von Wolfgang Brauer

Ringheiligtum Pömmelte. Foto: Wolfgang Brauer/2023
Jedesmal, wenn ich bislang in Pömmelte war, pfiff ein erbarmungslos kalter Wind über die Weiten der Börde. Kommt er von Nordwesten, wird selbst im Binnenland der Atlantik spürbar – bis zur Nordsee ist ab hier die Landschaft offen. Kommt er von Südwesten, wird es auch nicht besser. Die Stürme, die über den Brocken herabfegen, sind nicht angenehmer. Allerdings bleibt der Regen oft am Harz hängen. Die Magdeburger Börde ist eine der trockensten Gegenden Deutschlands. Und hat die sibirische Kältepeitsche erst einmal den Ural überwunden, stößt auch sie erst mit dem Harz auf das erste nennenswerte Hindernis. Diese Winde hatten aber auch Vorteile: Sie waren es, die nach dem Abschmelzen der Eiszeitgletscher den feinen Geschiebestaub ablagerten und so nach und nach den besten Ackerboden Deutschlands bildeten.
Unsere Vorfahren siedelten hier bereits vor 7500 Jahren, also weit über 2000 Jahre vor der Zeit, in der Ötzi über die Alpen zog. Die neolithischen Bandkeramiker wussten – anders als wir Heutigen – um den Wert des hiesigen Bodens. Dass die Steppenlandschaft kaum über nennenswerte Holzvorkommen verfügte, war kein Siedlungshemmnis. Über Elbe und Bode ließ sich das leicht heranschaffen. Und die Erde gibt hier noch einen weiteren Schatz frei: Salz. Bis heute zeugen viele Ortsnamen davon: Salzelmen, Salzmünde, Halle. „-hal“ ist das indoeuropäische Wort für Salz. Ein klimatisch unfreundliches, wiewohl mit Reichtümern gesegnetes Land.
Dazu kommt eine verkehrstopographisch extrem günstige Lage: Wer immer von den westlichen Küsten unseres Kontinents nach Osten will, muss hier durch. Umgekehrt auch… An den uralten Trassen orientierten sich die Verkehrswege des Mittelalters. Denen folgen im Wesentlichen heute unsere Autobahnen und Schienenstränge. Und am Nordrand des Harzes, am Rande der Börde, verlief die via regia, die Königsstraße, von Aachen nach Krakau und noch weiter nach Osten. Gekreuzt wird sie hier von der uralten Verkehrslinie der Elbe ins heutige Böhmische mit Anschluss an die Donau und den Balkan. Über diesen Weg erreichten die neolithischen Bauern aus dem Vorderen Orient unsere Gegend.
Und genaugenommen ist es vom heutigen Magdeburgischen über Havel und Spree nicht weit bis zur Oder und von dort in den Ostseeraum. Ein Handelsweg, über den schon in der Altsteinzeit, dem Paläolithikum, kostbarstes Flintmaterial Richtung Mittel- und Südeuropa gelangte. Feuerstein ist eben nicht gleich Feuerstein! Wer schon einmal versuchte, einen Faustkeil herzustellen, wird dies schmerzhaft erfahren haben. Später galt diese Trasse als eine der „Bernsteinstraßen“.
Wir haben also südlich von Magdeburg alle Ingredienzien für die Herausbildung eines nachhaltig wirkenden kulturellen Großraumes: eine sesshafte, vergleichsweise wohlhabende Bauernbevölkerung und einen Verkehrsknotenpunkt von europäischer Bedeutung. Natürlich brachte das Probleme mit sich. Boden hat – alle Immobilienspekulanten wissen das – eine unangenehme Eigenschaft: er ist begrenzt, er lässt sich nicht beliebig vermehren. Verdrängung ist da programmiert. Vor mehr als 7000 Jahren tauchen im Vorharzraum Verteidigungswälle auf. Die Archäologen stoßen immer wieder mal auf Massengräber mit bis zu 100 Toten, die zum gleichen Zeitpunkt gewaltsam ums Leben kamen…

