Foto: W. Brauer
Man darf sich von der innenarchitektonischen Sonderbarkeit des Eingangs zum Sonderausstellungsbereich der Berliner Gemäldegalerie nicht abschrecken lassen: Nur tapfer durch!
Auch der Nichtfachkundige wird dann sofort feststellen, dass der merkwürdige Mensch, der uns mit entgegengestrecktem Handteller zu stoppen versucht, das genaue Gegenteil eines Nichteinladenden darstellt. Es ist „Der fröhliche Trinker“ aus dem Amsterdamer Rijksmuseum. Frans Hals malte ihn zwischen 1628 und 1630. Auf dem Bild selbst hält er das Weinglas, uns zuprostend, in der Linken. In der Entrée-Situation ist der linke Arm weggeschnitten. Sofort wirkt das anders. Der Blickwinkel macht’s…
Das Gemälde eröffnet den Rundgang durch eine – ich sag es schon mal vorab – atemberaubende Frans-Hals-Ausstellung, die das Museum bis zum 3. November 2024 zeigt. Frans Hals – zwischen 1582 und 1584 in Antwerpen geboren, er starb 1666 in Haarlem – gilt neben Rembrandt und Vermeer als einer der drei ganz Großen der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. In Flandern gehört noch Rubens in diese Liga. Aber anders als bei den Genannten dürfte Vielen kaum ein Hals-Bild aus dem visuellen Gedächtnis sofort abrufbar sein. Dem kann jetzt abgeholfen werden. Die Ausstellung zeigt rund ein Viertel des Gesamtwerks: 50 Arbeiten von Frans Hals zuzüglich den Bildern von 30 weiteren Künstlern, die in einer sehr unmittelbaren Beziehung zu Hals stehen. Bilder von Kollegen, Schülern oder auch Arbeiten, an denen Hals nachweisbar mitgewirkt hat.
Neben dem „Bildnis des Adriaen van Ostade“ (um 1646-1648) aus der Washingtoner National Gallery of Art hängt eben dessen „Dorffest mit tanzendem Bauernpaar“ (1660-1670) aus Berlin. Noch spannender wird es, wenn am Ende des Rundganges plötzlich Lovis Corinth und Max Liebermann auftauchen, die sich sehr bewusst beim eigenen Malen mit Hals auseinandergesetzt hatten. Ihn deshalb gleich zum „Vorreiter der Moderne“ zu erklären, wie es das Ausstellungsteam versucht, halte ich aber für kühn. Da wird die PR ein wenig übertrieben. Hals hat das nicht nötig.
Frans Hals: „Adriaen van Ostade“ und dessen „Bauerntanz“.
Foto: W. Brauer
Neben dem eigenen beachtlichen Berliner Bestand sind 60 Arbeiten aus anderen Museen und aus Privatsammlungen zu sehen. Es dürfte schwierig werden, so etwas noch einmal zusammenzustellen. Die großen Museen schicken solche Bilder nicht zuletzt aus konservatorischen Gründen nur noch ungern auf Reisen. Und hier bündelten die Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, die National Gallery London, das Rijksmuseum Amsterdam und das Haarlemer Frans Hals Museum ihre Kräfte. So war es möglich, Hals‘ Schaffen – übrigens auf wohltuend unaufdringliche Weise – zu kontextualisieren, ihn selbst in das Schaffensumfeld seiner Kollegen und Schüler zu stellen.
Das ist überhaupt nicht langweilig, man hat schon diverse Ausstellungen erlebt, in denen man einigermaßen erleichtert aufatmete, wenn man den Parcours hinter sich hatte. Hier ist das Gegenteil der Fall. Übrigens hängt am Ende des Rundgangs … eine Fälschung! Daneben eine Sitzbank, da lässt sich trefflich über manches nachdenken. Auch über Hängungen. Herbert Tucholski, Altmeister der Berliner Grafik, bemerkte einmal in einem seiner Feuilletons für Die Weltbühne, man könne einen Künstler auch zu Tode hängen. Die Hängung in Frans Hals. Meister des Augenblicks ist vorbildlich, sie ist großzügig und präsentiert die Werke, weniger das Ego der Gestalter. Die Präsentation des großformatigen (209 x 429 cm!) Gruppenbildes „Schützengilde des XI. Bezirkes uner dem Kommando von Hauptmann Reynier Real“ (1633-1637) aus dem Rijksmuseum ist ein Geniestreich. Bravo!
