Nichts ist erledigt – „Die Hexen von Bernau“ im TiP

von Wolfgang Brauer

1617 besuchte der brandenburgische Kurfürst Johann Sigismund – der als entscheidungsschwach geltende Hohenzoller litt an den Folgen eines Schlaganfalls und war kaum mehr aktionsfähig – die Stadt Bernau, eine vor sich hinsiechende, einst mächtige und stolze Kommune, die lange Zeit selbst dem benachbarten Berlin Paroli bieten konnte. Kurz nach dem Passieren des Stadttores brachen die Kutschpferde des Kurfürsten zusammen. Der Kutscher hatte sie offensichtlich zu Tode gehetzt. Um vom eigenen Fehlverhalten abzulenken, beschuldigte er sich zufällig in der Nähe aufhaltende Frauen der Hexerei: „Alle, alle Hexen sollen brennen!“ Das genügte seinerzeit, um eine todbringende Justizmaschine in Bewegung zu setzen, aus der es kaum ein Entrinnen gab. Eine der sofort verhafteten Frauen, Gertrud Mühlenbeck – sie wurde noch im selben Jahr verbrannt – beschuldigte offenbar unter der Folter andere. Eine von ihnen war die 1547 geborene Dorothea („Orthie“) Meermann.


Ildiko Bognar: „Die Hexen von Bernau – Von Feindbildern, Justizversagen und einem Verbrechen gegen die Menschheit“ (Regie: Alina Gause); Alina Gause und Carl-Martin Spengler. Foto © Ildiko Bognar.

Dieses Geschehen bildet den Hintergrund der szenisch-musikalischen Collage „Die Hexen von Bernau“ (Regie: Alina Gause) von Ildiko Bognar im Berliner Theater im Palais.

Nach einem sehr lyrisch gehaltenen, die Zuschauer beinahe in die von uns Deutschen so sehr geliebte mystische Waldmärchenidylle einlullenden Entrée, wird die eben zitierte Geschichte mit brutaler Härte zelebriert. Schnitt: Die Witwe Dorothea Meermann (Alina Gause) wird vor das Gericht der Stadt gezerrt und vom Stadt-Sekretär Thomas Behling (Carl Martin Spengler) angeklagt und vernommen. In die Prozessgeschichte eingeschoben werden immer wieder von Gause und Spengler vorgetragene Informationstexte, die die historischen Hintergründe der Bernauer Ereignisse und die Geschichte der europäischen Hexenverfolgungen beleuchten sollen.

Einerseits – es ist spürbar beim von Entsetzen getönten Aufraunen des Publikums beim Mitteilen der furchtbaren Details des damaligen Geschehens – existieren inzwischen in unserem aufgeklärten Zeitalter bei Vielen katastrophale Bildungslücken über diese gar nicht so sehr lange zurückliegende Zeit. Es ist richtig, dagegen anzusteuern. Andererseits finde ich es immer schade, wenn Spieler aus ihrer Rolle heraustreten müssen und das Geschehen de facto selbst kommentieren. Aber beide Darsteller in diesem Zweipersonenstück finden stets nahtlos wieder in den Fluss der Handlung und sorgen dafür, dass die Inszenierung schon nach wenigen Minuten Anlaufzeit eine elementare Wucht entfaltet, die die Zuschauer bis zum Schluss in ihren Bann zieht.

Dazu trägt die von Matthias Behrsing (Klavier) verantwortete musikalische Gestaltung nicht unerheblich bei. Behrsing treibt die Spielhandlung geradezu an. Text und Musik kommen wie aus einem Guss.

