von Jörn Schütrumpf
Vielen Dank an Stephan Wohanka für „Russlands strategische Lage“. Dem Artikel lassen sich noch einige Details, zumeist aus russischen Quellen, hinzufügen:
Seit 2022 kritisiert Leonid Iwashow, ein pensionierter russischer Generaloberst, die sogenannte „Militärische Spezialoperation“. Iwashow ist dem eher traditionellen imperialistischen Flügel der russischen Militärs zuzuordnen. Seine Kritik rührt also nicht aus pazifistischer Gesinnung, sondern setzt an der – seiner Meinung – völlig falschen Einschätzung des russischen Militärs gegenüber der Ukraine und der NATO an.
Seine Kritik im Einzelnen:
• „Wir haben keinen Erfolg auf operativ-taktischer Ebene, und auf strategischer Ebene sind wir in alle Richtungen geschlagen.“ Viele Industriebereiche seien geschwächt. Ein wilder Preisanstieg sei zu beobachten. Die Qualität der Produkte werde schlechter, Palmöl werde überall eingesetzt, Lebensmittel in Russland würden giftig.
• „Die Wissenschaft ist in einem kritischen Zustand, und die Bildung ist einfach ruiniert.“
• Das Justizsystem sei korrupt. Alle Richter werden vom Präsidenten ernannt …
• Die medizinische Versorgung werde zerstört. Alle Regionen senkten die Gesundheitsausgaben.
• Die einzige Sphäre, in der Russland führend sei, ist die Demographie: Die Bevölkerungszahl gehe drastisch zurück.
Und weiter Iwashow:
• „Unsere Führung prahlt damit, dass niemand Waffen hat wie wir. Es wäre korrekter zu sagen, dass nirgendwo im militärischen Bereich jemand so viel klaut wie wir.“
• „Die Tatsache, dass wir uns isoliert befinden und die ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates zur Unterstützung der Ukraine Erklärungen abgeben, ist eine riesige Niederlage.“
• „An Verbündeten haben wir nur noch Nordkorea und Belarus; aber sie werden uns nicht helfen, sie können nur unsere Gelder absaugen …“
Iwashow, der viele Jahre mit Chinesen zusammengearbeitet hat: „China ist kein Verbündeter von uns.“ 2022 hatte sich Iwashov gegen den Beginn der Kämpfe in der Ukraine ausgesprochen und Putin aufgefordert, keinen katastrophalen Schritt zu unternehmen: „Dieser Krieg wird die Existenz Russlands selbst bedrohen.“ Bis jetzt gilt Iwashow als „unberührbar“.
*
Viele schauen wie gebannt auf Hyperschall-Raketen und auf Drohnenschwärme. Aber der Krieg wird gerade ganz woanders entschieden: auf einer verschneiten Schiene in Sibirien. Russland erlebt eine „logistische Thrombose“. Das Herz der Armee schlägt immer langsamer.
Warum? Nicht wegen einer Atombombe. Sondern wegen eines Metallteils, das in eine Handfläche passt. Russland führt keinen Landkrieg, es führt einen Schienenkrieg: ohne Züge keine Panzer, keine Munition, kein Sprit an der Front. Das Problem: Die modernen russischen Waggons benötigen spezielle Kassetten-Kegelrollenlager. Früher kamen die von AB SKF, einem schwedischen Hersteller von Wälzlagern, Dichtungen und Bauteilen zur Schmierung von Bauteilen mit Sitz in Göteborg, und von der „Timken Company“, einem Hersteller von Wälzlagern mit Sitz in North Canton im US-Bundesstaat Ohio. Doch beide liefern nicht mehr.
Die Russen dachten: Kein Problem, wir kopieren diese Teile in China, retten uns also ins Reverse Engineering. Beim Reverse Engineering wird ein fertiges Produkt zerlegt und analysiert, um zu ermitteln, wie es funktioniert; dann wird das Produkt nachgebaut. Doch die Sache scheiterte. Ein westliches Lager hält 800.000 Kilometer. Die chinesische Kopie zerbröselt nach 80.000 Kilometern. Das Metall splittert („Spalling“). Das Rad blockiert, der Zug steht.
Die Folge ist ein Infarkt in der Taiga. Ein Munitionszug mit Granaten aus Nordkorea bleibt bei minus 30 Grad in Sibirien liegen und blockiert, da das russische Netz oft einspurig ist, also keine Ausweichgleise bietet, die nachfolgenden Züge. Das ist die „Thrombose“. Die Ader ist verstopft, Millionen Granaten stecken fest, 5.000 Kilometer von der Front entfernt. Und die Kommandeure im Donbas schreien nach Munition, die physisch existiert, aber logistisch tot ist.
