von Holger Politt
Vom 22. Juli 1917 bis zum 8. November 1918 war Rosa Luxemburg im Strafgefängnis in Breslau inhaftiert. In der sogenannten militärischen Schutzhaft – sie war keine Strafgefangene, ihr wurde aller drei Monate ein weiterer Haftbefehl zugestellt – kam sie an der einen oder anderen Stelle zu kleinen Erleichterungen, die helfen konnten, die Gefängnisnot besser zu überstehen. So weiß man, dass Rosa Luxemburg in bestimmten Abständen und wohl stets in Begleitung einer Aufsichtsperson in die Stadt gehen durfte. Zu den wichtigen persönlichen Gegenständen, die ihren grauen Alltag in der Zelle begleiteten, gehörte das seit 1913 geführte Herbarium. Sie führte es in Breslau akribisch. Neben dem Datum des Eingangs und der Pflanzenbestimmung wurde aufgeschrieben, wer ihr die Pflanze zukommen ließ. Auf seine Weise ist das Herbarium heute ein zusätzliches Hilfsmittel, wann immer die Chronik der Gefängnistage in Breslau nachgezeichnet wird. Doch hier soll ein Blatt gesondert betrachtet werden, das noch in einer ganz anderen Beziehung zu Breslau steht.

Aus dem Herbarium Rosa Luxemburgs. Foto: Holger Politt (2026)
Am 2. August 1918 pflegte Rosa Luxemburg Pflanzenstücke „Vom Grabe Lassalles“ ein, die Marta Urban mitgebracht hatte. Marta Urban, von Rosa Luxemburg und anderen Medi gerufen, hatte Breslau Anfang August 1918 für einige Tage aufgesucht und der Gefangenen mehrere Besuche abgestattet. Zum Jüdischen Friedhof an der Lohestraße (heute ul. Ślężna) wird sie wohl alleine gegangen sein, aber an Mathilde Jacobs schrieb Rosa Luxemburg am 9. August 1918: „Medi ist also am Mittwoch früh fort; wir hatten noch vorher zwei wunderschöne Spaziergänge gemacht, eine Menge Blumen gepflückt, die jetzt noch bei mir im Wasser stehen. Unterwegs ein winziges schwarzes Kaninchen gesehen, das direkt auf mich zugelaufen kam und sich abküssen ließ, im Botanischen Garten zwei Kröten gesehen, die Ziege gefüttert, kurz, es war großartig.“ Marta Urban, zu dieser Zeit eine junge Frau von 24 Jahren, stammte wohl aus Wien, wird später Hans Kautsky jun., den Neffen Karl Kautskys, heiraten. Ob Rosa Luxemburg während ihrer Gefängniszeit in Breslau selbst am Grab Ferdinand Lassalles gewesen war, muss offenbleiben, es gibt keine Notiz, keinen Hinweis dazu. Aber anzunehmen ist, dass sie vor dem Grab gestanden hatte, wenn nicht 1917 oder 1918, dann bei einem der früheren Aufenthalte in der Stadt.
Es liegen vier schöne Texte über Lassalle aus Rosa Luxemburgs Feder vor, einmal 1901 zum Erscheinen von Arbeiten aus dem Nachlass von Marx, Engels und Lassalle, dann 1904 zum 40. Todestag Lassalles und schließlich 1913 zwei Beiträge zum 50. Gründungstag des ADAV (Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein). Dem heutigen Leser fällt es also nicht schwer, jenes Bild zu rekonstruieren, das die glänzende Theoretikerin der Arbeiterbewegung von Lassalle gehabt haben musste.
