von Andreas Peglau
In dem 2024 veröffentlichten Beitrag „Menschen als Marionetten? Wie Marx und Engels die reale Psyche in ihrer Lehre verdrängten“ habe ich anhand seiner Befürwortung von Kinderarbeit belegt, dass Marx‘ Fortschrittsglaube auch zu inhumanen Schlüssen führen konnte. In den 1866 von Marx verfassten „Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Zentralrats“ der Internationalen Arbeiterassoziation hatte es geheißen:
„Wir betrachten die Tendenz der modernen Industrie, Kinder und Jugendliche beiderlei Geschlechts zur Mitwirkung an dem großen Werk der gesellschaftlichen Produktion heranzuziehen, als eine fortschrittliche, gesunde und berechtigte Tendenz, obgleich die Art und Weise, auf welche diese Tendenz unter der Kapitalherrschaft verwirklicht wird, eine abscheuliche ist.“1

Kinderarbeit in einer englischen Textilfabrik zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Foto: CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Wie Marx wusste und mehrfach selbst dokumentiert hatte, kostete jeder Monat Kinderarbeit tausende Kinder Gesundheit oder Leben. Dennoch hielt er 1875 noch immer ein „Allgemeines Verbot der Kinderarbeit“ für
„unverträglich mit der Existenz der großen Industrie und daher leerer frommer Wunsch. Durchführung desselben – wenn möglich – wäre reaktionär, da, bei strenger Regelung der Arbeitszeit nach den verschiednen Altersstufen und sonstigen Vorsichtsmaßregeln zum Schutz der Kinder, frühzeitige Verbindung produktiver Arbeit mit Unterricht eines der mächtigsten Umwandlungsmittel der heutigen Gesellschaft ist“.2
Wie chancenlos im Kapitalismus des Jahres 1875 angemessener Kinderschutz war, erst recht innerhalb der „großen Industrie“, dürfte Marx gewusst haben. Doch der von ihm erhofften künftigen Gesellschaftsumwandlung räumte er Priorität ein gegenüber dem realem Kinderelend seiner Zeit.

Lewis Hine (1874-1940): Kinderarbeit in einer amerikanischen Baumwollspinnerei (1918). Foto: Public domain, via Wikimedia Commons.
Dass hier eine grundsätzliche Haltung von Marx und Engels zum Tragen kam, zeigt sich an ihrem Umgang mit anderen, nicht weniger brisanten Themen. Am 28.12.1846 schrieb Marx dem russischen Publizisten Pawel Annenkow: „Die Freiheit und die Sklaverei bilden einen Antagonismus. […] Was die Sklaverei betrifft, so brauche ich nicht von ihren schlechten Seiten zu sprechen. Das einzige, das erklärt werden muß, ist die gute Seite der Sklaverei.“ Damit meine er die „direkte Sklaverei […] der Schwarzen in Surinam, in Brasilien, in den Südstaaten Nordamerikas“. Diese sei
„der Angelpunkt unserer heutigen Industrie ebenso wie die Maschinen, der Kredit etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Erst die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben, erst die Kolonien haben den Welthandel geschaffen, der Welthandel ist die notwendige Bedingung der maschinellen Großindustrie. So lieferten denn auch die Kolonien der Alten Welt vor dem Negerhandel nur sehr wenige Produkte und änderten das Antlitz der Welt nicht merklich. Mithin ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von höchster Bedeutung. Ohne die Sklaverei würde Nordamerika, das vorgeschrittenste Land, sich in ein patriarchalisches Land verwandeln. Man streiche Nordamerika von der Weltkarte, und man hat die Anarchie, den völligen Verfall des Handels und der modernen Zivilisation. Doch die Sklaverei verschwinden lassen, hieße Amerika von der Weltkarte streichen“.3
1877 veröffentlichte Friedrich Engels den „Anti-Dühring“ („Herrn Eugen Dühring‘s Umwälzung der Wissenschaft“). Über diese Schrift teilten die Herausgeber der Marx-Engels-Werke mit, dass Marx „unmittelbaren Anteil am Entstehen“ nahm und ein Kapitel beisteuerte, so dass „der ‚Anti-Dühring‘ von Anfang bis zum Ende den Standpunkt […] von Engels und Marx“ ausdrücke.
