitigen und bebilderten Beitrag Berlin-Touristen, was man beim Betreten Berliner Bodens anzuziehen habe und was nicht. „Authentisch angezogen“ werde man nämlich „auch in hippen Kiezen mit Geheimtipp-Restaurants sofort willkommen sein“. Liebe Gäste der Stadt! Keine Berlinerin, kein Berliner zieht sich „authentisch“ an. Mit Ausnahme der Redakteurinnen der zitierten Zeitung sicherlich. Wir schlüpfen in die Klamotten, die uns passen und die uns gefallen. Anlassgerecht. Zieht an, was ihr wollt. Ihr seid willkommen. Wenn jemand den Zeitungsrat ignoriert und dennoch Camp-David-Klamotten oder gar eine – igittigitt! – Michael-Kors-Tasche trägt, so mag das „die Berliner Fashion-Szene“ abschrecken. Dem Rest der Stadt ist das egal. Dem ist auch die „Berliner Fashion-Szene“ egal.


Jahns Turnplatz in der Hasenheide um 1811 / Abb. Sammlung W. Brauer

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