von Wolfgang Brauer
Vom 15. bis zum 17. August 2025 lief im Schieferpark Lehesten das „9. Thüringer Figurentheater-Fest“. Gerne möchte ich zu einem kleinen Rundgang durch dreizehn Inszenierungen von zwölf Bühnen einladen, die – wie ich finde – einen bemerkenswerten Einblick in die Leistungsfähigkeit dieser kleinsten Tochter Thalias bieten und zumindest mir durchweg Freude und Kenntnisgewinn bescherten. Vorhang auf!
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Werbekarte „672 Jahre später…“. Papier & Theater: Compagnie aus Halle.
„Ich hab’s dir gesagt, Brunetti, das ist eine echte Corona-Party“, sagt Kommissar Leitmayr. Und prompt wollen die beiden einschreiten. Allerdings können sie nichts ausrichten. Die Staatsmacht selbst wird zum Opfer der zahlreichen, einander widersprechenden und kaum mehr durchschaubaren Anti-Corona-Bestimmungen. Die von ihnen auf frischer Tat ertappten vermeintlichen Delinquenten haben dagegen die Regeln voll drauf. Wenn Listigkeit Erfolg haben will, muss sie mit Kundigkeit verbandelt sein. Nach dem einigermaßen scholastisch wirkenden verbalen Schlagabtausch sieht es fast so aus, als sei genaugenommen überhaupt niemand da, den man dingfest machen könnte. Selbst der Verstoß gegen die Masken-Regel („150 Euro pro Person!“) erweist sich als Luftnummer. Die Sünder feiern fröhlich weiter – genauso wie der seinerzeitige deutsche Maskenminister heute fröhlich weitermacht. Marlis und Rainer Sennewald („Papier & Theater: Compagnie aus Halle) spielen unter dem etwas sperrigen Titel „672 Jahre später – Komödiantische Aufarbeitung einer schwierigen Zeit“ Papiertheater mit fast shakespeareschen Dimensionen. Der Albtraum kommt schon ein wenig daher wie im „Sommernachtstraum“… Die 672 Jahre beziehen sich vom Corona-Ausbruch rückwärts gezählt auf das Jahr 1348. Giovanni di Boccacio nimmt den Pestausbruch in Florenz zum Ausgangspunkt der Rahmenhandlung des „Dekamerone“. Die Sennewalds holen dessen Heldinnen und Helden einfach aus den Nebeln der Geschichte hervor und lassen sie vor unserer jüngsten Epidemie aufs Land flüchten – „Risikogruppe Ü 600, dreimal geimpft“.
Verhandelt wird eigentlich die Frage, ob man denn „in solchen Zeiten“ überhaupt lustig sein dürfe, feiern könne – und schlussendlich Kunstmachen erlaubt und möglich sei. Die Gefahren der Seuche stellen die Theatermacher nicht in Frage, sonst hätten sie ihre Protagonisten nicht – wie Boccachio 672 Jahre vor ihnen – aufs Land fliehen lassen. „Papier & Theater“ hat nicht nur die alte Geschichte aufgefrischt – sinnbildlich dazu passend erhielten die traditionellen dänischen Papiertheaterfiguren ein modernes Outfit. Das verblüfft und überzeugt!
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Aus Dänemark, genauer gesagt aus dem Osten Jütlands, kommt das Papierteatret Meklenborg. Marie Todberg und Søren Mortensen zeigten unter dem Titel „Mother, tell me more“ – eine Zeile aus dem Song „Matilda Mother“ von Syd Barrett – ein Stück, das sich um neun Songs des Pink-Floyd-Mitbegründers Barrett rankt. Nur der Text des sehr stillen, anrührenden Songs „Golden Hair“ stammt von James Joyce. Erzählt wird die Geschichte von Sid und Emily, die als Kinder aufeinanderstießen. Step by step entwickelt sich aus der Begegnung des zugezogenen Sid eine große Liebe: „I’ve got a bike. You can ride it if you like…“ Die von den dänischen Spielern und ihren Freunden neu eingespielten Barrett-Songs – Träger des Theaters ist ein Verein – gehen mit den von Suse Hartung gestalteten Bildern und ihren szenografischen Lösungen eine geradezu idealtypische Synthese ein. Dazu kommt der dem behutsamen Spiel kongruente Lichteinsatz, der es beinahe vergessen lässt, dass es sich hier um Papiertheater handelt. Ein Traum, der wohl auch dem psychedelischen Roger Keith „Syd“ Barrett zugesagt hätte.

