Deutsche Zustände (3)

Integrationsschüler, Wirtschaftskrise und fehlende Ausbildungsreife – aufgezeichnet von Wolfgang Brauer im Dezember 2025.


Berlin, Nalepastraße. Foto: W. Brauer (2021)

Kürzlich stand Mohamed an meinem Gartenzaun. Er fährt jetzt Pakete aus. Stolz erzählte er mir, dass er jetzt an der Volkshochschule seinen Hauptschulabschluss mache. Er wolle Mechaniker werden. Er schafft das, ich bin mir sicher. Die Floskel ist ja mittlerweile zum Unwort geworden, hier passt sie. Mohamed war seinerzeit der Lernunwilligste in meiner Klasse. Es war leichter, seine Anwesenheitstage zu erfassen, als die Fehltage zu zählen. Ich war Klassenleiter einer Integrationsklasse.

Der Begriff ist irreführend. Meine Schüler hießen Roya, Son, Ilja, Fatemeh, Rayko, Dlvin, Bashar, Mohadese, Amir, Zeynab, Dat, Alisa, Alexandra und Nour. Und natürlich Mohamed. Gleich zwei junge Männer hießen so. Beide Muslime, aber miteinander verfeindet aus religiösen Gründen. Keinem ging auch nur ein einziger vollständiger deutscher Satz über die Zunge, als ich sie in der 9. Klasse übernahm, um die jungen Leute binnen von eineinhalb Jahren für die Mittlere Reife fit zu machen. Immerhin schaffte das ein Drittel, zwei erwarben sogar die Zulassung zum Übergang in die Abiturstufe. Die anderen – außer Mohammed – wiederholten, und dürften es inzwischen auch geschafft haben. Alle träumten von einer Berufsausbildung und wollten arbeiten. In Deutschland. Von Bashar und Zeynab weiß ich, dass sie Fürchterliches erlebt hatten und unter keinen Umständen wieder zurückgehen werden. Bashar musste mit ansehen, wie der IS sein halbes Dorf erschoss. Auch den Vater. Zeynab, die Schöne, hat die Zerstörung Aleppos überlebt und auf der Flucht ein Martyrium erlitten. Meine Kollegin – die Klasse hatte noch das Privileg, eine Integrationspädagogin zur Seite zu haben – und ich haben viel Zeit in Sprachausbildung außerhalb des Lehrplanes und in Bewerbungstraining investiert.

Kürzlich traf ich eine gute Freundin nach langer Zeit wieder. Sie ist Inhaberin einer kleineren mittelständischen Firma im sozialen Bereich und erzählte mir von den Schwierigkeiten, die sie mit der Personalgewinnung habe. Allerdings, „Mohammed Alis“ nehme sie keine mehr. Mein Entsetzen über diese Aussage stand mir wohl ins Gesicht geschrieben. Sie sei keine Ausländerfeindin, erklärte sie daraufhin. Etwa die Hälfte ihrer Mitarbeiterinnen seien keine „Bio-Deutschen“. Aber erst gestern hatte sie wieder einen Bewerber – einen „Mohammed Ali“, wie sie sich ausdrückte – dem es deutlich unangenehm war, einer Frau gegenüber zu sitzen. In den Bewerbungsunterlagen fehlte ein Lebenslauf. Der junge Mann wusste nicht, was das ist. Sie erklärte es ihm und meinte, er solle den Lebenslauf nachreichen. Seine Reaktion: „So etwas bekommst du von mir nie!“ Meine Freundin meinte, das käme häufiger vor. Der junge Bewerber hat übrigens das Abiturzeugnis eines Berliner Gymnasiums in der Tasche.

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Wer unserer Regierung Übles will, erklärt, sie steuere das Land wirtschaftlich in die Katastrophe. Damit wird allerdings die Wirkungsmächtigkeit dieser recht hilflos agierenden Truppe deutlich überschätzt. Ich sehe kaum einen Grund, mich irgendwie argumentativ schützend auf ihre Seite zu stellen. Im Gegenteil. Aber: Das Kabinett Merz ist erst seit 6. Mai 2025 im Amt. Und seine schärfsten Kritiker, fast allesamt ehemalige Elche – zur Erinnerung: „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren zumeist selber welche“ –, sind mir nicht minder suspekt. Bleiben wir bei den Zahlen. Die signalisieren allerdings Krise.