Bei einer klugen Hängung (und Ausleuchtung, wie oft kann man sich in Museen und Galerien über miserables Licht schwarz ärgern…) kann man auch Bekanntem durchaus Neues abgewinnen. Neben „Der fröhliche Trinker“ hängt in der ersten Abteilung der Schau das „Bildnis der Catharina Hooft mit ihrer Amme“ (1619/1620). Das Doppelportrait zeigt ein fröhlich dreinblickendes einjähriges Kind, das sich nur einen kleinen Augenblick von seiner Amme abzuwenden scheint. Es schäkert ein wenig mit uns, aber es ist klar, die von der Amme gereichte Birne wird im nächsten Moment wichtiger sein. Wie Hals diese kleine Szene auf dem von den standesbewussten Eltern offenbar verlangten repräsentativen Portrait unterbringt – das ist ganz große Kunst! Natürlich setzt er die kostbare Klöppelspitze, das teure Brokatkleidchen und den Goldschmuck des Kindes gehörig ins Bild. Aber das ist wohl auch für ihn eher Nebensache.
Überhaupt ignoriert er – das war für mich die schöne Erkenntnis dieser Schau –, in Fällen, wo die Portraitierten ihm persönlich nahe standen, schlichtweg die engen Grenzen der Konvention, der die Künstler seiner Zeit immer noch unterworfen waren. Ehepaare „von Stand“ zum Beispiel, die in der Regel in bedeutungsvoller Steifheit mit den Attributen ihrer Macht – die Herren – und des erworbenen oder mit in die Ehe gebrachten Vermögens – die Damen – dargestellt wurden. Der umfangreiche Katalog zeigt zum Beispiel Nicolaes Eliasz Pickenoys „Bildnis der Catharina Hooft (Ehefrau des Cornelis de Graeff)“ (1636) aus dem Bestand der Berliner Gemäldegalerie. Das ist das inzwischen 18 Jahre alt gewordene, mit dem Bürgermeister von Amsterdam verheiratete Mädchen des Kinder-Bildnisses mit der Amme. Mit Ausnahme des noch prunkvoller gewordenen Spitzenkragens der jungen Frau haben beide Darstellungen nichts gemeinsam.
Wie wohltuend hebt sich da das „Bildnis eines Ehepaares“ von 1622 ab! Wer das Glück hat, allein eine längere Zeit vor diesem in seinen Maßen vergleichsweise großen Gemälde (140 x 166,5 cm) aus dem Rijksmuseum stehen zu können, dürfte sich mit den beiden rasch in einem sehr vertraulichen Gespräch wiederfinden. Und sich den heiligen Zorn des wortgewaltigen Mennoniten Pieter Verdonck auf den Hals ziehen, den Frans Hals um 1626 gemalt hat. Verdonck schwingt auf seinem Bild einen gewaltigen Kieferknochen. „Verdonck ist dies, jener unverblümte Gefährte, / hat mit seinem Kiefer jedermann verletzt […] drum ward er ins Arbeitshaus gesetzt“, zitiert Christian Tico Seifert die Inschrift eines Kupferstiches von Jan van de Velde d. J. in einem Katalog-Beitrag. Dem 19. Jahrhundert war das peinlich, da wurde der Knochen mit einem Weinpokal übermalt.
Im Gespräch mit Abrahamsz Massa und Beatrix van der Laen…
Foto: W. Brauer
Dass die Konvention der Paar-Darstellungen anderes vorsah als das 1622er Paar-Bildnis, zeigen mehrere Doppelbildnisse in der Ausstellung, so die beiden Porträts eines unbekannten Ehepaares (um 1612): „Bildnis eines Mannes mit Totenschädel“ und „Bildnis einer stehenden Frau“. Ersteres gehört dem Barber Institute of Fine Arts der University of Birmingham, das Frauen-Bildnis befindet sich heute in der Devonshire Collection im Chatsworth House der Familie Cavendish. Die Ausstellung führte das Paar wieder zusammen. Schön… Allerdings ist bei genauerem Hinsehen immer wieder zu bemerken, dass Hals offenbar ein verteufelt guter Psychologe war. Wenn verlangt, malte er konventionell, aber nur auf den ersten Blick! Die großen Gruppenportraits, die er anfertigte – die Schützengilden zum Beispiel oder die sechs Personen umfassende Gruppe „Die Regenten des Altmännerhauses“ (um 1660) aus dem Haarlemer Frans Hals Museum – schrammen mitunter hart an der Grenze satirischer Überhöhung vorbei. Oder ist es einfach nur ein gnadenloser Realismus, dem sich die Dargestellten nicht erwehren konnten?
