von Ulrich Kaufmann
I.
Wer heute das Storm-Museum in Heiligenstadt besucht, wird am Eingang des Heine-Zimmers eine gerahmte Originalhandschrift des Dichters Harald Gerlach (1940-2001) finden.

Harald Gerlach: Heine im Eichsfeld. Autograph im Literaturmuseum „Theodor Storm“ Heilbad Heiligenstadt
Die ehemalige Museumsleiterin Antonia Günther, die bis 1980 im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar tätig war, hatte den Poeten um diese Abschrift seines Heine-Gedichts gebeten. Günther war es auch, die nach der „Wende“ anregte, das Storm-Museum um ein Heine-Zimmer zu erweitern. Hier sollte an Heines Taufe vom 28. Juni 1825 erinnert werden. In der DDR gab es bekanntermaßen erhebliche Bemühungen um Heine. Die Taufe des 27-jährigen Göttinger Jura-Studenten Harry Heine in Heiligenstadt wurde indessen kaum erinnert. Heine, der in Göttingen als junger Dichter sehr bekannt war, kam über die Landesgrenze in das zu Preußen gehörende Heiligenstadt, um als gebürtiger Jude im katholisch geprägten Eichsfeld zum protestantischen Glauben zu konvertieren. Ferdinand Schlingensiepen hat die Heiligenstädter Kirchenakte zu Heine gründlich unter die Lupe genommen und diese überzeugend bewertet. Heines offiziellen Übertritt zum Christentum nennt er „die meist diskutierte“ Taufe der Neuzeit.“ Von Heines Schritt sollte möglichst niemand etwas erfahren, am wenigsten wohl der Onkel Salomon Heine, der das Studium finanzierte. Seit seiner Taufe in Heiligenstadt nannte sich der Dichter nicht mehr Harry, sondern Heinrich Heine.
Über die Gründe für Heines Konvertierung gibt es verschiedene Auffassungen. Die ältere Heine-Forschung, die wohl auch Gerlach in den achtziger Jahren als Quelle zur Verfügung stand, nahm an, dass Heine durch diesen Schritt seine Berufschancen verbessern wollte. Andere Forscher gingen davon aus, Heine habe danach gestrebt, als Dichter „in religiösen Fragen, durchaus ein bißchen geheimnisumwittert“ zu sein. Religionsgeschichtliche Darstellungen betonen hingegen, Heine habe es mit der Taufe durchaus ernst gemeint. Zumindest die Prüfung in christlicher Religion durch den Heiligenstädter Pfarrer Gottlob Christian Grimm (1771–1844) erwies sich für den auch christlich geprägten Vielleser Heine als keine wirkliche Hürde.
Das Verhältnis zwischen Prüfer und Prüfling muss fast freundschaftlich gewesen sein. Nach dem Examen, dem ein mehrtägiger Religionsunterricht in Heiligenstadt vorausging, und seiner Taufe wurde der angehende Doktor sogar zu der bevorstehenden Taufe der Kinder Grimms eingeladen. Heine schlug diese Offerte jedoch aus. Das christliche Examen und die Taufe fanden übrigens am 28. Juni 1825 nach 11.00 Uhr in den Privaträumen des Pfarrers in der Lindenallee statt. So vermerkt es auch Fritz Mende in seinem Buch „Heinrich Heine Chronik seines Lebens“. Gerlach, der (in den Verszeilen 14 und 15) vokalharmonisch vom „Harzer Barock“ spricht, ging wohl davon aus, dass sich die Taufe in einer Kirche abgespielt habe. Das Heiligenstädter Heine-Zimmer enthält heute eine Nachbildung des Taufbeckens.
II.
