Sie kommt künstlerisch aus dem Punk und tobte sich 1982 bis 1987 auch als Schlagzeugerin in der Westberliner alternativen Kultband und Performancegruppe „Die Tödliche Doris“ aus. Die Berlinische Galerie in der Alten Jakobstraße in Berlin-Kreuzberg widmet ihr derzeit eine umfangreiche Personalausstellung. Die Ausstellung selbst wird mit einer stringenten ästhetischen Strenge zelebriert, die so gar nichts vom wilden SO 36 an sich hat – für Nicht-Berliner: das war das Kreuzberg der „Kreuzberger Nächte“, das aber entschieden anarchischer, politischer, kreativer und rabiater daherkam, als es das berühmt-berüchtigte Sauflied vermuten lässt. Dieses Kreuzberg ist heute tot.

Käthe Kruse in der Berlinischen Galerie am 6. März 2025. Foto: W. Brauer
Und Käthe Kruse musste sich während der Presseführung vor der Ausstellungseröffnung von einem Kollegen die Frage gefallen lassen, wie denn das zusammenginge: ihre Herkunft vom chaotisch-zerstörerischen Punk und die strenge Ordnung dieser Schau. Kruse konterte, sie sei schon immer radikal und pingelig gewesen. Als Kind habe sie nie in ihren Malheften über die vorgezeichneten Linien hinausgekritzelt. Und tatsächlich: Wer tiefer einsteigt in die Geschichte dieser Künstler-Generation – West wie Ost übrigens! – wird feststellen, dass die sich in ihren kreativsten Persönlichkeiten weder in ihrem künstlerischen Tun noch in der tagtäglichen Lebenspraxis in die praktischen Schubladen heutigen Schwarz-Weiß-Denkens zwängen lässt.
Käthe Kruse dazu 2017 im Gespräch mit Marie Arleth Skov: „Wir wussten, dass wir ohne Feminismus nicht da wären, wo wir waren, [aber] es war uns wichtig, sexy zu sein. Wir wollten die Taille eng schnüren, wir wollten in High Heels über den besetzten Hinterhof laufen, auf der Baustelle, in der Nacht und auf Demos.“ Sie konnte nichts und machte alles, sagt sie an einer anderen Stelle. Das ist untertrieben, aber anders entsteht tatsächlich nur Abklatsch des Alten, Surrogate, im besten Falle Kunsthandwerk. Wahrscheinlich war es jene Unbefangenheit, die diese Szene davor bewahrte, sich vorschnell in die Fänge von Galeristen und unter das Diktat der marktformenden Kunsterklärer zu begeben. Das ist lange vorbei, ich ging mit einer Gefühlsmischung zwischen Faszination und Wehmut durch diese Schau.