Das Besondere an diesem Festival: Es trägt Werkstattcharakter. Marie Todberg zeigt den Zug, mit dem Sid in die Stadt kam. Daneben der Arbeitstisch der Spieler. Fotos: W. Brauer (2025)
Die Musik wird natürlich – wie zumeist im Papiertheater – eingespielt. Hier wäre ein Live-Einsatz unverhältnismäßig.
Das Papirteatret Meklenborg hatte noch einen zweiten Festivalbeitrag mitgebracht: Per Brink Abrahamsen spielte „Munch und die Liebe & American Pie. Zwei Musikvideos auf Papier“. Edvard Munch natürlich, im zweiten Teil spielen die Bilder von Edward Hopper eine große Rolle. Aber das konnte ich leider nicht sehen.
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Dänisch wird es auch in Gabriele Brunschs Papiertheater Kitzingen. Brunsch nahm sich das im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts von Mouritz Hansen geschriebene Stück „Zirkuskinder“ vor und setzte es in der traditionellen Papiertheaterästhetik in Szene. Das ist überaus gelungen, ich bewundere die akkurate Art, mit der Gabriele Brunsch arbeitet. Sie spricht den Text nicht selbst, sondern gestaltete ein „Hörspiel“, das mit recht großem Aufwand und Leidenschaft produziert wurde. Darüber kann man streiten, zumal die Personage des Stückes relativ begrenzt ist.
Schwieriger ist es mit dem Text selbst. Über den Autor ist kaum etwas zu erfahren. Offensichtlich hatte Hansen eine Neigung zum Melodramatischen. 1913 wurde sein Skript „Die Tochter des Teufels“ von einer dänischen Produktionsfirma verfilmt. „Zirkuskinder“ erhielt 1920 einen Preis in einem Papiertheaterwettbewerb einer dänischen Zeitschrift. Die zunächst kompliziert und vielschichtig erscheinende Handlung ist genaugenommen sehr schlicht: Der Sohn einer Fischerswitwe und die kleine Tochter einer gräflichen Diplomatenfamilie werden gemeinsam von geldgierigen Schurken gekidnappt und in einem Wanderzirkus auch durch den Einsatz der Peitsche zu Trapezkünstlern abgerichtet. Als dieser Zirkus zufällig in der Nähe des Ortes, in dem die Mutter des inzwischen fast erwachsenen Knaben lebt, gastiert, gelingt beiden die Flucht. Auch die Gräfin und deren Mann – der zeitgleich durch einen Schiffsuntergang an derselben Küste an Land gerät – sind anwesend. Dreifache Familienzusammenführung, die Kinder geloben einander natürlich ewige Treue… Die Schufte werden ihrer gerechten Strafe zugeführt. Vorhang. „Volkstheater“ transportiere „naiv-moralische Botschaften“, lehrt die Theaterwissenschaft. Hütet euch vor dem fahrenden Volk – „Nehmt die Kinder rein, die Zigeuner kommen“, hab ich noch als Kind gelernt… –? Das Gute siegt immer und immerdar? Ich weiß nicht. Aber ein zu Herzen gehendes Erlebnis ist es dennoch.
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Hans-Günter Papirnik spielt „Hänsel und Gretel“. Foto: W. Brauer (2025)
Hans-Günter Papirnik aus Essen, der mit einem kleinen traditionellen Wohnzimmertischtheaterchen und einem schelmisch vorgetragenen „Hänsel und Gretel“ das Festival miteröffnete, liebt die romantische Oper. Gleichzeitig besitzt er den Mut, diese langen Dinger auf kaum mehr als 30 Minuten rabiat zusammenzustreichen. Das bekommt dem Publikum gut – und posthum auch dem Opernkomponisten. Friedrich von Flotows durchkomponierte Oper „Alessandro Stradella“ (1844) dauert ansonsten rund zwei Stunden. Für Papiertheater ist das entschieden zu lang. Und die Geschichte selbst ist heute eigentlich nur noch für eingefleischte Opernfans ertragbar. Aber Papirniks Fassung ist einfach schön. Seine papiernen Protagonisten bringen Stradellas Hymne an die Jungfrau Maria zum Leuchten, das Duett der beiden Banditen Barbarino und Malvolio „Am linken Strand des Tiber“ ist herrlich und das „Ruhig, leise…“ auch. Wie gerne würde ich einige hochbezahlte Star-Regisseure der großen Operntempel vor Hans-Jürgen Papirniks Miniatur-Modellkirmeswagen setzen!

