von Wolfgang Brauer
Am 7. Oktober 2023 überfielen Terror-Kommandos aus dem Gaza-Streifen den Süden Israels zu Lande, zu Wasser und aus der Luft. Dass sie Israel militärisch nicht niederringen können, war ihnen sicher bewusst. Sie hatten aber den unbedingten Willen zu töten – möglichst barbarisch und bei laufenden Kameras. Offensichtlich diente dieser Angriff – neben der Befriedigung von lange schwelenden Rachegelüsten – als Fanal zu einer großen militärischen Aktion, um alle jüdischen Israelis „from the river to the sea“ („into the sea“ wäre weniger verlogen) zu treiben und so den Staat Israel von der Landkarte zu tilgen. Diese Rechnung ging bekanntermaßen nicht auf. Aber an jenem Tag wurden 1.182 Menschen, größtenteils vollkommen überraschte Zivilisten, auf viehische Weise getötet. Die israelische Luftverteidigung war durch die zeitgleiche Attacke von rund 5000 (!) Raketen aus dem Gaza-Streifen vollkommen lahmgelegt.

Theater im Palais: „Wir spielen Alltag“ nach Lizzie Doron (Regie: Dori Engel) – im Hintergrund Ira Theofanidis, Ira Shiran (Akkordeon) und Meik van Severen; vorn Carl Martin Spengler und Alina Gause.
Foto: Theater im Palais © Ildiko Bognar
Dass die israelische Armee und die Grenzschutzeinheiten an jenem 7. Oktober ebenso komplett versagten wie der angeblich weltbeste Geheimdienst, dürfte eines der großen Rätsel der Zeitgeschichte sein. Mit der selbstmörderischen Vanbanque-Politik Benjanmin Netanjahus und seines Kabinetts allein – diese Politiker und ihre Gefolgsleute säten und säen Hass… – ist das auch nur unzureichend erklärbar. Auch das Kalkül, das die Handlungen der Hamas-Führung leitete, ist für rational konditionierte Menschen kaum nachvollziehbar. Diese Leute haben gewusst, dass die israelische Antwort vernichtend sein wird. So etwas ist der Stoff, aus dem Verschwörungs-Mythen gewebt werden. Und die wabern derzeit – erst recht seit dem Beginn des von „Bibi“ Netanjahu und Donald Trump angezettelten Iran-Kriegs – zuhauf durch die westliche Welt und treiben ihre Giftblüten aus.
Die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron erlebte den 7. Oktober in Tel Aviv. Die Familie der Tochter war allerdings in den Ferien in Eilat am Golf von Akaba, über 300 km von zu Hause entfernt. Doron verarbeitet das im Herbst 2023 Erlebte in ihrem Buch „Wir spielen Alltag. Leben in Israel seit dem 7. Oktober“ (2025 bei dtv erschienen). Wenn jemand Zweifel daran hat, dass Literatur (Über-)Lebenshilfe für Schreibende sein kann, dieses Buch ist es. Das Schreiben sei „fast wie eine Art Wundbehandlung für mich gewesen“, sagt die Autorin in einem Interview für 3sat-Kulturzeit am 17. April 2025. Der Regisseur und Schauspieler Dori Engel hat sich der fast unlösbaren Aufgabe unterzogen, aus dem tagebuchartig angelegten Text eine Spielfassung zu entwickeln. Erfolgreich.
„Wir spielen Alltag“ – ein Stück für vier Schauspielerinnen und Schauspieler und einen Musiker – läuft derzeit im Berliner Theater im Palais. Engel führte auch Regie. Das Bühnenbild (ebenfalls Dori Engel) verlegt die Spielfläche von der kleinen Bühne des Hauses hauptsächlich auf einen ockerfarbenen Läufer, der quer durch die Reihen des Publikums geht. Treten die Spieler aus ihrer Figur heraus – sie müssen das häufiger – nehmen sie Platz auf vier Stühlen in den Publikumsreihen. Das heißt, drei müssen dies: Carl Martin Spengler, Ira Theofanidis – den Namen dieser jungen Aktrice muss man sich merken! – und Meik van Severen. Alina Gause, die Chefin des Hauses, muss dies nicht. Sie ist Lizzie und die ganze Zeit als Erzählerin und Spielerin präsent. Eine an die Grenzen schaupielerischer Leistungsfähigkeit gehende Aufgabe, die Gause aber souverän bewältigt.