Ausstellungsinstallation „Die Tödliche Doris“ mit Tapeten. Foto: W. Brauer (2025)
Als Besucher sollte man Zeit mitbringen. Nicht wegen einer Überfülle von Exponaten. Die Zahl der ausgestellten Objekte hält sich in wohltuenden Grenzen. Es hat etwas mit Verunsicherungen zu tun, denen man bei der Begegnung mit Käthe Kruses Arbeiten ausgesetzt wird, mit immer wieder in Frage gestellten Sehgewohnheiten und damit fragwürdigen eigenen Rezeptionsmustern. Das beginnt schon mit dem Entrée im großen Treppenhaus der Galerie. Man stößt auf eine 35 m lange, mit bunten Tapeten beklebte Wand, an und vor der sich Arbeiten der Künstlerin und Performance-Artefakte aus der Zeit ihres Mittuns bei „Die Tödliche Doris“ drapieren. Im Katalog-Gespräch mit der Kuratorin Ilka Voermann erklärt Kruse diese überdimensionale Puppenstuben-Deko. „Die Tödliche Doris“ habe viel mit Tapeten gearbeitet: „Wir haben sie rollenweise gekauft und gezeigt oder einfach auf die Bühne geschmissen.“ In der Berlinischen Galerie wolle sie diese Arbeiten „nicht als verstaubte Reliquien präsentieren“.
Diese Methode, Brecht hätte das Verfremdung genannt, bestimmt auch die Präsentation der Arbeiten im ersten Raum der Ausstellung. Mitschnitte von Performances und Konzerten der Gruppe werden konfrontiert mit einer Videoinstallation aus dem Jahr 2013 „Der Vertrag“. Kruse macht hier 11 Minuten lang nichts anderes, als mit monotoner Stimme den Vertrag vorzulesen, den die Mitglieder von „Die Tödliche Doris“ Jahre nach der Auflösung der Gruppe minutiös über ihre jeweiligen Autorenrechte abgeschlossen hatten. Sie sitzt dabei nackt am Tisch. Wer sich darauf einlässt, erlebt eine Gefühlsmetamorphose von der Irritation hin zur Faszination. Ihre eigene Erklärung: Sie habe nicht wie eine Anwältin aussehen wollen, auch die Alltagskleidung hätte sie unpassend gefunden, da wäre eigentlich nur eine Möglichkeit geblieben. Das ist listig. Jetzt darf man interpretieren…
Enigmatisch im nächsten Raum die Installation „In Leder“ (2023). Es sind die Instrumente der Gruppe, die sie in feinstem Leder eingeschlagen präsentiert, an der Wand dahinter die achtteilige Arbeit „Texte und Töne“ (2023). Es handelt sich um Edelstahlplatten, auf die im Siebdruckverfahren Texte von „Die Tödliche Doris“ aus den Jahren 1981-1987 aufgebracht wurden. Das ist interessant, ausstellungstechnisch aber nicht ganz gelungen. Man muss sich einigermaßen verrenken, die blank polierten Platten spiegeln den Raum fast bis zur Unlesbarkeit. Gegenüber eine merkwürdige Arbeit: „48 Farben“ (2021/22). Auf 48 Bögen Aquarellpapier hat Kruse mit jeweils einer anderen Farbe handelsüblichen Polyesternähgarns eine Naht neben der anderen gezogen. Pingelig eben… Diese Arbeit hat einen ernsten Hintergrund. Sie entstand anlässlich des 100. Bauhaus-Jubiläums – und Käthe Kruse bezieht sich auf Anni Albers, die als 22-jährige Bauhausschülerin auch den Malereikurs bei Johannes Itten belegen wollte. Das ging nicht, die Herren billigten den Frauen nur die Arbeit mit Stoffen zu. Albers musste in die Weberei… Wenn die Männer auf Papier arbeiteten, sagt Kruse, war das eben Kunst. Also habe sie mit Textil auf Papier gearbeitet.

links „In Leder“ mit „Texte und Töne“ im Hintergrund; rechts Ausstellungsraum mit „Von Abstiegsangst bis Zuwanderungsrekord“. Fotos: W. Brauer (2025)
Im Nachbarraum dann eine übergroße Schriftwand, bedeckt mit zwölf Tafeln: „Von Abstiegsangst bis Zuwanderungsrekord“ (2016-2020). Auf jeder Tafel sind Substantive mit dem jeweils gleichen Anfangsbuchstaben aufgebracht. „Wie geht es dir jetzt“, lautet die sich aus den Initialen ergebende Frage. Kruse wollte herausbekommen, wie eigentlich eine Entwicklung in den Faschismus hinein funktioniert. „Ich habe für diese politischen Fragen natürlich keine Lösungen“, sagt sie im Katalog-Interview. „Aber für mich war es wichtig festzustellen, wie in der deutschen Sprache die Verrohung einsetzt. Ich habe dann fünf Jahre […] Substantive aus Überschriften aus deutschen Tageszeitungen gesammelt und alphabetisch und chronologisch geordnet. Daraus ist ein genialer Performancetext entstanden, den ich mir nicht besser hätte ausdenken können.“
„Wie geht es dir jetzt“ – „Jetzt ist alles gut“ – eben nicht, möchte man angesichts der Realitäten in dieser Stadt, diesem Land und der Welt überhaupt dazwischenrufen. Aber die Ausstellung selbst, die ist wirklich gut. Richtig gut. Glückwunsch allen Beteiligten!
Käthe Kruse. Jetzt ist alles gut, Berlinische Galerie. Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin; bis zum 16. Juni 2025.
Katalog im DISTANZ Verlag (Museumsausgabe 29,80 Euro).
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Tipp: Käthe Kruse selbst ist in der Austellung in drei Performances zu erleben – am 10. April mit „Konzert in Leder“, am 8. Mai mit „3927 Wörter“ und am 22. Mai liest sie unter der Schlagzeug-Begleitung durch ihre Tochter Edda Kruse Rosset in der Performance „Krieg“ die Daten der seit 4500 Jahren dokumentierten Kriege bis heute. Die Karten sind online erhältlich.