Der lyrische Text Heine im Eichsfeld ist, soweit ich sehe, Harald Gerlachs erste poetische Auseinandersetzung mit Heine. Gerlach lenkt mit seinem Gedicht, das er 1984 in seinen dritten Gedichtband Nachricht ans Grimmelshausen aufnahm, die Aufmerksamkeit des Lesers auf eine insgesamt zu wenig beachtete, aber bedeutsame Episode in Heines Leben. Vor allem wirft er unter den Bedingungen der DDR am Heineschen Beispiel die Frage auf, wie viel Anpassung an gesellschaftliche Zwänge nötig oder hinnehmbar ist, um sich als Dichter behaupten zu können. Dies ist für Gerlach der springende Punkt im Gedicht, den er in der letzten der drei Strophen thematisiert. Harald Gerlach zitiert, verkürzt und nicht gleich erkennbar, Heine selbst. Heinrich Heine, der den 28. Juni 1825,den Tag seiner Taufe in Heiligenstadt, niemals erwähnte, notierte 1830 einen „Einfall“, der sich erst im Nachlass fand: „Der Taufzettel ist das Entre Billet zur europäischen Kultur.“ Mancher Heine-Forscher hat diesen Satz ausgelegt, leider mitunter auf der Basis eines ungenauen Zitats. Aus „europäischer Kultur“ wurde „moderne Welt“ usw. Möglicherweise hat auch eine solche „ungenaue“ Quelle Harald Gerlach als Anregung gedient. Aber natürlich näherte sich Gerlach Heine nicht als Philologe, sondern er wollte an dessen Beispiel historische und aktuelle Konflikte poetisch erkunden.
Gerlach skizziert in dem dreigeteilten Erzählgedicht [transskribierter Text s.u.] Heines Fußweg ins Eichsfeld, den Aufenthalt in Heiligenstadt sowie abschließend den Auszug „aus der Enge […], fachwerkumstellt“ (Verse 16 / 17). Im Kontrast dazu stellt der Lyriker die Landschaft des Eichsfeldes – das Gedicht umrahmend – gleich doppelt als anheimelnd-lieblich dar, „mit Hügeln, sanft, Rundungen / wie bei Mädchen“ (Verse 2 / 3). Dieses Bild wird dem Epikureer Heine, der bei Gerlach nicht zufällig in „Pantalons“, der Kleidung der revolutionären Pariser Sansculotten, daherkommt, gerecht.
Aber der Zweck der Fußwanderung war ein religiöser. Hatte doch der historische Heine nicht nur ein Prüfungsgespräch über sich ergehen lassen müssen, sondern mit dem Übertritt zum Christentum war es erforderlich, sich auch einen unsträflichen Lebenswandel bescheinigen zu lassen. Die eigens befragten Göttinger Wirtsleute bestätigen Harry Heine „Dichtertalent“, nennen ihn „fleißig.“ Im Gegensatz zur lieblichen Landschaft des Eichsfeldes werden sowohl die Vorbehalte gegen das Judentum, unter denen auch Heine zu leiden hatte („Haut gegerbt“, „aussätzig noch“ in Strophe zwei), als auch seine Ankunft im Christentum von Gerlach kritisch bewertet: „niederknien“ (14), „‚Tribut entrichten“ (15), „Enge der Kirchgasse“ (17), „Freiheit als Mietskontrakt“ (19/20).
III.
Die „Wende“ 1989 ermöglichte auch Harald Gerlach neue Reise- und Arbeitsmöglichkeiten. Sie verschaffte gewissermaßen dem Dichter auch ein „Entre Billet zur europäischen Kultur“. Gerlach konnte Heine in Paris „besuchen“ und sich neuerlich mit ihm auseinandersetzen. Davon sprechen in seinem letzten Lyrikband Nirgends und zu keiner Stunde (1998) zunächst zwei weitere Gedichte über Heine: Avenue Matignom und Montmartre. Diese Titel spielen auf Heines letzte Wohnung (nahe dem Champs Elysees) und auf dessen Begräbnisstätte an. Das Gedicht Montmartre trügt die Widmung „Für Gerhard Höhn“. Höhn, ein bei Paris lebender Germanist und Verfasser des Heine-Handbuchs (1987), eines Standardwerks der Forschung, erinnert sich nach Gerlachs Tod im Jahre 2001: „Mit dem beiderseits hoch verehrten Heine fing alles an. Von der Pariser Begegnung im Zeichen dieses Dichters bleibt mir jetzt ein äußerst wertvolles Dokument: die Kassette des Gesprächs über Heine.“
Die Freundschaft zwischen dem Dichter und dem Wissenschaftler wuchs bei der gemeinsamen Projektarbeit an der umfangreichen CD-Rom Heinrich Heine. Zeit – Leben – Werk, die aus Anlass des 200. Geburtstages 1997 erschien. Basistext für diese Unternehmung, an der ein Team ein ganzes Jahr arbeitete, war der circa hundertseitige, noch ungedruckte Heine-Essay „Ich habe in die Tiefe der Dinge geschaut – Die vertrackten Wirklichkeiten des Dichters Heinrich Heine“ aus der Feder Harald Gerlachs. Sein beträchtlicher Anteil an diesem Vorhaben wird deutlich, wenn man bedenkt, dass er außerdem für die Konzeption, den Part zur Heine-Rezeption, die Lexikontexte, die Zeittafel und sogar für das Unterrichtsmodell verantwortlich zeichnete. Die Heine-CD hat übrigens eine Rubrik „Heine-Denkmäler“. Das von Werner Loewe geschaffene Denkmal, welches an Heines Besuch in Heiligenstadt 1825 erinnert, fehlt auf der CD-Rom, da es erst 1999 aufgestellt wurde.