„Alessandro Stradella“: Schlussapplaus.
Foto: W. Brauer (2025)
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Kaum glaublich, aber wahr – selbst im für die meisten Deutschen wohl immer noch exotisch-abschreckend wirkenden Berlin-Marzahn („Cindy“, liebe Leute, kommt aus Luckenwalde!) gibt es ein Papiertheater. Das „Papiertheater an der Oppermann“, der Name leitet sich von der Adresse des „Stammhauses“ ab. „Wir kommen aus dem Paradies, aus Marzahn“, begrüßt Aldona Kosel das Publikum. Sie und Holger Kosel bedienen derzeit ein Repertoire von knapp 14 Stücken. Heute geben sie „Das Märchen vom Paradiese. Ein XXL-Kistentheater für Erwachsene“: Ein sich zutiefst langweilender Mann sieht einen Engel – ein Quereinsteiger, also nicht ganz berufskundig, es kann auch der Teufel gewesen sein, wann weiß man das schon so genau – und soll ins Paradies. Eigentlich will er lieber in die Hölle, die scheint ihm lustiger zu sein. Nun gut, das Paradies. Aber perfekt ist das auch nicht mehr, mit den Getränken haperts, die Lieferketten sind unterbrochen (Corona?) und drei Tage Sauerkraut hintereinander sind auch nicht so lustig. Aber er hat Glück. „Du aber scheinst mir noch recht frisch“, bemerkt der Engel. Der Held muss wieder zurück in die reale Welt – und öffnet, dort angekommen, erst einmal eine Flasche Rotwein! Das mit der Kiste übrigens ist wörtlich zu nehmen. Kosels erzählen, dass das mal der Lieferkarton für einen Flachbildschirm war. Der dient jetzt als Bühnenhorizont und ermöglicht ein Aufbrechen des ansonsten immer recht beengten Spielraums. Ein Märchen aus der Jetztzeit, mit einer köstlichen Lakonie gespielt!

Bühnenbild zu „Das Märchen vom Paradiese“. Die zugeklebten Fenster im Hintergrund gehören nicht dazu!
Foto: W. Brauer (2025)
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Ein klassisches Märchen der Grimms brachte Henning Hacke (Figurentheater Weimar) mit: Der König sitzt mit seiner Königin in der Badewanne, beide wünschen sich so sehr ein Kind… Und oh Wunder, es klappt plötzlich! Nur bei der Feier der Kindstaufe geht was schief. Das verfügbare Geschirr entsprach nicht der Zahl der potenziell einzuladenden Gäste… Natürlich, „Dornröschen“. Kennen alle. Aber so schön erzählt eben nicht. Hacke arbeitet hier übrigens nicht mit Papiersilhouetten, er spielt mit aus Lindenholz geschnitzten vollplastischen Figuren. Aber auch hier gibt es eine Moral: Man muss Prinzessinnen küssen, wenn sie 100 Jahre geschlafen haben! Die Mahnung folgt auf dem Fuß: Wenn man Prinzessinnen küsst, muss man sie heiraten. Kinder, merkt euch das!

