von Reinhard Wengierek
Potsdam ist ja auch Berlin, irgendwie, weshalb wir es frech eingemeinden in die Hauptstadt-Szene. Schon, weil im Hans-Otto-Theater Aufsehen erregendes geschieht: Geschlagene fünf Stunden Spielzeit für die Adaption des Romans „Serotonin“ von Michel Houellebecq. Es ist der Report einer Reise in den Suizid. Und ein wahrlich wahnsinniger, zugleich hoch konzentrierter Kraftakt des Solo-Schauspielers Guido Lambrecht. Ein Kunststück! Der Mann wurde damit just „Schauspieler des Jahres“ im aktuellen Ranking des Fachblatts Theater heute. – Zur Entspannung eine hintersinnige Groteske, mit der das Deutsche Theater Berlin am 25. Mai 2024 einen der ansonsten eher raren Knaller zündete – jetzt wieder auf dem Spielplan!
EINS: Hans-Otto-Theater Potsdam – Hörtheater-Show mit Zwischendurch-Bier

Hans-Otto-Theater Potsdam: Guido Lambrecht in „Serotonin“ nach dem Roman von Michel Hollebecq (Regie und Bühne: Sebastian Hartmann).
Foto: Hans-Otto-Theater © Thomas M. Jauk
„Unterhaltsam, philosophisch, provokant, komisch und tief, mit genauer Sicht auf gegenwärtig gesellschaftliche Härten“ – Das treffliche Urteil des Schauspielers Guido Lambrecht über Michel Houellebecqs Roman „Serotonin“, den er – erstaunliche Leistung! – Wort für Wort im Kopf hat und als eine Art Hörstück auf die Bühne bringt.
Der französische Literatur-Superstar, Goncourt-Preisträger und Bestseller-Autor lässt in der 2019 erschienenen Ich-Erzählung einen 46 Jahre alten Agraringenieur namens Labrouste sein von der Suche nach Trost und Glückseligkeit zerriebenes Leben resümieren. – Es ist der kühle, lakonisch gefärbte, zuweilen humorvolle und von Melancholie durchwehte Rückblick eines durchaus empathischen, doch immer wieder beziehungsunfähigen Mannes. Eines Intellektuellen, gut situiert, gut aussehend, depressiv. Mit scharfem Blick auf eine von Gier und Unverstand an den Rand des Abgrunds getriebene Welt. Das alles – dazu Einsamkeit, innere Unruhe, dauernde Vergeblichkeit – ist kaum auszuhalten. Drogen und Sex helfen nicht weiter. Und Serotonin, das süße Glückshormon, hat längst den Geist aufgegeben.
Houellebecqs spannender, immer wieder sanft erregender Report einer so bizarren wie tieftraurigen Reise in den Suizid geht über 336 Druckseiten (bei DuMont; Übersetzung: Stephan Kleiner). Für die Inszenierung seiner Bühnenfassung braucht Regisseur Sebastian Hartmann fünf Stunden. Der Schauspieler Guido Lambrecht bewältigt die Tortur ohne Versprecher, Hänger, Aussetzer. Und überwiegend gleichmütig, wie in sich gekehrt. In schneeweißem Overall, artig sitzend in einem schneeweißen Kasten, so dass er körperlich nahezu verschwindet im trüb-weißen Licht. Kein Psychotheater, eher eine Berichterstattung – wie leicht verträumt, der man, zur eigenen Überraschung, gebannt lauscht.
Ohne Pause; doch darf das Publikum jederzeit den Saal verlassen. Im Foyer sind Toiletten, wartet Gastronomie. Man kann sich’s bequem machen mit Getränken vorm Fernseher mit Live-Übertragung. Und dann wieder reingehen.
Zugegeben, eine exzentrische Veranstaltung; man hätte es gut auch in dreieinhalb bis vier Stunden geschafft. Hartmann aber wollte diese Herausforderung angesichts unserer dahin rasenden Zeitläufte. Eine gezielte Überforderung. – Die spezielle Sensation: Diese Hörtheater-Show wurde ausgezeichnet mit einer Einladung zum Berliner Theatertreffen im Mai. Eine Jury hat sie ausgewählt aus sage und schreibe 739 gesichteten Produktionen im deutschsprachigen Raum. – Ein Ruhmesblatt für den wagemutigen Regisseur und seinen spektakulären Protagonisten. Und der wurde mit dieser Berserker-Rolle „Schauspieler des Jahres“. Gratulation!
Wieder am 16. Oktober, 14. und 29. November, Hans-Otto-Theater Potsdam, Reithalle.
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ZWEI: Deutsches Theater Berlin – Neuer Untertan in alter Tretmühle
Der Kampf ums liebe Geld, er treibt uns alle um. Da werden Schlachten geschlagen; kollektiv (einst die schlesischen Weber, heute die Gewerkschaftsverbände) oder einzeln. Solch einen Einzelkampf hat sich der französische Autor Georges Perec (1936-1982) in seiner 1970 in Paris uraufgeführten Tragikomödie „Die Gehaltserhöhung“ vorgeknöpft. Und das auf ganz eigene Art: Da wird nicht das dramatische Ringen eines Angestellten mit dem Vorgesetzten um die nächsthöhere Lohngruppe aufgeblättert, sondern die immergleiche, sich bis ins Absurde steigernde (allerdings nicht ganz neue) Grundsituation durchgespielt: Nämlich das verzweifelte Anrennen gegen die so unheimlich freundlich gepolsterte Mauer einer menschenverachtenden Vergeblichkeit.
Gefangen wie in einer Tretmühle rackert sich der abhängig Beschäftigte ab mit seinen immer unterwürfiger, irrsinniger, trauriger werdenden Bittgesuchen um besseres Gehalt. Die so entsetzliche wie komische Folge: Er wird zunehmend deformiert.

Deutsches Theater Berlin: Georges Perec „Die Gehaltserhöhung“ (Regie Anita Vulesica). Foto: Deutsches Theater © Eike Walkenhorst
Anita Vulesica, Regie-Expertin fürs Groteske, Abgründige, Monströse, lässt den armen Gehaltsempfänger, „das mikroskopische Rädchen einer riesengroßen Organisation“ mit seinen ins Leere stürzenden Wutanfällen, von gleich sechs Personen spielen (Abak Safaei-Rad, Evamaria Salcher, Frieder Langenberger, Moritz Grove, Katrija Lehmann, Jonas Hien). Und jagt sie in einer minutiös durchgetakteten, virtuos körperartistischen Choreographie über hundert Minuten durch die orangefarben durchglühte Lobby einer Konzernzentrale (Bühne: Henrike Engel). – „Der Text muss in die Körper“, so die Ansage der Regie.
Den Rhythmus, der freilich allzu lange atemlos rasenden Show eines neuen, von den modernen Zeiten schwer gebeutelten Untertans, den dirigiert am Electronic-Desk der Live-Musiker Ingo Günther. Im gerüschten Business-Kostümchen verkleidet als Empfangsdame Fräulein Jolande.
Und für gelegentliche Pausen zum Luftholen sorgen die Auftritte des Abteilungsleiters (Beatrice Frey). Im mausgrauen Geschäftsanzug (Kostüme: Janina Brinkmann) verkündet er mit aasiger Nettigkeit seine sturen Vertröstungen eventueller Gehaltserhöhungen auf den berüchtigten Sankt Nimmerleinstag.
Wieder am 9. Oktober.