Das Volk spürt so etwas zuallererst an der Kasse des Supermarktes. Das Statistische Bundesamt hatte für den November 2025 eine Inflationsrate von 2,3 % berechnet. Die liegt damit immer noch um 0,3 % über der 2,0%-Empfehlung der Europäischen Zentralbank (EZB). Der Durchschnittswert des gesamten Euro-Raumes liegt derzeit bei 2,1 %. Die genannten 2,3% sind allerdings auch geschönt. Rechnet man die Preise für Nahrungsmittel und Energie heraus, kommt man auf die sogenannte „Kerninflation“. Die beträgt in Deutschland gegenwärtig satte 2,5 %. Das Zustandekommen dieser Zahlen ist allerdings auch genauer zu hinterfragen: Die Energiepreise sanken um 0,1 % („Mächtig gewaltig!“ – Benny aus der „Olsenbande“). Dafür stiegen die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel (die „Corona“-Steigerungen wurden von den Handelsriesen nur wenig zurückgenommen) „nur“ um 1,2 %. Aber sie steigen seit Jahren kontinuierlich. Auch hier muss man genauer hinschauen: Während Speisefette um 14,8 % fielen, stieg Schokolade um 19,4 %. Also Rapsöl unter den Weihnachtsbaum… Die Dienstleistungspreise wuchteten die Rate allerdings nach oben: sie stiegen um 3,5 %.

Ein Blick auf die Wirtschaftsentwicklung, genauer: auf die Industrie. Deutschland ist immer noch eine Industrienation. Regional bildet sich das unterschiedlich ab. Ostdeutschen muss man das nicht erklären… Alle Analytiker machen aber insgesamt vier notleidende Bereiche aus: die Grundstoffindustrie, die Fahrzeug- und Zuliefererindustrie, der Maschinenbau. Im Sommer 2025 verfügte die deutsche Industrie insgesamt über ca. 5,42 Mio. Arbeitsplätze. Im Vorjahr waren es noch 2,1% mehr – also ein Jahresverlust von etwa 114.000 Stellen. Der Verlust verläuft seit einigen Jahren kontinuierlich. Von 2019 bis 2024 verlor allein die Metall- und Elektoindustrie 230.000 Arbeitsplätze.

Kulturhaus des VEB Elektrokohle Berlin-Lichtenberg im November 2017. Ein vietnamesischer Investor hat dort inzwischen eine noble Event-Location errichtet. Foto: W. Brauer (2017)

Auch hier soll man genauer hinsehen. Während im Maschinenbau „nur“ 2,2 % der Arbeitsplätze verschwanden – der deutsche Maschinenbau ist in der Breite mittelständisch strukturiert, diese oft familiengeführten Unternehmen reagieren auf Krisensymptome offensichtlich kreativer als die „Großen“ –, waren es im Bereich Datenverarbeitung / Elektronik / Optik bereits 3,0% und in der Metallindustrie 5,4. Getoppt wurden diese Werte aber allesamt vom Lieblingshätschelkind der deutschen Politik, der Automobilindustrie: von September 2024 bis September 2025 baute diese Branche 51.500 Arbeitsplätze ab, das sind 7% ihres Gesamtvolumens. Derzeit beschäftigt sie noch 721.000 Menschen in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist aber bereits angekündigt.

In der Wirtschaft hängt alles mit allem zusammen: vier Industriearbeitsplätze sichern einen im Dienstleistungsbereich.

Von großen Firmenpleiten ist die deutsche Industrie derzeit noch weitgehend verschont. Wenn überhaupt, spielten die sich in den zurückliegenden Monaten im Handelsbereich und bei einigen Krankenhauskonzernen ab. Dennoch kam es 2025 bis zum jetzigen Zeitpunkt (Weihnachten 2025) zu ca. 23.900 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland. Schwerpunkte waren Handel – allein 2.490 Insolvenzen im Einzelhandelsbereich –, Dienstleistungen und Gastronomie. Auch wenn vier Fünftel der betroffenen Unternehmen nur bis zu zehn Beschäftigte hatten: die Summe macht es, und die Einzelschicksale sowieso. Insgesamt sind durch Insolvenzen 2025 rund 285.000 Arbeitsplätze weggefallen oder noch immer hochgradig bedroht.

