von Holger Politt
Ende Oktober 1978 trifft der Unteroffizier in Ludwigsfelde ein, soeben hat er auf Rügen die erforderliche Ausbildung an sowjetischer Nachrichtentechnik absolviert, um nun in der Nachrichteneinheit den Dienst in der Werkstattkompanie anzutreten. Im spärlichen Reisegepäck befindet sich ein größeres Transistorradio, der Liebhaber guter Rockmusik freut sich insgeheim auf Sender wie RIAS oder SFB, denn er ist neugierig auf westliche Musiksendungen. Bislang hatte er mit den wöchentlichen DDR-Sendungen „Beatkiste“ und „Notenbude“ vorliebgenommen, die der 70:30-Bestimmung unterlagen, also zwei Drittel Ost-, ein Drittel Westmusik. Er stammt aus Greifswald, einem der beiden toten Winkel in der DDR, weder Westfernsehen noch Westradio in UKW-Qualität sind dort zu empfangen. Zwar ist das Hören von Westsendern auch in der Ludwigsfelder NVA-Kaserne untersagt, doch wer wollte da überall kontrollieren! Man darf sich eben nur nicht erwischen lassen. Vom Kasernenfenster in nördlicher Richtung sind obendrein bereits die Hochhäuser in Westberlins Thermometersiedlung zu erkennen. Auch das ein ungewohnter Ausblick
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Foto: Holger Politt
Kaum in der Einheit angekommen, folgt ein erster neugieriger Besuch im kleinen Buchladen der Militär-HO, zu etwa 80 Prozent – dem Charakter der Nachrichteneinheit folgend – mit Büchern über Militär- und Nachrichtentechnik, überhaupt naturwissenschaftlich bestückt. Da nach dem Wehrdienst Philosophie studiert werden soll, interessiert ihn mehr der andere Teil. Und tatsächlich stößt er auf ein Buch, das sein Interesse weckt. Der Autor selbst sagt ihm nichts, aber der Untertitel macht neugierig: Nachtbücher über Tage 1943–1973. Joachim Seyppels Buch „Umwege nach Haus“ war in erster Auflage 1974 erschienen, jetzt hält der NVA-Soldat erwartungsfroh ein druckfrisches Exemplar der zweiten Auflage von 1978 in der Hand. (Später wird ihm immer ein Rätsel bleiben, wie ausgerechnet dieses Buch Ende 1978 den Weg in den NVA-Buchladen gefunden hat!)
Die Lektüre lässt nicht lange auf sich warten, der geregelte Arbeitsalltag in der Werkstatt lässt am Abend genügend Zeit. Also kurz: Joachim Seyppel, Jahrgang 1919, war ab 1943 Wehrmachtssoldat, meistens auf zurückgezogenem Posten im Sanitätsdienst, geriet an der Lausitzer Neiße in sowjetische Kriegsgefangenschaft, wurde frühzeitig wieder entlassen, kehrte nach Berlin zurück, in die Westsektoren, reiste 1948 in den Sommermonaten zunächst für vier Monate nach London, bevor schließlich ein längeres Stipendium für die USA winkte. In New York ging er im September 1949 von Bord, zur Gruppe gehörten u. a. Klaus Schütz und Hildegard Hamm-Brücher. In Amerika blieb er bis 1960, heiratete Jeannette Landner (1931–2017), die das Kind einer aus Zamość stammenden jüdischen Familie war, er wurde zweifacher Vater, US-Staatsbürger und High-School-Professor. Plötzlich werden 1960 die Zelte abgebrochen, es ging mit Sack und Pack rüber nach Europa, in den deutschen Westen.
