von Reinhard Wengierek
Erstens endlich die Wiederaufnahme tief berührender Schauspielerei mit dem Senior seiner Kunst: Helmut Mooshammer als „Anne-Marie Schönheit“ von Jasmina Reza in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Und Jasmina Reza zum zweiten mit „Kunst“ im Theater am Frankfurter Tor.
Eins: DT- Kammer – Leben im Nebenrollen-Einsatz
Sie steht am Fenster, leicht gekrümmt, müde, in sich gekehrt. Und schaut hinaus ins Dämmernde (oder ist es schon Dunkel?). Tja. Alle sind sie nun tot. Nein, der Sohn ist noch. Ist aber nicht da. Ist fort. Und alle andern tot: Ehemann, Hausarzt, Freunde und Kollegen – auch Verehrer – von früher, als sie am Stadttheater war. Schauspielerin! Nein, nicht vorn an der Rampe. Immer zweite Reihe, oder dritte. Nicht wie Giselle. Die bewunderte, geliebte, immer vorn im Licht strahlende ferne Freundin mit den tollen Männern, den tollen Regisseuren, den tollen Rollen und dem tollen Aufstieg bis hin zum Film. Doch die Gigi, die ist nun auch tot.
Aber Anne-Marie lebt. Ist doch schön. Eigentlich. Und abgesehen von den kaputten Knien, den zitternden Gliedern, der Schlaflosigkeit, der Einsamkeit. „Ich hatte ein Filmgesicht“, sagt sie und geht zum Waschbecken, guckt in den Spiegel, trinkt was aus dem Zahnputzglas. „Ich hatte ein glückliches Leben.“
Sagt sie; glaubt es aber selbst nicht recht. Doch warum nicht ein bisschen träumen? Warum dieses lange, lange Leben mit dem Theater, der Ehe, den unerfüllten Wünschen, weggesteckten Enttäuschungen und dem tapfer begeisterten Durchhalten sich nicht ein Quantum schöner, womöglich glamouröser zurecht zu träumen?
Im Grunde aber ist ihr klar: Der früh schon aufkeimende, lebenslang lodernde Traum vom Ruhm im Rampenlicht, der versandete alsbald. Kein Star was born. Immer traf’s andere, zum Beispiel Gigi. Für Anne bloß Nebenrollen-Einsatz auf Provinzbühnen. Was für ein Leben! Freilich nicht gänzlich unerfüllt – aber weitgehend. Davon erzählt Jasmina Reza, die weltweit meistgespielte Gegenwartsautorin im Monolog einer Schauspielerin unter dem signifikant sarkastischen Titel „Anne-Marie die Schönheit“. Denn schon allein das mit der Schönheit, das bleibt, galant gesagt, dahingestellt.
Wie so vieles in Anne-Maries dahin perlendem oder auch vor sich hin stockendem, zuweilen tüttelich plapperndem, nur selten larmoyantem, dafür umso öfters spitzhumorig aufblitzendem Redefluss.
Die Reza hat ihren wehen 79-Seiten-Text „aus Gründen der Distanz und Allgemeingültigkeit“ für einen Mann geschrieben. Jetzt ist das Helmut Mooshammer, der im nur scheinbar paradoxen Gegensatz zu Anne-Marie und – wie gewünscht von der Autorin – selbst ein großer Künstler ist.
Mooshammer in blass-braunem Rock, dunkelrot-schlabbrigem Pullover, Krücke und fußfreundlichen Schlappen an den Beinen (Kostüm: Henrike Huppertsberg) kommt auf sozusagen leisen Sohlen daher (Regie: Friederike Drews). Mit schauspielerischem Minimalismus, der alles auf Sprache, Stimme, Gesichtsausdruck und sparsam eingesetzter Gestik setzt. Der das Gebrechliche dieser tragisch umflorten Figur zeigt, das Depressive, aber auch Euphorische, das freilich rasch wieder zusammenfällt ins Resignative. Eine feine Mischung aus sanfter, auch schmerzlicher Melancholie und kess-koketten Momenten trotzigen Auftrumpfens.