Der Teufelskreis: Mit dem Niedergang an Arbeitsplätzen einher geht ein deutlicher Rückgang an Kaufkraft bei der von Lohnarbeit abhängigen Bevölkerung. Die mentalen Auswirkungen auf den „Rest“ der Bevölkerung kann man an den Wahlumfragen ablesen.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: Von der ganz großen Krise kann man ganz sicher noch nicht sprechen. Aber die Niedergangsindizien mehren sich. Aufmerken sollte man spätestens dann, wenn die Gewerkschaften den Schulterschluss zu den Unternehmerverbänden suchen… Oder man die Lösungsvorschläge voneinander abschreibt. In solchen Situationen kann und muss man politisch gegensteuern. Wie heißt eigentlich der deutsche Wirtschaftsminister? Oder haben wir eine Ministerin? Ich weiß es nicht, aber wozu gibt es Mr. Google… Bei der Gelegenheit kann ich doch gleich mitfragen, wer die Berliner Senatorin für Wirtschaft ist. Oder haben wir einen Senator?

Meine Quellen: Statistisches Bundesamt, DIW, Allianz, das EY-Industriebarometer und der DGB.

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Das Beste wie immer am Schluss:
„Jährlich verlassen etwa 220.000 Schüler die Schule, ohne über eine ausreichende Ausbildungsreife zu verfügen – darunter 80.000 bis 90.000 Jugendliche, die keinen Schulabschluss haben. Die mangelnde Effizienz des Schulsystems verursacht Kosten von insgesamt 3,7 Milliarden Euro pro Jahr. Im Jahr 2004 kamen weitere 3,4 Milliarden Euro hinzu, die für die nachschulische ‚Reparatur‘ schulischer Defizite ausgegeben wurden“ (Institut der deutschen Wirtschaft; letzter Zugriff 26.12.2025). Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) stellte am 12. Dezember 2025 fest, dass per Beginn des Ausbildungsjahres 2025/2026 69.400 unbesetzten Ausbildungsplätzen 70.400 Suchende gegenüberstanden. Insgesamt seien 12,6 % der Bewerbungen erfolglos gewesen. Gegenüber dem Vorjahr sei das eine Steigerung um 10,5% gewesen. Da stimmt also etwas im Gesamtsystem nicht. Übrigens sagt das BIBB nichts über die Schulabgänger ohne Abschluss. Aber da die sich sowieso nicht bewerben, fallen sie in dieser Statistik nicht auf.

Auch hier gilt die schöne deutsche Grundregel: Schuld sind immer die anderen. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung schmetterte schon 2012 den Ball auf das Spielfeld der herumnölenden Industrie-Lobbyisten zurück: „Die pädagogischen Kompetenzen des betrieblichen Ausbildungspersonals müssten weiter verbessert werden.“ Meiner am Beginn dieses Textes zitierten Unternehmerfreundin sag ich das aber nicht. Die beißt mir die Gurgel durch.


Hier hat Bufotes virides (die Wechselkröte) den industriellen Aufschwung gestoppt. Genaugenommen kann die Kröte nichts dafür: Im Februar 2024 bestätigte das OVG Berlin-Brandenburg die Rechtmäßigkeit eines von der unteren Naturschutzbehörde Marzahn-Hellersdorf verhängten Baustopps für das Areal des Clean Tech Business Parks Marzahn (BMP). Eine Wechselkröte wurde dort zwar lange nicht gesichtet, aber sie könnte … meinten Naturschützer in ihrer Klageschrift. Seitdem liegen 43 Mio. € Investitionsmittel brach in der Stadtlandschaft, allein der Infopavillon (Foto) kostete 1,3 Millionen. Inzwischen wurden geplante Firmeninvestitionen in Höhe von mindestens 310 Mio. € zurückgezogen. Über 500 Arbeitsplätze konnten nicht realisiert werden. Eine der größten politisch verursachten Planungspleiten in Berlin. Foto: W. Brauer (2018)

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