„Hinterher ist man immer klüger“

von Wolfgang Brauer

Im Jahr meiner Geburt drehte er mit Gerhard Klein (Regie) den Kinderfilm „Alarm im Zirkus“ (1954), seinen ersten „richtigen“ Film. Mit Klein als Regisseur sollten noch vier weitere Spielfilme folgen, darunter so epochale wie „Berlin – Ecke Schönhauser“ (1957) und die von vielen unterschätzte „Berliner Romanze“ (1956). Die Rede ist vom Drehbuchautoren, Schriftsteller und Regisseur Wolfgang Kohlhaase. In diesen wie in vielen anderen seiner Filme spielt Berlin eine Hauptrolle. Manchmal verlässt er in seinen Drehbüchern die Stadt und findet sich plötzlich weit hinter den sieben Bergen wieder: „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ (1974, Regie Konrad Wolf). Manche sagen, das sei einer der besten DEFA-Filme überhaupt geworden. Mit Wolf machte Kohlhaase insgesamt vier Spielfilme, wobei schon die erste Zusammenarbeit ein Paukenschlag war: „Ich war neunzehn“ (1968). Und mit „Solo Sunny“ (1980) schrieben beide Filmgeschichte. Einmal verirrte er sich bis auf die Venus: „Der schweigende Stern“ (1959, Regie Kurt Matzig). Diese Koproduktion mit Film Polski war die Verfilmung des Romanerstlings von Stanisław Lem, ein sehr merkwürdiger Film. Ich finde es schade, dass die DEFA das SF-Genre immer nur sehr sporadisch bediente.

Jedenfalls schrieb Wolfgang Kohlhaase mit seinen Drehbüchern de facto eine Kulturgeschichte der DDR (und ihrer Hauptstadt!) auf eine etwas andere Art – eine Geschichte in Geschichten.

Bastienne Voss spürt diesen Geschichten und dem Leben Kohlhaases in einer jetzt im Ch. Links Verlag erschienenen Biographie nach – der Untertitel greift übrigens entschieden zu kurz… Voss war mit Wolfgang Kohlhaase und seiner Frau, der Choreografin Emöke Pöstenyi, befreundet. Das hat den großen Vorteil, dass sie sich ihrem Protagonisten auf eine sehr persönliche Art nähern kann. Sie erzählt dessen Geschichte gleichsam in Geschichten – sie nennt Kohlhaase einen „Geschichtenaufheber“, eine treffliche Beobachtung! Bastienne Voss berichtet von einem Künstlerleben in drei politischen Systemen, aber: „Ich war dem historischen Versuch namens DDR verbunden“ (Wolfgang Kohlhaase). „Kohlhaase konnte immer, nicht immer, aber weitgehend die Filme machen, die er machen wollte“, stellt die Autorin im Kapitel „Kohlhaase und der Sozialismus oder: Hinterher ist man klüger“ fest. Die Floskel im Untertitel stammt von Kohlhaase…

Berlin ist mein Lebensort, sagte Kohlhasse anlässlich von „Sommer vorm Balkon“ (2006, Regie Andreas Dresen). Hier kannte er sich aus. Und Voss weist darauf hin, dass sich von „Solo Sunny“ zu „Sommer vorm Balkon“ eine sehr direkte Linie zieht. Auch die Drehorte seien zum Teil identisch – wie die Fußgängerbrücke an der Schönhauser Allee, über die Sunny 25 Jahre vorher gelaufen ist. Wer den Prenzlauer Berg noch jenseits von Gentrifizierung und Kollwitzplatzverluderung kennt, weiß um die starke Kraft solcher Symbole. Und mit Andreas Dresen hat Kohlhaase nach der Wende den Regisseur gefunden, mit dem er tatsächlich auf der gleichen Frequenz sendet. „Es sind die banalen, kleinen, traurigen, lustigen Geschichten, die Alltag bedeuten“ (Dresen), die beide interessieren. „In den kleinen Geschichten wohnen oft die großen“, zitiert Voss Kohlhaase an anderer Stelle.

