von Wolfgang Brauer
Probewohnen heißt ein neuer Trend. Nöö, nicht in Berlin, Hamburg oder München. Da hält man auch an einer überteuerten, schimmelbefallenen Bruchbude fest, wenn man sie denn kriegt. Ich erfreue mich immer wieder an einem Text, den ein gewisser Eli Rubin verzapft hat und 2016 in Oxford veröffentlichte. Rubin ist Professor für Geschichte an der Western Michigan University. Gelegentlich tummelt er sich auch am Zentrum für zeithistorische Forschungen in Potsdam. Seine Studie aus dem Jahr 2016 heißt „Amnesiopolis: Modernity, Space and Memory in East Germany“. Ich denke, meine Leser sind des Englischen kundig genug, um das selbst übersetzen zu können. Die Bundeszentrale für politische Bildung machte daraus: „Amnesiopolis: Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin“. Klar, das geht gegen Marzahn und das Wohnungsbauprogramm der DDR – Lacky parodierte es vor Jahrzehnten: „Bis 1990 sagt die Partei / sind wir aller Wohnungssorgen frei…“ Hübsch ist die Begründung dieses Jahrhundertprojektes, die Professor Rubin herausforschte: „Die Zustände in den ostdeutschen Mietwohnungen und die Wohnungsnot erinnerten manche DDR-Bürger noch in den 1970er Jahren an die ‚kapitalistische Ära‘. Dem versuchte die DDR-Führung durch ein ambitioniertes Wohungsbauprogramm entgegenzuwirken.“

Blick auf Marzahn vom Ahrensfelder Berg (Zustand März 1998). Es ist inzwischen schöner geworden. Aber das ist in Gefahr: „Gentrifizierung“ und „Verdichtung“ sind seit langem am Werk… Foto: W. Brauer
Jetzt leben wir wieder in der „kapitalistischen Ära“ – und die „BRD-Führung“ (um in Rubins Sprache zu bleiben) versucht es noch nicht einmal. Ganz konkret: Um die Wohnungsnot in Berlin aufzuheben, müssten derzeit die Großsiedlungen (der „Plattenbau“) Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen komplett noch einmal gebaut werden – und es würde immer noch nicht ausreichen. Die kleineren Städte, vor allem im Osten, sterben dagegen einen stillen Tod. Findige Stadtregierungen versuchen nun, mit dem Angebot des „Probewohnens“ dagegen zu halten: für eine gewisse Zeit stellt man jungen Paaren, gern auch mit Kind… , eingerichtete Gästewohnungen zur Verfügung. Vielleicht, so das Kalkül, beißen sie an und bleiben doch für längere Zeit in der Oberlausitz, Eisenhüttenstadt oder dem Erzgebirge… In Zeiten der Digitalisierung ist der Wohnort doch egal, oder? Die meisten hauen aber wieder ab.
Ich halte das für eine nachahmenswerte Idee, auch für andere „Politikfelder“. Im Gesundheits- und Sozialbereich zum Beispiel. Man könnte das „Probeleben“ nennen. In Zeiten der Digitalisierung übernimmt notfalls die KI.
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Richtig beruhigend ist in diesem Zusammenhang, dass wenigstens die Wohnungsnot in anderen Ländern nachdrücklich angegangen wird – und unsere Medien das auch hinreichend würdigen! Prinz William und Prinzessin Kate dürfen endlich das entschieden zu enge Adelaide Cottage in Windsor verlassen und beziehen jetzt die dortige Forest Lodge. Das Paar hat drei Kinder, die Lodge acht Schlafzimmer. Für wen sind die restlichen drei? Möglicherweise lädt Kate bedürftige Familien der Umgebung zum Probewohnen ein. Die Regenbogenpresse berichtet immer wieder über Aufwallungen ihres sozialen Herzens. Ob unsere First Lady im neuen „Bellevue“ das auch machen wird?
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Kürzlich schrieb ich voller Begeisterung über eine barocke Klosterbibliothek. Zumindest vom Alter ihrer Bestände her kann sich die Berliner Zentral- und Landesbibliothek (zlb) – schicker Name, oder? – beinahe damit vergleichen. Von den baulichen Gegebenheiten mitnichten. Das bedeutendste Berlin von allen ist seit nunmehr 35 Jahren einfach nicht in der Lage, seinen Bücherschätzen zum Nutzen des lese- und lernwilligen Publikums – noch gibt’s so etwas… – eine würdige bauliche Hülle zu schenken. Jetzt naht eine Lösung. Dank der Pleite von Galeria Karstadt Kaufhof könnte … Die Berliner Zeitung berichtete jedenfalls von einem „Rettungsplan“, an dem der Senat hinter den Kulissen arbeite. Und sogar ein Treffen sei schon vereinbart! Ein „Geheimtreffen“ titelte das Blatt. Das ist ja fast wie Putin und Trump in Anchorage…
Allerdings soll nicht die Bibliothek gerettet werden, sondern das ehemalige Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz. Weil das jetzige „Galeria-Kaufhaus“ das komplette Gebäude nicht profitträchtig (genug… – WB) nutzen könne, könnte man ja der Bibliothek einige Etagen zur Verfügung stellen, sagen die Eigentümer. Der Senat legte schon mal das Finanzierungsproblem auf den geheimen Tisch … Damit dürfte sich die Sache erledigt haben. Und ganz ehrlich. Man muss schon Prioritäten setzen! Olympia 2046 zum Beispiel…
Immer häufiger erröte ich leicht, wenn ich in fremden Gegenden sage, aus welcher Stadt ich stamme.