Engels widmete sich hier ebenfalls dem Thema Sklaverei. Er ging dabei aus von einem lange zurück liegenden Zustand, wo ackerbauenden Familien „die Einfügung einer oder mehrerer fremden Arbeitskräfte“ erstmals möglich geworden sei:
„Aber das eigne Gemeinwesen und der Verband, dem es angehörte lieferte keine disponiblen, überschüssigen Arbeitskräfte. Der Krieg dagegen lieferte sie, und der Krieg war so alt wie die gleichzeitige Existenz mehrerer Gemeinschaftsgruppen nebeneinander. Bisher hatte man mit den Kriegsgefangenen nichts anzufangen gewußt, sie also einfach erschlagen, noch früher hatte man sie verspeist. Aber auf der jetzt erreichten Stufe der ‚Wirtschaftslage‘ erhielten sie einen Wert; man ließ sie also leben und machte sich ihre Arbeit dienstbar. […] Die Sklaverei war erfunden.“4
Laut Engels führte also „die gleichzeitige Existenz mehrerer Gemeinschaftsgruppen“ zu Kriegen – eine nach aktuellem Erkenntnisstand ebenso falsche Annahme wie die über das ursprünglich grundsätzliche Töten oder gar Verspeisen von Kriegsgefangenen. Die Erfindung der Sklaverei ordnete Engels nun ein:
„Erst die Sklaverei machte die Teilung der Arbeit zwischen Ackerbau und Industrie auf größerm Maßstab möglich, und damit die Blüte der alten Welt, das Griechentum. Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlage des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa. Wir sollten nie vergessen, daß unsere ganze ökonomische, politische und intellektuelle Entwicklung einen Zustand zur Voraussetzung hat, in dem die Sklaverei ebenso notwendig wie allgemein anerkannt war. In diesem Sinne sind wir berechtigt zu sagen: Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus.“
Später heißt es, wer „über das Griechentum die Nase rümpft, weil es auf Sklaverei begründet war“, könne „den Griechen mit demselben Recht den Vorwurf machen, daß sie keine Dampfmaschinen und elektrischen Telegraphen hatten“. Zu erwartender Entrüstung ob dieser Betrachtungsweise entgegnete Engels:
„Es ist sehr wohlfeil, über Sklaverei und dergleichen in allgemeinen Redensarten loszuziehn und einen hohen sittlichen Zorn über dergleichen Schändlichkeit auszugießen. Leider spricht man damit weiter nichts aus als das, was jedermann weiß, nämlich daß diese antiken Einrichtungen unsern heutigen Zuständen und unsern durch diese Zustände bestimmten Gefühlen nicht mehr entsprechen.“

Sklavenarbeit auf einer Baumwollplantage in den Südstaaten der USA (1850). Foto: Unbekannter Autor, Public domain, via Wikimedia Commons.
Abneigung gegen Sklavenhaltung als moderne Gefühlsduselei? Bereits der Marx und Engels gut bekannte, antike Philosoph Diogenes übte Kritik an der Sklaverei. Dürften nicht auch die Sklaven selbst schon immer ausgeprägt negative Gefühle gegenüber ihrem Versklavt-Sein gehabt haben? Doch auch das guckte sich Engels schön:
„Selbst für die Sklaven war dies ein Fortschritt; die Kriegsgefangnen, aus denen die Masse der Sklaven sich rekrutierte, behielten jetzt wenigstens das Leben, statt daß sie früher gemordet oder noch früher gar gebraten wurden.“
Sklaverei als für alle Beteiligten bestmögliche Lösung.
Dass ohne das Vorangegangene das Gegenwärtige anders aussehen würde oder gar nicht eingetreten wäre, ist wiederum eine Plattitüde. Daraus zu schließen, alles Vorangegangene sei notwendig so gewesen, ist dagegen einfach Unsinn. Oder Glauben an göttliche Vorherbestimmtheit. Bei Marx und Engels war es der Glaube an gottähnlich agierende „ökonomische Naturgesetze“. Engels führte seine Argumentation weiter:
„Wir erfahren damit aber kein Wort darüber, wie diese Einrichtungen entstanden sind, warum sie bestanden und welche Rolle sie in der Geschichte gespielt haben. Und wenn wir hierauf eingehn, so müssen wir sagen, so widerspruchsvoll und so ketzerisch das auch klingen mag, daß die Einführung der Sklaverei unter den damaligen Umständen ein großer Fortschritt war.“
Die Rechnung, die Engels und Marx aufmachten, war immer dieselbe: Alles, was in der Menschheitsgeschichte geschieht und geschah, sei von den ökonomischen Gesetzen bestimmt, welche Marx als erster erkannt habe. Diese Gesetze bewirkten ein zwangsläufiges gesellschaftliches Voranschreiten, das letztlich zum Sozialismus tendiere. Daher sei alles, was dieses Voranschreiten ermögliche oder erleichtere (und somit zugleich ihre Thesen bestätigte), zu begrüßen. Dass dieser Art „Fortschritt” Millionen Menschen zum Opfer fielen, erschien ihnen offenbar nicht nur unvermeidbar sondern auch zweitrangig.
