von Reinhard Wengierek
Berlin-Debüt des Iffland-Ring-Trägers Jens Harzer mit Oscar Wilde, ein weher Christa-Wolf-Gesang über die DDR und Oliver Mommsen ganz allein auf der Bühne als Vanya in der Tschechow-Adaption eines Engländers.
Eins. Berliner Ensemble – Schmerzensrufe nach Empathie
Eine ganz besondere Erregung lag in der Luft im Herbst, zur Saisoneröffnung des Hauptstadttheaters im Berliner Ensemble. Wegen Jens Harzer, dem wohl sensationellsten Künstler-Transfer der letzten Zeit. Der Träger des Iffland-Rings wechselte vom Hamburger Thalia ans BE und gilt als „bedeutendster und würdigster Bühnenkünstler deutscher Zunge“, so die Titulierung der altehrwürdig österreichischen Auszeichnung. Nun haben wir ihn, Jahrgang 1972, für mindestens zwei Spielzeiten, hier bei uns, den Spezialisten für blutig verwundete Seelen, gequält Sehnsüchtige, Hochmögende, Haltlose, Fatalistische. Für Sinkende, Versinkende. Für metaphysische Traumtänzer. – Solcherart Figuren sind seins.
Mit ihnen bringt er Gegensätzliches packend in eins: Das Nervöse, wie im Fieber Vibrierende sowie das hoch Konzentrierte bei gleichzeitiger Suche nach dem, was ungeschrieben steht im Text. Das dann findet seinen erregenden – auch nüchternen – Ausdruck in Harzers so seltsam schwingender Stimme, seiner (selten gewordenen!) Kunst des Sprechens. Oder Redens. Und alles fällt zusammen mit Gestik. Mit einer gezielt eingesetzten artistischen Körperbeweglichkeit. Immer wieder fasziniert, wie dieser Künstler in den Text bohrt. Und dieses Bohren in die Tiefe auch spielt.
Der Intendant und Regisseur Oliver Reese hat mal wieder alles richtig gemacht, indem er die kostbare Neuerwerbung (eine diplomatische Glanzleistung!) zum Einstieg ins ohnehin formidable BE-Ensemble groß und respektvoll inszenierte.

Oscar Wilde 1882. Foto: N. Sarony, Sammlung W. Brauer
Es ist eigentlich kein „Stück“, sondern ein Monolog mit dem „schrecklichen Brief“, den Oscar Wilde 1897 als Anfang 40-Jähriger aus dem Gefängnis an seinen gewissenlos leichtsinnigen, unverschämt verschwenderischen 16 Jahre jüngeren Lover Lord Alfred „Bosie“ Douglas schrieb. „De Profundis“ („Aus der Tiefe“), so die Überschrift für 200 Druckseiten, von Reese auf 28 klug gekürzt.
Man kann sie als Nachruf des Autors auf sich selbst lesen. Als tragisch gerahmtes Zeugnis einer toxischen Beziehung: „Es war viel zu oft zu wenig schön mit dir.“ Und als erschütternden Leidensbericht eines zu zwei Jahren Einzelhaft wegen schwuler „Unzucht“ verurteilten Menschen, dem alles ihm Wichtige im Leben abhandenkam: Ehre, Ruhm, Vermögen, Zuneigung, Liebe. Eine schonungslose Standortbestimmung (im Abgrund) und hellwache Gesellschaftsanalyse. Ein philosophischer Exkurs. Ein genialisch umwölktes Schmerzenswerk aus Anklage, Selbstanklage, Schuld, Selbstzüchtigung und Selbsterhöhung – „ich bin gemacht für die Ausnahme, nicht für die Regel“.
Verbitterte, doch ungehörte Rufe nach Empathie gellen nach draußen bei innerlichem Wühlen um Vergebung und Selbstüberwindung – „alles muss ich aus mir selbst holen“. Da bleibt letztlich kaum noch Mut fürs Weiterleben. Kaum noch Kraft fürs Ringen um Trost, der für diesen Anbeter des Schönen im heiligen Reich der Kunst liegt; in der selbstlosen Liebe; im Verständnis für den ewig elenden Lauf der Welt. – Da singt und sinkt ein geknechtetes, freigeistiges Menschenkind; zart umwölkt von fernen Klängen – hin und wieder und in Moll (Musik: Jörg Gollasch).
