von Reinhard Wengierek
„Wie reagiert man auf eine Welt, bei der man jeden Morgen wieder das Gefühl hat, man erkennt sie kaum wieder“, fragt sich der Autor und Regisseur Falk Richter, geboren 1969 in Hamburg, einer der wichtigsten Theaterkünstler seiner Generation. dessen Stücke in 35 Sprachen übersetzt wurden. In Berlin arbeitete er am Gorki und an der Schaubühne. Sein größter Erfolg dort (eingeladen zum Theatertreffen) ist „The Silence“ über seine Jugend in Norddeutschland und die Befindlichkeiten seiner Eltern. Eben erst hatte seine Backstage-Komödie „Hannah Zabrisky tritt nicht auf“ Premiere. Jetzt pausiert Richter für ein Jahr am Theater, um, eingeladen in die Villa Massimo, dort einen Roman zu schreiben. – Im Januar sind glücklicherweise die genannten beiden Richter-Stücke in jeweils einer der zwei Spielstätten der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin zu sehen. Mit den Stars des Hauses Jule Böwe und Dimitri Schaad als Protagonisten.

Falk Richter. Foto: Schaubühne © Maurizio Gambarini
EINS. Schaubühne: Panoptikum der Verstörten
Supergau im Theater: Der Star des Hauses, Hauptdarstellerin Hannah Zabrisky (Jule Böwe), eine Berühmtheit mittleren Alters, schmeißt hin. Inmitten der Voraufführung von „Langsamer Tod“, einem aufdringlich avancierten Stück übers Dahinwelken einer Diva mittleren Alters, alleinlebend, kinderlos, ausgebrannt. Doch solcherart Schmarrn findet Hannah, noch immer scharf aufs Feuer, peinlich, diskriminierend und schon gar nicht auch nur irgendwie relevant angesichts einer aus den Fugen geratenen Welt. Kleinkarierte Ich-Bezüglichkeiten, banale Psycho-Kunstkacke, derweil draußen „alles kaputt gemacht wird“. Hannah will einen anderen Text.

