Meißen. Eine Miniatur

von Silke Wenk


Foto: Silke Wenk (20225)

Meißen, wenn man den Namen hört, geht sofort das Kopfkino los: Geschirr, Vasen, Figuren, alles aus feinstem Porzellan und handbemalt. Die Albrechtsburg. Sie ist wohl das meistfotografierte Fotomotiv der Stadt und hat es sogar auf die Rückseite der Zwei-Euro-Münze geschafft.

Wenn man so durch die Altstadt schlendert, kann man sich von den kleinen Gassen verzaubern lassen. Mit den Fotomotiven wird es aber schwierig, immer steht ein großer weißer Transporter eines Handwerkers im Bild oder eine Reihe Mülltonnen. Es wird saniert, was das Zeug hält. Die Häuser müssen bis vor Kurzem noch Bruchbuden gewesen sein. Eine einsame Kutsche, gezogen von zwei bemitleidenswerten Gäulern mit gesenkten Häuptern, karrt Touristen durch die Stadt. Viel zu tun hatten sie nicht, ich sah den Kutscher später nochmal, wie er auf Kundschaft gewartet hat.

Die einzigen Passanten, die da vorbeiliefen, kamen gerade vom Arbeitsamt. Die Mülltonnen, nun ja, auch die Altstadt hat Bewohner, und auch deren Müll muss irgendwann mal abgeholt werden. Bei der bunten Vielfalt der Tonnen ist eigentlich jeden Tag eine Farbe dran. Alte Bücher kann man in die blaue Tonne werfen, besser aufgehoben sind sie aber in der Telefonzelle. Eine von vielen, die als Tauschregal reaktiviert wurde. „Wer kein Handy hat, muss in die Zelle“ war der wohl letzte Werbespruch der Telekom, um die Telefonzellen zu retten. Schön, dass einige überlebt haben und nun auch jeder mit Handy hinein darf.

Grundstoff für das Porzellan ist weißer Ton. Weil das Geschäft mit dem weißen Gold so gut lief, wurden im 19. Jahrhundert immer mehr Lagerstätten erkundet und neue Tongruben eröffnet. Nach der Wende war’s aber vorbei mit der Geschäftigkeit. Währungsunion und Treuhand bereiteten der Goldgrube das jähe Ende. Das bisschen Kaolin, das heute noch in Meißen gebraucht wird, kommt aus dem goldenen Westen (der Kalauer musste sein) oder aus Polen. Der Besucher der Stadt macht sich natürlich um den Abbau des Grundstoffs keine Gedanken. Muss er auch nicht.

Er genießt die netten Sichtachsen und macht mit dem Handy ein paar Fotos.


Fotos: Silke Wenk (2025)

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