Ein Gewinn für die Leser ihres Buches ist, dass die Autorin sehr ausführlich den Produktionsprozess der Kohlhaase-Film beschreibt, mithin einen Einblick in die Schreibwerkstatt ermöglicht. Man müsse „niemals herablassend, und immer mit den Augen der Liebe“ auf die Menschen sehen, zitiert sie den Autoren von „Sommer vorm Balkon“. Selbst der genaugenommen ziemlich miese Hund Ronald – der Kraftfahrer wird von Andreas Schmidt kongenial gespielt – bekommt die ihm zustehende Portion Empathie ab. Für diese Rolle, so Voss, hatte sich Regisseur Dresen eigentlich einen Manfred-Krug-Typ vorgestellt. Aber hier setzte sich der Drehbuch-Autor durch. Überhaupt: „Alle, die sich hier zu Kohlhaases Drehbüchern geäußert haben, sagen es mit ihren eigenen Worten, aber am Ende läuft es auf eins hinaus: An Kohlhaases Texten wird nicht rumgefummelt!“, schreibt die Autorin anlässlich des dritten Kohlhaase-Dresen-Filmes „Whisky mit Wodka“ (2009).

2017 kommt „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (Regie Matti Geschonnek) nach dem Buch Eugen Ruges in die Kinos. Man sollte diesen Film durchaus im Zusammenhang mit Frank Beyers „Der Aufenthalt“ (1982) sehen. Es entsteht ein Spannungsbogen filmkünstlerischer Geschichtsreflektion ganz eigener Art. Es ist sicher kein Zufall, dass Sylvester Groth in beiden Produktionen eine tragende Rolle spielt. Bastienne Voss vermutet, dass Kohlhaase den Ruge-Stoff womöglich „als eine Art Resümee betrachtet“ habe – auf das Jahrhundert und sein Leben in ihm, also seine eigene Geschichte…

Sie zitiert Wolfgang Kohlhaase in einem aufgezeichneten Arbeitsgespräch mit Eugen Ruge aus dem Jahr 2015: „Ich gehöre zur Nachkriegsgeneration in Europa. Die erste Hoffnung in meinem Leben war, dass es nie wieder einen solchen Krieg geben wird. Wenn sich dann ein Lebensalter später die Kriege zurückmelden, die ja in anderen Gegenden nie geendet haben, wenn sie wieder vor der Haustür ankommen und für denkbar gehalten werden, dann frage ich mich schon, ob ich mein Leben sinnvoll verbracht habe.“

Die Antwort auf Kohlhaases resignativ klingende Frage vermögen nur die Zuschauer seiner Filme zu geben. Ich habe für die Lektüre dieses flüssig zu lesenden und in angenehmem Erzählstil geschriebenen Buches relativ lange gebraucht. Das lag vor allem daran, dass Bastienne Voss Seite für Seite Kinoerfahrungen freilegt, die während der Lektüre immer wieder zu hinterfragen waren. Für Menschen wie mich waren Wolfgang Kohlhaases Filme offenbar persönlichkeitsprägend.

Bastienne Voss: Wolfgang Kohlhaase. Von Solo Sunny bis Sommer vorm Balkon– ein Leben wie im Film, Ch. Links Verlag, Berlin 2025, 247 Seiten, 25,00 Euro.

1 Kommentar

  1. Danke für die Information. Für mich war Kohlhaase auch der größte Drehbuchschreiber. Mir haben sich besonders die beiden Filme im Untertitel eingeprägt – ich habe selbst von 1975 bis 1985 im Prenzlauer Berg gewohnt; zuletzt in der Duncker – genau dort wo Sommer vorm Balkon war. „Sunny“ war für mich besonders wichtig, weil ich 1980 in Sachen Frauen mächtig auf die Fresse bekommen habe. Ich habe mich sehr lange ernsthaft mit den Fragen hinter den Figuren befasst. Der Film war ja so etwas wie eine Soziologie des PB. Sehr echt, sehr nah, sehr ehrlich. Eine sehr konkrete Antwort, auf die Frage wie „unsere Menschen“ sind und wie sie leben. Vom „Sommer“ habe ich mir das Drehbuch gekauft. Ich wollte wissen, wie so eine Struktur gebaut wird.

    Leute wie Kohlhaase fehlen. Heute wird so viel Unsinn aufgeschrieben: eben deutsche Ideologie. Die Kunstproduktionen aus der DDR, jedenfalls die herausragenden, haben Geschichte geschrieben. Sie werden aber nicht in der Geschichte untergehen.

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