Diese Sichtweise zeigte sich ebenfalls in ihrer Bewertung von Kriegen.1846 überfielen die USA Mexiko, annektierten fast die Hälfte des Landes, darunter Texas, Neukalifornien und Neumexiko. Auf Seiten Mexikos gab es tausende Tote – was 1848 bekannt gewesen sein musste, als sich Engels, wohl auch im Namen von Marx, zu diesem Überfall äußerte:
„In Amerika haben wir der Eroberung Mexikos zugesehen und uns darüber gefreut. Es ist auch ein Fortschritt, daß ein Land, welches sich bisher ausschließlich mit sich selbst beschäftigte, durch ewige Bürgerkriege zerrissen und an aller Entwicklung verhindert war, ein Land, dem höchstens bevorstand, in das industrielle Vasallentum Englands zu geraten – daß ein solches Land mit Gewalt in die geschichtliche Bewegung hineingerissen wird. Es ist im Interesse seiner eignen Entwicklung, daß es in Zukunft unter die Vormundschaft der Vereinigten Staaten gestellt wird. Es ist im Interesse der Entwicklung von ganz Amerika, daß die Vereinigten Staaten durch den Besitz Kaliforniens die Herrschaft auf dem Stillen Meer erhalten.“5

Mexikanisch-Amerikanischer Krieg: Schlacht von Churubusco (20. August 1847). Lithografie von J. Cameron. Foto: gemeinfrei.
Natürlich können Kriege auch zu etwas führen, das sich als positiv einordnen lässt. Aber ich käme nicht auf die Idee, zu sagen, der Zweite Weltkrieg hatte die gute Seite, dass anschließend die UNO gegründet wurde. Oder mich über den Überfall Hitler-Deutschlands auf die UdSSR 1941, dem letztendlich 27 Millionen Sowjetbürger zum Opfer fielen, im Nachhinein zu freuen, weil er ja zur Zerstörung des Nazi-Imperiums führte. Wird einem Mann der Kopf abgeschlagen, muss er sich nicht mehr rasieren. Das ist zutreffend – aber kein Grund, das Gesamtgeschehen als erfreulich einzuordnen.
Ich will fünf Marx-Zitate anfügen, welche die Sicht von Marx auf Krieg und Frieden zusätzlich illustrieren. Die letzten beiden entstammen Band 1 „Das Kapital“, die drei ersteren den 1858 beendeten, posthum veröffentlichten „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“. Marx notierte diese zwar nur als teils skizzenhaften „Rohentwurf“ zum persönlichen Gebrauch. Dennoch werfen sie ein Schlaglicht auf seine Gedankengänge.
