Vom Erdbeben von Mandalay. Notizen aus Thailand (1)

Es heißt, in fernen Ländern erfahre man oft mehr über das eigene Land als zu Hause. Darüber kann man streiten. In den Tagen nach dem großen Beben in Hinterindien habe ich allerdings gelernt, dass da etwas dran sein muss.


Bangkoks Hochhäuser. Foto: Wolfgang Brauer (2025)

Am 28. März erschütterte mittags gegen 12.50 Uhr Ortszeit ein Beben mit einer Magnitude von 7,7 Myanmar. Das Epizentrum lag in der Region Sagaing, nicht sehr weit von der Millionenstadt Mandalay entfernt. Die Auswirkungen des Bebens – das heftigste in der Region seit 1930 – waren von Indien bis nach Vietnam und in den Süden Chinas hinein spürbar. Zehn Minuten später gab es ein erstes Nachbeben immerhin noch mit einer Magnitude von 6,4.

Die deutschen Medien reagierten schnell und meldeten ein schweres Beben in Bangkok. Die thailändische Hauptstadt liegt gut 1.000 km von Mandalay entfernt. Die seismischen Wellen waren allerdings auch hier spürbar. Zehntausende verließen fluchtartig die Häuser. Aber die Stadt hatte Glück. Inzwischen wurden von den städtischen Behörden rund 3.300 als gefährdet eingestufte Gebäude untersucht, 30 mussten gesperrt werden.

Ein Hochhaus ist tatsächlich eingestürzt, nein, es war ein im Bau befindliches Gebäude. Schlimm genug, mindestens 81 Bauarbeiter wurden unter einem gigantischen Betonberg verschüttet. Nur wenige überlebten. Die Bilder aber, genaugenommen nur eines, das aber sehr dramatisch, waren mehrere Tage zu sehen. Das Große Beben von Thailand eben. Am 29. März verkündete ein Repoter der Deutschen Welle aus Bangkok, „Thailand war auf das Erdbeben nicht vorbereitet“. Die Menschen in Bangkok befänden sich „in einem mentalen Schockzustand“. Er hätte bei Seismologen Rückfrage halten können. Diese Art Beben kommt unangekündigt bzw. hat extrem kurze Vorwarnzeiten.

Am selben Tag wurde übrigens seitens der thailändischen Regierung der am 28. März vorsorglich verkündete Notstand für Bangkok wieder aufgehoben. Der DW-Reporter hatte das zwar am Ende seiner Meldung mit platziert, befand sich aber mental wohl noch in einem schweren Schockzustand. Und zum Thema „mangelnde Vorbereitung“: In Bangkok stehen derzeit 16 fertiggestellte Hochäuser mit über 200 Meter Höhe. Fünf weitere sind im Bau. Drei dieser Klötze überragen 300 m. An der Spitze der Liste steht der Magnolias Waterfront Residences Tower 1: 315 m, 70 Etagen. Der Bayole Tower 2 misst „nur“ 304 m. Nach menschlichem Ermessen sind diese Gebäude erdbebensicher gebaut. Für den Bayole Tower wurden 65 m lange Betonpfähle in den Baugrund gerammt. Ich habe in den Tagen nach dem Beben keine internationale Nachrichtensendung gesehen, in der der Sinn solcher Bauten grundsätzlich in Frage gestellt wurde.


Auch die Hochhäuser des Bezirkes Thonburi am Chao-Praya-Fluss hielten dem Beben stand. Foto: Wolfgang Brauer (2025)

Dafür wurde immer wieder der überschwappende Dachpool eines Hotelhochhauses gezeigt. Das macht sich auf dem Bildschirm gut. Das ist quasi „The Quake – Das große Beben“ in echt. Natürlich berichtete RTL von den Pool-Erlebnissen von Celine und Daniel im 30. Stock. Deren individulle Lebensangst verstehe ich. Aber sowas macht Quote. Mit sachlicher Berichterstattung hat das nichts zu tun. Und es hat gewirkt. Uns hatten etliche sorgenvolle Anfragen erreicht, ob wir denn unbeschadet die Katastrophe überstanden hätten. Und dann fiel auch noch mein Handy aus…

Es war aber das Große Beben von Myanmar. Mit heutigem Stand sind weit über 3.000 Menschenleben in der Region um Mandalay zu beklagen. Natürlich wurde auch von da sofort berichtet. Das deutsche Fernsehen hat aber keine Kollegen vor Ort. Man berichtet schließlich wertebasiert, und in Myanmar herrscht das Militär. Also bediente man sich eines Standbildes der BBC-Kollegen, das im Hintergrund ein halbes Dutzend in den Irawadi gestürzte Brückenbögen der berühmten Inwa-Brücke, die Sagaing mit Mandalay verbindet, zeigte. Und geißelte zugleich die Behörden Myanmars, die nicht in der Lage seien, für adäquate Hilfe zu sorgen. Nochmal zum Mitschreiben: die Brücken waren nicht mehr benutzbar, die Straßen kaputt, die Rollbahnen der zwei großen Flughäfen zerstört. Mandalay war einfach nicht mehr erreichbar.

Aber es kommt noch dicker. Während die Menschen voller Verzweiflung versuchten, mit bloßen Händen ihre Liebsten unter den Trümmern freizuscharren, schwadronierte die ARD-Tagesschau über die sich geradezu aufdrängende Frage – Vorsicht, Ironie! – , „welche Auswirkungen das Beben denn auf die Demokratie-Bewegung“ haben werde. Soviel Empathie-Mangel ist selbst im deutschen Fernsehen neu. Ich räume es ein: Am 29. März hat die Tagesschau bei mir jegliche Reputation verloren.

Die Einsturzursache für den Hochhausrohbau in Bangkok – das Stahlbetonskelett hätte eigentlich standhalten müssen – war offensichtlich Pfusch am Bau. Erste Untersuchungen der thailändischen Behörden – so das Handelsblatt am 3. April – hätten ergeben, dass minderwertiger Baustahl einer Firma verwendet wurde, die bereits im Dezember vergangenen Jahres zwangsweise dicht gemacht wurde. Mit dem Bau selbst beauftragt gewesen waren die thailändische Firma ITD und ein Tochterunternehmen des chinesischen Staaatskonzerns China Railway Engineering Corporation (CREC). Ein CREC-Unternehmen war auch an der Renovierung des Bahnhofes von Novi Sad in Serbien beteiligt, dessen einstürzendes Vordach am 1. November 2024 16 Menschen unter sich begrub. Auch da soll mangelhafter Baustahl eine Rolle gespielt haben.


Das Menam Residence in Bang Kho Laem – eine Luxus-Wohnanlage mit 59 Etagen – ist nur 219 m hoch. Foto: Wolfgang Brauer (2025)

Aber angesichts fast täglich neuer deutscher Brückenzustandsmeldungen sollten wir mit Kommentierungen sehr, sehr zurückhaltend sein. Da kriecht die alte europäische koloniale Arroganz aus allen Löchern… Die Erdbebengefahr ist in Deutschland derzeit sehr gering.

(Hua Hin und Berlin im April 2025)

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