Marcus Aurelius (121-180)
Marcus Aurelius. Römisches Porträt. Spätestens seit Ridley Scotts Film „Gladiator“ (2000) glauben viele, der Kaiser sei von seinem Sohn Commodus ermordet worden. Das stimmt nicht. Er starb in der Nähe des heutigen Wiens an der Pest. Foto: Sammlung W. Brauer
Hier ist ein Philosoph ohne Rock, dort ein anderer ohne Buch, ein dritter halb nackt. Brot habe ich nicht, sagt er, und halte doch meine Lehre aufrecht. Auch mir gewähren die Wissenschaften keinen Unterhalt, und ich bleibe ihnen doch ergeben.
(Selbstbetrachtungen 4/30.)
Siehst du nicht, wie die Künstler sich bis auf einen gewissen Grad nach dem Geschmack der Ungebildeten richten, jedoch nichtsdestoweniger an den Vorschriften ihrer Kunst festhalten und von diesen sich nicht abbringen lassen? Ist es nicht schmachvoll, dass der Baukünstler und der Arzt vor den Gesetzen seiner Kunst mehr Achtung hat als der Mensch vor den Gesetzen seiner Vernunft, die er doch mit den Göttern gemein hat?
(Selbstbetrachtungen 6/35.)
Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut; wer das Unrecht nicht verbietet, wenn er kann, befiehlt es.
(Selbstbetrachtungen 9/5.)
Jean Paul (1763-1825)
Alle diese dunkeln Phantasien kommen mir wieder, wenn ich draußen gehe und höre: hier haben sie den erschossen, dort jene Schlacht geliefert; und es ist ein Glück, daß die Zeit die Gräberhaufen der Erde abträgt und die Kirchhöfe der Schlachtfelder eindrückt und unter Blumen versenkt, weil wir sonst alle von unseren Spaziergängen mit einer Brust voll Seufzer zurückkämen.
(Des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg)
Die nötigste Predigt, die man unserm Jahrhundert halten kann, ist die, zu Hause zu bleiben.
(Leben des Quintus Fixlein)
Egon Friedell (1878-1938)
Je tiefer unser Auge ins Altertum dringt, desto fadenscheiniger wird die Neuzeit. Wie der Pharus den Eiffelturm und die Cheopspyramide den Gotthardtunnel, so beschämt Knossos Versailles.
(Kulturgeschichte Ägyptens und des Alten Orients)
Walter Benjamin (1892-1940)
Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf denselben Sachverhalt zurückzukommen – ihn auszustreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt.
(Ausgraben und Erinnern)
Der Chronist, welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden, trägt damit der Wahrheit Rechnung, daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.
(Über den Begriff der Geschichte. III)
Hermann Hesse (1877-1962)
Die Freiheit also sei da, aber sie beschränkt sich auf den einen, einzigen Akt der Berufswahl. Nachher ist es mit der Freiheit zu Ende. Schon bei den Studien an der Hochschule ist der Arzt, der Jurist, der Techniker in einen sehr starren Lehrgang gezwängt, der mit einer Reihe von Prüfungen endet. Hat er sie bestanden, dann bekommt er sein Patent und kann nun, wieder in scheinbarer Freiheit, seinem Beruf nachgehen. Er wird damit aber ein Sklave niedriger Mächte, er hängt vom Erfolg, vom Geld, von seinem Ehrgeiz, seiner Ruhmsucht, vom Gefallen ab, das die Menschen an ihm finden oder nicht finden. Er muß sich Wahlen unterziehen, er muß Geld verdienen, er nimmt teil am rücksichtslosen Kampf der Kasten, der Familien, der Parteien, der Zeitungen. Dafür hat er die Freiheit, erfolgreich und wohhabend zu werden und von den Erfolglosen gehaßt zu werden oder umgekehrt.
(Das Glasperlenspiel)
Ob du nun Lehrer, Gelehrter oder Musikant wirst, habe die Ehrfurcht vor dem „Sinn“ aber halte ihn nicht für lehrbar. Mit dem Lehrenwollen des „Sinnes“ haben einst die Geschichtsphilosophen die halbe Weltgeschichte verdorben, das feuilletonistische Zeitalter eingeleitet und eine Menge von vergossenem Blut mitverschuldet.
(Das Glasperlenspiel)
Marcus Aurelius (121-180)
Die Menschen sind füreinander da. Also belehre oder dulde sie.
(Selbstbetrachtungen 8/59.)
Das Standbild des Marc Aurel auf der Piazza del Campidoglio auf dem Kapitol in Rom werden viele kennen. Es ist eine Kopie, das Original steht nicht weit entfernt in den Kapitolinischen Museen. Dass das Standbild die Zerstörungswut der frühen christlichen Jahrhunderte überstand, ist einer Verwechslung zu verdanken. Man hielt es für ein Reiterstandbild Kaiser Konstantins (zwischen 277 und 288-337). Den Kirchenvätern galt Konstantin als frommer christlicher Herrscher. Das stimmt auch nicht. Marcus Aurelius hätte dies wahrscheinlich zu einem 13. Buch seiner „Selbstbetrachtungen“ angeregt.
Ich zitiere die Übersetzung von Albert Wittstock.
Sehr gewagt, diese Rubrik „Sentenzen“. Da kann sicher jeder Leser hier Dutzende (gesammelte, gar selbst verfasste) beitragen. Ich möchte hier nichts lostreten, nur lauwarm warnen.
Nee, nee, da behalte ich mir aber zensurierende Dinge vor!