„Krieg früher ausgebildet wie Frieden [sic].“6
„Der Krieg ist daher die große Gesamtaufgabe, die große gemeinschaftliche Arbeit, die erheischt ist, sei es um die objektiven Bedingungen des lebendigen Daseins zu okkupieren, sei es um die Okkupation derselben zu beschützen und zu verewigen. Die aus Familien bestehende Gemeinde daher zunächst kriegerisch organisiert.“7
„Der Jagdgrund so bei den wilden Indianerstämmen in Amerika; der Stamm betrachtet eine gewisse Region als sein Jagdgebiet und behauptet es gewaltsam gegen andre Stämme oder sucht andre Stämme aus dem von ihnen behaupteten zu vertreiben. […] Die einzige Schranke, die das Gemeinwesen finden kann in seinem Verhalten zu den natürlichen Produktionsbedingungen – der Erde – […] als den seinen, ist ein andres Gemeinwesen, das sie schon […] in Anspruch nimmt. Der Krieg ist daher eine der ursprünglichsten Arbeiten jedes dieser naturwüchsigen Gemeinwesen, sowohl zur Behauptung des Eigentums als zum Neuerwerb desselben.“8
„Linguet […] hat vielleicht nicht unrecht, wenn er die Jagd für die erste Form der Kooperation und Menschenjagd (Krieg) für eine der ersten Formen der Jagd erklärt.“9
„In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle.“10
In dem 2020 in neues deutschland erschienenen Artikel „Das Ende des Bellizismus. Krieg und Frieden im Werk von Friedrich Engels“ resümiert der Politikwissenschaftler Georg Fülberth:
„Die längste Zeit ihres politischen Lebens sind Karl Marx und Friedrich Engels das gewesen, was man heute wohl ‚Bellizisten‘ nennen würde. Wie fast alle ihre Zeitgenossen folgten sie dem Denken des preußischen Militärtheoretikers Carl von Clausewitz, wonach der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Diese galten als beherrschbar, der Krieg deshalb als führbar. 1848/49 forderten Marx und Engels einen deutschen Volkskrieg gegen den russischen Zaren. Er war in ihren Augen der Rückhalt aller reaktionären Regimes und – nach der Niederwerfung des aufständischen Ungarn durch seine Armee – der Schlächter der Revolution. Der britischen Regierung warf Engels vor, dass sie den Krimkrieg (1853-1856) nicht bis zur endgültigen Niederlage Russlands führte – aus Sorge um das europäische Gleichgewicht und aus Furcht vor revolutionären Konsequenzen. Einen ähnlichen Vorwurf machte er lange Zeit den Nordstaaten im US-amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865).“
Versteht man unter „Bellizisten“ Menschen, die Kriege verherrlichen, trifft das auf Marx und Engels nicht zu. Ist stattdessen gemeint, Krieg als legitimes Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele zu betrachten, hat Fülberth recht: Engels wie auch Marx befürworteten kriegerische Auseinandersetzungen, von denen sie annahmen, dass sie gesellschaftlichen Fortschritt mit sich brächten. Die schon seit der Antike diskutierte Unterscheidung zwischen „gerechten“ und „ungerechten“ Kriegen, spielte für sie dagegen keine Rolle. Fülberth weist freilich auch darauf hin, dass der alte Engels zu der Erkenntnis gelangte,
„dass das Zeitalter der begrenzten und insofern führbaren militärischen Auseinandersetzungen vorbei war. Jetzt eröffnete sich die Perspektive eines grauenhaften Weltkriegs. Im März 1889 schrieb Engels an Paul Lafargue, einen Schwiegersohn von Karl Marx: ‚Was einen Krieg betrifft, so ist er für mich die schrecklichste aller Möglichkeiten. […] ein Krieg, in dem es zehn bis 15 Millionen Kämpfende geben wird, der, allein um sie zu ernähren, eine noch nie dagewesene Verwüstung mit sich bringen wird; ein Krieg, der eine verstärkte und allgemeine Unterdrückung unserer Bewegung, eine Verschärfung des Chauvinismus in allen Ländern und schließlich eine Schwächung mit sich bringen wird, […] eine Periode der Reaktion als Folge der Erschöpfung aller ausgebluteten Völker – und alles dies gegen die geringe Chance, daß aus diesem erbitterten Krieg eine Revolution hervorgeht – das entsetzt mich.‘“
Dennoch: Wer sich für Frieden engagiert, kann sich nur begrenzt auf Marx und Engels berufen.

Britischer Soldatenfriedhof bei Amiens (1918). Foto: W. Brauer (2008)
1 Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 16, S. 193.
2 MEW, Bd. 19, S. 32.
3 MEW, Bd. 27, S. 458; vgl. MEW Bd. 4, S. 131.
4 Anti-Dühring-Zitate aus MEW Bd. 20, S. 167–169.
5 MEW, Bd. 4, S. 501. Dazu hielten die Herausgeber dieses MEW-Bandes eine Fußnote für nötig: „Marx und Engels änderten später – auf Grund eingehenden Studiums der Geschichte der USA-Aggression gegen Mexiko und andere Länder des amerikanischen Kontinents – ihre hier über dieses Ereignis getroffene Einschätzung. So kennzeichnete Marx im Jahre 1861 in seinem Aufsatz ‚Der nordamerikanische Bürgerkrieg‘ die Politik der herrschenden Klassen der USA gegenüber den lateinamerikanischen Ländern als eine Eroberungspolitik, deren offenes Ziel die Aneignung neuer Gebiete für die Ausbreitung der Sklaverei und der Herrschaft der Sklavenhalter war.“ Das suggeriert jedoch zu Unrecht, Marx hätte dort diese Annexion verurteilt oder er und Engels wären von ihren früheren Beurteilungen abgerückt: Sie haben sie jedoch nur erweitert (siehe MEW Bd. 15, S. 329-338).