Papiertheater Weimar: Dornröschens 13 Patinnen; daneben: Henning Hacke richtet die Bühne ein. Wer genau hinsieht, erkennt an der rechten Seitenbühne den Koch und den armen Lehrjumgen, der 100 Jahre auf die Ohrfeige warten musste. König und Königin in der Badewanne zeige ich nicht. Mir fehlt die Altersschranke im Blog.
Fotos: W. Brauer (2025)
Aber Uwe Hacke hatte noch ein zweites Stück im Koffer: „Ein Märchen um Macht, Geltungsbedürfnis und den dünnen Faden, an dem das alles hängt“ – so das Programmheft. Franz Fühmann prägte vor vielen Jahren einmal die Formel von der „Weisheit der Märchen“. Je nach der Quantität des Medienkonsums werden sich Kinder wechselweise über dieses hier amüsieren wie Bolle oder gruseln. Hackes Stück, wiewohl P 4 ausgegeben, ist wohl doch eher für Erwachsene. Wir kennen es alle: „Morgen hol ich mir der Königin ihr Kind“, keift der bösartige Kobold, dessen Namen keiner kennt.
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Märchenhaftes brachte auch das „Papiertheater Kleine Auszeit“ – das sind Stefan und Susanne Schweig aus Buseck bei Gießen. An ihren sehr präzise gespielten Arbeiten gefällt mir eine Erzählhaltung, die auch den kleinsten Dingen große Bedeutung beimisst. Zudem arbeiten die Schweigs so gekonnt mit Farben und Licht, dass die engen Volumina ihrer Bühne sich gelegentlich zu ganzen Universen weiten. Als open-air-Aufführung gaben sie das afrikanische Märchen vom Zauberbaum, zu dem die Tiere aus Not fanden, der aber seine üppigen Fruchtgaben nur durch ein Zauberwort gewährt. Das muss man dem Löwen aus dem Kreuz leiern. Die großen Angeber der Savanne wie Elefant, Gazelle und Affe scheitern allesamt – nur die kleine Schildkröte, der niemand etwas Rechtes zutraut, die schafft es. Und Stefan und Susanne Schweig schaffen es, dass man selbst beim Zuschauen wieder wie ein Kind empfinden kann. Das ist ganz große Kunst in kleinstem Format!
An die Grenzen der dramaturgischen Möglichkeiten des Papiertheaters stießen sie beinahe mit einem Grimmschen Märchen, dem „Vom Fischer und seiner Frau“. Sechs Bühnenbilder! Ein immer stärker aufschäumendes Meer mitsamt einem immer bedrohlicher wirkenden Butt – und die wachsende Gier der Frau endet eben nicht in der erwarteten Katastrophe, sondern die beiden finden am Ende das rechte Maß ihres Lebens. Das Publikum folgte der altbekannten Geschichte gebannt. Sie wurde auf einmal sehr heutig.

Stefan Schweig erklärt die Bühnen- und Figurentechnik „Vom Fischer und seiner Frau“. Wie man sieht, sind die Papiertheaterkünstler begnadete Erfinder.
Foto: W. Brauer (20259
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Gleichsam aus der Reihe tanzte die Roland-Bühne Saalfeld. Das ist kein Papiertheater, sondern eine klassische Marionettenbühne. Die Roland-Bühne hat eine abenteuerliche Geschichte hinter sich. Roland Freyer gründete das Theater 1943, nachdem er die Puppen und das Equipment der Helebrandtschen Puppenbühne aus Jena erwerben konnte. Marionettenkenner werden sofort sehen, dass die sehr ausdrucksstarken Helebrandtschen Puppen böhmische Züge tragen. Gottfried Helebrandt stammte aus Böhmen. Nach 1945 konnte Freyer das Theater selbst nicht weiterleiten. Als ehemaliges NSDAP-Mitglied und Saalfelder KdF-Funktionär bekam er keine Lizenz. Er muss an einen linientreuen Genossen verkaufen, der wirft ihn nach einer gewissen Zeit raus und geht mit dem Theater in den Westen. Erst 2009 gelingt es dem Stadtmuseum Saalfeld, auf einer Auktion in Königswinter 40 historische Puppen und ein umfangreiches Dokumentenkonvolut zu erwerben und zurück nach Saalfeld zu schaffen. 2012 gründet sich dann der Verein Roland-Bühne Saalfeld e.V. unter dem Vorsitz von Anne Gallinat und haucht seitdem den gut 100 Jahre alten Puppen wieder Leben ein.

