von Wolfgang Brauer
Nach der Neujahrsnacht konnte man in den Berliner S- und U-Bahnzügen Seltsames beobachten. Unter den dicken Stepmänteln von älteren und jüngeren Frauen lugten Rocksäume aus himmelblauem oder rosafarbenem Tüll hervor. Hätten sie die Mäntel ausgezogen, wären bei einigen zarte Schmetterlingsflügel am Rücken aufgetaucht. Im vergangenen Jahr liefen mir Dutzende solch merkwürdig geputzte Wesen am ziemlich profanen Blumberger Damm in Berlin-Marzahn über den Weg. Sie flatterten zu einem Fest in die „Gärten der Welt“. Ich habe mich belehren lassen: Es waren lauter Annas (rosa) und Elsas (himmelblau) aus der Disney-Produktion „Die Eiskönigin“ (2013). Der (deutsche) Untertitel des Films spricht Bände: „völlig unverfroren“. Völlig unverfroren plünderten die Disney-Leute bei Hans Christian Andersen und bei den französischen Feenmärchen, den „Contes des fées“, des 18. Jahrhunderts. Das merkt aber kaum einer, wer vom breiten Filmpublikum liest noch das alte Zeugs?

Christine Gundelach: Schuber und Buchdeckel zu „Die Schöne und das Tier…“ (2025)
Dabei sind Anna und vor allem Elsa genau genommen Feen – die eine weiß nur nichts davon und die andere wird doof gehalten. Dabei sind Feen (meistens) schön und klug, immer magisch begabt (allerdings fachlich eingeschränkt) und meistens gut. Manche sind auch bösartig. Aber eigentlich nur, weil ihnen irgend jemand das Gutsein vermasselt hat. Aha, da sind wir doch gleich bei der dreizehnten Fee, die dem armen Dornröschen ans Leben will. Brüder Grimm also. Nein: Charles Perrault (1628-1703)! Perrault schrieb 1696 das Märchen „La belle au bois dormant“ (Die schlafende Schöne im Walde). Die Grimms übernahmen davon die erste Hälfte und machten ihr „Dornröschen“ draus. Die Schöne erscheint übrigens bei Perrault namenlos nur als „die Prinzessin“. Charles Perrault steht damit ganz am Anfang der „Feenmärchen“. Die Erfindung der Gattung wird allerdings etwa zeitgleich der Gräfin Marie-Catherine d’Aulnoy (um 1650-1705) zugeschrieben, die 1697 insgesamt 24 „Contes des fées“ in acht Bänden veröffentlichte, damit Weltliteratur schuf und heute de facto in die Kinderbibliotheken verbannt ist. Ein Irrtum, der auf fundamentaler Unkenntnis basiert! Die Geschichten der d’Aulnoy sind mitunter nicht ganz jugendfrei. Nebenbei gesagt, mich wundert, dass noch niemand auf die Idee kam, das mehr als abenteuerliche Leben der schriftstellernden Comtesse zu verfilmen…
Ihr berühmtestes Feenmärchen „Bellebelle oder der Ritter Fortuné“ kann man jetzt ebenso wie Perraults „Die schlafende Schöne“ wieder im von Klaus Hammer besorgten Band „Die Schöne und das Tier und andere Feenmärchen“ nachlesen. „Wieder“ sage ich, weil Hammer die bemerkenswerte Sammlung schon 1969 bei Rütten & Loening herausgegeben hatte. Aufbau brachte das Buch im Dezember 2025 als 489. Band der Reihe „Die andere Bibliothek“ heraus. Das informative Nachwort des Herausgebers blieb erhalten, nur die Buchgestaltung und die Illustrationen stammen jetzt von Christine Gundelach.
Klaus Hammer hat die Märchen im Wesentlichen nach der Chronologie ihrer Entstehung geordnet. So entfaltet sich vor den Augen des Lesers ein wahrer Blütenteppich der französischen Erzählkunst des 18. Jahrhunderts, zugegeben hauptsächlich der höfischen Erzählkunst. Es waren oft die gelangweilten Damen des Hofes, die sich dem Erschaffen dieser Geschichten zuwandten. Natürlich schöpften sie aus den überlieferten Volksmärchen, griffen in den enormen Fundus der Erzählkunst der italienischen Renaissance, bemühten manch längst verstaubten höfischen Roman des Mittelalters und garnierten das Ganze mit genauesten Schilderungen des eigenen Milieus, den täglich erlebten Verhaltensmustern und Kodizes des Ancien Régime. Es enstand eine wahre Märchenflut, vieles davon ist heute wohl zu Recht vergessen. So erschien 1785 bis 1789 in Genf und Paris eine 41-bändige Ausgabe mit hunderten Feenmärchen. Hammer hat aus ihr geschöpft.
Aber es sind wahre Perlen darunter. Einige mit nachhaltiger Wirkung auf die Literaturen vieler Völker. Perrault habe ich schon genannt. Auch Gabrielle-Suzanne de Villeneuve (1685-1755) gehört hervorgehoben. Ihre Geschichte „La Belle et la bête“ (Die Schöne und das Tier, geschrieben um 1740) lohnt sich, in der Ursprungsfassung zu lesen. Deren schöne Übersetzung in Hammers Buch besorgte neben anderen Christine Hoeppener (1913-1975). Klaus Hammer nahm aber auch Übersetzungen von Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) auf. Das unternehmerische und verlegerisch-publizistische Allround-Genie der deutschen Klassik dürfte mindestens durch sein „Journal des Luxus und der Moden“ noch bekannt sein. Selbst Jean-Jacques Rousseau (1712-1772) versuchte sich an einem Feenmärchen. Seine „Königin Fatasque“ (1758) findet sich in diesem Band.
Für Satire erwies sich das Genre allerdings als nicht tragfähig genug. Mit dem politischen Sieg der französischen Aufklärung, der Revolution, war sein Ende eingeläutet. Es starb, bildlich gesprochen, unter der Guillotine. Einige seiner Schöpfer aber auch… Nur: auf geradezu magische Weise erstanden die Feen und ihre Geschichten wieder und erlebten wundersame Verwandlungen in den Schöpfungen der Romantik. Nicht zuletzt in den großen Märchensammlungen. Davon war aber schon die Rede. Das kenne ich doch, wird so mancher sagen, wenn sie oder er sich in die „Contes des fées“ versenkt – und die längst vergessenen Figuren der Kindheit wieder auftauchen…
Die „Feenmärchen“ sind so ein Buch, das man kauft, um es zu verschenken – dann aber wird man vom Zauber der Geschichten gefangen genommen und stellt es doch ins eigene Regal. Man sollte gleich zwei Exemplare kaufen. Und vielleicht wandelt man das leicht mitleidige Lächeln in der Berliner U-Bahn bei der nächsten Begegnung mit Anna oder Elsa oder der Schönen mit ihrem Biest in ein träumerisch-verständiges Kopfnicken um… Immerhin erhalten die – wenn auch auf Umwegen – die Erinnerung an die bezaubernden französischen Märchen. Und irgendwann greift die eine oder andere Anna / Elsa auch zum Buch.
Ach so, was ist eigentlich mit den Elfen? Da sind die Grenzen zur Feenwelt fließend. Die Welt der Nixen ist wieder eine andere Geschichte.
Die Schöne und das Tier und andere Feenmärchen. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Klaus Hammer, Die Andere Bibliothek Bd. 489, Berlin 2025, 396 Seiten, 48,00 Euro.
Sehr interessant. Danke!