von Heinz Jakubowski
Fluchthilfe in unseren Tagen hat – leider zurecht – einen pejorativen Beigeschmack, geht es bei ihr doch in der Regel um die „Rettung“ Flüchtender aus ausschließlich profitorientierten und also inhumanen Motiven
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Ein nun erschienenes Buch erinnert indes an eine ganz anders geartete Fluchthilfe, die in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre zahlreichen Antifaschisten und / oder Juden das schiere Leben rettete – ohne die Erwartung einer Gegenleistung und unter eigener Lebensbedrohung der Helfer.
Die Rede ist von Lisa Fittko, einer jungen deutsch-österreichischen Kommunistin, die gemeinsam mit ihrem Mann Hans und der amerikanischen Hilfsorganisation „Emergency Rescue Committee“ im seinerzeit von der deutschen Wehrmacht noch unbesetzten Südwestfrankreich gestrandete Frauen, Männer und auch Kinder über die Pyrenäen nach Spanien führten, von wo aus die als Juden und / oder Kommunisten Verfolgten via spanischem Transit mit dem Ziel Lissabon Leib und Leben nach Übersee zu retten hofften.
Die nun erste Biografie der 1909 geborenen Lisa Fittko zeichnet ein ebenso erhellendes, empathisches wie differenziertes Bild einer jungen, jüdischen Kommunistin, ein unbedingtes Verdienst der Autorin Eva Weissweiler.
Früh bereits in sozialistischen / kommunistischen Jugendverbänden politisiert und aktiv, war Lisa ab 1928 in der Roten Hilfe in Paris und anderen Hilfsorganisationen für Arbeiter und Angestellten tätig. Wie ihr Mann Hans von der Polizei verfolgt, der dann „wegen ungenügender Wachsamkeit gegenüber parteifeindlichen Elementen und Verbindung mit Parteifeinden“ aus der KPD ausgeschlossen wurde, war auch Lisas Parteimitgliedschaft von da an beendet.
Zunächst in Paris lebend, wurde sie im Herbst 1939 im Camp de Gurs am Nordrand der Pyrenäen interniert, von wo ihr die Flucht gelang. In Marseille schließlich nahm Lisa Fittko Kontakt mit dem Amerikaner Varian Fry auf, dessen von der Präsidentengattin Eleanor Roosevelt initiiertes Komitee bemüht war, möglichst viele Flüchtlinge aus Frankreich herauszubringen. Das unternahmen Lisa und Hans Fittko dann vom grenznahen Dorf Banyuls-sur-mer aus, von wo sie im Folgenden mehreren hundert bedrohten Menschen über die südlichen Pyrenäen ins nahe spanische Portbou verhalfen.

Der Pyrenäenabstieg nach Portbou.
Foto: H. Jakubowski
Als die Lage im formell unbesetzten Teil Frankreichs auch für die Fittkos immer bedrohlicher wurde, gelang ihnen im November 1941 die Flucht per Schiff von Lissabon nach Havanna, von wo aus sie 1948 in die USA übersiedelten und dort später die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielten. Zwar hatten sie, um zu selbiger zu gelangen, ihre kommunistische Vergangenheit verschweigen müssen, aktiv in der amerikanischen Friedensbewegung blieben sie dennoch.
Was die geschilderte Fluchthilfe über die Pyrenäen angeht, hat sich der Fall des großen deutschen Philosophen Walter Benjamin wohl am tiefsten in die Erinnerung eingebrannt. Schon schwer herzkrank, gelangte der 48jährige Benjamin, geführt von Lisa Fittko, mit für ihn fast übermenschlichen Anstrengungen bis ins rettenden Portbou auf spanischer Seite. Indes, Spanien hatte seine zwischenzeitlich eher liberale Transitgewährung für fliehende Menschen just verändert und schickte all jene, die – wie freilich alle Flüchtlinge – ohne offiziellen französischen Ausreisestempel auftauchten, zurück nach Frankreich, wo jemandem wie dem Juden und Antifaschisten Walter Benjamin der Tod drohte. Bei der ihm zugestandenen Übernachtung in Portbou nahm er sich das Leben… Sowohl in Frankreich als auch in Spanien wird gerade Benjamins gedacht – der bis heute begehbare Flüchtlingspfad trägt auf beiden Seiten der Grenze seinen Namen. An der Stelle, wo der Steig nahe Banyjuls seinen Anfang nimmt, wurde für Hans und Lisa Fittko ein Denkmal errichtet.
Benjamins Grabstelle in Portbou wird liebevoll gepflegt. Unweit davon regt ein Schacht aus dem Erdboden. Er führt als Tunnel durch den Fels bis direkt ans Wasser des Mittelmeeres und wird unmittelbar davor durch eine massive Glasplatte beendet; sinnfälliger und berührender, als es dem israelischen Künstler Dani Caravan mit diesem Denkmal gelungen ist, das Elend jener zu versinnbildlichen, die die Rettung vor Augen hatten und die ihnen verwehrt ward, ist dieses Los kaum darstellbar
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Portbou / Katalonien: Grabstätte Walter Benjamin. Foto: H. Jakubowski
Die 2005 verstorbene Lisa Fittko erhielt nach der Publikation ihres Buches „Mein Weg über die Pyrenäen“ für ihre Lebensleistung das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. In Berlin-Moabit wurde 2016 eine Straße nach ihr benannt, in der sich auch ein Kindergarten, der den Namen „Fröbel-Kindergarten Lisa-Fittko-Straße“ befindet.
„Wir waren keine Helden“, hat Lisa Fittko ihr Selbstverständnis später formuliert. Oh doch, das waren sie. Und schon deshalb gehört ihnen ein Denkmal gesetzt, wie es Eva Weissweiler mit ihrer Biografie verfasst hat, ohne damit eine verklärende Ikonografie zu zeichnen und also Widersprüchlichkeiten oder autobiografische Fehlstellen nicht auszulassen.
Wer wissen will, ob, wann und wie Zivilcourage auch in Zeiten gegenteiliger Umstände aussehen kann, der lese dieses Buch.
Eva Weissweiler: Lisa Fittko: Biographie einer Fluchthelferin, Hoffman und Campe, Hamburg 2024, 384 Seiten, 25,00 Euro.
Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen, Erinnerungen 1940/41, dtv, München 1985 / 2004, 336 Seiten, 9,95 Euro.
Varian Fry: Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille1940/41, Fischer, Frankfurt / Main 1995/2009, 352 Seiten, 10,95 Euro.