Fund-Stücke im Berliner Bühnen-Betrieb

von Reinhard Wengierek

Eins: Gorki Theater. Carmen queer

Die Männer liegen ihr zu Füßen, sie tanzt ihnen auf der Nase: Carmen. Personifizierte Männerfantasie, Ikone weiblicher Selbstbestimmtheit, kühn nonkonformistisch, gefährlich freiheitlich, traumschön und sexy. Was für ein Weib! Das diesmal ein Mann verkörpert, ein Roma-Mann. Ladylike, königlich. Es ist der schwedische Schauspielstar Lindy Larsson. Ein baumlanger Kerl, von oben bis unten hauteng in Rosa mit rosa Haaren und wuchtigem Bariton. Auch traumschön und sexy. Sein/ihr unglücklich fanatischer Liebhaber, der brave Soldat José in knallgelber Uniform, ist die Schauspielerin Via Jikeli. Zierlich, schüchtern, drei Köpfe kleiner als Carmen; ein ergreifender, eindringlicher Mezzo. – Was für Gegensätze. Gräben. Aber auch (toxische!) Brücken. Eigentlich wie bei Georges Bizet, Henri Meilhac und Ludovic Halévy.

Regisseur Christian Weise hat das ikonografische Opernpaar Carmen-José in seiner queer-parodistischen, intelligent kurzgefassten Adaption des weltberühmten französischen Opernklassikers (1875) zwar antiklassisch besetzt, freilich ohne die dramatische Grundkonstellation aufzulösen.

Die Geschlechter der Darsteller, ihre Rollenbilder und Stimmfächer sind also verfremdend verschoben. Auch bei Nebenfiguren: Den rauen Kneipenwirt Lillias Pasta gibt Catherine Stoyan, Till Wonka stolziert als Torero dickbäuchig daher, Riah Knight, eine Romnia, trägt meterlange Blondzöpfe als gewiefte, leider hoffnungslos Verlobte Josés. Dennoch entwickelt sich erstaunlicherweise keine Chaosveranstaltung.

Vielmehr entsteht ein hochgradig unterhaltsames artifizielles Gesamtkunstwerk, das Tradiertes aus gegenwärtiger Sicht fein ironisch kommentiert. Gewisse Klischees werden gewitzt hinterfragt. Einerseits durch die subtile Darstellungskunst des Ensembles. Anderseits durch sarkastisch (per Video) auf die strahlend weiß ausgeschlagene Bühne hingeworfene Bemerkungen und Karikaturen im Graphik-Novel-Stil (die tolle Bühnenbildnerin Julia Oschatz). Dazu passend im Kontrast die farbenfrohen, der Commedia dell’Arte entsprungenen Kostüme von Lane Schäfer.Das Innige, Tragische und auch Komische dieser im Kern emanzipatorischen Geschichte liest man – großes Kunststück! – aufregend ernst. Und zeitgenössischer als in manch einer Regietheater-„Carmen“ an bedeutenden Opernhäusern.

Dass Carmen gelegentlich aus ihrer Rolle heraus an die Rampe tritt und auf Englisch diverse antirassistische und feministische Verlautbarungen vorträgt, verfasst von Lindy Larsson und Riah Knight, das hätte man lassen können. Zumal die Übersetzungen auf den beiden Monitoren in den Ecken unleserlich sind. Stört aber auch nicht diesen wundersamen Hybrid aus Comic, Camp, Burleske, Kammeroper nebst einer Prise Drag-Show – heutzutage eine modische Pflicht, die Larsson mit faszinierender Grandezza performt. Ohne im souverän Triumphierenden das Schmerzlich-Menschliche der Figur zu verraten. – Man darf lachen, muss schlucken, aber auch weinen.

