Perspektiven für das Kurt-Schwaen-Archiv

von Katrin Bicher (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden [SLUB]

Das Haus Wacholderheide 31 in Berlin-Mahlsdorf beherbergt einen Schatz: den kompletten und wohlgeordneten künstlerischen und publizistischen Nachlass des Komponisten Kurt Schwaen (1909-2007). In wenigen Jahren hatte die Ehefrau des Künstlers, Dr. Ina Iske-Schwaen, es geschafft, ein lebendiges Komponistenarchiv aufzubauen, das nicht nur die materiellen Spuren eines an Schöpferkraft reichen Künstlerlebens bewahrt, sondern das Werk selbst allen Interessierten zugänglich macht – und bei Musik ist das in erster Linie die Aufführung…

Ina Iske-Schwaen hat dafür viel öffentliches Lob erhalten. Ich weiß nicht, ob sie Buch geführt hat über all die warmen Worte, die sie aus Politiker- und Kulturverwaltermund zu hören bekam. Es waren viele, und es waren durchaus prominente Stimmen. Nur: niemand, aber auch wirklich niemand setzte sich ernsthaft dafür ein, das bemerkenswerte Kurt-Schwaen-Archiv in seiner Geschlossenheit und erst recht nicht an seinem Standort zu erhalten. Mögliche Optionen seiner Sicherung an anderen Kulturstandorten in Marzahn-Hellersdorf wurden trotz vollmundiger Versprechen gar nicht erst geprüft, sondern sofort verworfen. Die „großen“ Institute wie die Stiftung Stadtmuseum Berlin, die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz und die Akademie der Künste – deren Mitglied Schwaen seit 1961 war – interessierten sich allenfalls für Sammlungsteile oder erklärten sich als nicht zuständig.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es, als 2021/2022 das Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf eine bemerkenswerte und gut besuchte Ausstellung über den Komponisten veranstaltete. Aber auch das zerschlug sich. Wenige Tage vor Weihnachten 2024 erhielt ich von Ina Iske-Schwaen das aktuelle Heft der „Mitteilungen“ des Kurt-Schwaen-Archivs Berlin, in dem ich auf einen kleinen Aufsatz von Katrin Bichler stieß. Ich gebe den Text hier mit freundlicher Genehmigung des Kurt-Schwaen-Archivs aus zwei Gründen gerne wieder: Einerseits um mitzuteilen, dass sich zumindest für den Erhalt der Archivbestände ein Hoffnungsschimmer am Horizont auftut. Andererseits um deutlich zu machen, dass auch in scheinbar widrigen Zeiten so manches möglich ist. Bei einigermaßen gutem Willen…
Dem Freistaat Sachsen sei Dank!

W. Brauer


Einladungskarte des Bezirksmuseums Marzahn-Hellersdorf (2021). Das Zitat ist die Titelzeile eines Liedes von Wera Küchenmeister (1929-2013). Die Vertonung nahm Kurt Schwaen für den DEFA-Film „Sie nannten ihn Amigo“ (1959) vor. (Sammlung W. Brauer)

Als Interessierte am Werk Kurt Schwaens und Leser der Mitteilungen wissen Sie es natürlich: seit etlichen Jahrzehnten setzt sich Ina Iske-Schwaen inzwischen für das Werk ihres Mannes ein und unterstützt die Auseinandersetzung mit dem reichhaltigen kompositorischen Schaffen Kurt Schwaens. Sie engagiert sich für Aufführungen, Bildungsprojekte und nicht zuletzt für die publizistische Verbreitung seiner Kunst, unter anderem mit der Herausgabe der Mitteilungen. Im Zentrum ihres Wirkens steht dabei das Kurt-Schwaen-Archiv – in beeindruckender Detailliertheit sind in den vergangenen Jahren Schwaens Kompositionen erfasst, erschlossen und über vielfältige Sucheinstiege recherchierbar gemacht worden; mit einer umfangreichen Tonträgersammlung, einer Filmothek mit Belegen für seine Filmmusik, einer bedeutenden Plakat- und Programmheftsammlung und einem ausführlichen Pressespiegel wurden durch Ina Iske-Schwaen zudem vielfältige Zeugnisse für Kurt Schwaens Schaffen und seine Rezeption zusammengetragen. Hinzu kommt die Dokumentation von Leben und Werk Kurt Schwaens in Selbstzeugnissen, wie den Tagebüchern oder der Korrespondenz, die dank der intensiven Erschließungsarbeit bequem zugänglich sind. Das Archiv befindet sich in den ehemaligen Arbeitsräumen des Komponisten und steht Interessierten offen. Zur Fülle der Materialien gesellt sich also die Aura des Ortes und kaum jemand, der am kleinen Tisch in der Bücherregalecke sitzen und Tee oder Kaffee trinken oder einer der Veranstaltungen ebendort beiwohnen durfte, wird sich dem Nimbus, dass hier Wichtiges entstanden ist, entziehen können. Zur Durchdachtheit und Konsequenz des Archivs gehört außerdem seit langem eine hervorragend gepflegte Website, auf der sowohl die Ergebnisse der archivalischen Tätigkeit als auch das Fortleben des Schwaenschen Werkes dokumentiert werden. Dies alles ist Ina Iske-Schwaen zu danken. Von unschätzbarem Wert ist ihre unermüdliche Arbeit für Schwaens Oeuvre, das Aufbereiten und Zugänglichmachen seiner Musik samt Entstehungs- und Wirkungskontexten. Bei allem Bemühen um Offenheit und Niedrigschwelligkeit, bleibt das reichhaltige Angebot aber doch mit dem gewissen Risiko behaftet, das ein vor allem privates Engagement im Hinblick auf die Nachhaltigkeit aller Bestrebungen mit sich bringt.

