Ein Schlussakkord: Womacka in Marzahn

von Wolfgang Brauer

Berlin-Marzahn als kunstfreundlicher Ort? Vielen wird schon diese Frage als Unding an sich erscheinen. Dabei legte eine Arbeitsgruppe des Verbandes bildender Künstler der DDR noch vor dem Beginn der ersten Tiefbauarbeiten (3. März 1975 an der heutigen Allee der Kosmonauten in Höhe des heutigen S-Bahnhofes Springpfuhl) am 10. Februar 1975 eine „Rahmenkonzeption zur künstlerisch-ästhetischen Umweltgestaltung“ für den geplanten Stadtteil Biesdorf-Marzahn vor. Leitthema der Konzeption ist „Unser Leben im Sozialismus“. Das Thema wird den Regierenden gefallen haben, den Künstlern aber auch. Unter dieser Fahne kann man alles machen. Der Konzeptgruppe gehörten an: die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, der Bildhauer Karl Blümel, die Maler Horst Göhler, Heinrich Tessmer und Peter Hoppe, die Kunsthandwerker Gunter Wächtler und Wolfgang Weber, die Kunstwissenschaftler Kurt-Heinz Rudolf und Rolf Walter.


Walter Womacka: „Frieden“ (1988), Ausschnitt. Foto: W. Brauer (2026)

Auf einem Symposium des Vereins „Helle Panke“ am 25. Februar 2026 über „Walter Womacka und die baubezogene Kunst in der DDR“ bemängelte der Architekt Wolf R. Eisentraut – Eisentraut prägte das Stadtbild Marzahns vor allem mit seinerzeit so genannten „Gesellschaftsbauten“ nachdrücklich – die Nichteinbeziehung eines Architekten in die Konzeptgruppe. Dies habe zur Folge gehabt, dass die Künstler irgendwelche Dinge konzipiert hätten, die mitnichten mit den Ideen der Architekten korrespondierten. Das ist in der formulierten Absolutheit nicht richtig. Diese Konzeption wurde zur Grundlage von Empfehlungen für die Grün- und Freiflächengestaltung, die bildkünstlerische Ausstattung, Stadtmöbel, visuelle Kommunikation bis hin zu Lichtgestatung und Farbkonzept. Dass davon vieles nicht umgesetzt wurde, kann man den Künstlern nicht vorwerfen. Einmal abgesehen davon, dass das Thema „Architektur der Großsiedlung Marzahn“ ein überaus ambivalentes ist, irrte Eisentraut auch. Mitglied der Konzeptgruppe war Lutz-Werner Brandt. Brandt war Architekt, studierte aber auch Malerei. 1972 bis 1980 war er Assistent von Walter Womacka, dem damaligen Rektor der Weißenseer Kunsthochschule. Zugleich hatte Brandt dort einen Lehrauftrag für Perspektive inne. Dass der Mann etwas von seinem Metier verstand, zeigen immer noch etliche erhaltene Arbeiten im öffentlichen Raum in beiden Teilen der Stadt. Lutz-Werner Brandt übersiedelte 1984 nachWest-Berlin.

Der Kunsthistoriker Martin Schönfeld hat insgesamt 293 Kunstwerke gezählt, die für den öffentlichen Raum bzw. auf andere Art „baubezogen“ zwischen 1978 und 1991 in der Großsiedlung Marzahn entstanden. Der Kunstwissenschaftler Peter Guth sprach 1995 von der „umfangreichsten Stadtausstattung in der DDR“. Er hätte mit gutem Recht auch „DDR“ durch „Europa“ ersetzen können. Erhalten sind davon noch rund 44%. Als Schönfeld 2023 seine Zahlen vorlegte, waren mindestens 164 Werke „Opfer eines mehr oder weniger bewussten Bildersturms“ (Schönfeld). Die Zahl ist inzwischen größer geworden.

Es handelte sich in allen Fällen um heute gern geschmähte „Auftragskunst“. Die wurde vergleichsweise gut bezahlt, war de facto ein Instrument der sozialen Künstlerförderung durch den Staat. Die Aufträge wurden über den Künstlerverband vergeben, der penibel darauf achtete, dass Einzelne nicht über Gebühr bedacht wurden. Insgesamt hatten sich rund 100 Künstlerinnen und Künstler in das Marzahner Stadtbild „eingeschrieben“. „Staatsnähe“ – wie heute gern behauptet wird – war nicht unbedingt ein Kriterium. Mitglied im Künstlerverband musste man schon sein, aber mit „Staatsnähe“ hatte das wenig zu tun. Auch Bärbel Bohley schmückte in Marzahn-Nord eine Kindereinrichtung aus. Die wurde allerdings 2003 abgerissen, ihre Bilder zerstört. Einige Arbeiten des absolut nicht systemkonformen Hans Ticha hingegen blieben erhalten. Und wenn 2001 Dieter Tucholkes „Flugobjekt“ (1989) aus der Schwimmhalle im Freizeitforum Marzahn demoliert wurde, so hat das auch keinerlei politische Gründe, sondern ist ausschließlich mit Dummheit konditioniertem Banausentum zu danken.


