von Henry-Martin Klemt

Klosterstraße, Berlin-Mitte. Luftschutzbunker.
Foto: W. Brauer (2017)
Sie möchten Menschen
sterben sehen, um denken
zu können: Das Gute
siegt doch. Sie sind die
Strategen. Das Töten erledigen
andere. In den Niederungen
der Nuttengäßchen, der unterirdischen
Drogenlabore genügt ihnen ein
abgeschnittener Finger, ein Ohr
als Liebesbeweis. In den höheren
Sphären der Wertegemeinschaft
verlangt es sie schon nach der Wolke
der weißen Overalls an einem frischen
Massengrab. Ob Fake oder nicht:
Wer einmal lügt, dem glaubt man
beim dreizehnten Mal. Daß Macht
eine Moral hat. Daß der Ort seiner
Geburt einen Menschen verpflichtet
zum Mord. Daß seine Heimat atmet
durch Fahnenstoff und nicht durch
die eigene, schweißnasse Haut. Wer
Befehle niederschmettern läßt wie
Kometen, der muß nicht die Sterne
kennen, aber die Satelliten, muß
keine Hufspur und kein Blätterrascheln
deuten können, kein Gezwitscher, nur
den stummen Verrat der Wangenmuskeln
und Augenlider. Die Kunst seiner
Sprache sind Armut und Wiederholung.
Ein Wort. Ein Hauptsatz. Eine Parole
in Dauerschleife und auf allen
Kanälen. Die Journaille lernt
schnell. Die Moderatoren sind
stolz, wie gut sie jede neue Rolle
beherrschen, vorwärts und zurück,
spielend leicht, bis ihr Einberufungsbefehl
da ist, ein anderer ihren Platz
einnimmt, den jüngsten Einsturz
der Türme und Tempel, die Kinderleichen
einordnet und kommentiert, wer
heldenhaft dem Feind die Stirn
bietet für ein weiteres, finales
Loch. Eine Lüge muß halten, bis
die Wahrheit nicht mehr entscheidend
ist, sondern Geschichte, die einrückt
in Memoiren und Bestsellerlisten. Das
Blaue vom Himmel kommt neben den
gebogenen Balken in die Vitrine, wo
das Leben von Generationen
museumsreif zum Gesamtkunstwerk
schrumpft, für das wir am Ende noch
Eintritt entrichten.
ALTWRIEZEN, Juni 2026

Ich habe das Gedicht mehrmals gelesen, auch laut, das war mir wichtig. Mir jedes Wort auf der Zunge zergehen lassen. Es ist so ungeheuerlich und so wahr.