von Jörn Schütrumpf
Jüngst, auf einer Tagung in Konstanz, hat Jan Philipp Reemstma mit seinen Zweifeln an der Verwendbarkeit des Faschismusbegriffs bei der Entschlüsselung heutiger Erfolge rechter Demokratiebekämpfer (m/w/d) Widerspruch geerntet – vor allem aus der Nachhut des Adorno-Lagers. Man weiß nicht ganz genau, warum. Theodor Adornos Analysen des „autoritären Charakters“ zeigten, so wichtig sie einst auch waren, schon in den 1950er Jahren, also bei ihrer Entstehung, nur die Kopfseite einer Münze – deren untere Seite, die mit der Zahl, wurde bestenfalls, und dann auch nur kurz, angeblendet.
Auch heute humpelt die Debatte um zwei, gar nicht so flache, Untiefen herum – ob vorsätzlich oder nur ungeschickt und blind, sei dahingestellt: Der Zusammenhang zwischen Individuum und Gesellschaft / Politik wird zugunsten des Letzteren aufgelöst. Da Adornos – für den Faschismus / Nationalsozialismus zumindest tendenziell als hauptverantwortlich erklärte – autoritäre Persönlichkeit heute nur noch am Rande existiert (dem Rock ’n’ Roll, dem Minirock sowie 1968 und den Folgen seien Dank), wurde als neue Tätergruppe die hedonistischen Demokratieverächter ausgemacht, selbstsüchtig, assoziierungsunfähig, überhaupt ein gräulich Ding. Einen besseren „Persilschein“, und zwar for ever, wenn man es neudeutsch ausdrücken mag, kann sich kein praktizierender Politiker wünschen.
Und auch der zweite blinde Fleck sei erwähnt: So viel Faschismus wie heute war noch nie. Da rutscht – fast zwangsläufig – die Differenz zwischen autoritären Herrschaften jeglicher Ausformung, Militärdiktaturen und dem Faschismus selbst aus dem Blick. Für emanzipatorisches Handeln eine Desorientierung erster Klasse. Immanuel Kant pflegte solche Zustände als selbstverschuldete Unmündigkeit zu verspotten.
Ansonsten: Was nicht passt, wird passend gemacht. Dass der Faschismus ohne die Machtübernahme durch die Bolschewiki nicht zu haben war – vergessen. Damit ist, angesichts der, meist nur halluzinierten, „kommunistischen Horden“ keineswegs nur die Panik der um ein Schutzschild bettelnden Besitzbürger, von ganz groß bis noch viel kleiner, gemeint, sondern die vom Kreml initiierte Zerstörung der Sozialistischen Partei Italiens, seit 1919 in der Kommunistischen Internationale die einzige Massenpartei außerhalb Sowjetrusslands.
Denn der führende italienische Sozialist, Chefredakteur des Avanti! und dann Faschismus-Begründer Benito Mussolini bekam 1914 nicht nur vom französischen Sozialisten Marcel Cachin, später ein treuer Gefolgsmann Stalins, eine große Summe Geldes des französischen Geheimdienstes, um die italienische Linke für einen Krieg an der Seite der Alliierten gegen Deutschland und Österreich-Ungarn einzunehmen – es war der „Genius“ Lenin selbst, der die Unterwerfung der als nicht hinreichend willfährig eingestuften SPI exekutierte und so, wenn auch wider Willen, die italienische Arbeiterschaft in die Wehrlosigkeit stürzte.
Es mag nicht in jedes Geschichtsbild passen: Aber Lenin machte Mussolini den Weg frei für den Marsch auf Rom. Wer heute Mussolini sagt, muss, mindestens, auch Lenin und, vor allem, Stalin sagen, der ab 1930 die aussichtsarmen russischen Sozialismusversuche – mit neuem Personal – in einen Neo-Zarismus zurückschmiedete. Dieses Mal war jedoch das Original, der Zarismus, so menschenverachtend er auch gewesen, keineswegs die Tragödie, sondern lediglich die Farce (Marx). Nie ist die sozialistische Idee erfolgreicher bekämpft worden – Stalin wurde der beste Mann des Westens, nicht nur in Italien und Deutschland.