Wieder zusammengefunden: ein unbekanntes Ehepaar. Foto: W. Brauer
Von Verdoncks Eiferertum wäre auch unter Garantie nicht die „Junge Frau“ (1630) aus dem Louvre verschont geblieben, die inzwischen unter dem hübschen Beinamen „La Bohémienne“ bekannt wurde. Ich meine, es ist relativ nebensächlich, ob es sich nun um eine Prostituierte, eine „Kurtisane“, eine „Zigeunerin“ (wie sie in der Vergangenheit oft bezeichnet wurde), ein Schankmädchen – Frans Hals soll täglich in irgendwelchen Haarlemer Gaststuben verkehrt haben – oder einfach nur um ein lebenslustiges Bauernmädchen handelt. Entscheidend sind „die sprühende Lebendigkeit und erotische Anziehungskraft der jungen Frau, ihr brilliant eingefangener emotionaler Ausdruck“ (Dagmar Hirschfelder). Hier hätte ich die einzige Kritik an der Ausstellungshängung anzubringen: Das Bild hängt zwar de facto als der Solitär, der es ist, aber doch ein wenig abseits…
Überhaupt, die Portraits der „Eliten“ waren das tägliche Brot des Künstlers, nicht nur das von Frans Hals, manches malte er aber auch für den Markt. Das kursiert heute unter dem Begriff „Genrebilder“. Darunter sind einige seiner bekanntesten Werke: „Der Rommelpottspieler“ (um 1620), heute Fort Worth. Oder der oft abgebildete „Pekelharing“ (um 1625) aus dem Museum der bildenden Künste Leipzig. Die Forschung ist sich immer noch nicht sicher, ob der „Pickelhering“ die Darstellung eines Trinkers ist oder „nur“ das Portrait eines einen Trinker spielenden Schauspielers. Was tut das zur Sache!
Fakt ist jedenfalls, dass „Malle Babbe“ (um 1640-1646) – das Bild gehört der Gemäldegalerie – durchaus zur Kategorie der Genrebilder gehört, es sich aber dennoch um das Portrait einer historisch belegbaren Persönlichkeit handelt. Die als verrückt („malle“) geltende Barbara Claes wurde 1646 „wegen unsittlichen Verhaltens“ in das Haarlemer Arbeitshaus eingewiesen. Hals malt eine ältere, auf eine unbefangene Art fröhliche Frau. Das Bild ist in dunklen Ockertönen gehalten und teils mit groben, fast flüchtig erscheinenden Strichen gemalt. Auf Babbes Trunksucht verweisen der Bierkrug in ihrer Rechten und die Eule auf ihrer Schulter. „Zoo beschonken als een uil“, zitiert Katja Kleinert in ihrem Katalogaufsatz ein damals gern gebrauchtes geflügeltes Wort.
Das Bild war offenbar schon zu Lebzeiten Hals‘ sehr beliebt. Jan Steen hängt es neben den „Pekelharing“ im Hintergrund seines pädagogisch angehauchten Gemäldes „Wie die Alten sungen, so pfeifen auch die Jungen“ (um 1665-1670) an eine Wirtshauswand. Wie die Jungen pfeifen, soll hier nicht verraten werden. Schließlich möchte ich zum Besuch der Galerie verführen… Steens Bild gehört zum Bestand der Berliner Gemäldegalerie. Ich empfehle, das Kinderpaar ganz rechts im Bild etwas genauer anzusehen…
Die „Malle Babbe“ geriet übrigens auch auf die Staffelei des Meisterfälschers Han van Meegeren (1889-1947). Ich finde es richtig, dass die Kuratoren der Ausstellung den Entschluss fassten, auch Van Meegeren zu zeigen. Dieser Exkurs in die Kriminalgeschichte ist für ein Bildermuseum nicht unbedingt üblich, gehört aber in die Rezeptionsgeschichte großer Kunst.
Es ist schon merkwürdig, wie man angesichts der Bilder dieses Barock-Künstlers beinahe selbst zum barocken Erzählen verführt wird – ich lass das jetzt mal sein. Ich empfehle hinzugehen und sich möglichst unvoreingenommen dieser Bilderflut auszusetzen. Die Überraschung setzt von ganz alleine ein …
Und ein nicht ganz nebensächliches Motiv kann ich abschließend auch noch nennen: Vor der Alten Nationalgalerie steht man sich derzeit die Beine in den Bauch. Noch ist das vor den Kassen der Gemäldegalerie nicht der Fall. Man sollte das ausnutzen, ehe sich rumspricht, was da einem entgeht, wenn man nicht hingeht …
Frans Hals. Meister des Augenblicks, Gemäldegalerie – Staatliche Museeen zu Berlin, Kulturforum am Matthäikirchplatz, 10785 Berlin; bis zum 3. November 2024. Der großartige Katalog (erschienen bei Hatje Cantz) wurde betreut von Dagmar Hirschfelder, Katja Kleinert und Erik Eising. Kleinert und Eising kuratierten auch die Schau.