Siedlungsgrabung Pömmelte (Ausschnitt). Foto: Wolfgang Brauer/2023
Ab 2300 v.u.Z. ändert sich das offenbar. Es muss zu einer Konzentration von Macht gekommen sein. Plötzlich kommt es zur Errichtung von – nur mit wenigen Ausnahmen erhaltenen – großen Hügelgräbern mit prächtigen Beigaben. Das Gold der hiesigen „Fürsten“ war immerhin noch 1945 begehrtes Beutegut und befindet sich heute teilweise im Moskauer Puschkin-Museum. Und es werden große kulturelle und rituelle Zentren errichtet.
Eines davon, wahrscheinlich im mitteleuropäischen Raum das größte und bedeutendste, befand sich in der Nähe von Schönebeck an der Elbe, südlich von Magdeburg: Pömmelte-Zackmünde. Es handelt sich um eine Kreisgrabenanlage, die in Mitteleuropa am Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit (von der Glockenbecherkultur zur hier gut 600 Jahre bestehenden Aunjetitzer Kultur) steht. Das ungleich bekanntere Stonehenge in Süd-England ist nur 200 Jahre älter und hat in etwa die gleichen Ausmaße und ähnliche Strukturen. Pömmelte wurde allerdings nicht aus den berühmten Sarsensteinen aufgerichtet, sondern war ein Holzbauwerk. Aber die Heranschaffung von tausenden Baumstämmen aus den gut 50 Kilometer entfernten Harzwäldern dürfte auch eine logistische Meisterleistung gewesen sein. Dazu kamen die nicht unbeträchtlichen Erdarbeiten. Das Ringheiligtum (115 Meter Gesamtdurchmesser – wie Stonehenge!) wird von einem gut einen Meter tiefen und zwei bis drei Meter breiten Graben umgeben, dem wiederum ein Wall vorgelagert war. Nach innen wurde der Graben von einer blickdichten Palisade umsäumt.

Innere Palisadenringe. Foto: Wolfgang Brauer/2023
Als Verteidigungswerk taugt das Ganze nicht. Auch die neben dem Heiligtum liegende Siedlung war nicht befestigt. Nach heutigem Wissensstand lebten dort gut 1000 Menschen dauerhaft. Aber die äußeren Bestandteile schützen einen Innenraum von gut 50 Meter Durchmesser vor jedem ungebetenen Blick. Und der diesen Raum umgebende Doppelpfostenkranz, der wahrscheinlich mit Deckbalken abgedeckt war – wie die Decksteine auf den Tragsteinen in Stonehenge –, bildete einen zusätzlichen visuellen und akustischen Schutz. Die Ähnlichkeiten sind nicht zufällig, es war dieselbe Glockenbecherkultur, deren Eliten einen intensiven Austausch pflegten. Die in dieser „Arena“ abgehaltenen Riten müssen eine betäubende optische und akustische Wirkung gehabt haben.

Der nordwestliche Eingang zur „Arena“. Foto: Wolfgang Brauer/2023
Die waren wohl Hauptzweck der Anlage. Ein „Observatorium“, wie die neolithische Anlage (4700 v.u.Z.) von Goseck bei Naumburg gern bezeichnet wird, war Pömmelte sicher nicht. Um herauszubekommen, wann es Zeit für die Aussaat und die Ernte ist, waren die spätneolithischen Bauern erfahren genug. Die vier Achsen, die in die Anlage führen, markieren die Mittvierteljahresfeste, also die Tage zwischen einer Tagundnachtgleiche und einer Sonnenwende. Das sind jahrtausendealte Festtagstermine, auf denen noch heute christliche Feiertage wie Allerheiligen und Mariä Lichtmess liegen. Welch eine Kontinuität!
Aber wozu das Ganze? Was sollte der Aufwand? Sicher braucht jede Gemeinschaft geregelte Feste und Begegnungsorte, um den inneren Zusammenhalt zu pflegen. Aber Pömmelte war offensichtlich mehr. Im Bereich des östlichen Kreisgrabens fand man ein gutes Dutzend Flachgräber mit „ordentlich“ bestatteten Männern im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Offensichtlich rituell beigesetzte (gefallene?) Krieger. Dass es innerhalb des Territoriums dieser großen Gemeinschaft (die Halleschen Archäologen sprechen inzwischen vom „Reich von Nebra“, hier kommt jetzt die Himmelsscheibe ins Spiel…) gut 400 (bis etwa 1600 v.u.Z.) Jahre keine Spuren von Krieg gab, heißt nicht, dass es am Rande, respektive außerhalb dieses Territoriums solches nicht gegeben hat. Die archäologischen Belege für die Existenz einer zahlenmäßig starken und sehr schlagkräftigen Kriegerkaste bei den Aunjetitzern sind überdeutlich. Das ist die eine Seite der rituellen Medaille des offensichtlich nachdrücklich ausgeübten Totenkultes.

