Weimarisches: „Kiss me, Kate“ im DNT und „Faust“ bei Schiller

von Wolfgang Brauer

Man ist immer wieder verblüfft, wozu diese Bühne im Rücken Goethes und Schillers – ich meine nur Ernst Rietschels Doppelstandbild! – in der Lage ist. Seit 7. November 2025 fackelt das Deutsche Nationaltheater Weimar ein regelrechtes Musical-Feuerwerk ab: Cole Porters genialsten Wurf, „Kiss me, Kate“, inszeniert von André Kaczmarczyk. Kaczmarczyk, 1986 in Suhl geboren, ist ein vielseitiges Schauspieltalent. Von 2016 bis 2022 gehörte er dem Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses an, seitdem arbeitet er frei. Neben der Schauspielerei versucht er sich mehr und mehr an Regiearbeiten. Nun wagt er mit „Kiss me, Kate“ den tollkühnen Griff in die Kiste mit den Kronjuwelen des Broadway-Musicals. Kann nur gut gehen, mag er sich gedacht haben. Muss gut gehen, dachte wahrscheinlich die Theaterleitung. Ging gut, das vorab.


„Kiss me, Kate“ (Regie: André Kaczmarczyk) – Ensemble.
Foto: DNT Weimar © Sandra Then


Kaczmarczyk und seine Textbearbeiterin Susanne Wolf verzichten – trotz Vorankündigung einer „zeitgemäßen“ Inszenierung im Herbst in der lokalen Presse – auf allzu platte Aktualisierungen. Sie vertrauen auf die Kraft des Buches von Sam und Bella Spewack – die wiederum Meister Shakespeare das Seine ließen. „Kiss me, Kate“ ist ein geniales Amalgam aus William Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ mit der Geschichte einer versuchten Inszenierung des Stücks durch den Regisseur Fred Graham (Krunoslav Šebrek), der zugleich den Petruchio übernehmen will. Theatererfahrene wissen, das geht meist schief. Noch dazu, wenn die Hauptrolle der Katharina von der verkrachten Hollywooddiva Lilli Vanessi (Dascha Trautwein) übernommen wird, die sich der Regie Grahams schon bei der Applaus-Probe total verweigert. Logisch, Lilli Vanessi ist Fred Grahams Ex-Angetraute – und fährt dennoch die Krallen aus, als der mit der jungen Lois Lane (Sarah Mehnert) herumpoussiert, die ihrerseits das naiv-schöne Dummerchen Bianca spielen soll. Lois macht das alles nichts, sie will um jeden Preis ein Star werden. Um jeden Preis („Aber lieben tu ich nur dich, mein Schatz, auf meine Weise…“). Die Treibladung für die offensichtlich unausweichliche Katastrophe platziert allerdings Lois Liebhaber Bill (Calvin-Noel Auer, in der Doppelrolle als Lucentio). Bill – spielsüchtig und hoffnungslos in der Flasche versunken – hat im Casino einen heftig hohen Schuldschein als Fred Graham unterschrieben und muss nun sowohl die Inkasso-Typen der Mafia als auch den Wutausbruch des Chefs fürchten.


„Kiss me, Kate“ (Regie: André Kaczmarczyk) – Krunoslav Šebrek (Fred Graham), Dascha Trautwein (Lilli Vanessi). Foto: DNT Weimar © Sandra Then

Kaczmarczyk hat dieses theatralische Wirrwarr in einem beeindruckenden Tempo auf die Bühne gebracht. Die Staatskapelle Weimar unter Johannes Bettac spielt ihren Cole Porter grandios. Die tragenden Partien sind hervorragend besetzt. Šebrek und Trautwein meistern ihre Rollen großartig. Gesanglich am stärksten ist allerdings die noch sehr junge Sarah Mehnert. Zu sehr in die Klamotte glitt mir Sebastian Kowskis General Harrison Howell ab. Der General – an dessen Seite erträumt sich die des Theaters überdrüssige Lilli Vanessi bürgerliche Reputation möglichst bis in das Weiße Haus hinein – ist als Karikatur angelegt, aber weshalb er nun auch noch in einem roten Kunstledermantel herumstolzieren muss… Ach nee, das ist zuviel des Guten. Bei soviel Klamauk geht leider die bitterböse Pointe unter, dass ausgerechnet Harrison Howell der Finanzier von Grahams „neuer Show“ ist.

Aber egal, das Spiel ist furios, hat seine stillen, geradezu anrührenden Momente („Wunderbar“) und läuft mit „Es ist viel zu heiß …“ zu Broadway-Hochform auf. Chapeau!