Von der Arbeiterbewegung hatten die Fasci Symbolik und sonstige Sichtbarkeit übernommen. Anders als bei autoritären Regimen, die sich auf die Zustimmung anonymer Wähler stützen, zeigt sich der Faschismus in der Öffentlichkeit nicht nur durch sein Führungspersonal, sondern auch durch seine Anhänger, oft in Uniform und dem Totschläger am Handgelenk.
Dieser Unterschied wird in der augenblicklichen Diskussion weitgehend vergessen, und nicht nur das: Der Faschismus an der Macht hat bei der Vernichtung von Menschen an Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung lediglich ein erst im 20. Jahrhundert möglich gewordenes Element hinzugefügt: den industriellen Massenmord. Alles andere war längst vorhanden: der Völkermord; Massenhinrichtungen, nicht nur die im Jahre 71 v. u. Z. entlang der Via Appia; Folter, besonders virtuos gehandhabt von der katholischen Kirche; Ausbeutung und Ausplünderung; Vergewaltigung und jegliche Form der Unterdrückung und Erniedrigung – selbst Konzentrationslager, allerdings noch nicht deutsch, sondern britisch.
Die neue Qualität, die erreicht wurde, indem alle diese Elemente kombiniert wurden, hat der italienische Faschismus, das Original, übrigens nie erlangt. Erst als in Deutschland nach den Pogromen vom 9. November 1938 der Faschismus in den real existierenden Nationalsozialismus umkippte – Hannah Arendt sprach von Totalitarismus (in Stalins UdSSR sah sie ihn bereits ab 1930) –, gewann der „weiterentwickelte“ Faschismus jenes Gesicht, das gemeint ist, wenn diese Periode europäischer Geschichte heute als Warnung herbeigerufen wird.
Zudem wird in dieser Debatte ausgeblendet, dass die autoritäre Persönlichkeit kein Kind des Jahres 1930 ist, als in den Reichstagswahlen die Nationalsozialisten, bis dahin eine Splitterpartei, nach der SPD zur zweitstärksten Partei aufstiegen und die abstürzenden, z. T. aber doch bemerkenswerten linken deutschen Liberalen von Ludwig Quidde bis Hellmut von Gerlach hätten beginnen sollen, über Emigration nachzudenken. Da der Mensch, auch und nicht zuletzt der politische Mensch – in Deutschland ohnehin kein massenhaft vorkommendes Wesen – aus verschiedenen Seiten zusammengesetzt ist, hatten in der Weimarer Republik autoritäre Persönlichkeiten keineswegs durchgängig rechts oder gar „faschistisch“ gewählt, sondern vielfach nach anderen Bindungen entschieden: sozial, philanthropisch, deutschnational, katholisch, kommunistisch. Erst als sich, schleichend, herausstellte, dass die im Parlament vertretenen Parteien – abgesehen von Außenseitern wie den im Parlament einflusslosen „Rubelmännchen“ von Moskaus Gnaden – genauso wenig wie einst der 1918 davongejagte Kaiser an der Gesellschaft und stattdessen nur an sich selbst und ihrem Wohlergehen interessiert waren, schwand die Bindekraft der parlamentarischen Demokratie. Hier stiegen – instinktsicher – die Nazis ein.
Durch diese Gasse läuft heute die AfD; Hedonismus hin oder her – der allein schafft es nicht. Zu den Geheimnissen der Wahlsoziologen gehört, dass in jeder Gesellschaft 15 bis 17 Prozent der Wähler ausländerfeindlich, antidemokratisch und antisemitisch gestimmt sind, aber wegen weiterer Bindungen nur selten so wählen. Treten die jedoch in den Hintergrund oder fallen gar ganz weg, ziehen die an der Demokratie Mäkelnden schnell noch zehn Prozent und mehr Enttäuschte und Orientierungslose hinzu. 30 Prozent sind deshalb alles andere als eine Überraschung. Dieses Szenario wurde in einschlägigen Kreisen übrigens schon in den 1990er Jahren diskutiert.
