von Reinhard Wengierek
Zurück zu den Wurzeln – Welttheater der Antike im Berliner Ensemble: „Antigone“ von Sophokles in der selten gespielten Übersetzung von Hölderlin. Mit Constanze Becker, Jens Harzer und Kathleen Morgeneyer (Regie: Johan Simons). Und: Die Wiederaufnahme „Medea“ von Euripides (Regie: Michael Thalheimer). Kürzlich inszenierte er „Salome“ von Einar Schleef nach Oscar Wilde in der Schaubühne – eine zunächst wuchtige, dann jedoch zunehmend in der Abstraktion versackende Sache. Seine Medea im BE spielt Constanze Becker und erhielt dafür den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ als beste Schauspielerin. Die Inszenierung wurde 2013 zum Berliner Theatertreffen eingeladen; Premiere war am Schauspiel Frankfurt/Main unter der Intendanz Oliver Reese. Der holte Thalheimers „Medea“ mit seinem Antritt am BE nach Berlin. Jetzt ist endlich nach längerer Ruhezeit Wiederaufnahme!
Achtung! Die Ticketnachfrage für beide Produktionen ist enorm, aber noch gibt es Restkarten. Außerdem: Die für Berlin spektakuläre Seltenheit, gleich beide griechische Klassiker im Programm zu haben, wird mit Sicherheit noch lange Zeit im Repertoire bleiben.
EINS: Berliner Ensemble – Allzu starke Sinnesart zeitigt Katastrophen

Berliner Ensemble: Sophokles „Antigone“ (Regie: Johan Simons) – Szene mit (v.l.) Constanze Becker, Jens Harzer, Kathleen Morgeneyer.
Foto: Berliner Ensemble © Jörg Brüggemann
Welch Seltenheit: „Antigone“ von – und nicht nach Sophokles. Ungekürzt, ohne Fremdtexte. Aber mit Friedrich Hölderlin. Seine eigenwillige, kühne Übersetzung thront zwar stark, doch ein bisschen jenseits von Sophokles (Goethe spöttelte darob). Ein kostbar geformtes, in dunklen Tiefen wie fernen Höhen blitzendes Deutsch. Faszinierend, unheimlich. Nicht leicht zu sprechen. Nicht sofort zu verstehen; noch dazu, wenn hier alle Rollen dieses Familiendramas drei Personen zelebrieren: Constanze Becker, Kathleen Morgeneyer, Jens Harzer.
Die heutzutage rar gewordene mutige Ansicht des Regisseurs Johan Simons ist: Im Mittelpunkt steht die Kunst der Sprache (auch deshalb Hölderlin, und nicht das eingängigere Deutsch von Schadewaldt). Der Text muss alles zeigen: Psychologisches, Einfühlung, die Wucht der Konflikte. Nachgeordnet sind Zusammenspiel, der eskalierende Sog der Tragödie.
Wir sind im antiken Theben, 1230 v.Chr.: Eteokles und Polyneikes, Söhne des Ödipus und Neffen von Kreon, fielen im Krieg um Erbfolge. Der triumphierende König Kreon lässt Eteokles, den Verteidiger Thebens, bestatten; er verweigert jedoch Polyneikes, dem Angreifer, das Grab. Denn Kreon sieht sich als Chef der göttlich begründeten Polis und somit verpflichtet, bedingungslos die Staatsraison durchzusetzen. Die Geier sollen den Staatsfeind fressen.
Antigone, Schwester des gefallenen Verbrechers, widersetzt sich der staatserhaltenden Doktrin und bestattet Polyneikes. Sie erfüllt damit – entgegen dem ängstlichen Rat ihrer Schwester Ismene – die gleichfalls von den Göttern gegebene Pflicht zur Grablege eines jeden Toten. Kreon verurteilt seine Nichte zum Tode. Schreckt schließlich doch zurück vor der fürchterlichen Vollstreckung durch lebendig Einmauern – zu spät. Antigone hat sich erhängt. Haimon, Sohn des Kreon, erhebt das Schwert gegen den Vater, scheitert und tötet sich selbst. Kreon, königliche Pflichterfüllung stramm durchgesetzt, sieht letztlich sich als Kindermörder und wird wahnsinnig.
Eine Auslöschung entsetzlicher Größe. Ausgelöst durch jeweils striktes Befolgen höherer, einander freilich widersprechender Gesetze: Das menschlich-familiäre der Grablege und das der gesellschaftlichen Ordnung. Also Rechtsstaat (Kreon: „Nie ist der Feind, auch wenn er tot ist, Freund.“) kontra Recht auf moralische Gesinnung des Ichs (Antigone: „Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich.“).