Ein paar Wermutstropfen gibt es: Die Tanzeinlagen (Valeria Busdraghi, Maja Kowalik, Pia Hartwig, Patrick Santos) sind hübsch anzusehen. Brüller sind sie nicht unbedingt. Man merkt den Akteuren an, dass sie nur eine Gastrolle geben. Dass in „Kiss me, Kate“ die Damen und Herren des Chores einen Teil der tänzerischen Aufgaben wahrnehmen müssen, erinnert mich an die mehr als peinliche Erfindung des „Bewegungschores“ der Komischen Oper Berlin nach der Meuchelung des dortigen Tanz-Theaters. Ich weiß auch nicht, ob man in Weimar noch Modelle des Bühnenbildes (Ansgar Prüwer) anfertigt. Dann hätte eigentlich auffallen müssen, dass es überdimensioniert ist. Das ist schade, es nimmt dem Ensemble Spielfläche. Die „Toskana-Abteilung“ des Bühnenbildes zeigt, dass es auch anders ginge. Da haben die Akteure ihren Platz – und spielen den souverän aus.

Aber egal, Spiel und Inszenierung sind furios. Cole Porter hätte sein o.k. gegeben – das Publikum tat dies nicht nur mit gelegentlichem Szenenapplaus. Wann erlebt man schon einmal zehn Minuten Schlussapplaus inklusive standing ovation? Und das in der sechsten Vorstellung!

Wieder am 31. Januar, 14. Februar, 5. und 15. März, 6. und 24. April sowie am 12. Mai 2026.

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In der Schillerstraße 12 hat Friedrich Schiller tatsächlich einmal gewohnt. Damals hieß die Straße aber noch Esplanade. Das Haus gehörte ihm. Es ist im Vergleich zu den Domizilen der anderen Weimarer Größen eine recht bescheidene Hütte. Die Weimarer Klassik-Stiftung wollte in den 1980er Jahren Schillern etwas mehr Raum verschaffen und baute ein respektables Ergänzungsgebäude zur Windischenstraße hin. Die Nachwende-Stiftungs-Herren verfolgten die Idee des Ausbaus des Schillermuseums allerdings nicht weiter, die Weimarer Klassik-Stiftung betreibt hier einen Ort für Sonderausstellungen.

Aktuell wird Goethes „Faust“ präsentiert. Beide Teile. Das heißt, nicht ganz. Stellvertretend für den „Ersten Theil“ steht die Gretchen-Tragödie im Zentrum, der „Zweite Theil“ widmet sich dem Verhältnis Goethes zur Natur und seinem naturwissenschaftlichen Tun. Annette Ludwig, Direktorin der Museen der Klassik-Stiftung Weimar, begründet dieses Vorgehen auf weimar.de: „Es ist keine klassische Ausstellung mit der erwartbaren Faust-Rezeption. Vielmehr ist sie eine Einladung, sich den Faust mehrdimensional zu erschließen, ohne den gesamten Text kennen oder lesen zu müssen.“

Genau das hatte ich befürchtet, „Faust“ für Bildungsverweigerer. Nun weiß ich nicht, was sich Ludwig unter „erwartbarer Faust-Rezeption“ vorstellt. Vielleicht wollte sie nur nicht auch noch das Bild des „Vom-Sockel-holens“ strapazieren. Mit diesem drögen Spruch belästigen Kulturmodernisierer seit gut fünf Jahrzehnten die Öffentlichkeit. Vielleicht wollte Annette Ludwig auch nur dem Trend „’Faust‘ in einfacher Sprache“ begegnen. Derzeit werden Berliner Gymnasiallehrer für diesen Schwachsinn gescholten. Zu Unrecht. Produziert wird das Zeug vom Cornelsen Verlag. Allerdings beteiligen sich die Ausstellungsmacher am Bashing der „gelben Hefte“. Damit sind die Reclam-Ausgaben gemeint. Die bringen den Original-Text.

Gut, man kann die Ausstellung mit Gewinn besichtigen, ohne „Faust“ gelesen oder gesehen zu haben. Sie kann durchaus auf die Lektüre neugierig machen. Den Textkundigen ermöglicht sie vertiefte Einblicke – und neue Lust auf das Original. Und denen, die das Stück vergessen haben – oder denen es von einem suboptimalen Deutschunterricht vergällt worden ist, dürfte möglicherweise ein Aha-Erlebnis beschert werden.

Faust. Eine Ausstellung: Einführungsraum mit der „Karte der Faust-Orte“ / Hinter den „Sprechblasen“ befinden sich die Exponate. Fotos: W. Brauer (2026)

Die Schau beginnt mit einer Video-Installation. Eine Melange aus „Faust“-Verfilmungen, visionären kinematografischen Produkten (natürlich darf „Metropolis“ nicht fehlen) und anderen klug montierten Filmsequenzen zu den Themen Leben, Liebe, Natur, Kapitalismus. Ich bin solch Dingen gegenüber immer sehr misstrauisch, aber hier sollte man sich wirklich die Zeit zum Anschauen nehmen. Diese Filmschnipsel-Collage ist überaus gelungen!