6 MEW Bd. 42, S. 43.
7 Ebd., S. 386.
8 Ebd., S. 399.
9 MEW Bd. 23, S. 353.
10 Ebd., S. 742.
Friedrich Engels fasste in seiner ersten biographischen Notiz über Karl Marx aus dem Jahre 1869 den zwei Jahre zuvor erschienenen Ersten Band von „Das Kapital“ als „Resultate des Studiums eines ganzen Lebens“ zusammen. Gleich anschließend führte er aus:
„Das Marxsche Buch hat aber auch noch nach anderer Seite hin ein Interesse. Es ist die erste Schrift, in der die tatsächlichen Verhältnisse, die zwischen Kapital und Arbeit bestehen, in ihrer klassischen Form, wie sie solche in England erlangt haben, vollständig und übersichtlich geschildert werden. Die parlamentarischen Untersuchungen lieferten hierzu ein reichliches, einen Zeitraum von fast vierzig Jahren umfassendes und selbst in England so gut wie unbekanntes Material über die Verhältnisse der Arbeiter in fast allen Industriezweigen, über die Arbeit von Weibern und Kindern, über Nachtarbeit usw.; dies alles ist hier zum erstenmal zugänglich gemacht. Daran reiht sich die Geschichte der Fabrikgesetzgebung in England, welche, von den bescheidenen Anfängen der ersten Akte von 1802 an, jetzt dahin gekommen ist, die Arbeitszeit in fast allen fabrikmäßig oder häuslich betriebenen Geschäftszweigen für Weiber und junge Leute unter 18 Jahre auf 60 Stunden wöchentlich, für Kinder unter 13 Jahren auf 39 Stunden wöchentlich zu beschränken. Nach dieser Seite hin ist das Buch von höchstem Interesse für jeden Industriellen.“ (MEW, Bd. 16, S. 365)
Folgte man der im Beitrag von Andreas Peglau eingeschlagenen Logik, müsste nun Engels wie Marx bezichtig werden, sie hätten einer Beschränkung der Arbeitszeit für „Weiber und junge Leute unter 18 Jahre auf 60 Stunden wöchentlich, für Kinder unter 13 Jahren auf 39 Stunden wöchentlich“ das Wort geredet. Vielmehr, so Engels, habe Marx als erster zugänglich gemacht, was nun einmal Sache war.
Holger Politt
Ich möchte ergänzen zu dem Annenkow-Brief von 1846. Marx ist damals 28 Jahre alt und wissenschaftlich gerade zu sich gekommen. Er schreibt den Brief von leichter Hand, vielleicht etwas zu leicht. Denn er wusste nicht, dass im Jahre 2026, 180 Jahre später, jeder Mensch seinen Brief würde lesen können. Dennoch bescheinigt ihm die Wissenschaft, dass er in diesem Brief, in einer Auseinandersetzung mit Proudhon, seine materialistische Geschichtsauffassung begründet hätte.
Nur ein Jahr später, in der Abfassung des „Manifestes der kommunistischen Partei“, begründen Marx und Engels erstmals ihre Theorie der Abfolge ökonomischer Gesellschaftsformationen.
„D i e Geschichte aller bisherigen G e s e l l s c h a f t * * ist die G e s c h i c h t e v o n Klassenkämpfen. Freier u n d Sklave, Patrizier u n d Plebejer, Baron u n d Leibeigener, Z u n f tbürger u n d Gesell, kurz, Unterdrücker u n d Unterdrückte standen in s t e t e m Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald o f f e n e n K a m p f, einen K a m p f , der jedesmal mit einer revolutionären U m g e s t a l t u n g der ganzen Gesellschaft e n d e t e oder mit d e m g e m e i n s a m e n Untergang der kämpfenden Klassen.“
Später nennt Marx diese Abfolge einen „naturgeschichtlichen Prozess“. Im Vorwort zum 1. Band des „Kapital“ schreibt er: „Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist – und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen-, kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.“
Marx schildert also im „Kapital“, auch mit vielen historischen Ausflügen, das Bewegungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise. Er übernimmt dabei weder moralische Verantwortung noch psychische Einfühlung. Er ist nur der Überbringer der Nachrichten. Das gilt in diesem Falle für die Sklaverei und seiner Überzeugung, dass diese produktive Fortschritte für die Menschheitsgeschichte hervor gebracht hätte. Das teilt er nicht – er teilt es mit.
