Diktatorenethos

Bereits 1936 verfaßte Erich Kästner das Stück „Die Schule der Diktaturen“, dessen Text aus schlechtem Grunde erst 20 Jahre später veröffentlicht werden konnte. Kästner selbst sprach von „chronischen Aktualitäten“. Assoziationen zu Heutigem bleiben dem Leser überlassen. Die Überschrift stammt von mir. Die nachstehende Leseprobe ist auch als Leseempfehlung zu verstehen. Der Band ist im Buchhandel verfügbar.

(jaku)

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Feierlicher Staatsakt in einem modernisierten Palast, bei dem der Präsident vom Premier gebeten wird, sein Amt auf Lebenszeit auszuüben

PRÄSIDENT liest, sitzend und ins Mikrophon sprechend, die Rede ab. Pausen zwischen den Sätzen. Tonart markig. Bei Steigerungen prahlend

Ich bin bekanntlich kein Freund vieler Worte. Ich ziehe es vor, Taten sprechen zu lassen. Die Welt weiß das. Ich habe nicht die Absicht, meinen Jargon zu wechseln. Die Weltgeschichte wird es eines Tages wissen. Manches haben wir im Lauf der Jahre durch die knappe, international verständliche Sprache der Taten erreicht. Die Freunde achten uns. Die Feinde fürchten uns. Das ist in unserem verfehlten Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit. Nicht in den Staaten. Nicht zwischen den Staaten. Wir haben unsere Grenzen ausgedehnt. Nicht etwa, um unsere Macht zu beweisen. Wirkliche Macht hält kein Manöver ab. Sondern um abgesprengte Teile unseres Volkes heimzuholen. Im Land herrschen Ruhen und Einmütigkeit. Es bedurfte keiner Überredung. Das Volk wurde überzeugt. Noch gibt es vereinzelte Widersacher. Neinsager aus Profession und Verräter in fremden Sold und Auftrag. Aber sie hocken im Mauseloch der Angst. Ein Schritt, ein Satz genügt, und sie sitzen in der Falle. Mauseloch oder Mausefalle, die Leute haben die Wahl. Diese und keine andre. Man lasse es sich gesagt sein. Die Arbeit wurde erst halb getan. Ganze Arbeit ist nötig. Wer soll sie leisten? Wer kann sie leisten? Verantwortung ist unteilbar, Pflichtgefühl kennt, außer dem letzten Stündchen, keine Termine. Gegen das Amt und die Ehre, zu denen man mich auf Lebenszeit verurteilt hat, gibt es, vor Volk und Geschichte, keine Berufungsinstanz. Ich danke also für die schwere Last, die man mir hier und heute aufbürdet.

SPRECHCHÖRE wieder in konfektionierter Begeisterung: Hoch! Hoch! Hoch! Präsident – hab Dank! Präsident – hab Dank!

Aus: Erich Kästner, Die Schule der Diktatoren. Eine Komödie in neun Bildern © Atrium Verlag AG, Zürich 1956. Wir bedanken uns beim Atrium Verlag für die freundlicherweise erteilte Nutzungsgenehmigung.

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