Walter Womacka: „Arbeit für das Glück des Menschen“ (1989).
Foto: W. Brauer (2026)

Tichas Sportskulpturen aus den Jahren 1981 und 1987 befinden sich an der Franz-Stenzer-Straße 39, wenige Schritte von der Marzahner Promenade entfernt. Fast vis-à-vis von Tichas Pop-Art befindet sich an der Marzahner Promenade 40 das 4,50 m x 17,00 m große Wandbild Walter Womackas „Arbeit für das Glück des Menschen“ (1989), ein Mosaik. Das Bild ziert eine Giebelwand im mittleren Abschnitt der Promenade und begrenzt zugleich optisch einen kleinen Stadtplatz. In seiner Farbgebung – Womackas Arbeiten im Ost-Berliner Stadtzentrum sind vergleichsweise „bunt“ – fügte es sich in die Farbstruktur der umgebenden Wohnbebauung ein. Das ist heute nur noch stellenweise nachzuempfinden – wärmedämmende Fassadengestaltungen und der Versuch, die „DDR-belastete“ WBS-70-Plattenbauserie unsichtbar zu machen, ohne sie abreißen zu müssen, haben das einst stimmige Gesamtbild ruiniert.

Im Zentrum des Bildes sitzt ein nur in seinen Konturen mit leichten Schattierungen dargestellter, fröhlich in die Zukunft schauender Arbeiter. Die Linke ruht auf einem mit Schweißerbrille versehenen Helm. Links neben ihm eine entfernt an ein gigantisches Uhrwerk erinnernde Kreismontage, dominiert von einem hebelbestückten Radwerk. Womackas Arbeiter könnte jederzeit eingreifen. Stark stilisiert im Hintergrund das All. Es ist, als wolle Womacka erklären, dass dieser Kerl jederzeit die Welt aus den Angeln hebeln könnte. Das linke Drittel des Bildes dominiert Schöpfertums-Symbolisches zwischen Zirkel und Mandoline, auf dem rechten Drittel ist im Hintergrund ein Chemiewerk erkennbar.


Walter Womacka: „Arbeit für das Glück des Menschen“ (1989, Ausschnitt). Foto: W. Brauer (2026)

Es scheint das übliche Repertoire sozialistisch-realistischen Gestaltens zu sein, wenn nicht eine faszinierende Farbgestaltung das Bild prägen würde und die stilistischen Bezüge – auch beim zweiten Wandbild „Frieden“ – zu entschieden stärker abstrahierenden Meistern der klassischen („westlichen“) Moderne wie Fernand Leger, Henri Matisse und vor allem Pablo Picasso überdeutlich wären. Auf dem schon erwähnten Helle-Panke-Kolloquium qualifizierte die Kunstwissenschaftlerin Luise Helas Womackas Arbeiten im öffentlichen Raum als „Repräsentation einer idealisierten Gesellschaft“. Das war durchaus abwertend gemeint, allerdings war solche Kunst zu allen Zeiten „Repräsentation einer idealisierten Gesellschaft“. Ambrogio Lorenzettis „Allegorie der guten und der schlechten Regierung“ (1388-1340) im Palazzo Pubblico in Siena soll hier nur als ein Beispiel genannt sein. Das Problem der Womacka-Mosaike an der Marzahner Promenade war „nur“, dass die von ihm besungene Gesellschaft de facto am Ende war – und ein mit feinem Sensorium ausgestatteter und vielfältig vernetzter Künstler wie Walter Womacka das zumindest geahnt haben muss. Die End-Abnahme des Bildes erfolgte am 3. November 1989. Sechs Tage später fiel die Mauer.


