Horrorskop 2026

von Heinz W. Konrad


Rembrandt: Faust. Radierung (um 1652)

Januar: Das neue Jahr beginnt mit einem juristischen Paukenschlag. Mit großer Spannung wird das Urteil des Europäischen Verfassungsgerichts erwartet. Dieses letztinstanzliche deutsche Gremium hatte eine Klage des „Zentrums für politische Schönheit“ verhandelt, in der die Verfassungsmäßigkeit des deutschen Grundgesetzes infrage gestellt worden ist. Die Begründung wies darauf hin, dass die Kernaussage, in Deutschland gehe alle Staatsgewalt vom Volke aus, keine andauernde Berechtigung habe. Die Zusammensetzung des Volkes ändere sich per Generationswechsel ständig. Auf die Existenz eines „Volkes an sich“ könne sich kein Gemeinwesen berufen. Im Falle eines negativen Urteils kündigt das Zentrum die Wiederholung seines Antrages beim „Internationalen Gerichtshof“ in Den Haag an.

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Februar: Erwartungsgemäß hat US-Präsident Trump auf das mittlerweile waffengestützte Begehren der Bevölkerung New Mexikos, Texas` und Kaliforniens verständnisvoll und zuvorkommend reagiert. Auf Grund der überwiegend von Lateinamerikanern, zumeist Mexikanern, bevölkerten US-Südgebiete verlangten diese zu Recht, die Vereinigten Staaten verlassen und sich der Republik Mexiko anschließen zu dürfen. Dass diese Länder einst sowieso zu Mexiko gehört hatten, so Trump, mache ihm seine Zustimmung leicht. Zur Feier dieses Staatsaktes richtete der Präsident im neuerrichteten Ballsaal des Weißen Hauses ein rauschendes Fest aus.

Die „Grüne Jugend“ hat selbstkritisch konstatiert, in den aktuellen politischen Kämpfen „nicht mutig genug“ zu agieren. Als Konsequenz daraus wurde beschlossen, künftig nur noch als Mitglied aufzunehmen, wer zuvor erfolgreich und öffentlich das „Dschungelcamp“ von RTL absolviert hat.

Der italienische Produzent von Büchsentomaten „Mutti“ muß nach einem letztinstanzlichen Urteil des Obersten Gendergerichtshofes künftig die Hälfte seiner Produkte unter dem Logo „Vati“ vertreiben.

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März: Seit diesem Monat sitzt Istanbuls Oberbürgermeister İmamoğlu wegen Korruptionsvorwürfen in Haft. Nun hat die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift vorgelegt und drängt auf bis zu 2352 Jahre Gefängnis für den Erdoğan-Gegner. Nach öffentlichen Protesten hat die Staatsanwaltschaft die Strafe nun auf 2349 Jahre gemildert.

US-Heimatschutzministerin Kristi Noem hat dem in Teilen noch immer verkanntem Universalgelehrten Donald Trump öffentliche Gerechtigkeit widerfahren lassen. In der Fernsehübertragung einer Kabinettssitzung erklärte sie sichtlich ergriffen: „Sir, Sie haben es durch die Hurrikan-Saison geschafft, ohne einen Hurrikan. Sie hielten die Hurrikane fern. Wir schätzen das“, sagte Noem. Der Präsident quittierte das überfällige Lob bescheiden mit einem „Yeah“.

Die beeindruckende Resonanz, die die TicToc-Aktion sich zum Puddingessen mit Gabeln öffentlich zu versammeln, bei jungen Menschen gefunden hat, hat gleichrangige Bildungsinstitute wie Harvard, Oxford, Yale oder Cambridge veranlaßt, das offenkundig natürliche Bedürfnis junger Menschen nach einer juvenil-kulturellen Lebensführung als zukunftsweisend in ihre Lehrprogramme aufzunehmen; die Fähigkeit zum Puddingessen mit Stäbchen kommt dabei einem Masterabschluss gleich.

