von Wolfgang Brauer
Foto: W. Brauer/2021
Ein sonniger Morgen. Gute-Laune-Wetter. Selbst die Ampelschaltung an der Straßenkreuzung neben der Haltestelle gebärdet sich wider Erwarten fußgängerfreundlich. Die Straßenbahn ist pünktlich. Keine mürrischen Leute. Ach, wie schön ist Berlin!
Zum S-Bahnhof ohne Probleme. Ich werde am Ostkreuz noch Zeit haben für Kaffee und Zeitung. Morgen soll der deutsche Weltuntergang eingeleitet werden. Man muss vorbereitet sein.
Instinktiv hält man beim Aussteigen an der einzigen Stelle kurz inne, von der die komplette S-Bahnstrecke samt Bahnsteig von der Straßenbrücke aus überschaubar ist. Hier entscheidet sich das Tempo, mit dem man die Treppen hinunterfegt oder eben schreitet…
Verwunderung: Im Bahnhof steht nur ein Kurzzug. Aber es ist zu erkennen, dass die Anzeigetafeln Zielstation und Linie ausweisen. Die Bahn fährt also. Das Hirn schaltet auf Herunterfegen um.
Auf dem Bahnsteig stellt sich heraus, dass alle Züge nur bis Friedrichsfelde-Ost – kennen Sie das? – verkehren und von dort zum Ostkreuz ein Schienenersatzverkehr fährt. Wegen Reparaturarbeiten am Stellwerk Biesdorfer Kreuz, teilt die Laufschrift mit. Erfahrene Bahnnutzer im Osten der Stadt erregt das schon lange nicht mehr. Seit das Stellwerk vor einigen Jahren auf Digital umgestellt wurde, ist das Ding ständig kaputt. Also kein Problem.
Nebenbei: Dieser Tage teilte die Bahn mit, dass bei den Sanierungsarbeiten an der Rhein-Ruhr-Schiene aus Materialmangel wieder Analoges eingebaut werden müsse. Die Boulevardpresse machte daraus Katastrophenmeldungen. Die Köln-Düsseldorfer sollte diese Mitteilung beruhigen…
In zwei Minuten geht der Zug, sagt die Anzeigetafel. Nein, in drei Minuten. Der Bahnsteig ist voll, die Türen der Bahn sind geöffnet. Aber keiner steigt ein. Ist das nun real oder doch nur Psycho? Wir haben Kafka-Jahr. Vielleicht hab ich doch zuviel vom Prager Angsthasen gelesen… Nach kurzem Knacken aus den Lautsprechern die Ansage: „Wegen Bauarbeiten ist der Zugverkehr unregelmäßig. Der nächste Zug fährt voraussichtlich zehn Minuten später.“ Im selben Augenblick springt die Anzeige auf zwei Minuten um. Die Zugtüren sind noch immer offen, aber keiner steigt ein. Die Leute stehen merkwürdig still, fast starr. Kein Fluchen – wir sind in Berlin! –, keine Gespräche. Der Gedanke an Franz Kafka war ein Fehler…
Jetzt wird die Zeit knapp. Ich flüchte zurück zur Straßenbahn. „Springpfuhl“ kommt von „springen“. Tatsächlich erreiche ich eine Bahn, die zur nächsten Umsteigekreuzung fährt. Beim Aussteigen wird in der Ferne die Tram Richtung Schienenersatzverkehr sichtbar. Die Kreuzung ist sehr breit. Die Ampeln wie immer Rot. Zweites Sprungtraining des Morgens.
Der Schienenersatzverkehr funktioniert. Wo nehmen die bloß die vielen Busse her? Der Fahrer freundlich. Er öffnet sogar noch einer heranhastenden Frau die schon geschlossenen Türen. Der muss aus Brandenburg sein. Dort entscheidet sich morgen das Schicksal Deutschlands. Auf jeden Fall ein Ausländer.
Jedenfalls, der Bus rollt. Ein Blick auf die Uhr sagt, ich werde noch fünf Minuten haben, um von der Haltestelle am Ostkreuz zum Zug zu kommen. Aber ohne Kaffee und Zeitung.