Marzahner Promenade 45 mit Walter Womackas Mosaik „Frieden“ (1988). Foto: W. Brauer (2026)

Etwa 200 m weiter in Richtung Freizeitforum befindet sich das schon erwähnte Wandmosaik „Frieden“ (auch das mit den Maßen 4,50 m x 17,00 m). Die bauliche Situation ist dieselbe wie bei „Arbeit für das Glück des Menschen“. Nur dass dieses Bild im Vergleich zu ersterem farblich erheblich zurückhaltender gestaltet ist. Das linke Drittel dominiert ein von Womacka oft in leuchtenden Farben gestalteter Blüten-Rausch. Ansonsten sind die Grundtöne des Bildes stark erdfarben. Im Zentrum – dem Arbeiter ähnlich konturiert– sitzt eine junge Frau mit einem Kind auf dem Schoß. Ein Motiv, dass sich in Womackas Arbeiten immer wieder findet. Beide umlagert von Tauben, Friedenssymbolen sicherlich. Eine übergroße Taube schaut von rechts auf die Szenerie, dominiert wird dieses Bilddrittel allerdings von den Konturen eines Frauenporträts, dessen Augen stark an Picassos späte Arbeiten erinnern. Mit dem angedeuteten Übergang der wehenden Haare des Frauenprofils in eine strahlend daherkommende ominöse Bläue versuchte Womacka offensichtlich, eine ihn wohl auch unbefriedigende Starre des Bildes zu überwinden. Der fast völlige abrupte Verzicht auf kontrastierende Farben ab Bildmitte führt zu einem deutlichen ästhetischen Bruch in der Mitte des Wandbildes. So deutlich zeigt sich ein Misslingen bei keiner anderen großformatigen Arbeit Womackas. Dass – wie Eisentraut bemerkte – das benachbarte Hochhaus das Bild de facto erdrücke, liegt nicht am Hochhaus. Es liegt an der lieblos aus Versatzstücken zusammengeschusterten Durchschnittsarbeit.


Walter Womacka: „Frieden“ (1988). Foto: W. Brauer (2026)

Womacka muss das gespürt haben. „Frieden“ entstand 1988, ein Jahr vor „Arbeit für das Glück des Menschen“. Hier hat er einige Fehler seiner 1988er Arbeit vermieden, zumindest der Struktur des Bildes mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Zu den ihn innerlich stärker umgetrieben habenden Werken gehören die beiden Marzahner Mosaike nicht. In seinen 2004 erschienenen Erinnerungen werden sie nicht einmal erwähnt. Ich bedauere das, immerhin hat Walter Womacka für die künstlerische Gestaltung des DDR-Großbezirkes den bildkünstlerischen Schlussakkord gesetzt.

Ein anderes in Marzahn befindliches Bildwerk Womackas wurde nicht für diesen Stadtteil geschaffen. Der Künstler widmet dessen Entstehungsgeschichte in seinen Erinnerungen entsprechenden Raum, es gehört zu den Gestaltungsarbeiten rund um den Alexanderplatz. Es handelt sich um die große (4,5 m x 24 m) Kupfertreibarbeit „Der Mensch überwindet Zeit und Raum“ (1971; Alexanderplatz 7, „Haus des Reisens“). Ich kenne keine von den Dimensionen her größere Kupferarbeit auf dem Territorium der DDR. In Marzahn wurde auf einer Brüstung der Fussgängerunterführung Allee der Kosmonauten / Richtung Springpfuhl 1979 das kleinformatigere Modell des Reliefs (0,55 m x 3,15 m) angebracht. Ergänzt wurde das Bild von einer ähnlich gestalteten kleineren Tafel, die über den Anlass der Aufstellung informiert: „Die Allee der Kosmonauten trägt diesen Namen seit dem Besuch von Waleri Bykowski und Sigmund Jähn.“


Denkmalinstallation an der Allee der Kosmonauten in Berlin-Marzahn mit der Reliefplatte (links) Walter Womackas „Der Mensch überwindet Zeit und Raum“ (1971) – Zustand Februar 2026. Foto: W. Brauer (2026)

Die beiden umrundeten an Bord von „Saljut 31“ vom 26. August bis zum 2. September 1978 insgesamt 124 mal die Erde. Die Großbaustelle Marzahn besuchten sie am 22. September 1978, nahmen die Namensgebung vor und setzten die ersten Bäume eines (nicht mehr vorhandenen) „Hains der Kosmonauten“. Im Zentrum des motivisch stark komprimierten, für eine solche Metallarbeit sehr dynamischen Bildes stehen eine junge Frau (am Alexanderplatz ist es ein Paar) und ein Kosmonaut – gewissermaßen die Scharnierfiguren zwischen einem glücklichen Leben auf der Erde und dem Griff zur Sonne, respektive dem All. Der Blick der Dargestellten ist allerdings zur Erde gerichtet. Ein Bild, das den in den 1970er Jahren scheinbar noch ungebrochenen Fortschrittsoptimismus in Sachen Wissenschaft und Technik ausdrückt.