Wer soll das reparieren? Die jungen Ingenieure sind weg. Sie arbeiten bei „Uralvagonzavod“ im Panzerbau, weil da das dreifache Gehalt gezahlt wird. Oder sie liegen im Schützengraben. Also holte die Staatsbahn (RZD) die Rentner zurück. Das Problem: Die neuen Loks (Serie 2TE25KM) sind Computer auf Rädern: Touchscreens, Software, nichts für Rentner. Das Ergebnis: Bedienfehler, noch mehr Ausfälle, Chaos.
Und dann sind da noch die Partisanen. Um einen Zug zu stoppen, benötigt man keine „Javelin“, eine Flugabwehrrakete aus britischer Produktion. Ein Brecheisen und 5 Euro für Benzin genügen. Ukrainische Dienste und russische Partisanen fackeln die grauen Relais-Schränke an den Gleisen ab. Das sind die „Gehirne“ der Weichensteuerung. Brennt der Schrank, schaltet das System auf „Fail-Safe“. Das ist ein Konstruktionsprinzip, bei dem ein System bei einem Defekt in einen sicheren Zustand übergeht, um Schäden für Menschen, Umwelt oder Sachwerte zu verhindern. Alle Züge müssen stoppen oder dürfen nur noch mit 10 km/h auf Sicht fahren.
Associated Press News hat 145 solcher Anschläge ermittelt. Das bremst den Nachschub um 80%. Billiger kann man einen Krieg nicht führen. Putin hatte anderes vor. Er wollte eine „Eurasische Brücke“ bilden. Jetzt macht China einen Bogen um Russland, weil dort nichts mehr pünktlich ankommt. Der Riese stolpert über seine eigenen Füße.
Die RZD, das größte Verkehrsunternehmen in Russland, macht Milliardenverluste, erhöht die Preise und treibt die Inflation an. Russland ist ein Opfer seiner eigenen Geografie geworden. Die lange gepriesene „strategische Tiefe“ wird zum Fluch, weil man sie ohne westliche Hilfe nicht mehr überbrücken kann. Transportzahlen gehen zurück, die RZD kann Kredite nicht mehr bedienen. Aber auch andere Firmen: die Bauindustrie, Stahlwerke, Mienen, können die 21 Prozent für Kredite auch nicht mehr bezahlen. Alles ist rückläufig. So bekommt die Bahn noch weniger Aufträge, und die Spirale dreht sich nach unten. Die Frage ist nicht mehr, ob die Katstrophe kommt, sondern nur noch wann.
Dieser Krieg wird nicht mit einem Knall enden. Er endet mit einem quietschenden Rad in Sibirien.
*
Wladimir Putin dachte, er spielt „Risiko“, ein vom französischen Filmregisseur Albert Lamorisse erfundenes Brettspiel, das kriegerische Konflikte zwischen Ländern auf abstraktem Niveau simuliert. Putin schiebt Panzer und droht mit Bomben; gut ist es. Aber der Norden Europas spielt ein anderes Spiel: „Monopoly“ – und Russland ist gerade auf dem Feld „Gehe in das Gefängnis“ gelandet.
Wir schreiben den Januar 2026. Und in der Ostsee passiert Historisches. In nur 13 Tagen haben Finnland, Schweden und Estland die russische „Freiheit der Meere“ beendet. St. Petersburg, das stolze „Fenster zum Westen“, ist zugenagelt. Und das Verrückteste: Russland kann dagegen nichts tun, ohne sich lächerlich zu machen. Denn der Gegner ist keine Armee, sondern der TÜV.
Am 20. Dezember 2025 hat Schweden das russische Schiff „Adler“ einkassiert. Gab es ein Gefecht? Nein. Die Begründung war bürokratisch: „Fehlende Versicherung und technische Mängel.“ Die „Adler“ gehört zur russischen „Schattenflotte“, ein alter Rostkübel ohne wirkliche Versicherung. Schweden sagt: „Das ist eine Gefahr für die Umwelt. Beschlagnahmt.“ Das ist die ultimative Demütigung. Die russische Marine kann ihre eigenen Handelsschiffe nicht mehr schützen, weil sie den Umweltstandards nicht entsprechen.
Zehn Tage später, am 30. Dezember: Die finnische Küstenwache stoppt den Frachter „Fitburg“. Der Vorwurf: Der Kapitän habe den Anker nicht eingeholt und ihn kilometerweit über den Meeresboden geschleift. Zufällig genau da, wo die Unterseekabel liegen. Aber statt einen Krieg zu beginnen, beschlagnahmten die Finnen das Schiff wegen „Verstoß gegen maritime Sicherheitsregeln“.
Das ist Lawfare, die Nutzung von Rechtssystemen und -institutionen. Man bestraft den Feind mit dem Strafzettel, nicht mit der Rakete. Siehe Al Capone, der nicht an seinen Morden, sondern an der Steuerhinterziehung scheiterte. Weil die Justiz ihn nicht belangen konnte, hatte sie die Finanzbehörden eingeschaltet. Al Capones Einkünfte aus dem illegalen Alkoholhandel (Bootlegging) reichten 1931 zu einer Verurteilung von elf Jahren Haft und beendeten seine Karriere, bevor er an den Folgen der Syphilis starb.