„In Deutschland hat Lassalle durch seinen Kaiserschnitt die Arbeiterschaft von der Bourgeoisie ein für allemal losgetrennt und ihr das gegeben, was ihr von nun an als Panzer in allen späteren Kämpfen dienen sollte; eine selbständige politische Parteiorganisation mit einem fruchtbaren, lebendigen politischen Aktionsprogramm.“ Sie räumte ein, dass Lassalle im „leidenschaftlichen Kampf […] gegen die Fortschrittspartei“ ein manches Mal zu überflüssigen Annäherungen an die feudale Reaktion geneigt habe, aber er habe vor allem „zwischen der deutschen Arbeiterklasse und der Bourgeoisie einen solchen Abgrund“ gegraben, „dass nichts in der Welt ihn mehr zu überbrücken, nichts mehr die Arbeiter ins politische und geistige Joch des Liberalismus zurückzuführen imstande war“.
1913 hatte Rosa Luxemburg vorausgesagt: Die Zeit großer Führer sei vorbei, auch und erst recht für die Arbeiterbewegung. „Heute gibt es keinen Lassalle, der mit einer Stimme, die wie Erz tönt, und mit kühnem Arm die deutsche Arbeiterklasse zum Sturmlauf auf die Bollwerke der Klassenherrschaft mitreißen würde. Die Zeit der überragenden Individuen, der kühn vorauseilenden Führer ist vorbei, denn heute ist die Masse selbst berufen, ihr eigener Führer, Bannerträger und Stürmer, ihr eigener Lassalle zu sein.“ Sie hoffte auf eine „Masse der aufgeklärten Arbeiterschaft“, die in den fünf Jahrzehnten „mündig, stark und reif geworden“ sei, die zu einer Politik verpflichtet sei, die „an Kühnheit, Weitblick und Größe jener würdig wäre, aus der vor einem halben Jahrhundert der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hervorgegangen ist“.

Das Grab Lassalles auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Wrocław.
Foto: Holger Politt (2026)
Die Rosa Luxemburg im Sommer 1918, die den kleinen Pflanzengruß „Vom Grabe Lassalles“ in das Herbarium aufnahm, war immer noch beseelt von dieser Aussicht, sie hoffte auf die „aufgeklärte Arbeiterschaft“, die nach dem Massensterben auf den Schlachtfeldern im Ersten Weltkrieg den Verantwortlichen für Krieg und Verbrechen die politische Rechnung präsentieren würde, sie hoffte auf die politische Revolution, um mit dem Werk des gründlichen Aufbaus einer neuen Gesellschaft auf den Trümmern der alten beginnen zu können.
In der Lassalle-Würdigung von 1913 hatte sie von einer „imperialistischen Schlussphase der internationalen Kapitalherrschaft“ gesprochen, von der „tiefsten Verfallsperiode des bürgerlichen Parlamentarismus“, davon, dass die „mächtigste Parteiorganisation […] heute nicht Selbstzweck“ sein könne, dass sie sich als „Hilfsmittel zur revolutionären Mobilmachung der großen Volksmasse bewähren“ müsse. Nichts brauchte zurückgenommen werden, alles schien immer noch (oder jetzt erst recht!) den Kurs zu weisen. Wenige Zeit nach dem Blumengruß von Lassalle wird Rosa Luxemburg im Breslauer Gefängnis mit der Skizze zur russischen Revolution beginnen, ihrem heute wohl mit Abstand berühmtesten Werk, dessen vorläufiger und unvollendeter Charakter dem faszinierenden Glanz auch nach über einem Jahrhundert kaum etwas anhaben kann.