1965 fährt er erstmals in die DDR, ins Mecklenburgische (in Rostock hatte er 1943 promoviert!), in die Mark, allesamt Streifzüge mit literarischer Absicht, die Tuchfühlung ist hergestellt. Schließlich erscheint 1969 für den Aufbau-Verlag ein Buch in der Nachfolge der Fontane-Wanderungen durch die Mark, „Ein Yankee in der Mark“. Das Eis ist gebrochen, jetzt bezeichnete sich Seyppel selbst als einen Kommunisten, legte aus Protest gegen den Vietnamkrieg die US-Staatsbürgerschaft ab, blieb in Westberlin, pendelte regelmäßiger in den Osten, im September 1973 dann die offizielle Übersiedlung in die DDR, zuvor aber die Trennung von der amerikanischen Ehefrau, die im Westen bleibt. 1974 erscheinen bei Aufbau mit dem bezeichnenden Titel die „Umwege nach Haus“. Das Buch mit Ähnlichkeiten zu Franz Fühmanns 1973 bei Hinstorff in Rostock erschienenem Budapest-Buch „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“. Zwei Bücher mit kurzen oder kürzeren Einträgen, mit aphoristischem Stil über längere Passagen, aber während Fühmann am Donauufer nach großer Lebenskrise sich selbst und damit nach Sicherheit sucht, ist Seyppel ziemlich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben – der umtriebige Weltenbummler will sesshaft werden. So nun das Buch am Schluss, die Bejahung der DDR, wissend um ihre engen Grenzen. Im Buch zuvor – den Aufzeichnungen von 1943 bis 1973 folgend – der lange Bogen vom Wehrmachtssoldaten, dann Berlin, London, Amerika, dann Rückkehr nach Westberlin, der Weg zum freien Schriftsteller, die lange Reise nach Marokko, später Griechenland, eine Reise in die Sowjetunion 1970 – aus Sicht des räumlich eher eingeengten DDR-Lebens bereits als solches ein faszinierender Lesestoff. Seyppel selbst kokettiert im Abspann, schreibt, seine Nachtbücher seien kein Buch „zum Einmal Durchlesen“, verweist auf die eigenen Nächte im „Wachsein“, auf den Zustand des „Lern-Schlafes“, um das eigene „Bewusstsein für Alltäglichkeit zu präparieren“. Und er warnt: „Nichts ist stärker Missverständnissen ausgesetzt als knapp Formuliertes“. Aber er hält entschieden zur DDR, spiegelt deren Widersprüchlichkeit weitgehend gekonnt mit der Widersprüchlichkeit im Westen.
Der junge DDR-Soldat – der jetzt gar nicht so viel jünger ist als der Wehrmachtssoldat Seyppel damals – klappt das Buch zu, ist überaus angetan, hat reichlich angestrichen, sieht sein kommendes Leben ja selbst eher in der Nachbarschaft großer Weltenfahrt, was immer das für einen DDR-Bürger auch heißen mag. Er ist gleichermaßen zuversichtlich wie lebenshungrig, sieht das Heimatland insgesamt auf einen Weg weiterer Öffnung, jedenfalls hält er zur Stange.
Wenige Zeit später platzt die Nachricht herein: Am 7. Juni 1979 wird Seyppel aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, zusammen mit acht weiteren Kollegen, die von der DDR-Führung als unliebsam ausgemacht werden, darunter Stefan Heym. Im Neuen Deutschland darf Dieter Noll poltern: „kaputte Typen“ seien das! Ausführlicher berichten die Westberliner Sender über die unglaublichen Vorgänge in DDR-Berlin. Ein wenig ahnt der junge Seyppel-Fan in der Ludwigsfelder Kaserne bereits, dass da etwas aus dem Ruder zu laufen beginnt. Jetzt fällt ihm die Sache mit Wolf Biermann ein, die er im toten Winkel in Greifswald nur teilweise und ziemlich einseitig verfolgen konnte. Bevor er dann ab Herbst 1980 in Leipzig studieren wird, fällt die Sowjetarmee Ende Dezember 1979 in Afghanistan ein, bricht in Polen im August 1980 der „Solidarność“-Aufstand aus. Dinge und Vorgänge, die erst mit der Zeit in ein komplexeres Verständnis eingefädelt werden können, doch Seyppels Buch hat einen Weg gewiesen.
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Nachsatz: Derzeit sind Seyppels Bücher nur antiquarisch erhältlich. Schade.
(WB)
Danke für den Beitrag, er macht sehr neugierig! Ich habe mir jedenfalls das Buch gleich bestellt.
Nicht im Seyppel lag der Widerspruch …
Ja, die Buchläden beim Militär – da bekam ich Kunert, Loest etc., alle, die in der DDR zwar gedruckt wurden, aber halt nur in Mkro-Auflagen. Der einen Offiziersgattin, deren Namen ich nie erfuhr, bin ich heute noch dankbar. Einmal kam sie, als ich vorbei ging, sogar aus dem Laden gerannt und flüsterte mir ins Ohr, ich solle bald kommen, sie hatte da „was“.