„Kriegergrab“ (links) und Opferschacht (rechts) im äußeren Ringgraben. Foto: Wolfgang Brauer/2023
Die andere sind … Menschenopfer. Im Kreisgraben – hauptsächlich auf der westlichen Seite, der Seite der Nacht… – fand man 29 teils bis vier Meter tiefe Schachtgruben. Gefüllt mit Keramikscherben, Speiseresten, Tierknochen und menschlichen Skelettresten: von Kindern, Jugendlichen und Frauen. Diese Toten wurden nicht bestattet, sie wurden gleichsam entsorgt. Vorher noch auf teils entsetzliche Weise verstümmelt. Bei einigen muss man annehmen, dass ihr Sterben qualvoll war. Der Archäologe André Spatzier meint, dass die Indizien dafür sprächen, dass „die Frauen und Kinder Opfer von Gewalttaten waren“.
Aus der Kulturgeschichte wissen wir, dass die Praxis von Menschenopfern immer an der Wiege archaischer Staatswesen stand. Wer die Macht hat, Menschen für die Götter an den Opferaltar zu treiben, hat die Macht über das Leben an sich. Der hat es leicht – noch dazu mit militärischer Macht und der Verfügbarkeit über geheimes Wissen ausgestattet – auch über Gemeinschaften mit extremer sozialer Schichtung zu gebieten. Ist diese Macht über Generationen gefestigt, werden Menschenopfer überflüssig. Um 2050 v.u.Z. wurde das Ringheiligtum von Pömmelte-Zackmünde „außer Betrieb“ genommen. Die Bestandteile des Holzbauwerkes wurden mit einem grandiosen Scheiterhaufen im Zentrum der Anlage verbrannt. Die rituellen Aufgaben übernahm jetzt das ca. zwei Kilometer entfernte Ringheiligtum von Schönebeck (ab 2100 v.u.Z.), für das keine Menschenopfer mehr nachweisbar sind. Die „Fürsten von Nebra“ saßen für die nächsten Jahrhunderte fest im Sattel.

Rekonstruktionsversuch der Totenkultstätte im Ringheiligtum. Foto: Wolfgang Brauer/20223
Zu Menschenopfern und einer Wiederauflage der grausigen Pömmelter Schachtgruben kam es erst wieder mit dem Ende der Bronzezeit und dem Übergang zur Eisenzeit. Kelten und Germanen waren berüchtigt für diese Praktiken. Die 400 Jahre des „Reiches von Nebra“ von 2000 bis 1600 v.u.Z. gehörten offensichtlich zu den glücklicheren, friedlicheren Zeiten der Geschichte der Menschen Mitteleuropas. Ich halte es für sinnvoll, hier genauer hinzusehen.

Instrumente der Herrschaftssicherung: Stabdolche und Schaftbeile aus Bronze. Hortfund von Bresinchen/Landkreis Spree-Neiße (Archäologisches Landesmuseum Brandenburg). Mit der Einführung des Bronzeschwertes um 1600 v.u.Z. setzten die bis heute andauernden kriegerischen Zeiten ein. Foto: Wolfgang Brauer/2023
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Das Ringheiligtum wurde erst 1991 entdeckt. Nach Beendigung der Ausgrabungen wurde die Anlage rekonstruiert und ist seit 2016 ganzjährig täglich zugänglich. Einige Funde werden im Salzlandmuseum in Schönebeck/Elbe gezeigt.
Lieber Wolfgang,
danke, wieder einmal sehr interessant!
So oft ich auch schon in dieser Gegend war: Davon hab ich nie was mitbekommen. Ist nun vorgemerkt für einen Besuch.
Und die Frage nach Ursachen und Geschichte von Gewalttätigkeit und Destruktivität ist ja ohnehin hochaktuell.
Vielleicht kannst Du mal ein Buch herausbringen: Reisen und Recherchen im Osten Deutschlands …
Herzliche Grüße