von Klaus Hammer
Sind das „innere Landschaften“, die zu glühen scheinen wie im Urlicht? Werfen sie einen Blick auf die Innenseite des Lebens? Sind es vielleicht aber auch Manifestationen der Seele? Abstraktion um ihrer selbst willen interessiert die Berliner Malerin und Graphikerin Monika Meiser – einst war sie praktizierende Mathematikerin – nicht. Was zählt, ist das lustvolle Gefühl, die frühlingshafte Freude, die die leuchtenden und transparenten Flecken aus Primärfarben auslösen – Rot, Blau, Gelb und Weiß -, die sich sanft wie verschwommene Lichtquellen im Nebel vor dem Auge entfalten. Das Gefühl von Rhythmik, Wiederholung und Entfaltung überträgt sich ganz selbstverständlich auf ihre Welt der Formen, die wie Energieströme den Raum durchziehen und die Weite der Landschaft selbst verkörpern. Mit so wenig Kontrasten von Hell und Dunkel wird die Oberfläche zum „Schleier“, wie auch ein Titel ihrer meist titellosen Arbeiten sagt, ein subtil modulierter, luftiger Raum, der nichts mit dem kubistischen Gitterraum zu tun hat.

Monika Meiser: Eden, Collage, 2025. Foto: Galerie der Berliner Graphik-Presse.
Der Prozess der Schöpfung des Werdens und Aufblühens von Farbe bleibt auch in ihren Papierarbeiten durchaus offen und kann vom Betrachter ganz unterschiedlich erlebt werden. Die Formen und Farben verändern und verrätseln sich, sie scheinen im Raum zu schweben, sie wiederholen sich echoartig in – ihre Form immer wieder neu definierenden – Erscheinungen. Ein Element wächst aus dem anderen heraus, eine unendliche Kette von Assoziationen. Frequenzen, Anläufe, Abläufe, Rhythmen, Stauungen, Anschwellungen, Ballungen, Wirbel, Schwingungen lassen Formsignale, Bewegungsabläufe, Vibrationen und Klangbilder entstehen. Diese Formen schildern eine imaginäre, zwischen sehr fern und sehr nah alternierende Bilderwelt. Das Licht ist das von Landschaftsbildern, aber die verschiedenen pulsierenden, unterschiedlichen Formen lassen eher an blütenhafte Gewächse, Gräser, Blätterwerk, ja belaubte Bäume – aufs Äußerste reduziert – denken, wie man sie an einem heißen Sommertag erblicken kann.
Monika Meisers Ziel ist es, mit der Illusion zu brechen, dass das Bild ein Fenster zur Welt sei. Stattdessen will sie wiedergeben, was man als vielfältige Erfahrung beschreibt: einen Gegenstand auf einem Bild, den man gleichzeitig aus verschiedenen Blickwinkeln und in verschiedenem Licht sieht. Ihre Bilder sollen die Grundkräfte des Wachsens und Bauens verkörpern. Starke Rot-, Blau- und Grüntöne sind mit mal leichten, mal schweren Pinselstrichen zusammengedrängt worden. Hier scheint alles zu wachsen, sich zu entfalten und zu bewegen. Das Fehlen aller Bedingungen der Schwerkraft in ihren Aquarellen, Acrylarbeiten und Collagen hat doch etwas zu bedeuten. Wenn sie eine stille und intensive Heiterkeit ausstrahlen, kommen sie der Traumwelt sehr nahe.

Monika Meiser: Hinterhöfe (Sredzkistraße), Radierung, 1983. Foto: Galerie der Berliner Graphik-Presse.
Doch Träume können auch sehr leicht zu Alpträumen werden. So drängen dunkle Untertöne in den Vordergrund, hindern andere Formen am Durchscheinen. Die konventionelle Perspektive ist zugunsten des immer wieder neu formbaren Raumes aufgegeben, der sich nicht nur verdunkelt und durchlichtet, sondern auch ausdehnt, krümmt, dreht, schwillt und zusammenzieht wie der Raum in Träumen. Farbe drängt sich wie aus dem Unterbewusstsein und hat alle figuralen Elemente verdrängt. Und doch sucht Monika Meiser immer ein gespanntes Gleichgewicht zwischen Bedrängnis und Harmonie, Dunkelheit und Licht herzustellen. Ja, ihre Bilder sind Spiegel seelischer Gestimmtheit, sie drücken Erwartung, Bereitschaft und Sehnsucht aus. Bleibt der Mensch zwar als körperhafte Gestalt ausgespart, warten doch diese so magisch „belebten“ Bild-Räume auf sein Erscheinen.
Sie verzichtet auf Selbstinterpretation, identifiziert sich ganz mit ihrer Bildwelt, die alle Skalen der Empfindung und Stimmung beherrschen, von melancholischer Traurigkeit bis unbeschwerte Heiterkeit.
Monika Meiser – Werkschau. Galerie der Berliner Graphikpresse, Am Falkenberg 25, 12524 Berlin (Altglienicke); Mi, Do, Fr 13.00 – 18.30 Uhr, Sa 11.00 – 15.00 Uhr, Mo / Di oder vormittags nach Vereinbarung, bis 12.Juni 2026. www.galerie-berliner-graphikpresse.de