Natürlich auch: weil die Partitur mit ihrer Überfülle hinreißender Hits sooo schön klingt. Gerade auch im grandiosen, Modernes nicht verleugnenden Arrangement von Jens Dohle (Chanson, Schlagerhaftes, Latino-Rhythmen). Mit Steffen Illner (Kontrabass, Cello), Devan Jovanovic und seinem betörenden Akkordeon sowie Jens Dohle an Klavier und Schlagzeug. Der ganze vitale Bizet auf ganz eigene Art.

Wieder am 8., 9. und 10. April sowie am 15. und 16. Mai 2025.

Zwei: Berliner Ensemble, Neues Haus. Liebe und Hiebe

Luisa, ein Teenager von 16 Jahren, wird im Streit von einem Mann geschlagen; es ist ihr Vater Liliom, doch das weiß sie nicht. Nachdem der weg ist, fragt sie Julie, ihre Mutter: „Kann es sein, dass jemand einen so heftig schlägt und es nicht weh tut?“ – Die antwortet „ja“, so sei das auch ihr geschehen. – Mit diesem erschütternd nüchternen Wortwechsel endet „Liliom“, Ferenc Molnárs Vorstadtlegende von anno 1909 in der Inszenierung Christina Tscharyiskis. Ein provokantes Finale, das heutzutage wirkt wie ein schwerer Schuss gegen Emanzipation und Feminismus.

Liliom (Jannik Mühlenweg), Karussellausrufer auf dem Rummel, pocht auf seinen Ruf als unverschämter Frauenverführer – sein freilich einziger „Erfolg“. Ansonsten ist der Schlaks ein armes Würstchen, von Frauen abhängig wie der reifen Ringelspielbesitzerin Muskát (Bettina Hoppe) oder dem blutjungen Dienstmädchen Julie, das er schwängert (Lili Epply), rücksichtslos ausnutzt und immer wieder hemmungslos misshandelt. Ein Frauenschläger aus Wut und aus Scham über sein prekäres Dasein. Dem gedenkt er abzuhelfen mit viel Geld. „Es kann doch sein, dass auch aus einem Unmensch ein Mensch wird“, sagt er seltsam weinerlich zu Julie. Und lässt sich vom aasig eisigen Kumpel Stutzer (Oliver Kraushaar) überreden zu einem Raubmord. Doch alles läuft schief, Liliom rammt sich das Messer selbst in den Leib. Julie in schmerzensreicher Trauer kriecht ihm zur Seite aufs Totenbett.

Der Kritiker Alfred Kerr urteilte einst über die bittersüße Rummelplatzballade, sie leuchte vor Kitsch und Genie. Die geniale Neuübersetzung von Terézia Mora aus dem Ungarischen tilgt alles Bittersüße (der Polgar-Übersetzung von 1912).

Dem entspricht die Regie, die mit atemberaubender Coolness eine bitterkalte Fallstudie der Besessenheit entrollt: Die fürs Liebesglück alles Unglück hinnehmende Frau; der für Aufstieg und Anerkennung alle Vernunft beiseiteschiebende Mann. Sie sind Getriebene mit unstillbarer Sehnsucht nach Daseinserfüllung, die unerfüllt bleiben muss. Zwei Vergeblichkeitsmenschen auf dem zunehmend gefährlicher sich drehenden Karussell ihres fatalen Lebens. Eine Tragödie – klar, karg, wahr in allen, auch feministischen Zeiten. Begleitet von Kyrre Kyams schmerzlichem Sound mit Schuberts depressivem „Leiermann“-Lied aus der „Winterreise“.

Mit einem Ensemble beklemmend minimalistischer Schauspielkunst; auch in den beiden komplementären Nebenrollen: Das ins herzige Eheleben trudelnde Aufsteigerpaar Marie (Joyce Sanhá) und Hugo (Adrian Grünewald).

Und wer weiß Antwort auf Luisas Frage nach Männergewalt, die Frauen nicht spüren? – Angst? Die Himmelsmacht Liebe?

Wieder am 22. und 23. April sowie am 15. und 16. Mai 2025.

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