Alexanderplatz Juni 2010. Foto: W. Brauer
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Aber sonst geht es in Berlin mit Riesenschritten voran. Nach nur zwölf Jahren Bauzeit für 3,2 km ist am 27. August der 16. Bauabschnitt der A 100 eröffnet werden. Das ist ein riesiger Fortschritt. Die Autofahrer stehen nicht mehr in Neukölln im Stau, sondern in Treptow. Erstmals seit dem ausgehenden Mittelalter erweist sich die Spree tatsächlich als wirksame Barriere. Und die Betonköpfe wollen unbedingt weiterbauen: einen 17. Bauabschnitt bis zur Frankfurter Allee und dann weiter zur Storkower Straße. Dass da seit Jahrzehnten dicht bebaute Wohngebiete stehen, interessiert weder Senat noch Bundesregierung und erst recht nicht die Baufirmen – ich sage keine Namen, ich kann die Anwälte nicht bezahlen – wirklich. Sie wollen die Innenstadt entlasten und den Westen besser mit dem Osten verbinden, sagen sie. Stadtpläne können die Herrschaften also auch nicht lesen… Übrigens wird man leicht sehen, dass der irgendwann in der Mitte des 21. Jahrhunderts fertig werdende A 100-Stummel an der Storkower Straße dringend den Weiterbau erfordert. Zur Entlastung der Wohngebiete…
Aber es gibt Hoffnung. Man kann in die Oberlausitz, nach Eisenhüttenstadt oder ins Erzgebirge ziehen. Vielleicht macht man da aus dem befristeten Probewohnen was Dauerhaftes?

Es ist Vormittag 9.36 Uhr. Die Bremslichter leuchten auf. Gleich stehen sie im Stau. Alle. Schönes neues Berlin. Foto: W. Brauer (2015)
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Das Beste wie immer am Schluss: Am 26. August veröffentlichte die Körber-Stiftung die Ergebnisse einer Umfrage, laut derer sich die Hälfte der befragten „Elternteile“ – also waren sich die Elternpaare auch nicht immer einig… – sorgenvoll über den Umgang ihrer Kinder mit Medien äußert. Das macht Erstaunen. Medienkonsum – gemeint sind offensichtlich die digitalen Medien inkl. TV; Zeitungen und Zeitschriften wohl eher nicht… – bedarf technischer Voraussetzungen. Irgend jemand muss den Kids doch die Geräte in die Hand gedrückt haben…
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Ich durfte neulich ein Familienidyll erleben, in dem die Kinder vor einem großen Flachbildschirm saßen und irgendwelche „Kinderprogramme“ guckten – also bunte Figuren, die sich aufeinander zu bewegten, immer wieder mal explosionsartig kaputt gingen und Dinos Jeep fuhren. Keine Tele-Tubbies, die sind intellektuell vergleichsweise anspruchsvoll. Dazwischen Werbung für dänische Spielzeugbausteine. Der Fernseher war stumm geschaltet, die Geräusche gingen den Eltern auf die Nerven. Allerdings war die Sendung untertitelt. Die Kinder konnten noch nicht lesen. Haben Sie eigentlich schon einmal einen dicken dreijährigen Knaben mit Nuckel im Mund im Kinderwagen lümmelnd gesehen? Sie können sicher sein, das Kind wird ein Kinder-iPhone in der Hand halten. Mindestens ein Videospielgerät. In der Berliner S-Bahn ist das Alltag. Wie heißt es so schön in der deutschesten aller deutschen Balladen: „Die ich rief, die Geister / Werd‘ ich nun nicht los…“
(30. August 2025)