Heilbad Heiligenstadt. Heinrich-Heine-Denkmal im Kurpark von Werner Loewe. Foto: Tnemtsoni (2014) / Wikimedia Commons
Im zweiten Kapitel seines Heine-Essays … der nie abzuwaschende Jude nutzt Gerlach nach über einem Jahrzehnt die Gelegenheit, auf Heines Heiligenstädter Übertritt zum Christentum vertiefend einzugehen. Die Konversion nennt Gerlach nunmehr eine „überraschende Aktion“, die „allenfalls in Andeutungen die vermutlich krisenhafte Auseinandersetzung Heines mit seinen enttäuschten Hoffnungen auf Integration“ widerspiegele. Mit dem „Entre Billet zur europäischen Kultur“ strebte Heine den „ungehinderten Zugang zur tonangehenden deutschen Geisteswelt“ an:
„Zu den Voraussetzungen für Heines Entschluss zählt zweifellos, dass im August 1822 die judenfreundlichen Bestimmungen des napoleonischen Edikts von 1812, wonach Juden öffentliche Ämter erlangen konnten, in Preußen aufgehoben wurden […]. Gleichzeitig signalisiert dieses Zugeständnis an die ideologische Intoleranz aber auch die innere Zerrissenheit des jungen Dichters, der wesentliche Voraussetzungen seines bisherigen Werdens seinem jüdischen Umfeld und seiner jüdischen Tradition zu danken hat. So ist es kein Wunder, dass der Konvertit schon nach wenigen Monaten erste Zweifel an der Richtigkeit seines Schrittes eingesteht, die im Laufe seiner Biographie zunehmen. Und die sich darin äußern, dass Heine immer größere Mühe hat, sich zu einem seiner Vornamen [Christian Johann Heinrich – U. K.] zu bekennen. Schließlich wird er seinen Verleger bitten, ihn nur noch als H. Heine auszuweisen. Die traumatische Vorstellung vom ,ewigen Juden‘ mystifiziert er von da an bis ans Ende seiner Biographie auf immer neue Weise; gnadenloser Selbsthaß und maßlose Selbstüberhebung haben da ihre Wurzeln.“
Harald Gerlach, dem man 1960, als er zwanzig Jahre alt war, ein Germanistikstudium verwehrte, hat sich so gründlich wie nur wenige Dichter des 20. Jahrhunderts dem reichen Erbe der deutschen Literatur verpflichtet gefühlt. Neben Heine hat er sich in Monographien auch mit Goethe und Schiller beschäftigt, in Novellen, Dramen und Erzählungen interessierten ihn vor allem Johann Peter Uz und immer wieder Johann Christian Günther. Erst 2010 wurden von Bettina Olbrich und Ulrich Kaufmann die zahlreichen Porträtgedichte Gerlachs gesammelt vorgestellt, in denen von Schiller, Lenz, Kleist, Hölderlin, Grabbe, van Hoddis, Matusche, Leising und vielen anderen die Rede ist: aber du der ich war – 100 Porträtgedichte aus drei Jahrhunderten.