Der anschließende Raum führt in das Drama ein. Wie zu Beginn eines guten Stücke-Textes werden die Personen der Handlung vorgestellt. Aber nur die Wesentlichen! Simon Schwarz hat sie hübsch modern gezeichnet. Von ihm stammt auch die „Karte der Faust-Orte“, die die gesamte Stirnwand des Raumes einnimmt. Diese Gestaltungsidee ist ein Geniestreich! Und wer da meint, Literaturgeschichte ist ein ödes Ding, kann sich an der unmittelbar daneben befindlichen Audio-Station eines Besseren belehren lassen. Die Entstehungsgeschichte dieses Menschheitsdramas habe ich noch nie so kurzweilig aufgeblättert erfahren.

Dann geht es zum Eigentlichen, dem Drama selbst. Also den schon erwähnten zwei, eigentlich drei Schwerpunktsetzungen. Aufgelockert wird der Bildungsparcours durch überdimensionierte Sprechblasen mit Zitaten aus dem „Faust“. Tiefgründiges und Provozierendes. Das ist nicht sonderlich originell. So konterten wir als Pennäler die Bemühungen unserer „Textstellen“-besessenen Deutschlehrerin. Bevorzugt mit den Ferkeleien aus der „Walpurgisnacht“. Hinter diesen Pappaufstellern geht es aber ernsthafter zur Sache. Margaretes trauriges Schicksal ist bekannt. Und dass der Geheime Rat Goethe selbst zum Justizmörder wurde aus Sorge um die Ordnung im Staate Sachsen-Weimar auch. Aber wir wollen uns jetzt nicht über 200 Jahre Rezeptionsgeschichte erheben. Das gegenwärtige „roll back“ in Sachen Moralkodex bewegt sich straff auf das 18.Jahrhundert und die komplette Zurücknahme der europäischen Aufklärung zu… Goethe würde es als „wunderliches Geschehen“ bezeichnen.


Famulus Wagners „Homunkulus“: jahrzehntelang von fantasielosen Interpretatoren lächerlich geredet – jetzt schlagen wir uns mit der KI herum. Foto: W. Brauer (2026)

Im 2025er-Magazin der Klassik Stiftung findet sich ein Essay Nora Gomringers („Text-Objekt mit Aura“). Nora Gomringer ist die Tochter Eugen Gomringers, des Erfinders der „Konkreten Poesie“. Sie zitiert den Dichter-Vater, der sich über „Faust“ äußert: „Der zweite Teil ist modern! Das interessiert. Nur das!“ Gomringer spitzt zu. Aber im Kern hat er Recht. „Faust“ II“ erzählt die Geschichte vom Beginn der Moderne, wie ihn Goethe erlebte, im kleinen Sachsen-Weimar mitgestaltete – und deren kommende Monstrositäten er fürchtete und mit unwahrscheinlich präziser Genauigkeit voraussagte. Die Verwüstung der Erde durch nicht zu stoppende Profitgier, die Brutalität, mit der sich das Kapital über alles, aber auch alles hinwegsetzt, was ihm tatsächlich oder nur scheinbar im Wege steht. Die Geschichte des kapitalistischen Großunternehmers Heinrich Faust sollte man tatsächlich unter diesen Gesichtspunkten noch einmal sehr genau lesen! In der DDR aufgewachsene Leser haben die große Faustsche Schlussvision – ein grandioser Irrtum des Helden, der Kerl steht am Rande des eigenen Grabes, das die Lemuren gerade für ihn schaufeln – vom „freien Volk auf freiem Grunde“ als Prophezeiung der die Menschheit von allen Übeln erlösenden sozialistischen Welt lesen dürfen. Eine naive Verbiegung des Goethe-Textes. Er ist eher die Erzählung einer gnadenlos wirtschaftenden neoliberalen Gesellschaft. Menschen vom Schlage Margret Thatchers oder Christian Lindners müssten ihre Freude daran haben.

Die Ausstellungsmacher nehmen die Interpretationsfolie der Theoretiker des „Kapitalozäns“ auf. Mir scheint ihre Lesart stimmig: „Und auf Vernichtung läuft’s hinaus“ (Faust II: Mephistopheles / Szene Großer Vorhof des Palasts). Das ist kein billiger Stoff zur Schüler-Tyrannisierung. Goethe wusste zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dass der Punkt kommen wird, an dem es hinsichtlich des Wohls und Wehes der Menschheit hart zur Sache gehen wird. Der Punkt scheint mir gekommen. Es ist gut, dass die Schau noch fast zwei Jahre zu sehen ist. Ich wünsche ihr viele Besucher!

Faust. Eine Ausstellung, Schiller-Museum Weimar, Schillerstraße 12, 99432 Weimar, täglich außer montags; bis 1. November 2027. Zur Ausstellung erschien das Begleitbuch „Goethes Faust. Nachrichten an das 21. Jahrhundert“, Spectorbooks, Leipzig 2025, 240 Seiten, 29,00 Euro. Die Ausgabe lohnt sich!

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