Die Bühne, aufgerissen bis in den letzten Winkel, ein gähnend schwarzes Loch. Doch in der Mitte schwebt – genialer Einfall von Johannes Schütz – wie an seidenem Faden ein monströser, zitternder, gelegentlich sich drehender und mit weißem Papier bespannter Quader. Eine Art Pendel. Bedrohlich. Entsprechend der gefährlichen Konfliktlage! Gegen die sie vergeblich anrennen. Auf die alle verzweifelt einschlagen, dass die Papierfetzen nur so fliegen. Am Ende bleibt nur noch ein Gerüst, eine Leere zwischen Eisenstangen. Und die götterkritische Frage: „Was sind das für Gesetze, ich verstehe sie nicht.“
Es ist diese untragbare, von fernen Mächten gnadenlos auferlegte Schicksalslast, an der sich die seit Ödipus so Fluchbeladenen abarbeiten. Das Personal, hier auf das Trio Antigone (Harzer), Ismene (Morgeneyer) und Kreon (Becker) konzentriert unter geschickter Einbindung von Nebenrollen, diese drei in lässiger Strandbekleidung (Kostüme: Kevin Piterse) irren da nun umher gleichsam als verstörte Kinder, uns das Untergangsdrama zu zeigen. Wie im Albtraum angstvoll schwitzend. Hängend zwischen Klage, Anklage, Trotz.
Sie können halt nicht anders. Göttliches Recht für Kreon und für Antigone. Und von beiden Seiten stur verfolgt. Endend in der Katastrophe. Durch „allzu starre Sinnesart“ gefangen und geschlagen.
„Sie haben es gar zu weit getrieben“, sagt Hölderlin. – Und die Götter? Die Regie enthält sich da jeglicher Wertung, auch jedweder immerhin naheliegender politisch-allgegenwärtiger Anspielung. Auch das eine Herausforderung. Oder Zumutung.
Zum Schluss, Saallicht an, die Vorführung ist vorbei, da sitzen sie, geschlüpft aus ihren Figuren, an der Rampe erschöpft beieinander. „Du musst nichts wissen. Leben musst du“, sagt Morgeneyer in zaghaft liebendem Ton zur Becker, während Harzer seinen Kopf schmiegt zwischen beide. – O Götter, könnte womöglich das alte schlimme Spiel von neuem beginnen? Immer wieder?
Wieder am 7., 8., 28., 29. März und am 12. April.
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ZWEI: Berliner Ensemble – Wahn und Vernichtung
Die Bühne ist fürchterlich wie die Düsternis eines eiskalten Morgens. Im Hintergrund eine elende Mauer aus Beton als mächtiger Riegel gegen alles Helle, Warme, Sanfte (Bühne: Olaf Altmann). Das Dunkel gähnt, Schreie gellen, Entsetzliches dräut: Michael Thalheimer inszeniert die „Medea“ des Euripides, lässt mit unaufhaltsamer Wucht die zerstörerische Kraft verratener Liebe ins Bühnenleere stürzen. Fundamentalistischer Menschenwahn rast vom hohen Kothurn ins Menschenvernichtende. Constanze Becker (Medea) und Marc Oliver Schulze (Jason) spielen so nüchtern wie schmerzverzerrt das Ur-Grauen, welches gewaltig sehnende oder gewaltig blutende Herzen zu entfachen vermögen. Ein archaisches theatralisches Monument. Das ferne, aber auch vertrackt nahe, deshalb umso verstörendere Schreckensbild eines Irrsinnskriegs, der nie wirklich aufgehört hat wie auch immer unter uns zu wüten.

Berliner Ensemble: Euripides „Medea“ (Regie: Michael Thalheimer) – Constanze Becker (Medea). Foto: Berliner Ensemble © Birgit Hupfeld
Ein unvergesslicher Paukenschlag vor Jahren im Schauspiel Frankfurt (ich war dabei). Jetzt wieder im BE mit Constanze Becker. Man muss sie zusammen schauen mit ihrer Kleistschen Penthesilea; auch eine Berliner Übernahme aus Frankfurt unter Thalheimers Regie. Denkt man noch zurück an ihre Klytaimnestra in Thalheimers „Orestie“ von Aischylos weiland 2006 am Deutschen Theater (das waren Zeiten im DT!), ist zu konstatieren: Die Becker war und ist – unter Michael Thalheimer – die wohl stärkste Tragödiendarstellerin im deutschen Sprachraum. Da haben sich zwei gefunden…
Wieder am 6. März.