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April: Die Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. (GfdS) hat der einstigen Bundessprecherin der Grünen, Jette Nietzard, den Medien-Preis für Sprachkultur verliehen. Ihre beispielgebende Aussage „Das fuckt mich krass ab“, so würdigte die Jury, würde eine neue sprachliche Qualität in der kulturellen Auseinandersetzung eröffnen und besonders der Politisierung junger Menschen neue Impulse verleihen.

Friedrich Merz werde versuchen, zu seinem neuen Patenkind, dem verwaisten Seehund Lüthje, »Kontakt aufzunehmen«, erklärte der Kanzler in einer Verlautbarung des Kanzleramtes. Inwieweit er Pläne verfolgt, den Heuler nach dem Vorbild Caligulas demonstrativ mit einem Amt auszustatten, oder als Agent provocateur in die Opposition einzuschleusen, ist noch unbekannt.

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Mai. Nach Monaten scheinbarer Unvermittelbarkeit des arbeitslosen Ex-Finanzministers Christian Lindner und erfolglosen Probezeiten hat sich für den ehemaligen FDP-Chef eine samaritergerechte Lösung gefunden. Der asozial Unbehauste und zur Verwahrlosung Neigende ist von der Hilfsorganisation „Stepstone Group“ als Steuersparmodell in ihre Reihen aufgenommen worden. Die bisherigen Crowdfundings-Aktionen der Liberalen würden sich nunmehr bis auf weiteres erübrigen.

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Juni: Zum Ende der Spielzeit 2024/205 zieht die Polizei eine positive Bilanz: Seit der Einstufung sämtlicher Bundesliga-Treffen als Hochsicherheitsspiele und deren ausschließlicher Austragung auf Gefängnissportplätzen seien die Opferzahlen von Toten und Schwerverletzten unter den Zuschauern deutlich gesunken. Nunmehr würden bundesweit zudem 80 000 Beamte zusätzlich frei für die Ahndung von Parksünden.

Nach der Edition seines 50. Buches, das die Erfahrungen seiner Lesereisen beschreibt, hat das Bundestagspräsidium Gregor Gysi den Nebenverdienstorden am Bande verliehen.

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Juli: Die Forderung der Grünen, dem Zürcher Beispiel zu folgen und auch in Deutschland alle benzinbetriebene Garten- und landschaftspflegende Technik auf leise und abgasfreie Elektrogeräte umzustellen, hat nicht nur die Produzenten, sondern auch zehntausende Kleingärtner auf den Plan gerufen. Unter dem etwas schlüpfrigen Motto „Wir blasen der Regierung einen“ rufen sie unter Zuhilfenahme von laufenden Benzinmotoren ihrer Rasenmäher, -trimmer und Laubbläser zu einem machtvollen Marsch auf Berlin auf.

Um dem demokratisch legitimierten Verlangen der Weltbevölkerung im Altersbereich von 12 bis 81 Jahren den Zugang zum Gipfel des Mount Everest zu ermöglichen, ist in Nepal mit einem UNO-Mandat die Errichtung einer Rolltreppe zur Bergspitze beschlossen worden. An die Fahrtreppe angeschlossenen Garküchen, Döner-Imbissstände und Minigolfanlagen werden den Touristen Gelegenheiten zu Rast und Entspannung bieten.

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August: In linken Hetzblättern östlich der Elbe wird beklagt, dass das Tanken von Benzin in den neuen Bundesländern teurer sei als im Westen, was die ohnehin jammervolle innerdeutsche Ungleichheit weiter zementiere. Übersehen wird von den Populisten dabei, darauf weisen Sachverständige hin, dass das Luftnehmen für die Autoreifen im Osten kostenlos ist; ein Vorteil, der durchaus dem Wert einer zweiten Lohntüte entspricht.