Oscar Wilde starb im Herbst 1900 nach seiner Freilassung in Isolation und Armut in Paris. Und zwar unter seinem Niveau, wie er vorausschauend selbst sagte.
Die Bühne (Ausstattung: Jörg Hartung) ist eine schwarze Wand. Auf halber Höhe schwebt ein Kasten gleich einem Sarg: der Knast, die abwechselnd in eisig grelles, schmutzig trübes, giftig gelbes Licht getauchte Absonderung des gesellschaftlich-menschlich Aussätzigen. Harzer, bis oben hin zum Ersticken eng in dickes schwarzes Mantelwerk gehüllt (Kostüm: Elina Schnizler), streift das im Verlauf seiner Performance ab bis zum (letzten) Hemd. Am Ende rafft er sich auf, klettert mühselig heraus aus seinem Verließ herunter auf die Rampe. Und aus.
Was für ein Ritt durch Ambivalenzen, Katastrophen, Komplexitäten in hundert Minuten. Souverän im Wechsel der Empfindungen, der Einfühlung. Das Publikum feiert Jens Harzer. Den Souverän. Zu jeder Vorstellung.
De Profundis. Von Oscar Wilde in einer Bearbeitung von Oliver Reese; Berliner Ensemble, Wieder am 1., 8., 11. Dezember; 19. Januar.*
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Zwei. Hans-Otto-Theater Potsdam – Gehen oder Bleiben

Hans-Otto-Theater: „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft“; Szene mit Alina Wolff, Charlott Lehmann, Ulrike Beerbaum, Janine Kreß (v.l.). Foto: Thomas M. Jauk
„Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg!“ Das rief sie den Tausenden zur Demo auf dem Berliner Alexanderpatz zu. Anfang November ’89 war das. Als Christa Wolf tagträumend „mit hellwacher Vernunft“ glaubte, die DDR, „das richtige und bessere Deutschland“, noch retten zu können – dabei hatte sie es innerlich längst aufgegeben. Schon damals, in den Sechzigern, als ihr „der Sozialismus wie eine Mauer gegenüberstand“. Oder als die Staatspartei jedes kritische Künstlerwort diffamierte als „Beleidigung der Werktätigen“. „Ich hocke im Loch und schreibe fürs Loch.“
Wie soll das nur gehen: Eingeklemmt und dennoch weiterschreibend wirken zu wollen? Davon handelt der kaleidoskopartig weit aufgefächerte Abend „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft“ von Sascha Hawemann mit Texten der wohl berühmtesten DDR-Schriftstellerin, Christa Wolf.
Da wird noch einmal rasend, doch mit empathischem Ernst, in revueartig montierten Spielszenen, Sketchen, Kabarettnummern, Film, Gesang und Musik das Leben der Dichterin und ihrer zahlreichen prominenten Künstlerfreunde durchgeblättert. Und zugleich ein wesentlicher Teil der Geschichte dieses „halben Staates mit halbem Sozialismus alter Männer“, der seine Bürger zunehmend in die Frage zwängte: Bleiben oder Weggehen.
Da ist also das Literaten-Ehepaar Christa und Gerhard Wolf. Er als ihr unentbehrlicher Lektor. Als unermüdliche Lebensstütze für Christa, die beständig an sich sowie am Schreiben zweifelt. Und verzweifelt an der Politik („Unser Sozialismus ist antifaschistisch, aber liegt in Ketten.“). Gesundheitliche Leiden sind die Folge – „‚Neuropram‘ als Sputnik gegen Todesfurcht vom VEB Berlin-Chemie“.
Mit dem symbiotischen Paar verwoben ist in dieser zwischen Fiktionalem und Authentischem flirrenden Collage eine spektakuläre Figurensammlung: Sarah Kirsch, Krug, Reimann, Biermann, Brasch, Thalbach, Fred und Maxi Wander, Konrad Wolf, Anna Seghers, Ulbricht und Honecker. Heinz-Florian Oertel, Preil, Herricht und die Stern Combo Meißen (Guido Lambrecht, Paul Sies, Joachim Berger, Jan Hallmann können auch Rolling Stones). Und Christa Wolf gibts gelegentlich gleich viermal (Ulrike Beerbaum, Janine Kress, Charlott Lehmann, Alina Wolff).