Leitmotivisch erklingt im leidenschaftlichen Vortrag von Alina Gause und Carl Martin Spengler immer wieder das „Hexeneinmaleins“ aus Goethes „Faust“: „Du mußt verstehn, / aus Eins mach Zehn / die Zwei laß gehn / die Drei mach gleich / so bist du reich …“ – diese Nonsensverse sind der Anfang von Konstantin Weckers großem Song „Hexeneinmaleins“. Darum geht es: „Immer noch werden Hexen verbrannt / auf den Scheiten der Ideologien …“ Die kleine Bühne im Palais am Festungsgraben verhandelt Heutiges in historischer Gewandung. Politik und Ideologien brauchen immer große Menschenmassen, die ihnen bereitwillig folgen. Nicht alle und alles sind käuflich. Aber Angst war schon immer ein nie versagendes Herrschaftsmittel. „Die Angst ist die Flamme unserer Zeit / und die wird fleißig geschürt“ (Konstantin Wecker). Und dazu gehört die Verbreitung der Lüge im Gewand des Rätselhaften. Mephistopheles erklärt es dem törichten Heinrich Faust: „Es war die Art zu allen Zeiten, / … / Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.“ Den angeklagten Frauen von Bernau kostete das das Leben. Orthies Schwiegersohn und Anwalt Hans Becker (ebenfalls gespielt von Carl Martin Spengler) zieht vergeblich die Karten der Vernunft und des geschriebenen Rechts. Keiner will ihn hören. Die Hexe soll brennen … Auch wenn zur Verurteilung in der seinerzeitigen Justizpraxis das Geständnis zwingend ist – das Dorothea Meermann auch unter der Folter nicht ablegen wird –, ihr Urteil steht schon vor der ersten Befragung fest.

Nichts in der menschlichen Geschichte kam so irre daher, dass es nicht immer wieder Gefahr läuft, sich unter anderen Vorzeichen zu wiederholen. Und immer wieder sind es die kleinen Leute, und bei denen wiederum in allererster Linie die Frauen, die die giftige Sudelbrühe der Mächtigen auslöffeln müssen. Spengler schlüpft an einer Stelle der Inszenierung in die Rolle des Inquisitors Henricus Institoris (eigentlich Heinrich Kramer), der für das wohl fürchterlichste Buch in der Geschichte des Christentums verantwortlich ist, den „Hexenhammer“ („Malleus malleficarum“, 1487). Manche halten dieses Machwerk noch heute für eine ernst zu nehmende Quelle über das „Hexenwesen“. Nach wie vor werden Neuauflagen in nicht unbeträchtlicher Höhe auf den Markt geworfen. Wenn es denn „nur“ das Buch gewesen wäre, Institoris zog eine Blutspur durch das Reich. Carl Martin Spengler demaskiert Kramers paranoides Denken auf großartige Weise.

Ganz am Rande: „Der Teufel … ist ein reales und persönliches Wesen … dessen Ziel es ist, die Menschen vom Heil abzubringen“ (catholicus.eu über den Teufel; Zugriff am 14.6.2926). Allein kann er das nicht, er braucht Helfer (-innen). Hier schließt sich der Kreis zum heutigen Tag …


Foto © Ildiko Bognar.

Wie so etwas funktioniert, zeigt „Die Hexen von Bernau“ auf beeindruckende Weise. Alina Gause spielt nicht nur die Rolle der Orthie Meermann, sie schlüpft auch immer wieder in die Figuren der vom Verhörer Thomas Behling Befragten. Zum Rollenwechsel genügt ihr das Wechseln des Hutes. Großartig! Es gibt Momente, in denen man beinahe ein stilles Vergnügen an diesem Spiel der Identitäten entwickeln könnte. Wenn man nicht um nicht die grausigen Konsequenzen wüsste… Dorothea Meermann wird nicht verbrannt. Sie stirbt an der Folter.

Man kann das nachlesen. Allerdings, so erzählte mir Ildiko Bognar, existiert keines der originalen Verhörprotokolle mehr von den insgesamt 22 Hexenprozessen, die innerhalb von 120 Jahren in Bernau abliefen – 25 Frauen und drei Männer wurden in deren Ergebnis unter dem Vorwurf der Hexerei umgebracht. Offensichtlich wurden die Archive gründlich gesäubert. Hinter dieser Inszenierung steckt eine intensive Rechearbeit. Chapeau!

Das Stück endet übrigens wieder mit Wecker: „… Daß diese Welt nie ende – / nur dafür laßt uns leben!“ Großer Schlussapplaus am Abend der Uraufführung. Verdient!

Wieder am 21. Juni, 28. August und 25. September 2026.

*

Nachsatz:
Am Bernauer Museum „Henkerhaus“ (neben dem Mühlentor) befindet sich seit 2005 eine von Annelie Grund gestaltete Gedenkstätte für die Opfer der Hexenprozesse von Bernau. Auf der Liste finden sich vier Frauen aus vier Generationen der Familie Meermann. Die letzte ist Orthies Tochter Catherina Sellcho.


