„Der konfuse Zauberer“ – Adorno gegen Bloch 1968

von Holger Politt

Einmal ins Institut für Sozialforschung in Frankfurt gelangt, ist der Weg zu den Schätzen nicht mehr weit! Gleich auf dem ersten Treppenflur der Kippspiegel, den der gewitzte Theodor W. Adorno – auf dem Stuhl sitzend – für das berühmte Selbstporträt nutzen konnte. Dahinter die Tür zur Adorno-Bibliothek. Die Wände des Raumes bis zum letzten Zentimeter ausgefüllt mit hohen Bücherschränken, hinter dem schützenden Glas die zusammengehaltenen Kostbarkeiten des Büchersammlers. Ein größerer Schrankteil ist der Musikliteratur und den Notendrucken vorbehalten, zurückgebliebene Elemente jener Welt, in der sich Adorno wie kaum ein zweiter ausgekannt hatte. Doch der neugierige Blick sucht anderes, streift schnell vorbei an wohlfeilen Ausgaben Goethes oder Hebbels. Plötzlich ein Innehalten – Bloch!

Aufgereiht die einzelnen Suhrkamp-Ausgaben jener Zeit, daneben steht lediglich ein einziger DDR-Band, nämlich „Ernst Blochs Revision des Marxismus“. Ein düsteres Buch, herausgegeben vom Leipziger Philosophen Rugard Otto Gropp, eine 1957 erfolgte politisch aufgegebene Abrechnung mit der Blochschen Hoffnungsphilosophie. Mittenmang übrigens der Logiker Johannes Heinz Horn, der sich im Januar 1958 aus tiefster Scham deswegen das Leben nahm, ein Fall, der Christoph Hein viele Jahre später zu „Horns Ende“ anregen sollte. Doch nicht dies, anderes kreist nun im Kopf des Betrachters.


Bloch in der Adorno-Bibliothek – ohne „Atheismus im Christentum“ .

Foto: Holger Politt

Spät war es zum tiefen Zerwürfnis zwischen Adorno und Bloch gekommen. Anlass bot jeweils das Spätwerk des anderen. Adornos „Negative Dialektik“ war 1966 erschienen – ein Buch, in dem der Autor sein philosophisches Herangehen verwegen wie gründlich als „Antisystem“ herauszustellen suchte: „Geschichte hat bis heute kein wie immer konstruierbares Gesamtsubjekt.“ Diese unerhörte Provokation rief Bloch auf den Plan, der es sich nicht versagen konnte, in dem 1968 erschienenen Buch „Atheismus im Christentum“ – dessen Fundamente bereits in der Emigrationszeit in den USA gelegt worden waren – einen kräftigen Seitenhieb gegen die „Negative Dialektik“ einzubauen, mit der „nichts als negativen Dialektik, die Marx, sogar Hegel relativieren“ müsse, so dass „zuverlässig kein Kampf, gar ‚Algebra der Revolution‘ mehr“ sei. Adorno reagierte, wie bekannt, schroff wie entrüstet, das Tischtuch zwischen den beiden blieb zerrissen.

In einem Brief an Gershom Scholem vom 7. November 1968 klingt es so: Was Bloch „mir angetan hat, an wirklicher Gemeinheit, übersteigt alles, was sich denken lässt.“ Adorno verweist auf die entsprechende Stelle in „Atheismus im Christentum“, meint, das Buch sei ein „Schmarren“, bittet aber den jüdischen Religionskritiker, sich das Buch selbst anzusehen und ein Urteil zu bilden.

Scholem antwortet aus Israel am 25. November 1968, bestätigt, das Buch sei ein „Schmarren“, bereits der Titel sei „völlig inadäquat, rein auf Sensation berechnet, denn alle die Ketzer, von denen dort so ausführlich gehandelt wird, waren (bei Gott!) alles andere als Atheisten und hätten sich über die Idee, dass Gott nicht existiere, krank gelacht.“ Scholem bittet Adorno „kaltes Blut“ zu bewahren: „Der Fußtritt gegen Sie ist sehr unschön, auch ein bisschen niederträchtig, und zweifellos eine Art Racheakt, wozu noch das Gefühl des armen Bloch kommt, dass er als Prophet der Hoffnung ‚das Positive‘ gegen die zersetzende Negativität der sogenannten Hoffnungslosigkeit zu vertreten berufen sei.“ Der philologisch geschulte Scholem bemängelt obendrein, wie unbekümmert Bloch ohne Rücksicht auf Quellenverweise durch das Revier pilgert. Adorno dazu am 11. Dezember 1968: „Dass er klaut, woher er es kriegt, ist eine alte Sache.“

Übrigens war Adorno vorgewarnt gewesen, durch Bloch selbst, wie er in einem Brief an Scholem vom 14. März 1968 nach einem Treffen mit dem Hoffnungsphilosophen im Suhrkamp-Verlag mitteilt: „Er erklärte mir, dass sein Buch, über Materialismus und Theologie oder wie das Zeug heißen mag, einen großen Angriff auf die ‚Negative Dialektik‘ enthielte, den er aber mit Rücksicht auf die Hetze gegen mich zu mildern beabsichtige. Er sähe sich allein schon als Vertreter der Utopie gezwungen, etwas gegen die Negativität zu tun. Ich finde es traurig, dass ein Geist von solchem Reichtum, auf eine so armselige Alternative zusammenschrumpft.“ Und in diesem Brief fällt Adornos Bezeichnung für Bloch: „Der konfuse Zauberer“.

Die Briefzitate aus: Theodor W. Adorno, Gershom Scholem. Briefwechsel 1939–1969, Suhrkamp, Berlin 2015. (Die Rechtschreibung wurde hier der Einheitlichkeit wegen an die neue deutsche Rechtschreibung angepasst).

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