Schaubühne am Lehniner PLatz: „Hannah Zabrisky tritt nicht auf“ (Regie: Falk Richter); Szene mit Jule Böwe und Pia Amofa-Antwi. Foto: Schaubühne © Gianmarco Bresadola
Doch erst mal macht sie den Flammenwerfer: Pfeift auf „Langsamer Tod“ und zieht vor Publikum eine höchst lebendige, radikal polit-aktivistische Impro-Show ab; aber auch das ist eigentlich platt (die böse Pointe). – Dennoch, das (fiktive) Publikum rast zwischen Bravo und Buh. Das Regieteam backstage hingegen verfällt in den nackten Wahnsinn. Doch Hannah Zabrisky in dunkelblau glitzernder Hollywood-Robe ist offensichtlich ganz bei sich selbst. Röhrt einen traurigen Popsong und zeigt allen den Stinkefinger.
So geht das Finale von Falk Richters Satire „Hannah Zabrisky tritt nicht auf“ über einen vehement zeitgeistig gespreizten, dabei vor Klischees nur so strotzenden Theaterbetrieb. Und über Altersdiskriminierung mit – Wow! –feministischem Schlussakkord. Doch bevor Schluss ist mit diesem Theater im Theater, wird in zwei kurzweiligen Stunden der flott bis ins Absurde getriebene Probenalltag zelebriert. Es treten auf und vermengen sich alkoholgestützt mehr oder weniger intim: Ein in jeder Hinsicht impotenter Regisseur (Renato Schuch), seine unbefriedigte Liebhaberin (Ruth Rosenfeld), die hochmütige Dramatikerin (Alina Vimbai Strähler), ihr im Digitalen wie Realen erstaunlich bewandertes Liebchen (Pia Amofa Antwi) sowie Hannahs längst erkalteter, öde pragmatischer Ex und jetziger Bühnen-Partner als breitbeinig höhnender Lover (Kay Bartholomäus Schulze).
Bei allem Durcheinander im Irrgarten aus Bühne, Hinterbühne, Garderobe, Hotelschlafzimmer (Nina Wetzel) kommt es zu explosiven Wirrnissen um hilflos berufliche Anstrengungen der Theatermacher (Kunst) und deren schmerzlich private Befindlichkeiten (Leben). Da keimen Fragen, ob man noch spiele oder schon Ernst mache. Da wuchern Redeschlachten über zerschossene Hoffnungen, marktkonforme Selbstoptimierung, Rationalisierung der Gefühle, Freiheit und Konformität gegenüber angesagten Regeln. Über Blockaden aus Angst vor freier Rede – eben über all das, was da in korrekt genormter Sprache so durchs weltweite Netz geistert.
Ganze Wolken aus Blasen soziokulturell gängiger Diskurse ziehen eloquent arrangiert vorüber. Füttern Selbstgerechtigkeit oder stürzen die Beteiligten von einer (Sinn-)Krise in die andere – menschlich und künstlerisch. Alles in allem: Ein Tsunami allgemeiner Entfremdung. Ein sehnsüchtiges Geschrei nach Authentizität (oder Identität). Nach Glaube, Liebe, Hoffnung. Nach Wahrhaftigkeit.
So paradiert unter Regie des Autors ein Panoptikum der Unglücklichen und Verstörten. Lauter mittelmäßige Egoshooter, gemästet mit Wokeness, ringend um Coolness. Nur eine, die findet nach reichlich Whisky endlich ihren Widerstand. Es ist die unvergleichliche, bockig lebenskluge, rotzig zarte, unsere Herzen streichelnde und stechende Jule Böwe, die Falk Richters erschreckend unterhaltsame Farce groß macht.
Wieder am 17., 18., 19. und 20. Januar.
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ZWEI. Schaubühne: Das Schweigen der Vergangenheit
Es geht sofort heftig zur Sache. Durch Ansagen, die uns, einem Trommelfeuer gleich, vor den Kopf knallen: „In meiner Familie“, sagt der Sohn, „haben wir nie gesprochen…“ – über Gräueltaten des Vaters im Krieg; über sein außereheliches Verhältnis zur damals minderjährigen Mutter; über ihre entsetzliche Flucht aus Westpreußen; über ihr jahrelanges demütigendes Beiseiteschieben als heimliche Geliebte bis zur Heirat nach zwei Schwangerschaften und Scheidung des Vaters; über dessen von der Mutter blind akzeptierte patriarchalisch harte Familienherrschaft; über erzieherische Strenge; Gehorsamspflicht („immer lieb sein“); über das permanente misstrauische Überwachen und Kontrollieren des Sohnes durch die Eltern; über ihre absurden Versuche, seine Homosexualität bekämpfen zu wollen; über das kalte Familienklima überhaupt…
Kurz gesagt: Der Sohn empfand sein Zuhause als Hölle. Als Hort überkommener und als Brutstätte von neuen Traumata. Nie wurde darüber gesprochen. Bis jetzt. – Jetzt wagte Falk Richter, der Sohn, Autor und Regisseur (Jahrgang 1969) mit seinem autobiographisch grundierten Stück „The Silence“ die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Eine zentrale Rolle dabei: Seine erstaunlich offenherzigen, zuweilen aufschreckend hart insistierenden Gespräche mit Mutter Doris – klar im Kopf und sehr sympathisch – filmisch aufgezeichnet von Lion Bischof.
Es ist eine mutige, weitgehend beklemmende, auch schockierende Reise ins Dunkel der eigenen Vergangenheit sowie die der Vorfahren. Eine Art Forschungs- und Findungsprozess: Was wurde mir angetan, was geschah mit mir, mit Falk Richter, und warum? Und was mit meinen Leuten?
Dabei weitet sich der persönliche, ja intime Blick aufs kleinbürgerlich elterliche Eigenheim im „fucking“ Buchholz / Nordheide mit seinen bedrückenden Geheimnissen und bösen, unausgesprochenen Wahrheiten ins Allgemeine. Auf die Zwangsjacke normierter Wohlanständigkeit, den auch politischen Konformismus, der keinen Platz hat für Störer. Auf dieses Korsett, das der von NS-Herrschaft, Krieg und Vertreibung traumatisierten Gesellschaft zwar Halt und Kraft gab; in deren Formiertheit aber auch – nicht nur hinter den glatten neuen Fassaden – versteckt oder direkt Gewalt wucherte gegen alles, was da anders war, kritisch, nicht lieb.
Es ist diese Spannung von bestürzend privaten Innensichten und übers Private weit hinaus gehenden Draufsichten, die den 90-Minuten-Abend zum packenden Erlebnis macht. Ist die gekonnte, im postdramatischen Betrieb derart wirksam nur selten zu findende theatralische Montage; der raffinierte Wechsel der Perspektiven zwischen Dokumentation und Reflexion. – Was uns da bannt ist, ein aufklärerisches Frage-, kein wohlfeiles Klage- oder Anklagestück. Und schon gar nicht billige Seelenstripperei.
Ein Glück für den Regisseur: Er fand für seine wahrlich nicht einfache Sache den einzigartigen Dimitrij Schaad. Die deutsche Erstaufführung von „The Silence“ (eine französische gab es, anders besetzt, 2022) ist Schaads Schaubühnen-Einstand; für Richter war es nach Jahren die geglückte, gefeierte Rückkehr ans alte Haus.

Schaubühne am Lehniner Platz: „The Silence“ (Regie Falk Richter) – Dimitrij Schaad. Foto: Schaubühne © Gianmarco Bresadola
Schaad, zuvor Protagonist am Gorki-Theater, auf Augenhöhe mit Kollegen wie Meyerhoff oder Eidinger. Geradezu sensationell! Beherrscht er doch wie selbstverständlich, also souverän spielerisch, den selbst im Komisch-Grotesken noch kühlen Erzählton sowie die Ausbrüche von Bitterkeit, Verzweiflung, Wut oder Vergeblichkeit. Faszinierend diese Wechsel zwischen hochkochenden Gefühlen und sachlicher, gleichwohl schmerzlich schonungsloser Analyse. Die auch nicht haltmacht vor der Frage, ob man sich selbst nicht allzu wichtig nimmt.
Wir wollen nicht verschweigen, dass die so schlagend gegenwartsnahe Vergangenheitsforschung sonderlich bei den Gesprächen von Sohn und Mutter offenlegt, was die von den Zeitläuften gebeutelte (oder deformierte) Elterngeneration für ihr Verhalten Entlastendes vorbringt. Nämlich: Ohne verdrängendes, ob nun böses oder Wunden stillendes Schweigen, hätte sie ihre Gegenwart wohl nicht leben können.
Mit dieser bedenkenswerten, auch um Nachsicht bittenden menschenfreundlichen Aussage werden wir entlassen. – Die bohrende Befragung der eigenen Biografie bleibt uns als dauerhaft nachhallende Herausforderung. Was für ein aufwühlendes Theaterereignis.
Wieder am 19., 20., 21. und 22. Januar.