Angela Drescher, die über Jahre Gerlachs Bücher im Aufbau-Verlag betreute, sagte im Juni 2001 am Grabe des Dichters im thüringischen Römhild: „Er muß bereits aufgewachsen sein im Gefühl von Verlusten: Verlust von heimatlicher Landschaft, heimatlicher Sprache, heimatlicher dörflicher Lebensweise. Solcherart Verluste sind kaum in der Realität auszugleichen, man kann ihnen begegnen durch die Suche nach Wahlverwandten im Geiste – das sind für ihn Dichter und Künstler gewesen, vornehmlich die, deren Leben so fragmentarisch wie ihr Werk blieb […].“
* * *
Harald Gerlach: Heine im Eichsfeld
Durch flaches Land, besetzt
mit Hügeln, sanft, Rundungen
wie bei Mädchen – in braunem Rock
und gelben Pantalons, grün
die Kappe, Waschleinwand der
Tornister: ein Bursche, vom Esel
im Galopp verloren. Und der war
beschnitten.
Heiligenstadt. Am Tor ein Geld
entrichten für die Hoffnung,
aus einer Haut zu kommen, die
von Palästina stammt und seit
achtzehnhundert Jahren gegerbt wird.
Niederknien, aussätzig noch, vor Harzer
Barock, Tribut entrichten, Einverständnis
zeigen, aufstehn als Konvertit. Ausziehn
aus der Enge der Kirchgasse, fachwerk-
umstellt: im Tornister das Entreebillet
zu einer Welt, die Freiheit meinen wird
als Mietskontrakt. Dies zwischen Hügeln,
sanft wie bei Mädchen.
Literaturhinweise:
Ferdinand Schlingensiepen: Heinrich Heines Taufe in Heiligenstadt, Heiligenstadt o. J.
Kondolenzschreiben von Dr. Gerhard Höhn. In: Letzte Ausfahrt: Römhild. Zum Tode Harald Gerlachs, hrsg. von Bettina Olbrich, Kranichfeld 2001.
Harald Gerlach: „Ach habe in die Tiefe der Dinge geschaut“ – Die vertrackten Wirklichkeiten des Dichters Heinrich Heine“. Ungedruckter Essay von 1997, entstanden für die Heine-CD-Rom.
Angela Drescher, „Keine Zukunft hat, wer ohne Vergangenheit kommt.“ In: Letzte Ausfahrt: Römhild, a.a.O.
Für die freundlicherweise erteilte Genehmigung zur Übernahme des Harald-Gerlach-Autographs danke ich Dr. Gideon Haut / Leiter des Literaturmuseums „Theodor Storm“ Heilbad Heiligenstadt. (W.B.)
Mario Kessler hat mich in Reaktion auf den Aufsatz Ulrich Kaufmanns „Heine im Eichsfeld“ auf seinen Essay über die aus Sicht vieler Betroffener gescheiterte jüdische Assimilation in Deutschland aufmerksam gemacht. Dazu kommen – sichtbar in den aktuellen Wahlergebnissen – Langzeitwirkungen der katastrophal verlaufenen Wiedervereinigung. Kessler zitiert Hans Mayer: „Das Prinzip Rückgabe vor Entschädigung und die konkurrenzbedingte Ausschaltung so vieler ostdeutscher Betriebe hätten einen ungeheuren ‚Bodensatz von Haß und Enttäuschung‘ entstehen lassen. Noch seien die Folgen nicht absehbar. ‚Aber wenn die Verelendung des Kleinbürgertums fortschreitet, dann werden wir bald keinen Grund mehr haben, uns über das Verschwinden der DDR zu freuen.’« Mayer sagte das 1993!!!!
Hier der Link zu Mario Kesslers schon 1997 geschriebenem Essay:
https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/77_Kessler.pdf?fbclid=IwY2xjawIvtjFleHRuA2FlbQIxMAABHXG6MBHnDRJe_i_-lAgq5tynEYxrI7VSFpl6MiV59Bgah1ZhOkBUnKJPBA_aem_rVdh2sdBf6SHB9HKLJxGCg
Ich denke, bei den aktuellen Antisemitismus-Ausbrüchen ist die Lage im Nahen Osten nur der Auslöser. Die Grundsuppe des Übels liegt tiefer.