Insofern hat sich die Abteilung Musik und AV-Medien an der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) sehr gefreut, jüngst ein schon in den 1990er Jahren begonnenes Gespräch zur Frage, wie das Kurt-Schwaen-Archiv institutionell für die Zukunft gesichert werden könne, mit Ina Iske-Schwaen wieder aufzugreifen. Denn – auch, wenn sich die Eine oder der Andere fragen mag, was nun ausgerechnet Dresden mit Schwaen zu tun habe: das an der SLUB beheimatete Archiv für zeitgenössische Kompositionen bietet sich als zukünftig geeigneter Ort für den Nachlass Kurt Schwaens geradezu an. Seit den 1970er Jahren gilt es als eine zentrale Aufgabe der Dresdner Musikabteilung, das kulturelle und namentlich musikalische Erbe Ostdeutschlands zu bewahren und zu vermitteln, zumal die Abteilung seit den 1980er Jahren zunächst als Zentralbibliothek der DDR für Kunst und Musik, später als Bibliothek des Fachinformationsdienstes Musikwissenschaft auch formal mit nationalbibliothekarischen Aufgaben betraut ist. An der Musikabteilung der SLUB können Materialien verschiedener Art – neben Papier auch AV-Material und digitale Nachlassbestandteile – unter auf dauerhaften Erhalt ausgerichteten Bedingungen aufbewahrt werden, in übergeordneten Katalogen erschlossen, vor Ort im Sondersammlungslesesaal bereitgestellt und, soweit rechtlich möglich und gewünscht, in passgenaue digitale Kollektionen integriert und somit einem breiten Publikum leicht verfügbar gemacht werden. Ina Iske-Schwaens Arbeit kann dadurch auch unabhängig von ihrer persönlichen Initiative verstetigt werden. Im Rahmen einer avisierten Kooperation zwischen dem Kurt-Schwaen-Archiv und der SLUB werden die Materialien deshalb in der nächsten Zeit sukzessive an die SLUB übergeben (ohne ihre Nutzbarkeit dabei einzuschränken). So wurde in einem ersten Schritt Ende November [2024] der Tonband-Bestand nach Dresden übernommen, wo die Inhalte nun digitalisiert und die Bänder dann in das AV-Archiv der SLUB aufgenommen werden können. Die Übernahme der Digitalisate in die Digitalen Sammlungen der SLUB und in die Langzeitsicherung verbessert die Zugänglichkeit der Aufnahmen unabhängig von spezieller Abspieltechnik oder auch vom konkreten Erhaltungszustand der Bänder (die aber doch – auch das kann versprochen werden – in den AV-Magazinen optimale Lagerbedingungen vorfinden). Nach dieser ersten Phase planen Kurt-Schwaen-Archiv und SLUB, das Vorgehen auch auf andere Medientypen – z.B. die Filme – zu übertragen und so in den kommenden Monaten die Inhalte des Archivs nach und nach in die Hände der SLUB-Musikabteilung zu übergeben. Auch, wenn damit für den Nutzer vielleicht ein Stück der engen, persönlichen Bindung zum physischen Lebens- und Arbeitsort Kurt Schwaens verloren zu gehen droht, die Möglichkeiten der überordnenden Verzeichnung und Bereitstellung, die eine große Institution wie die SLUB anbietet, mögen vielleicht einen kleinen Trost bieten und dazu beitragen, das Schaffen Kurt Schwaens weiter lebendig zu halten.

Berlin-Mahlsdorf, Wacholderheide 31 – Das Kurt-Schwaen-Archiv; https://www.kurtschwaen.de/schwaen/kurtschwaenarchiv.html

Der Beitrag von Katrin Bicher erschien in den Mitteilungen der Kurt-Schwaen-Gesellschaft/Dezember 2024. Ich danke Dr. Ina Iske-Schwaen für die Übernahmegenehmigung.

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