„Solch ein Gewimmel möcht ich sehn…“ Das Team der Roland-Bühne Saalfeld. Foto: W. Brauer (2025)
In Lehesten spielten die Saalfelder „Was kümmert Pechmarie der Schnee von gestern?“, eine Adaption des Märchens von der Frau Holle. Mit Bürgermeister, Saalfelder Nachtwächter und Marktweib. Letztere sprechen natürlich bestes Saalfeldsch. Die Spielerinnen und Spieler des Vereins – köstlich der Backofen! – führen ihre Puppen mit ungebremster Spielfreude, kleine Pannen werden in Kauf genommen und vom Publikum fröhlich goutiert. Nach dem happy end (außer natürlich für Pechmarie) bleibt eine Frage offen. Die nach der Verwendung des vielen Goldes, das plötzlich über Saalfeld kommt. Ich habe nachgefragt: „Ach, das haben wir noch gar nicht bemerkt, dass das offen bleibt. Wir hoffen sehr, dass uns der Stadtrat damit ein eigenes Theater bezahlt…“ Das wünsche ich der „Roland-Bühne“ und der Stadt Saalfeld auch!
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Der Freiburg-Breisgauer Musikwissenschaftler und Volkskundler Uwe Schlottermüller ist ein bewundernswertes Allround-Talent. Er arbeitet für das Freiburger Barockorchester – ein Ensemble, das ich sehr hoch schätze –, betreut diverse Musikensembles, pflegt historische Tanzpraxis, macht Gästeführungen und spielt Papiertheater („erstes freiburger papiertheater – die pappenspieler“). Und er hat sich in diesem Jahr einen historischen Stoff vorgenommen: Die Geschichte der Margarete Renner (um 1475-1535), die in die Geschichte als „Schwarze Hofmännin“ eingegangen ist. Sie ist die einzige namentlich bekannte Frau, die aktiv am Bauernkrieg teilnahm. Wahrscheinlich steckte sie mit hinter der „Weinsberger Bluttat“ vom 17. April 1525, in der die Bauern des Neckartal-Odenwälder Haufens den verhassten Grafen von Helfenstein durch die Spieße jagten – eine brutale, aber in den Landsknechtshaufen übliche Art der Bestrafung. Ihre Beziehung zu Jäcklein Rohrbach, einem der Anführer des Haufens ist umstritten. Jedenfalls machte Wilhelm Hugo Klink 1912 aus ihrer Geschichte ein Drama, das seinerzeit mit unterschiedlichem Erfolg aufgeführt wurde. Schlottermüller grub das Stück wieder aus und brachte es in eigener Bearbeitung für Papiertheater in Lehesten zur Aufführung. Ich gestehe, ich hatte meine Probleme damit. Da ist einerseits die pathosgeschwängerte Sprache Klinks, die heute irgendwie aus der Zeit gefallen wirkt. Andererseits denke ich, dass eine von so extremen Widersprüchen zerrissene Frau wie die Hofmännin schon von Hugo Klink nur oberflächlich erfasst wurde – mit den Mitteln des Papiertheaters halte ich ihre Problematik nicht für verhandelbar. Aber, wie gesagt, Schlottermüller hat den Text wieder aus der Versenkung geholt – und widerspricht damit der These auch von der Sache der Bauern positiv zugeneigten Historikern, Frauen hätten bei den Erhebungen der Bauern keine aktive Rolle gespielt. Dafür bin ich ihm dankbar.

„Die Schwarze Hofmännin“: Schlussszene.
Foto: W. Brauer (2025)
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Altbekanntes zu entstauben und aufzufrischen, ist eine lobenswerte Kunst. Kolja Liebscher aus Frammersbach praktiziert sie mit seiner „Schatten- & Puppenspielbühne“ seit langer Zeit. Nach Lehesten brachte er das Volksmärchen „Der dicke fette Pfannkuchen“ mit. Das gibt es in mehreren Variationen, aber immer entwischt der Pfannkuchen zunächst, schlägt allerlei fressgierigen Tieren auf seinem Weg in die Welt ein Schnippchen, um am Ende doch verzehrt zu werden. Nur nicht von denen, für die er einst in die Pfanne gelangte. Liebscher verändert die Ausgangssituation etwas – und natürlich das Ende. Und er weitet den Rahmen der Guckkastenbühne auf, indem er die Küche der Mutter neben der Schattenbühne aufbaut. Dort überlegt die Mutter nun, was sie den Kindern zum Mittagessen zubereitet. Aber wie gesagt: „Kantipper – Kantapper – und mit Geklapper!“ – und weg is er, der Pfannkuchen… Kurz vor dem 100. Jahrestag der „Abenteuer des Prinzen Achmed“ von Lotte Reiniger beweist Kolja Liebscher immer wieder mit einem schelmischen Lächeln die Lebensfähigkeit des Silhouettenspiels. Man taucht ein in das Spiel und wird wieder zum Kind…