Die darin enthaltene Lenin-Kritik hat sehr viel zu tun mit jenem Verständnis, wonach die Zeit großer Führer unwiderruflich vorbei sei. Das Lenin-Lob, das mitunter übersehen wird, aber geht zurück auf jenes Bild in dem Lassalle-Text, dass die „glänzendsten parlamentarischen Wahlsiege […] heute nur als Pfand und als Verpflichtung für die Arbeiterklasse gelten, aus der jahrzehntelangen Defensive herauszutreten und allmählich zu einer kraftvollen Offensive gegen die herrschende Reaktion überzugehen“. In diesem Sinne hätten Lenin und die von ihm geführten Bolschewiki, so ist Rosa Luxemburg überzeugt, mit dem Vorgehen im Herbst 1917 den gordischen Knoten zumindest zerschlagen, einen Anfang gesetzt, denn sie hätten die berühmte Frage der „Mehrheit des Volkes“ gelöst. Als „eingefleischte Zöglinge des parlamentarischen Kretinismus“ hätten die deutschen Sozialdemokraten die „hausbackene Weisheit aus der parlamentarischen Kinderstube“ auf die Revolution angewendet – „um etwas durchzusetzen, müsse man erst die Mehrheit haben“. Es gelte aber, so Rosa Luxemburg, die „parlamentarische Maulwurfsweisheit“ auf den Kopf zu stellen: „Nicht durch Mehrheit zur revolutionären Taktik, sondern durch revolutionäre Taktik zur Mehrheit geht der Weg.“ Mehr Lassalle geht nicht.
Es ist leicht, heute das politische Scheitern Rosa Luxemburgs in der wenig verbliebenen Lebenszeit seit Sommer 1918 herauszuheben. Die Vorstellung, dass die Arbeitermassen, sobald sie von der Front zurückkehrten und den Waffenrock gegen den Arbeitskittel eintauschten, wieder zu jenen überzeugten Klassenkämpfern würden, die sie vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs vielleicht gewesen sein mochten, ging in die Irre.

Der Alte Jüdische Friedhof in Wrocław, ul. Ślężna.
Foto: Holger Politt (2026)
Die tiefen Brüche, die Verwerfungen werden in den Jahren nach Rosa Luxemburgs Tod andere Denker thematisieren, die sich auf Marx berufen. Genannt werden könnten hier Georg Lukács mit dem tiefgehenden Denkbild, in dem Vergegenständlichung und Entfremdung größter Einfluss auf das Klassenbewusstsein zugerechnet wird, sowie Ernst Bloch, der die Ungleichzeitigkeiten zu gleicher Lebenszeit thematisierte. Rosa Luxemburg sah sich anders gefordert: Die Massen finden den Weg, so sie führungsseitig nicht gehindert, ausmanövriert oder gar verraten werden. Es fällt schon wieder in die bittere Ironie von Weltgeschichte, dass viele Jahrzehnte später ausgerechnet diese Überzeugung, die sich am Ende des Ersten Weltkriegs vor allem an die Adresse der deutschen Sozialdemokratie gerichtet hatte, den Weg weisen wird zu einer umfassenden Lenin- wie Bolschewiki-Kritik von links. Es sei hier zum Schluss hinzugesetzt, dass unter den engsten polnischen Kampfgefährten Rosa Luxemburgs viele überzeugte wie ausgewiesene Lassalle-Verehrer gewesen waren, so Adolf Warski oder Henryk Walecki, die zwei Jahrzehnte nach Rosa Luxemburgs Tod Opfer brutaler Stalin-Verfolgung wurden.
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Literaturempfehlungen:
Rosa Luxemburg: Herbarium, Hrsg. Evelin Wittich, Berlin 2016.
Rosa Luxemburg: Aus dem Nachlass unserer Meister, in: Gesammelte Werke, Bd. 1/2, S. 130–141 (1901).
Dies.: Lassalle und die Revolution, in: Ebenda, S. 417–421 (1904).
Dies.: Nach 50 Jahren, in: Ebenda, Bd. 3, S. 208–211 (1913). Dies.: Lassalles Erbschaft, in Ebenda, S. 220–224 (1913).
Dies.: Zur russischen Revolution, in: Ebenda, Bd. 4, S. 332–365 (1918).
Dies.: Brief an Mathilde Jacob vom 9. August 1918, in: Gesammelte Briefe, Bd. 5, S. 405.
Eine wandelnde Vorlesung. Der Gefängniswärter Arthur Gertel erinnert sich an Rosa Luxemburg, in: Neues Deutschland, 12. Januar 2019, S. 18.