Nachdem die „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ zwei weitere Bäume ins bislang öde Umfeld des Berliner Humboldtforums hat pflanzen lassen, ist dem Areal vom NABU das Siegel „Naturnahe Natur“ zuerkannt worden.

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September: Um den unbeugsamen Willen zu demonstrieren, mit dem die Bundesregierung den konsequenten Reformweg des Herbstes ’25 weiterzuführen gedenkt, werden die rund 400 deutschen Reformhäuser in Turbo-Wumms-Booster-Institute umgewandelt. Ihr Netz soll bis 2030 verdoppelt, wenn nicht sogar halbiert werden, wofür das Kabinett Merz ein neues Sonderunvermögen auflegt.

Die Jugendorganisation der Linkspartei „Solid“ hat ihre eigene Umbenennung in „Junge Wilde“ bekanntgegeben. Zu Ehrenvorsitzenden wählte der Vorstand das ikonische Trio Dietmar Bartsch, Gregor Gysi und Bodo Ramelow.

Nach vielen Jahren seit seiner Ankündigung hat Friedrich Merz nun eine Steuererklärung entwickeln lassen, die nutzerfreundlich auf einem Bierdeckel Platz findet. Die Bundesdruckerei hat in Kooperation mit der „PAPUS Bierdeckel GmbH“ in Neustetten (BW) mit der Prodiktion der neuen Unterlagen begonnen.

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Oktober: Der Berliner Senat hat Lehren aus der gescheiterten Messer-Amnestie gezogen, bei der nach Abgabe von Stichwaffen mit feststehender Klinge Straffreiheit angeboten worden war. Nunmehr werden die Eigner zu Workshops über den korrekten Umgang mit ihren Waffen eingeladen. Diesmal, so ein Senatsvertreter, sei der Zulauf ein durchschlagender Erfolg.

Das Beispiel Benjamin Netanjahus konstruktiv weiterentwickelnd, hat der UN-Menschenrechtshof vorgeschlagen, Staatsführer gleich zu Beginn ihrer Amtsführung und nicht erst vor deren Ende zu begnadigen. In der Knesseth ist diese Anregung positiv aufgenommen worden.

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November: Der „Bundesverband deutscher Schwiegermütter“ hat den frisch gewählten Vorsitzenden des AfD-Jugendverbandes, Jean-Pascal Hohm, einstimmig zum „Scheitel des Jahres“ gekürt. Hohm, so die Verlautbarung, repräsentiere mit seiner Frisur vorbildlich die urdeutschen Tugenden Ordnung, Disziplin und Gradlinigkeit und diene somit als Vorbild nicht nur für junge Menschen. Hohm sei zudem die zeitgemäße Antwort auf das verwahrloste Gegenbeispiel des grünen Bundestagsabgeordneten Anton Hofreiter, dessen Kopfhaar eher keltische Kulturarmut und Verwilderung visualisiere.

Dem Chef der Europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber, ist in Brüssel der Mischverdienstorden in Goldsilberbronze verliehen worden. Der CSU-Politiker hatte soeben sein Jahreseinkommen durch eine kräftige Gehaltserhöhung um 17 Prozent auf rund 330.000 Euro gesteigert. Der eher als bescheiden anzusehende Betrag setzt sich aus jährlich 197.832 Euro für sein Amt plus ebenso jährlich etwa 132.000 Euro als EU-Abgeordneter zusammen. Webers Einkommen darf als Fleischwerdung von CSU-Parteichef Söder gelten: „Wir fühlen uns da immer als Anwalt der Fleißigen.“ Das stehe unter dem Motto: „Leistung muss sich lohnen.“

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Dezember: Mit einer freudigen Überraschung wartet das deutsche Fernsehen auf. Alle derzeit aktiven Sender haben sich verpflichtet, den Lieblingsfilm der Deutschen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ nun unabhängig von der Weihnachtszeit ganzjährig in ihre Programme aufzunehmen. „Dank unseres Bildungsauftrages fühlen wir uns den Wünschen unseres Publikums verpflichtet und reagieren auf dessen Vorlieben konstruktiv“, erklärten dazu die Chefs von ARD und RTL, Florian Hager und Thomas Rabe, in einem gemeinsamen Statement.