Die Liste belegt: Sascha Hawemann zeigt viel in vier Stunden, sicher allzu viel – bis hin zu den qualvollen Realismusdebatten und den gesammelten Wolfschen Werken, die sich gegen alles Verbieten letztlich durchsetzten. Das brachte Reisepässe, Auszeichnungen (Büchner-Preis, DDR-Nationalpreis mit 100.000 Mark) und weithin Verehrung. Christa wurde für viele zum moralischen Leitbild. Und klagte doch zeitlebens, dass ihr immer wieder „die Wurzeln ausgerissen wurden“. Keine wirkliche Heimat, nirgends. Aber: Sie hatte ihren Gerd.
Also träumten wir mit hellwacher Vernunft. Eine Chronik mit Texten von Christa Wolf von Sascha Hawemann; Hans-Otto-Theater Potsdam: wieder am 6., 21. Dezember; 3., 17. Januar sowie 18. und 28. Februar 2026.
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Drei. Kudamm-Komödie im Ernst-Reuter-Saal – Raus aus den Kartoffeln
Einer für alle heißt es bei dieser großartigen Ein-Mann-Show mit Oliver Mommsen. Doch die hat nichts zu tun mit vier Musketieren, sondern mit den acht Figuren – männlich, weiblich, alt, älter, uralt –, die in Anton Tschechows gallig grundierter Komödie „Onkel Wanja“ auf einem russischen Landgut reichlich reden, Tee und noch mehr Wodka trinken, an unerfüllten Verliebtheiten nagen und auch sonst verlorenen Lebensglücklichkeiten nachtrauern. Ein letztlich liebenswürdiges, doch ziemlich verrücktes Kollektiv seelisch schwer Angeschlagener – grundsätzlich aus einem Holz geschnitzt. Ein zwar vielstimmiger Chor, aber doch Variationen des Immergleichen, zusammengefasst in einem Monolog.
Solcherart Verdichtung mag nur einem Könner der Dramatik wie dem mit Preisen überhäuften Stephen Simons gelingen (Jahrgang 1971). Doch sein „Vanya“, vor zwei Jahren in London uraufgeführt, lässt Tschechow (Jahrgang 1860) nicht etwa links liegen, sondern formt dessen bestürzend komische Daseinsbeschreibung trefflich um zum inzwischen international gefeierten, boulevardesk schillernden Solo (deutsch: Barbara Christ). Mommsen hat die deutschsprachige Erstaufführung.
Und er kann‘s. Als begnadeter Verwandlungskünstler. Mit sekündlichem Switchen zwischen Situationen und Figuren allein durch unterschiedliche Sprachfärbungen, Dialekte und Körpergestik. Und ohne den Mummenschanz der Verkleidung, nur sparsam unterstützt durch für die verschiedenen Typen charakteristische Requisiten: ein Hut, Stock, Pelz, Bademantel.

„Vanya“ mit Oliver Mommsen. Foto: Franziska Strauss.
Dabei entsteht das Kunststück einer erstaunlichen Durchlässigkeit fürs Heutige, fürs aufregend Allerweltsgegenwärtige – gesteuert durch die bewundernswert einfallsreiche, subtile Regie von Felix Bachmann.
Immerhin, auf der Plüschdecke auf dem Esstisch von Vanyas verrümpelter Bauernstube steht zwar noch ein Samowar und in der Ecke stecken Birkenreiser. Doch daneben sind Kühlschrank, Spülmaschine sowie ein Regal vollgestopft mit VHS-Kassetten (Bühne: Kaspar Zwimpfer). Alles spielt statt im Altrussischen im Nordenglischen der 1970er. Und aus einem riesigen Kleiderschrank kullert – einer der aufschreckend surrealen Momente neben den zahlreich komischen – die Kartoffelernte gleich sackweise, als Mommsen versehentlich die Tür aufreißt. Sie begräbt unter sich wie der süße Brei im Märchen ein Aus- oder Umsteigen aus dem bisherigen Leben der traurig und trostlos über ihren Abgründen an den Knollen kauenden Sehnsuchts- und Vergeblichkeitsmenschen. Doch noch steht da der Wodka. Vanya kippt und stürzt – verzweifelt zorniger Abgang aus beklemmendem Raum. Ein Raus aus den Kartoffeln! Sein erster – oder sein letzter Versuch… Herzbewegend auch das.
Wieder vom 25. bis zum 29. Dezember; Komödie im Ernst-Reuter-Saal am Rathaus Reinickendorf. Ein Weihnachtsgeschenk!