Warum tut das Putin weh? Weil durch dieses Nadelöhr 60 Prozent seiner Öl-Exporte müssen.
Die NATO-Staaten fordern jetzt für jedes Schiff eine „P&I-Versicherung“ – aus London oder New York. Die hat die Schattenflotte aber nicht. Ohne Versicherung keine Durchfahrt.
Das Ergebnis: Russland verliert jeden Tag 100 bis 120 Millionen Dollar. Das sind drei Milliarden im Monat, Geld, das Putin für seine Söldner und Raketen benötigt. Ihm wird der Geldhahn zugedreht, indem auf die Einhaltung von Vorschriften gepocht wird.
St. Petersburg war 300 Jahre lang Russlands Tor zur Welt. Heute ist es eine Sackgasse. Die Ostsee ist eine NATO-See. Und Kaliningrad? Die Exklave ist jetzt doppelt isoliert. Über Land keine Züge mehr und jetzt auch über See, weil die NATO jedes Schiff kontrolliert. Auch Chinas Traum von der „Polaren Seidenstraße“ ist geplatzt. Peking schickt keine Waren durch ein Gewässer, in dem russische Schiffe an die Kette gelegt werden. Der TÜV schlägt den Panzer.
Wir lernen gerade eine neue Lektion: Man muss nicht immer eskalieren. Russland wird von Bürokraten besiegt. Von Hafenmeistern, die sagen: „Sorry, Wladimir. Dein Schiff tropft Öl. Hier kommst du nicht rein.“
Russland wird zum Pariastaat, der nicht einmal mehr seine Schiffe versichern kann.
*
Zuvor werden allerdings noch Reserven verscherbelt: Allein vom 16. Januar bis zum 5. Februar 2026 will das russische Finanzministerium chinesische Yuan und Gold im Wert von 192,1 Milliarden Rubel, gleich 2,1 Milliarden Euro, verkaufen – 12,8 Milliarden Rubel pro Tag; ein Rekordwert in der Geschichte Russlands. Der rapide Rückgang von Öl- und Gaseinnahmen und, soweit Öl und Gas überhaupt noch abgesetzt werden können: der steigende Abschlag auf russisches Öl und Gas zwingen dazu. Ist doch der durchschnittliche Preis für Urals-Öl, Russland wichtigste Rohölsorte, im Dezember auf 39 US-Dollar pro Barrel gefallen. Der Haushalt für 2026 wurde noch auf der Grundlage von 59 US-Dollar geplant. Und noch eine Überraschung: China hat aufgehört, aus Russland Strom zu kaufen; dieser ist teurer geworden als chinesischer Strom.
Steigt also Russland nicht bald aus diesem Krieg aus, nähert es sich dem Punkt, an dem es heißen wird: Rien ne va plus. Nichts geht mehr.
Ich sortiere das mal unter Good News ein. Danke lieber Jörn und schöne Grüße von der Ostseeküste!
Sind das wirklich „Good News“? Ich bin mir da nicht so absolut sicher.
Und falls das alles tatsächlich stimmt – wozu brauchen wir dann noch diese immense Aufrüstung?
Das Transportwesen war schon während des 1. Weltkrieges eine große Schwachstelle der russischen Wirtschaft. Etwa ab 1916 reichten die Kapazitäten nicht mehr, die Getreidezuschußgebiete im Norden ausreichend mit den Überschüssen des Südens zu versorgen. Es war auch kein Zufall, daß die nachrevolutionäre Subbotnik-Bewegung ihren Anfang in diesem Bereich nahm, in einem Lokomotivdepot. Man sollte sich aber keine Illusionen machen: Im Kampf gegen den Faschismus, dessen Zentren neuerdings unter anderem in Kiew und Berlin liegen, nimmt das russische Volk viele Entbehrungen auf sich. Es hat, wie ich neulich las, gerade diese Lügen der Kreml-Propaganda weitgehend akzeptiert.
Jörn Schütrumpf fügt der „Lage Russlands“ nicht nur „einige Details“ zu, wie er schreibt, sondern einen eigenen, mit Einzelheiten gespickten Text. Und die haben es in sich.
Er schreibt bildhaft, Putin dachte, er spiele „Risiko“ und sei dabei „im Gefängnis“ gelandet sei. Ich denke, jetzt spielt er Vabanque. Die Art und Weise, wie Russland diesen Krieg gegenwärtig führt, bewirkt, dass ein rationales militärisches Kosten-Nutzen-Kalkül – so zynisch das klingt – seine steuernde Wirkung verloren hat. Dieser Krieg wurde jedoch nicht über Nacht politisch, ökonomisch und demografisch irrational, sondern allmählich, schleichend. Insofern ist Schütrumpfs Metapher: „Er endet mit einem quietschenden Rad in Sibirien“ brillant.
Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.
Mittelalterliches Sprichwort