Christoph Kuckelkorn kündigt überraschend seinen Rücktritt als Präsident des Festkomitees Kölner Karneval an. Kuckelkorn wolle sich künftig seinem Hauptberuf als Bestatter und Beiratsvorsitzender des bundesweiten Bestatternetzwerks widmen, läßt der charismatische Karnevalist wissen. Gerüchte, dass ihm dank seiner beruflichen wie ehrenamtlichen Erfahrungen das Amt des Kanzleramtschefs angeboten worden sei, wollte Kuckelkorn weder bestätigen noch dementieren.

6 Kommentare

  1. Großartig! Leider wird 2026 viel komplizierter und anstrengender.

    Ich wünsche Wolfgang Brauer sowie allen Autoren und Kommentatoren ein gutes und friedliches neues Jahr. Es wird viel Stoff bieten.

  2. Hervorragend! Aber eine Frage stellt sich mir. Sind die Ereignisse wirklich den Monaten zu 100% richtig zugeordnet? Aber das werden wir zum Jahresende sehen. Den Autoren und Lesern in der Endabrechnung ein positives 2026!

  3. Aus dem Manifest der „Vulkangruppe“ – soviel Absurdität ist mir nicht mal für das „Horrorskop“ eingefallen:

    Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft. Bei den weniger wohlhabenden Menschen in dem Südwesten Berlins entschuldigen wir uns.

    Unsere gemeinwohlorientierte Aktion ist gesellschaftlich sinnvoll.

    Für uns ist es selbstverständlich, dass wir zu jedem Zeitpunkt die Gefährdung von Menschenleben ausgeschlossen haben.

    Es geht gegen unreife dumme Männer an den Hebeln der Macht..

    Die einzelnen Haushalte sind nicht Ziel der Aktion…

    Da wir keine hundertprozentige Sicherheit darüber haben, welche Kettenreaktionen, die nicht in unserem Verantwortungsbereich liegen, unsere Abschaltung der Gaswerks zur Folge haben könnten, haben wir folgende Bitte an eventuell in Mitleidenschaft gezogene Haushalte: Klingeln Sie bei Ihren Nachbar:innen an. Bedenken Sie, ältere oder hilfsbedürftige Menschen bei einem Ausfall des Stroms mitzuversorgen. Versorgen Sie sich und andere Menschen, indem Sie solidarische Unterstützung geben. Informieren Sie sich untereinander.

  4. Nachschlag der Vulkanisierer:
    „Für die Unannehmlichkeiten des nicht wohlhabenden, auf Hilfe angewiesenen Teils der Bevölkerung möchten wir uns noch einmal ausdrücklich entschuldigen. Sie waren nicht Ziel der Aktion. Wir bitten die Bevölkerung um gegenseitige solidarische Hilfe. Insbesondere bitten wir um Unterstützung für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige, den mittellosen Menschen dieser Stadtteile und den zurückgezogenen, mit der Situation überforderten Menschen.“

    Im übrigen: Mit dem Legen von Bränden (Damals: Gewalt gegen Sachen“) hat auch die RAF begonnen, bis diese zur Gewalt gegen Personen (33 für die „gerechte Sache“ Ermordete) übergegangen ist…

  5. Da hatte sich die RAF zwar noch nicht offiziell gegründet, die Kaufhausbrände von 1968 waren allerdings das Vorfeld ihres terroristischen Handelns. Auch damals gab es Bekennerschreiben, in denen aus den Übeln der Welt (seinerzeit vor allem der Vietnamkrieg) das moralische Recht auf „zivile Gegengewalt“ abgeleitet wurde.
    Nicht anders als heute bei den Vulkanologen…

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