Verwunderung: Auf der Anzeigetafel auf dem Bahnsteig sind weder ein Zug nach Magdeburg noch einer nach Dessau verzeichnet. In eine dieser Städte muss ich, um wieder umsteigen zu können. Nostalgiegedanken: Einst fuhr von Schöneweide dreimal am Tag ein Eilzug in meine Heimatstadt. Pünktlich. Immer. Aber da gab es noch Dampflokomotiven und keine digitalisierten Stellwerke, und die Fahrpläne waren ohne Fremdsprachenkenntnisse verstehbar.
Neben dem digitalen Aushang hängt noch ein auf Papier gedruckter Fahrplan. Der weist für diesen Morgen alle meine möglichen Züge aus. Ich stehe sogar auf dem richtigen Bahnsteig. Aber am Kasten ist ein Hinweis angebracht: baustellenbedingte Fahrplanänderungen seien auf der Rückseite ausgehängt. Mit bröckelnder Hoffnung studiere ich die gefühlt 25 DIN-A4-Blätter. Alle mir passenden Züge enden über mehre Tage in der Pampa. Auf jeden Fall hinter Potsdam. Dort entscheidet sich morgen das Schicksal Deutschlands. Da, wo es Wölfe und gelegentlich Pilze gibt. Aber keine Anschlusszüge nach Dessau oder Magdeburg. Jedenfalls nicht nach den Fahrplanaushängen in Ostkreuz.
Kurz vor der bedingungslosen Kapitulation – wir sind bei der DB AG, also bitteschön: „before unconditional surrender“ – der Griff zum Mobil-Telefon. Mr. Google sagt mir, wenn ich jetzt in die S-Bahn stiege, könnte ich am Ostbahnhof einen Zug erwischen, der in neun Minuten nach Magdeburg führe… Für Nicht-Ortskundige: Der Ostbahnhof ist die zweite Station nach Ostkreuz. Vielleicht… Die junge Frau mit den beiden großen Taschen auf der Rolltreppe hatte Verständnis – Entschuldigung und Danke! Viertes Sprungtraining an diesem Morgen. Immerhin kam eine Bahn aus Richtung Köpenick. Köpenick hat andere Probleme und ein anderes Stellwerk.
Mr. Google hatte mir auch mitgeteilt, mein Zug würde am Gleis 6 stehen. Da stand sogar etwas. Ein ICE nach irgendwo. Und ein Lautsprecher: „Der RE 1 nach Magdeburg fährt heute vom Gleis 1. Wir bitten um Verständnis.“ Noch zwei Minuten … also das fünfte Sprungtraining an diesem Morgen. Punktlandung.
Jetzt steht der Zug kurz vor Werder in einer wunderschönen Landschaft. Gibt es hier eigentlich Wölfe? Hier entscheidet sich morgen das Schicksal Deutschlands.
Meinen Kaffee jedenfalls werde ich in Magdeburg genießen können – und eine sehr dicke Wochenendzeitung dazu. Samt Kreuzworträtsel und Schachaufgabe. Irgendwann muss ein Anschlusszug fahren. Notfalls nach Goslar. Da will ich zwar nicht hin, aber von Goslar fährt möglicherweise etwas Richtung Halle/Saale.
Vielleicht komme ich noch an, ehe Deutschlands Schicksalswürfel rollen. Möglicherweise fährt dann hier gar nichts mehr durch.
Man muss entschleunigen, habe ich irgendwo gelesen. In Tuscien verordnen reformwillige Kommunen auf langen, geraden Landstraßen Tempo 30. Bei uns regelt das die Bahn.
(21. September 2024)
Wir wünschen dem geschätzten Reisenden, dass ihm der Alltag künftig nicht zu viele ungewollte Sprünge abverlangt, denn das würde nicht nur den Gelenken schaden. Auch dem Schicksal Deutschlands, das sich am 22. 09. nun doch nicht so richtig entschieden hat, wäre damit wenig gedient. Leute seiner Art werden noch eine Weile gebraucht …