Was für eine aufregende, ja erschütternde und auch wieder komisch-groteske Studie, ohne wohlfeil mit Psychologie, mit schauspielerischem Virtuosentum zu schäumen. Mooshammer könnte es lässig, das Effektheischende. Blickt er doch selbst zurück auf ein langes Schauspielerleben, das all das hat, was Anne-Marie nie bekam. Und feierte mit dieser tollen Rolle den Abschied vom DT als fest engagiertes Ensemblemitglied.
Also keine schillernde Sentimentalität, kein pathetisches Tränenwischen und schon gar keine ironisch äffende Travestie. Mooshammer macht diese gekrümmte, müde Schauspielerin, die in der Dämmerung ihres Daseins noch einmal aufgeregt oder abgeklärt von sich selbst sozusagen abschließend redet, zu einer ins Allgemeine ragenden Figur. – Eine zärtliche Hommage aufs Leben, wie krumm auch immer es spielt; diesseits oder jenseits vom Theater. Berührend. Lebensklug. Vielleicht tröstlich.
Am 22. September 2025.
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Zwei: Theater am Frankfurter Tor – Was uns kaputt macht
Wahnsinn! 100.000 Euro für ein Gemälde, auf dem nichts drauf ist. Eine monochrom weiße Fläche. Zugegeben, mit einigen zart silbrig-graue Fädchen. Aber so viel Geld „für solch einen Scheiß“, da dreht Marc durch. Und hält seinen Freund Serge für total bescheuert, der sich berauscht an diesem „Nichts“ eines hochberühmten Künstlers und es gekauft hat. Für 100.000 Euro. Auch Yvan, der hinzukommende Dritte im alten Freundesbund, staunt irritiert, sagt aber nichts. Keine wirkliche Meinung, doch schwankend zwischen „Nun ja, muss man verstehen!“ und „Aber ach, so viel Geld…“
Soweit die Ausgangslage in „Kunst“, dem 1994 in Paris uraufgeführten, sarkastisch komödiantischen, psychologisch fein ziselierten und sprachlich scharf geschliffenen Welterfolg der französischen Autorin Yasmina Reza (übersetzt in mehr als 40 Sprachen).
Da mag durchaus eine saftige Satire auf den Wahn des Kunstmarkts mitschwingen. Doch im Kern geht es um sehr viel mehr: nämlich um die Schwierigkeiten, auch extrem gegensätzliche Meinungen selbst unter guten Freunden gelten zu lassen, souverän darüber zu reden oder sie zumindest großmütig auszuhalten. Und sich nicht untereinander kaputt zu machen.
Aber genau das geschieht mit dem Dreier ziemlich gegensätzlicher Charaktere – der protzig Bildungsbürgerlichkeit ausstellende Serge (Daniel Wobetzky), der handfeste, eher schlicht gestrickte Hitzkopf Marc (Johannes Hallervorden) und der biedere, liebenswert weicheiernde Yvan (Steffen Melies). Zwar trifft man sich gern zum Palavern in der Kneipe, bleibt aber locker oberflächlich. Übergeht mit Bedacht gärende Widersprüche – soziales Gefälle, gegensätzliche Mentalitäten, Lebensansichten, Daseinsansprüche. Doch mit der Kunstdiskussion, die schnell ausartet ins Grundsätzliche und eskaliert bis zu Handgreiflichkeiten, da werden bislang verschwiegene Wahrheiten ausgekippt. Bis der Kumpelbund daran zerbricht.
Wir sehen, der Reza-Klassiker ist gegenwärtig wie nie. Und Regisseurin Irene Christ, frei von aktuellen Anzüglichkeiten, organisiert mit Verve und Präzision die saftigen, für alle Beteiligten freilich arg verletzenden Schlachten des gegenseitigen Verurteilens und Ausgrenzens. Das trotz allem nicht unsympathische Trio (ein Extra-Kunststück!) tobt zwischen Slapstick und Sprachvirtuosität bravourös auf der Brettl-Bühne des 99-Plätze-Theaters. So abgründiges wie großartiges Unterhaltungstheater!
Wieder am 25. September und am 31. Oktober.