Die Aufführung beginnt musikalisch: Als erstes ertönte zu meiner Verblüffung „Lili Marleen“, jener sentimentale soldatische Dauerbrenner wohl aller Armeen, abgelöst von „Die Gedanken sind frei“ und „Hava nagila, hava nagila…“ – aha, das übliche Nummernprogramm. Man lehnt sich leicht zurück. Ist es nicht! „Dieser Tag endet nie!“, sagt Lizzie, und wir sind mitten im 7. Oktober 2023. „Es ist Krieg!“. Richtiger Krieg, nicht der andauernde, in dem das Land seit seinen Gründungsjahren lebt. „Luftalarm“, „Schutzraum“ sind die das Stück eigentlich dominierenden Substantive. Dann das Stakkato der Nachrichten, teils über Whats App, die professionellen Medien wissen auch nicht mehr. Die Panik, die Hilflosigkeit, der Versuch, der Verzweiflung über banalstes Alltagshandeln beizukommen: Lizzie putzt zum Beispiel das Bad, um wieder mental Boden unter die Füße zu bekommen – Alina Gause spielt das großartig.
Dann die Versuche des Mannes (Carl Martin Spengler), Kontakt zu Freunden zu bekommen, die im Kibbuz an der Grenze zu Gaza leben, nein lebten… Die Telefonate mit der Tochter, gespielt von Ira Theofanidis. Deren Flucht vom Urlaubsort mit der Familie durch den Negev nach Hause. Elementarste Ängste, Schreien und Weinen und die Fragen der Kinder. „S´ brent! briderlekh, s´brent! / Oy, undzer orem shtetl nebekh brent!“ Mordechai Gebirtigs Lied klingt auf – und das ist nicht mehr das akademische Holocaust-Erinnern am koscheren Rotweintisch („Hava nagila…“). Das ist jetzt die unerhört bösartige blutige Realität. Es brennt wirklich, „wenn du brennst, brennt das Land“. Es geht tatsächlich ums Leben, um das nackte Überleben. „Mama, was soll bloß werden?“ – ich gestehe, ich habe im Berliner Theater selten Tränen in den Augen. Hier schon. Und gut zwei Stunden den würgenden Kloß im Hals. Das ist kaum aushaltbar.
„Am 7. Oktober hat sich bei mir alles auf Null gestellt“, sagt Lizzie. Und sie sagt, „Was hilft es den Geiseln, was unsere Armee gerade in Gaza tut?“ – „Nichts“ beantwortet man für sich selbst im Stillen diese Frage. Lizzies Versuche, mit Muhamad, dem palästinensischen Freund in Ost-Jerusalem, Kontakt aufzunehmen, scheitern lange. Auf Gaza konzentriert sich dann der zweite Teil des Stückes. Auch hier Nachrichtensplitter. Auch hier Whats App-Nachrichten. Die Familie, die in dem Moment von einer israelischen Rakete komplett ausgelöscht wird, in dem sie von ihrer Zuflucht am Meer berichtet. Nirgendwo ist Zuflucht. „Ich fühle mich nirgends mehr sicher“, sagt Doron im erwähnten Kulturzeit-Interview.

Theater im Palais: „Wir spielen Alltag“ nach Lizzie Doron (Regie: Dori Engel) – Szene mit Carl Martin Spengler, Meik van Severen und Alina Gause. Foto: Theater im Palais © Ildiko Bognar
„Ich sehe, dass Völker gegeneinander getrieben werden … Was soll aus uns werden?“, zitiert Lizzie Erich Maria Remarque. Irgendwie lernt sie, den Alltag zu händeln. Sie schreibt Nachrufe für die Opfer. Wenigstens sollen die nicht vergessen werden. Die Tochter geht mit der Familie inzwischen in die Vereinigten Staaten. Möglicherweise ist es dort sicherer, obwohl…
„Meinst du wirklich, du kannst mit deinen Stücken die Welt verbessern?“, muss sich der Dramatiker Aziz in İlker Çataks preisgekröntem Film „Gelbe Briefe“ als Vorwurf anhören. Die Frage stand wohl auch vor dem Team des TiP. Warum also diese Inszenierung, obwohl das Morden ungebrochen und in noch größerer Dimension weitergeht und sich zunehmend der menschenfeindliche Irrationalismus auch auf Berliner Straßen austobt? „Weil die scheinbar entfernten Konflikte unseren Alltag erreichen und auch wir aktuell aufgefordert sind, unsere Werte immer wieder zu überprüfen und zu vertreten“, meint die Intendantin Alina Gause.
Am 26. März saßen Lizzie Doron und ein Teil ihrer Familie neben mir. Ihr Leben wurde gespielt. Es tat ihnen sichtlich gut, dass ihre Ängste, ihre Sorgen in Berlin ernst genommen werden. Mich schmerzte es, dass das Haus nicht ausverkauft war. Dieses Stück ist bitter notwendig in dieser Zeit.
Wir spielen Alltag. Mein Leben zwischen Trümmern und Träumen, Theater im Palais, Am Festungsgraben 1, 10117 Berlin; wieder am 8., 9. und 22. Mai 2026.