Ob das zu einem neuen Faschismus wird, entscheidet letztlich der Spielraum, den die anderen Parteien der AfD lassen. Im Moment kann man die Mehrheit der im Bundestag vertretenen Parteien kaum von einer – zweifellos nicht bewussten, das sei konzediert – AfD-Förder-Mitgliedschaft freisprechen.
Nicht die parlamentarische Demokratie muss verteidigt werden. Verteidigung ist nur möglich, wenn das, was heute zunehmend als zusammenfallende Hülle parlamentarischer Demokratie kenntlich wird, aus einem Selbstbedienungskaufhaus – mit Kassen, an denen nicht bezahlt, sondern ausbezahlt wird – zurück in eine parlamentarische Demokratie, die diese Bezeichnung auch verdient, verwandelt wird, eine parlamentarische Demokratie, die der Gesellschaft dient, statt sie als melkende Kuh zu nutzen und – zu verachten. Die Verteidigung der parlamentarischen Demokratie beginnt mit ihrer schrittweisen Wiederherstellung, mit ihrer Re-Demokratisierung. Billiger wird es nicht zu haben sein.
Zum Schluss noch etwas Esoterisch-Erheiterndes: Die von Stefan Reinecke in seinem Bericht in der taz über die Konstanzer Faschismustagung zur „wortgewaltigste[n] Autorin“ erhobene Eva von Redecker serviert in ihrem, streckenweise durchaus mit Gewinn zu lesenden Buch über den „neuen Faschismus“ („Dieser Drang nach Härte“, S. Fischer 2026) einen Leckerbissen der auserwählt desorientierenden Art: Die gesamte Faschismus-Forschung souverän ignorierend, kommt bei ihr der Faschismus nicht als Bewegung daher – einmal im Aufstieg, einmal an der Macht und sich dort „dynamisierend“–, sondern als eigenständiges Wesen. Der Faschismus tut und macht, ja, feige, wie er ist, versteckt er sich sogar. Letzten Endes ist er bei der Philosophin der heimliche Wiedergänger des Teufels, den die Christenheit benötigt für eine noch glänzendere Strahlung ihrer Gottheit, bzw. – für die, die es mehr pantheistisch mögen – von Goethes Mephistopheles. Der Faschismus, dieser Ausbund der Hölle, sei nicht tot, postuliert Eva von Redecker, er habe überwintert: wahrscheinlich sogar in den Herzen und Hirnen unserer eigenen Ahnen. Philosophie? Eher Religion, mit etwas Pseudo-Philosophie angemalt.
Wenn all das nicht so peinlich wäre, könnte man lachen. Aber eigentlich müsste man – laut – schreien.
Wieder ein richtig guter Schütrumpf. Grüße an Jörn!
Zum weiteren Nachdenken ein m.E. geeigneter Text:
https://www.blaetter.de/ausgabe/2026/juni/rechtspopulismus-eine-bewegung-von-narzissten?utm_source=firefox-newtab-de-de
Dem grundlegenden Gedankengang im Text von Jörn Schütrumpf will ich gerne folgen, keinerlei Widerspruch. Nur eines fällt auf: Zustände, in denen „die Differenz zwischen autoritären Herrschaften jeglicher Ausformung, Militärdiktaturen und dem Faschismus selbst aus dem Blick“ rutscht, konnte Immanuel Kant nicht gekannt, folglich auch nicht verspottet haben. Was aber gemeint ist, soll gar nicht bestritten werden, nur gerät die Zeit an dieser Stelle im Text meines Erachtens etwas durcheinander.