1999 wurde das Relief aus Sorge vor Vandalismusschäden umgesetzt. Es ist jetzt auf einem Betonsockel unmittelbar gegenüber der Straßenbahnhaltestelle in Sichtweite des Denkmals zur Erinnerung an das Setzen der ersten Platte („Richtkrone“, Alfred Bernau 1979) angebracht. Sinnigerweise in „Griffhöhe“. Das führte schon 2021/2022 zu ersten Beschädigungen vermutlich durch Buntmetalldiebe. Die müssen aber erkannt haben, dass das dünne Material den Aufwand nicht lohnt. Inzwischen kam offenbar politisch motivierter Vandalismus hinzu. Das Relief ist de facto unwiederbringlich zerstört. Ein hilfloser Sanierungsversuch mit Epoxidharz verstärkt eher noch den desolaten Eindruck. Es ist nur ein schwacher Trost, dass es offenbar Bernaus „Richtkrone“ nicht viel besser ergeht. Beides sind Werke, die sich im Besitz des Bezirkes befinden. Die Mosaike gehören natürlich dem jeweiligen Hauseigentümer, das ist in diesem Falle die landeseigene DEGEWO. Für den Erhalt der Werke lässt das hoffen.


„Was du ererbt von deinen Vätern …“ Foto: W. Brauer (2026)

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Literaturhinweise:
Eisentraut, Wolf R.: Zweifach war des Bauens Lust. Architektur – Leben – Gesellschaft, Lukas Verlag, Berlin 2023, 384 Seiten.
Eisentraut, Wolf R.: Zentrum Marzahn – Ein Drama in vier Akten. In: Historisches Jahrbuch Marzahn-Hellersdorf 2022/2023, Heimatverein Marzahn-Hellersdorf e.V., Berlin 2023, S. 156-172.
Schönfeld, Martin: Komplexe Umweltgestaltung im Stadtteil Biesdorf-Marzahn (1975-1991). In: Historisches Jahrbuch, a.a.O., S. 173-187.
Womacka, Walter: Farbe bekennen. Erinnerungen, Das Neue Berlin, Berlin 2004, 320 Seiten.


4 Kommentare

  1. Wem es möglich ist, sollte nach dem Lesen dieses gründlichen Textes komplementär Kahanes Film „Die Architekten“ anschauen – der wohl der letzte DEFA-Film war und – zu seinem unverdienten Nachteil – erst in den Wendewirren in die Kinos kam.

  2. Danke für den ungemein erhellenden und aufschlussreichen Text. Obwohl seit Ewigkeiten im Großraum Marzahn lebend, entdecke ich bei Dir neue Blickwinkel. Sicher, Womacka ist – eher aus politischen als aus künstlerischen Gründen – umstritten, nur welcher bedeutender Künstler ist das nicht?

  3. Es hat auch in Marzahn-Hellersdorf eine 14-tägige Ehrung von Womacka mit 12 ausgestellten Originalarbeiten , so aus dem Kunstarchiv in Beeskow, drei Vorträgen zur Rolle Womackas in der Kunst der DDR und bei der architekturverbundenen Kunst sowie zur Kunsterziehung in den Schulen der DDR gegeben. Die beiden Mosaikwandbilder wurden in Führungen erläutert. An beiden Bildern wurden am 100. Geburtstag von W. erläuternde Info-Tafeln angebracht. Veranstalter waren das in der Nähe liegende Stadtteilzentrum der Volkssolidarität, der Heimatverein, der DGB-Kreisvorstand, Bezirksverordnete. Die Bezirksverordnetenversammlung hat inzwischen einen Antrag zur Unterstützung der beiden Mosaike gestellt. Der Senat/das „offizielle“ Berlin hat eine Würdigung Womackas nicht für nötig gefunden.
    Die noch bestehenden etwa 300 (von über 460 Kunstwerken) in den beiden Großsiedlungen müssen erhalten und gepflegt werden

  4. Interessanter Artikel. Möge die DEGEWO sich kümmern. Einzelne Risse in beiden Werken sind bereits da. Die erstmal installierten Tafeln (Texte von mir) sollten gegen anständige Winkelschilder ausgetauscht werden welche mit Entfernung aufgestellt werden.

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