Gedenkstele am Bernauer Museum „Henkerhaus“.
Foto: W. Brauer (2025)

3 Kommentare

  1. Sehr gut geschrieben, geschichtliches Faktenwissen, positive Theaterkritik, vereint in einfühlsamen Worten, die schockieren, aufwühlen und appellieren! Die Leser habe das Gefühl im Theater gesessen zu haben.

  2. Lieber Wolfgang, du bezeichnest das „Hexeneinmaleins“ aus Goethes „Faust“ als Nonsensverse, das sind sie mitnichten.
    Goethe war ein Kenner, wenn auch kein Freund, der Zahlenmystik. Der Germanist Heinrich Detering meinte ähnlich wie du von einem „Verwirrspiel zwischen Tiefsinn und Nonsens“ sprechen zu können und zählte das „Hexeneinmaleins“ zu den „großen Rätseln der klassischen deutschen Dichtung“, womit er letztlich durchaus recht hatte. Nur, Goethe war ein besonderer Rätselfreund, die Rätsel sind in vielen seiner Dichtungen zu finden und auch zu lösen.
    Hier zu meiner logischen Lösung, die dem Mathematiker Helmut Kracke folgt: Das „Hexeneinmaleins“ lässt sich als magisches Quadrat (3 mal 3) mit der Quersumme 15 (waagerecht wie senkrecht) deuten.
    „Du musst verstehn!

    Aus Eins mach’ Zehn,

    Und Zwei lass gehn,
    
Und Drei mach’ gleich,
    
So bist Du reich.

    Verlier’ die Vier!
    
Aus Fünf und Sechs,

    So sagt die Hex’,

    Mach’ Sieben und Acht,

    So ist’s vollbracht:

    Und Neun ist Eins,

    Und Zehn ist keins.

    Das ist das Hexen-Einmal-Eins!“

    1 gleich 10, 2 gleich 2, 3 gleich 3, (so bist du reich) wir kennen die Quersumme 15.
    4 (verloren) gleich 0, 5 und 6 gleich 7 und 8, (so ist’s vollbracht) wir kennen die Lösung.
    Die letzten Zahlen 5, 6, 4 sind jetzt ein Kinderspiel.
    10 ist keins, das Quadrat besteht aus 9 Zahlen.

    Das Quadrat lässt sich hier nicht gut darstellen, deshalb so:
    Erste Zeile 10 2 3
    zweite Zeile 0 7 8
    dritte Zeile 5 6 4

    Wie wir sehen, ist das magische Quadrat nicht perfekt, also nur semimagisch, die Quersummen der beiden Diagonalen ergeben nicht 15, aber das wollen wir dem Goethe nicht anlasten. Ergo Nonsens mit tieferer Bedeutung.

    1. Lieber Jürgen, dass es sich um ein „magisches Quadrat“ mit der Quersumme 15 handelt, ist mir bewusst. Wer Zahlenmystik eine besondere Bedeutung beimisst – Goethe tat das nun gerade nicht -, wird da sicher Tiefgründigeres interpretieren können. Natürlich sind sie ein mathematisch funktionierendes Konstrukt. Das zweifele ich auch nicht an. Aber selbst Mephistopheles sah das irgendwie als Nonsens an. Aber der war kein studierter Germanist. Was mich nun wiederum fasziniert, ist der seit längerem anhaltende Boom der „Parawissenschaften“ und der damit durchaus im Zusammenhang stehende Verdrängungsprozess aufklärerischen Denkens. Das riecht schon alles ein wenig nach Scheiterhaufen…
      Ein „echtes“ magisches Quadrat hat übrigens Dürer 1514 auf sein Blatt „Melencolia I“ platziert. Da ergibt die Quersumme – wie auch immer man sie zieht – die 34. Seit über 500 Jahren übertreffen sich die Interpretatoren an Genialität, ohne zu einem allgemein akzeptierten Schluss zu kommen. Aber das ist wohl so, wenn man sich auf die Agrippasche Logik einlässt…
      Mir ging es übrigens nicht um die Sinnsuche in magischen Quadraten.
      Herzlichst
      Wolfgang

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