Vielen Dank für die beiden Kommentare!
Zur Haltung von Marx zur Kinderarbeit habe ich hier etwas ausführlicher argumentiert:
https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/menschen-als-marionetten-teil-8-von-immanuel-kant-bis-kinderarbeit/ (herunterscrollen bis „Kinderarbeit“).
Zum Annenkow-Brief. Da griff Marx wohl zurück auf Formulierungen, die er sich bereits für „Das Elend der Philosophie“ zurechtgelegt hatte, das ja ein Jahr später erschienen ist. Deshalb hatte ich in meiner Fußnote 3 auch hingewiesen auf MEW Bd. 4. Dort steht auf S. 131-32:
„Die Sklaverei ist eine ökonomische Kategorie wie eine andere. Sie hat also gleichfalls ihre zwei Seiten. Halten wir uns nicht bei der schlechten Seite auf und sprechen wir von der schönen Seite der Sklaverei. Wohlverstanden, es handelt sich hier nur um die direkte Sklaverei, um die Sklaverei der Schwarzen in Surinam, in Brasilien, in den Südstaaten Nordamerikas.
Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Großindustrie. So ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von der höchsten Wichtigkeit.
Ohne die Sklaverei würde Nordamerika, das vorgeschrittenste Land, sich in ein patriarchalisches Land verwandeln. Man streiche Nordamerika von der Weltkarte, und man hat die Anarchie, den vollständigen Verfall des Handels und der modernen Zivilisation. Laßt die Sklaverei verschwinden, und ihr streicht Amerika von der Weltkarte.“
Falls Sie interessiert, was ich zum „Kapital“ zusammengetragen habe: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/menschen-als-marionetten-teil-5-was-ist-kapital-das-beseelte-ungeheuer/
Herzliche Grüße
Andreas Peglau
Marx war sicherlich einer der einflußreichsten Gesellschafts- und Geschichtstheoretiker der letzten mehr als 150 Jahre, wenn nicht gar der einflußreichste überhaupt. Doch war er in erster Linie Theoretiker der sozialistischen Revolution, und vor allem im Hinblick auf diese Revolution hat er sich mit der damaligen Gesellschaft befaßt. Aber gerade hier scheinen ihm die schwersten Irrtümer unterlaufen zu sein, so daß sich fragt, ob sich Debatten darüber überhaupt noch lohnen (ich belasse es mal bei dieser sehr allgemeinen Aussage).
Mit dem Autor des vorstehenden Textes zu diskutieren ist hingegen – meines Erachtens jedenfalls – auf keinen Fall sinnvoll. Das zeigt sich auch diesmal wieder: Statt auf Argumente einzugehen, verweist er auf erweiterte Fassungen des weiter oben Gesagten. Allein schon deshalb möchte ich mich, obwohl ich mich viel mit dem Denken und Tun jener Drei befaßt habe, für die das Kürzel MEL steht, auch nicht in eine eventuelle Kontroverse einbringen und beschränke mich auf zwei Anmerkungen: Andreas Peglau zitiert aus dem sog Anti-Dühring: „Aber das eigne Gemeinwesen und der Verband, dem es angehörte lieferte keine disponiblen, überschüssigen Arbeitskräfte. Der Krieg dagegen lieferte sie, und der Krieg war so alt wie die gleichzeitige Existenz mehrerer Gemeinschaftsgruppen nebeneinander…“ Sein Kommentar: „Laut Engels führte also ‚die gleichzeitige Existenz mehrerer Gemeinschaftsgruppen‘ zu Kriegen …“ Tatsächlich erscheint diese gleichzeitige Existenz nicht als ihr Grund, sondern nur als ihre Voraussetzung. Ich denke, das ist offensichtlich; daß Peglau es ignoriert, ist aus meiner Sicht ein kleines Beispiel dafür, daß er eine unvoreingenommene Auseinandersetzung nicht erstrebt. Die zweite Anmerkung: Der eigentliche Grund dieser Voreingenommenheit scheint mir seine Vorstellung zu sein, wer die Existenz gesellschaftlicher Gesetze anerkenne, betrachte die Menschen als Marionetten. Aber das ist ein Irrtum. Leider habe ich es 2024 versäumt, in meiner umfangreichen Antwort auf Heinz Jakubowsky auf dieses Problem einzugehen, und jetzt werde ich es auch nicht mehr tun.