Deutsche haben die Schrift erfunden, die deutsche Zukunft am Wasser, Wahlwiederholungen, der brandenburgische Weg zur Kriminalitätsbekämpfung und eine Prognose– aufgezeichnet von Wolfgang Brauer im März 2026.
Früher galt Deutschland als Vorbild für Effizienz,
Stabilität und wirtschaftlichen Erfolg. Heute nehmen
viele Besucher stärker Probleme wahr – etwa Streiks,
politische Fragmentierung oder Infrastrukturprobleme.
(Cui Honglian, Außenpolitikfachmann aus Beijing
im Gespräch mit der Berliner Zeitung)
Das Portal Moin.de ist eine lustige Veranstaltung und veröffentlicht Nachrichten aus Norddeutschland, die man unter Garantie nicht kennen muss. Dabei kratzen die Autoren gern den Bodensatz aus der Boulevard-Schüssel und dramatisieren den in bester Lokalzeitungsmanier. Ein Konkurs in Scharbeutz wird so schnell mal zum Menetekel des wirtschaftlichen Niedergangs zumindest der niedersächsischen Ostseeküste. Getitelt wird dann irgendwas wie „Pleitewelle im Ferienparadies“, und dann kommt ein Bericht über den Konkurs einer Frittenbude.

Deutsche Urmenschen erfinden gerade die Schrift. Ausschnitt aus einem Gemälde von Zdenek Burian (1949). Vielleicht waren es doch tschechische Urmenschen?
Dieser Tage hat die Redaktion sich selbst übertroffen: „Haben deutsche Urmenschen die Schrift erfunden?“ wurde ein Artikel übertitelt, der über mit geritzten Symbolen versehene Artefakte aus dem Paläolithikum der Schwäbischen Alb berichtet. Deutsche Urmenschen! Von wegen Sumerer mit ihrer lächerlichen Keilschrift und die noch alberneren äyptischen Hieroglyphen! Wir haben die Schrift erfunden, wir Deutsche. Meint Isabella-Sophie Funke, die ansonsten über die „neusten Supermarkt-Trends, beliebte Urlaubsziele oder das aktuelle Horoskop“ berichtet, wie berlin-live.de informiert.
Liebe Kollegin Funke, bleiben Sie bitte bei den eben aufgezählten Themen. Horoskop ist was Solides. Urmenschen sind nicht jedermanns Sache. Und die Schrift können die gar nicht erfunden haben. Die hatten noch nicht einmal Abitur, geschweige denn einen „Bachelor“!
Ach so, Moin.de gehört zur FUNKE-Mediengruppe. Funke?
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Deutschlands Zukunft liegt am Wasser. Jedenfalls die des beschaulich vor sich hinbröckelnden Vorpommern-Städtchens Wolgast. Nicht-Einheimische werden es vor allem als Verkehrshindernis auf dem Weg zur Insel Usedom kennen. Damit tut man Wolgast Unrecht. Das Städtchen ist recht hübsch. Und es ist die Geburtsstadt des neben Caspar David Friedrich wohl bedeutendsten Malers der deutschen Frühromantik, Philipp Otto Runge (1777-1810). Aber das ist Geschichte, und wer will schon andauernd die alten Geschichten hören. Die Zukunft liegt in Sichtweite des Runge-Hauses und heißt Peene-Werft. Die gehört seit dem 1. März 2026 zum Rüstungskonzern Rheinmetall. Rheinmetall, durch den Ukraine-Krieg übergierig geworden, übernahm von der Bremer Lürssen-Gruppe deren komplette Marine-Sparte, die Naval Vessels Lürssen (NVL). Dazu gehörte seit 2012 auch die Wolgaster Werft. Der Rheinmetall-Vorstand geht aktuell für seine neue Marine-Sparte von einem Auftragsvolumen für 2027 von rund 120 Milliarden Euro aus. Man sollte sich aber nicht zu sehr über den Rüstungsstandort Wolgast aufregen. Der ist nicht neu. Die Peene-Werft war schon immer ein Kriegsschiffbauer. Der fast komplette Bestand der DDR-Volksmarine wurde hier auf Kiel gelegt.
Große Haie werden immer von Pilotfischen begleitet. „Sie befreien diese von Hautschmarotzern, fressen Speisereste und Ausscheidungen“, teilt Wikipedia mit. Es sind also nützliche Fische… Von der Übernahme der Peene-Werft durch Rheinmetall profitieren will auch ein erst am 4. März 2026 – also drei Tage nach der Werftübernahme – gegründetes Unternehmen, das sich „1. Projektentwicklung Wolgast GmbH“ (Handelsregisternummer HRB 22599) nennt. Die Gesellschaft hat ein Stammkapital von 25.000 Euro und plant ein Projekt mit einem Volumen von 90 bis 130 Millionen Euro. So zitierte jedenfalls am 12. März die Ostsee-Zeitung Jens Reinheckel, einen der beiden Geschäftsführer. Die Rede ist von 170 bis 230 Eigentumswohnungen. Der Stadt, von der man ein Grundstück kaufen will, macht man den Mund wässrig mit der Ankündigung von „etwa 70 Arbeitsplätzen“ in einer „Reha-Klinik inklusive betreutem Wohnen“ im geplanten Quartier. Zu Investoren und Betreibern schweigt man. Kapital ist ein scheues Reh, wie alle wissen. Vielleicht gibt es auch noch keine. Aber Sorgen müssen sich die GmbH-Chefs nicht machen. Die Stadt wird schon die Katze im Sack kaufen. Das machen deutsche Kommunen meist bei solchen Angeboten.
Immerhin hat man bereits einen Namen für das schicke Viertel am Wasser. Erst hieß es wohl „Achterwasser“. Aber das klingt zu sehr nach Brackwasser. Genaugenommen trecken hier auch die Wellen des Peenestroms an den Strand. Klingt auch nicht so sexy. Jetzt nennt man das Ganze „Herzog von Pommern Quartier“ (ohne Bindestriche, man gibt sich modern). Das solle „die Wertigkeit des Komplexes“ betonen, sagt die Ostsee-Zeitung. Adel muss sein. Hochadel ist besser. Auch wenn die Hosen löchrig sind. „Impertinente Frauensmenschen“ wie Mudder Schulten, die „Dörchläuchting“ (Herzog Adolf Heinrich IV. von Mecklenburg-Strelitz) 1771 frische Backware erst nach Bezahlung seiner Schulden geben wollte, sind selten geworden.
Nur ganz nebenbei: Um bei „Dörchläuchting“ zu bleiben, die Werft von Mudder Schulten wird nur recht kleine Brötchen backen können. Die Schiffe müssen durch die Durchfahrt an der Peene-Brücke. Die ist nur knappe 30 m breit.