Kolja Liebscher erklärt seine Bühne.
Foto: W. Brauer (2025)
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Zum Schluss noch etwas Literatur. Weltliteratur zunächst. Sabine und Armin Ruf („Papiertheater am Ring“ aus Wilhermsdorf / Fürth) nahmen sich die Geschichte des Ritters von der traurigen Gestalt vor: „Don Quijote – der tapfere Ritter“. Im „richtigen“ Theater habe ich einmal eine Spielfassung gesehen, in der beim Premierenschlussapplaus einer der Windmühlenflügel aus der Mancha den Stückeschreiber niederstreckte. Zu Recht. Die Rufs haben im Gegensatz dazu die Herausforderung Cervantes gemeistert. Auch für den Kampf mit den Windmühlenflügeln (die „Riesen“ im Roman) fanden sie eine ebenso verblüffende Lösung wie für den ritterlichen Zweikampf (das „Stechen“), das den verdrehten Quijote endlich wieder zur Vernunft bringt. Chapeau!

Don Quijote ist von seinen Ritterträumen (zunächst) geheilt. Schön zu sehen sind hier die bescheidenen Mittel, mit denen die Figuren geführt werden. Die Rufs haben aber ein paar Tricks eingebaut… Foto: W. Brauer (2025)
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Als „Alltagspoeten“ bezeichnete muensterland.de vor zwei Jahren Dieter Lohmann. Zusammen mit dem Illustrator Manfred Kronenberg und dem Musiker Armin Düpmeier bilden die Drei das „Papiertheater andersARTig“ aus dem münsterländischen Kreis Warendorf und fallen durch eine eigenwillige Stückwahl – Selbstgereimtes! – und eine Bühnenästhetik auf, die einerseits durchaus noch die traditionellen Formen des Papiertheaters zu wahren scheint, andererseits diese aufsprengt. Ihre Bühne ist eine offene Spielfläche, die vor einem beleuchteten rechteckigen Horizont liegt. Links daneben Lohmanns Vortragspult, rechts sitzt das Orchester in Gestalt von Düpmeier. Alles live. Gespielt wird offen.

Nach der Vorstellung: Dieter Lohmann (l.) und Manfred Kronenberg
im Gespräch mit dem Publikum.
Foto: W. Brauer (2025)
Verhandelt wird einer der wirklich alten ungelösten Kriminalfälle der Geschichte, also der Literaturgeschichte, eher der Kulturgeschichte – oder ach, was auch immer. Es geht um einen Skelettfund und merkwürdig verzuckerten Waldboden im Umfeld des Brandopfers – als solches erweist sich das in seltsamem Zustand befindliche Skelett. Eine alte Backofentür ist gleich daneben zu finden. Nun, dämmerts? Ein paar weiße Kieselsteine werden noch gefunden, auch der Knopf eines alten, wirklich sehr alten Kindermantels. Immer noch nicht klar? Im Laufe der Ermittlungen stoßen die Kriminalisten auf ein Geschwisterpaar, das angibt, in Kürze bald 220 Jahre alt zu sein. Aber jetzt müsste es doch „Klick!“ machen. Immerhin sind die privaten Ermittler – zur Verblüffung der Beamten von Scotland Yard, wie immer eigentlich… – in der Lage, „The c(old) case“ endlich aufzulösen und die Akten zu schließen. Eingesperrt wird niemand, es handele sich um einen geradezu klassischen Fall von Notwehr, ist man sich schnell einig. Das Brandopfer war Kannibalin. Jetzt müssten alle wissen, um was es geht… Ach so, wer ermittelte eigentlich? Eine gewisse „Miss Mable“ samt Partner, ein hochsensibler, französisch sprechender Privatdetektiv aus Belgien – und natürlich Mr. Holmes und Dr. Watson (auf denen keine Autorenrechte mehr liegen – die Bananenschale des Papiertheaters!). Hochvergnüglich, sauber gespielt – und man bekommt die Anregung, die alten Mären doch noch einmal wider den Strich zu lesen… Danke!

„The c(old) case“: die Detektive. Die Dame in der Mitte hat natürlich nicht mitgespielt, das ist bloß eine Schriftstellerin… Foto: W. Brauer (2025)
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Und natürlich besonderen Dank an Penny und Ludwig Peil für die drei geballten Tage Papiertheaterkunst und die vielen schönen damit verbundenen Begegnungen! Nach dem Spiel ist im Theater immer vor dem Spiel – 2026 geht das Lehestener Figurentheaterfestival in seine zehnte Runde. Toi, toi, toi…