von Wolfgang Brauer
Das späte Mittelalter war von heftigen Auseinandersetzungen in den Städten Europas gekennzeichnet. Verkürzt gesagt ging es darum, die Vorherrschaft der patrizischen Großkaufmannsfamilien zu beschränken und den Zünften bzw. Gilden der Handwerker ein Mitspracherecht in den kommunalen Angelegenheiten zu sichern. „Revolutionären Charakter“, wie in der linken Geschichtsschreibung gern behauptet wird, trugen diese Kämpfe nicht. Es waren innere Auseinandersetzungen verschiedener Gruppen des Städtebürgertums. Oft wurde das bewaffnet ausgetragen – und führte dazu, dass die in den zwei Jahrhunderten zuvor zurückgedrängten feudalen Stadtherren wieder das Sagen bekamen. Die stolzen Städte des Mittelalters brachen sich in den meisten Ländern Europas politisch selber das Genick. Wenn man genauer auf die Lokalgeschichte der Dörfer schaut, aus denen Berlin erwuchs, lässt sich dieser Prozess im Detail nachverfolgen.

Wappen und Siegel von Thomas Wins. Foto: Sammlung W. Brauer
Die Berliner Kaufmannsfamilie Wins hatte in den Jahren 1427 bis 1443 umfangreichen Grundbesitz Blankenburg, Wartenberg, Falkenberg und Alt-Landsberg erworben. Am 1. Juni 1441 wurden Thomas Wins und sein Bruder Merten – der in Frankfurt/Oder ansässig war – mit dem halben Biesdorf belehnt. Am 4. Februar 1443 kauft Thomas die zweite Hälfte des Dorfes als „Lehen“ des Landesherren dazu.
Im Jahr zuvor war die Doppelstadt Berlin-Cölln von einem heftigen Streit erschüttert worden, an dem auch Thomas Wins beteiligt gewesen sein muss. Er war seit 1426 mehrmals Bürgermeister der Stadt. Es ging darum, dass beim 1432 getätigten Zusammenschluss von Berlin und Cölln – mit dem baulichen Symbol des gemeinsamen Rathauses auf der Langen Brücke – „borgermeister und ratmannen“, die sämtlich vom Patriziat gestellt wurden, die alleinige Entscheidung über die Geschicke der Doppelstadt in der Hand hatten. Die „vierwercke und gantze gemeyne“ („Vierwerke“: die Zünfte der Bäcker, Fleischer, Schuhmacher und Tuchmacher/Schneider) waren ausgeschlosssen.
1442 brach der Konflikt offen aus. Der Rat sah sich in seiner Hilflosigkeit genötigt, Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg („Eisenzahn“) die Schlüssel der Stadttore auszuhändigen und ihn um Beistand zu bitten. Der musste militärisch eingreifen und unterstützte in Folge sogar das Anliegen der Opposition. Die Doppelstadt wurde wieder aufgelöst und die Selbstständigkeit der Räte stark eingeschränkt. Als Symbol seiner Macht begann Friedrich II. mit dem Bau eines befestigten Schlosses auf der Spreeinsel, für das er einen Teil der Berliner Stadtmauer abreißen ließ. Der Streit mit dem Rat war programmiert.
1448 kommt es zum Aufstand, dem „Berliner Unwillen“. Die Bürger stürmten das „Hohe Haus“ an der Klosterstraße, den Sitz der kurfürstlichen Kanzlei, und vernichteten ihnen lästige Urkunden. Dann richtete man sich gegen den Schlossbau und flutete die Baustelle, indem man die Cöllnischen Schleusen der Spree öffnete. Zugleich suchte man Verbündete: die märkischen Städte hatten Unterstützung zugesagt, ließen Berlin aber in Stich. Und der mächtige Hansebund, Berlin war seit 1360 Mitglied, hatte den Kurfürsten zwar als „Städtefeind“ ausgemacht, hielt aber dennoch die Füße still. Friedrich II. hatte leichtes Spiel.
Der durch die ausbleibende Hilfeleistung der Hanse erlittene „verderbliche unverwindliche Schaden“ war der Grund, dass die Stadt dann 1452 ihren Austritt erklärte – der wurde aber nicht vollzogen. Berlin blieb bis 1518 – mit Duldung des Kurfürsten! – Mitglied im mächtigen norddeutschen Städtebund.
Am 24. September 1448 jedenfalls müssen sich Thomas Wins und seine drei Söhne im Torhaus der Festung Spandau dem Kurfürsten unterwerfen. Am 5. Oktober stand ihre Strafe fest: Verlust all ihrer Lehen – auch Biesdorfs – und 1000 Gulden Strafe. 1449 erhalten sie allerdings die Lehen zurück. Damit kamen sie glimpflich davon. Bürgermeister Bernhard Ryke zum Beispiel wurde der Stadt verwiesen und starb 1450 unter mysteriösen Umständen. Die Wins hingegen bauten ihren Besitz künftig aus, konnten ihn auch 1481 durch eine Schenkung des Kurfürsten vergrößern. Auch politisch mischten sie wieder mit. So hatte die Familie in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts in Berlin immer wieder das Bürgermeisteramt inne: Claus Wins (1458), Valentin Wins (1465-1473), Jakob Wins (1490-1499). Auch die anderen am Aufstandsversuch beteiligten „Geschlechter“ saßen in der Regel nach zwei oder drei Jahren Stillehalten wieder fest im Sattel. Sie überließen allerdings dem Kurfürsten das Feld der Politik und machten dafür „in Geld“.

Als Symbol der Unterwerfung musste Berlin ein neues Siegel führen: der Bär wurde an die Kette gelegt und der Adler der Hohenzollern schlug ihm die Krallen in den Rücken. Das Siegel galt von 1450 bis 1709. In jenem Jahr wurden – nun aber durch königliche Ordre – Berlin und Cölln wieder zusammengeführt. Zu den Unterwerfungsbedingungen von 1448 gehörten die Auflösung der Doppelstadt und der Abriss des gemeinsamen Rathauses. Foto: Sammlung W. Brauer
Knut Schulz spricht in einem Beitrag in Wolfgang Ribbes zweibändiger Berlin-Geschichte angesichts des umfangreichen Landbesitzes dieser Familien – er meint auch die Rykes und Blankenfeldes – und ihres enormen Einflusses von der „typischen Kombination von Lehnsbesitzungen auf dem Lande und Kaufmannschaft, von großbürgerlicher Lebensweise und gleichzeitiger Verbindung zum Landadel“. Aus Berlin und Cölln waren zum Ausgang des Mittelalters 42 Familien in 94 Ortschaften der Mark begütert.
Biesdorf haben die Wins‘ allerdings nicht zurückerhalten. 1472 belehnte Kurfürst Albrecht Achilles Nickel und Werner von Pfuel mit dem Dorf. Das Biesdorfer Besitztum blieb bis 1653 in den Händen der Familie von Pfuel. Dann übernahm es Kurfürst Friedrich Wilhelm. Immerhin blieb zumindest im Berliner Straßenverzeichnis die Erinnerung an Thomas Wins erhalten: die Winsstraße im Prenzlauer Berg ist nach ihm benannt.
Danke für die spannende Geschichte!