Wolgast, 12. März 2026, 13:07 – Die „Hans Beimler“, eine Raketenkorvette der DDR-Volksmarine, passiert die Peenebrücke auf dem Weg von der Peene-Werft zu ihrem Liegeplatz in Peenemünde. Der Schlepper am Bildrand rechts kollidierte gerade mit dem Poller backbord. Foto: W. Brauer (2026)
Philipp Otto Runge hatte 1806 an den Verleger Achim von Arnims ein Märchen geschickt, das zu den bekanntesten der Grimmschen Sammlung werden sollte: „Von dem Fischer und syner Fru“. Auch die Fischersfrau konnte den Rachen nicht voll genug kriegen. Am Ende landete sie wieder in ihrem alten Pissputt. „Es ist eine alte Geschichte, / Doch bleibt sie immer neu“, lästerte einst ein anderer Romantiker…
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Die bösesten Possen schreiben noch immer die Ämter. Am 15. Februar fanden im brandenburgischen Strausberg (Landkreis Märkisch-Oderland; ca. 28.000 Einwohner) Bürgermeisterwahlen statt. Wie so oft konnte sich niemand im ersten Wahlgang durchsetzen. Die beiden aussichtsreichsten Kandidaten landeten bei 22,5 bzw. 21,2 Prozent. Das ist auch nicht besonders berauschend, aber beide sollten am 15. März in eine Stichwahl gehen. Die wiederum wurde Ende Februar von Landrat Gernot Schmidt (SPD) blockiert, der die Wahl selbst für ungültig erklärt hatte. Grund seien „Unregelmäßigkeiten“ gewesen, wie der Landrat erklärte. Von rund 4000 ausgegebenen Briefwahlunterlagen seien nur knapp drei Viertel zurückgekommen. Und ausgerechnet der Kandidat, der den größten Anteil an den abgegebenen Briefwahlstimmen gehabt habe, betreibe auch die Poststelle, in der die Stadt Strausberg ein Postfach für die Briefwahlen eingerichtet habe.
Damit bekam der 22,5%-Kandidat ein Brandzeichen verpasst. Der zog natürlich vor Gericht – und das Verwaltungsgericht Frankfurt/Oder hob jetzt die Entscheidung des Landrats auf. Nicht, weil es dem Kläger unbedingt recht geben wollte, sondern weil der Landrat „nicht befugt gewesen“ sei, die Wahl zu anullieren. Im Strafrecht nennt man so etwas „Freispruch zweiter Klasse…“ Irgendetwas bleibt immer hängen, meinten seinerzeit die politikerfahrenen Römer.

Hennigsdorf – Bahnhofsvorplatz. Foto: W. Brauer (2021)
Was aber offenbar niemand in Brandenburg hinterfragt, ist die Tatsache, dass eine Stadtverwaltung ein Postfach für rechtlich äußerst sensible Sendungen in die Hände eines privaten Einzelhändlers geben darf.
Dazu passt, dass das Stadtparlament von Hennigsdorf am 13. März mit den Stimmen der CDU einen AfD-Antrag zur Schaffung einer Bürgerwehr („Stadtpatrouillen“) beschlossen hat. Man wolle der Kriminalität auf dem Henningsdorfer Bahnhofsvorplatz ein Ende bereiten. Beschönigend nennt sich das Ganze „Sicherheitspartnerschaft“. Der „Partner“ wäre dann die Polizei. Die will eigentlich nicht mitspielen und hält das Einbruchsgeschehen in den Dörfern der Umgebung für entschieden gravierender. Aber das sehen die sicherheitsuchenden Bürger anders. Noch ist die Truppe unbewaffnet, aber was heißt das schon.
Bislang lag aus guten Gründen das Gewaltmonopol in Deutschland immer noch in staatlicher Hand. Aber was heißt das schon. Und da war doch mal was mit Hilfspolizei? Nicht alles war schlecht!

Hennigsdorf – Bahnhofsvorplatz. Foto: W. Brauer (2021)
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Und ganz zuletzt noch eine Prognose: Auch am nächsten Sonntag werden sich – wie in der vergangenen Woche in Stuttgart – die Verlierer in Rheinland-Pfalz wieder zu Siegern erklären und von einem überzeugenden Wählervotum sprechen.

Curt Liebich (1868-1937): „Von dem Fischer und syner Fru“.
Aus „Grimms Märchen“ (1925). Sammlung W. Brauer
Deprimierend, wütend machend und was mich am meisten schockiert, nicht überraschend.